Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 52)
Karl Leinrich Ritter von Lang, Direktor des von ihm geschaffenen bayerischen Reichsarchivs in München, einer der amüsantesten Spötter seiner Zeit, der die Dinge gerne auf seine Art ansah und daher nicht in allen Fällen unbedingt glaubwürdig ist, schreibt in seinen berühmten „Memoiren" über das Leben am bayerischen Königshof:
„Meine Audienz beim König fand in den nächsten Tagen statt, früh um sechs Ahr, in den königlichen Zimmem, die sich drei Treppen hoch unterm Dach befanden, indem die eigentliche königliche Wohnung zum Teil von der Königin eingenommen, zum Teil für die damals von allen Enden her reisenden Kaiser und Könige aufbewahrt wurde. Im Vorzimmer befand sich, in Ermangelung des diensttuenden Kammerherrn, der erst später herbeikam, ein großer Affe, der mich ziemlich gering- schähend anblickte und dann eifrig in seinem Geschäft des Flöhsuchens fortfuhr.
Diese Frühstunde war es, wo der bereits angekleidete König sein Frühstück nahm, das er mit einem großen Löwenhund teilte, hierauf von Lerrn Ringel sich die Aus- fertigungen zur Unterschrift vorlegen ließ, geringere zeremonielose Audienzen gab, hierauf vom Staatskassierer sein Taschengeld, täglich tausend Gulden, in Empfang nahm und vom Polizeidirektor die Geschichte des Tags und die Abenteuer der Nacht erfuhr. Dann ging es umher in den Gängen, im Stalle, auf der Schranne, wo die Höflinge Schwänke mit Bauern und Dirnen aufzuführen suchten.
Nach der Wiederkehr ins Schloß erfolgten militärische Rapporte und Aufwartungen und die schamlosesten Anbetteleien von allen Ständen, schriftlich und mündlich, so daß die tausend Gulden täglich meist schon in den Vormittagsstunden aufgeflogen waren; hierauf Besuch bei der Königin, die vor zehn Ahr nicht vom Bette erstand, dann bei den königlichen Töchtern, sodann diplomatische Vorstellungen und Empfang ftemder Herrschaften, und endlich ging's zur Tafel, welche aus Mangel an Aufsicht sehr schlecht bestellt war. Man tat sehr ängstlich wegen weiterer Anterhaltung bis zur Theaterzeit oder dem Hofkonzert, griff auch an andern Tagen zur Karte; um zehn Ahr eilte der König zu Bette. Da der König nichts las und keine besondere Liebhaberei für irgend einen Zweig der Künste oder Wissenschaften hegte, so wenig als für Jagd und Reiterei, dabei auch kein Schwelger oder Trinker war, so blieb es eine schwere Aufgabe für die Höflinge, den Tag mit Spazierengehen, Liebeleien, verkappten Hofnarren, Stadthistorien und Kleinigkeitskrämereien aller Art auszufüllen. Aus solcher Geschäftslosigkeit des Königs gingen dann auch viele üble Launen hervor, besonders wenn irgend etwas sich seinen schnellen Wünschen entgegenzustemmen schien. War er einmal gegen gewisse Personen, besonders wider Geschäftsleute, durch die Einblasungen seiner Amgebung eingenommen, so brach er nicht selten in Drohungen aus, diesen — kerlen 25 Prügel aufzählen zu lassen, welches zwar nicht stattfand, jedoch zur heftigen Kränkung der armen Beleidigten von den Höflingen überall schadenfroh ausgebreitet wurde. Auf diese Art galten Seiner Majestät der Staatsrat von Hazzi, der berühmte Advokat von Ehrne, in der Folge auch ich, überhaupt jeder, der sich etwas keck und selbständig darstellte, wenigstens als — kerl. Aberhaupt war in dem König eine gewisse Anlage zur Strenge nicht zu mißkennen, der es nur an Ausdauer fehlte, und die sich nicht selten in gewaltsamen Ausbrüchen äußerte. Gleichsam als besonderer Ehrenpunkt galt es, daß die Hofdamen und Kammerzofen, wenn sie schwanger wurden, was sozusagen unter die gewöhnlichen Zufälle gehörte, sich unter den höchsten Schutz flüchteten, wofür sie dann 60000 Gulden Ausstattung aus der Schuldentilgungskasse und einen Gardeoffizier zum Gemahl erhielten.
Die Leitung der Staatsangelegenheiten war unter solchen Amständen ausschließlich dem Grafen Montgelas überlassen. Der Neigung, sich je zuweilen in die Besetzung großer Staatsämter einzumischen, begegnete der Minister in der Art, daß er dem König alsbald mündlich dazu jemand vorschlug, von dem er wußte, daß er dem König über alles zuwider war. Indem nun der König sich mit allen Verwünschungen und Beteuerungen dagegen erklärte, rückte der Minister mit einem neuen, nicht minder mißfälligen Bewerber hervor und endlich, nachdem auch dieser verworfen war, und gleichsam nach langem Besinnen mit seinem eigenen Kandidaten, an dem aber der Minister selbst tausend Einwürfe und Ausstellungen machte. Dann rief der König, froh, die anderen Schreckensmänner abgewiesen zu haben, gewöhnlich triumphierend aus: „Nein! Nein! Den will Ich gerade haben, und Sie werden nun meinen Befehl zu vollziehen wissen." An der Tafel rühmte er sich dann: „Leute bin ich dem Patron, dem Montgelas, wieder recht durch den Sinn gefahren. Der hat mir zwei saubere Burschen einschwärzen wollen, aber ich habe ihn schon von weitem schleichen sehen und habe meinen Kopf aufgesetzt."
Der Graf Montgelas, von den günstigsten Umständen bei seinem Emporkommen geleitet, war anfänglich Privatsekretär des Zweibrücker Prinzen, dann dessen Ratgeber und Gefährte bei allem Mangel und Anglück und stieg endlich beim Sonnenschein zur Zeit des plötzlich seinem Lerrn angefallenen Kurfürstentums ohne Schwierigkeit zum Posten eines allgewaltigen Ministers empor. Wirklich hätte auch das Glück dem Könige nicht leicht einen verständigeren und ergebeneren Diener zuführen können. Er war ein Mann, wie ich mir einen Mazarin oder Richelieu denke. Seinen Plänen, seinen Anterhandlungen, seinem richtigen Ergreifen des Augenblicks hat Bayern seine Erhebung zu einer größeren selbständigen Macht und selbst den äußerlichen Schmuck einer königlichen Krone zu verdanken... Seine Bildung und sein ganzes Äußere waren altsranzösisch. Ein stark gepuderter Kopf, hell von Verstände, sprühende Augen, eine lange, hervorstehende, krumme Nase, ein großer, etwas spöttischer Mund gaben ihm ein mephistophelisches Ansehen, obgleich die kurzen Beinkleider und die galamäßigen, weißseidenen Strümpfe (anders erschien er nie), keinen Pferdefuß zu verstecken hatten. Kein Feind der sinnlichen Freuden und Genüsse, liebte er auch die Scherze und Gespräche der Tafel, weshalb er immer auch seine Gäste mit aus dem Künstler- und Gelehrtenstande wählte.
Der bayerischen Geschichte widmete er eine besondere Aufmerksamkeit, obwohl er sie im ganzen für unerfreulich und überhaupt München — ich gebrauche seinen eigenen Ausdruck — noch für eine sehr rohe Stadt hielt. Im Arbeiten wußte er ein Maß zu finden, haßte das pendantische Treiben und behandelte das Ministerium des Innern und der Finanzen, wo er, aufrichtig gesagt, nicht viel leistete, zu diplomatisch, das ist, er pausierte, lauerte und schlich auch hier und ließ darin den lieben Gott zu viel walten. Für Audienzen und Sollizitationen war er nicht alle Zeit gut zu erwischen, im ganzen aber für die Staatsdiener mild und nachsehend, oft bis ins Weite. Der Bescheid: Ich kann nichts tun, es dependiert alles von Seiner Majestät, galt
eigentlich als eine definitive abschlagende Entschließung. In bezug auf den Unterschied der Stände und der Vorrechte des Adels, das ist des hohen Adels — den papierenen, wenigstens den nicht begüterten, zog er gar nicht in Betracht —, waren seine Ansichten nicht unbefangen, doch verschloß er nirgends die Wege unbedingt.
Andere Stimmen über König Maximilian I. sollen das Bild des „Vater Max" vervollständigen und aufhellen.
Der Dichter Jean Paul (Richter) kam im Juni 1820 nach München und schrieb über seinen Empfang bei Lose unterm 13. Juni 1820 an seine Frau:
Ich war beim König, obwohl zur ungewöhnlichen Zeit, um zwölf Ahr. Bei ihm braucht man nichts von acht an bis zehn, als sich zu melden durch den Kammerdiener. Einen solchen weit offenen, gutmütigen, unbegehrlichen, anspruchslosen, hausväterlichen König hab ich mir nie gedacht. Als ich ihm sagte, er sehe gesünder aus als am Fronleichnamsfeste (am schönsten ist ein König zum erstenmal bei einem religiösen Feste zu sehen; ein knieender König predigt besser als ein aufrechter Prediger), sprach er wie ein Protestant gegen die katholischen Zeremonien. Sein Gesicht ist meinem ähnlich, hat aber noch weit mehr Reize. Seine Frau, sagt er, habe meine Büste, ob ich sie gesehen? Hierauf ließ er mich bei ihr anmelden, und ich sah sie im Salon. Sie ist nicht schön, aber scharfblickend, ruhig, ungeziert, ohne allen Stolz.
Der preußische Militärkommissar und Gouverneur der preußischen Prinzen, spätere General der Infanterie Ludwig I. A. Philipp Freiherr von Wolzogen (1773—1845) war in München und berichtet darüber in seinen „Memoiren":
Im Januar 1819 besuchte ich München, ward vom König außerordentlich gnädig ausgenommen und zur Familientafel eingeladen. Dabei machte er mir die Eröffnung, sein sehnlichster Wunsch gehe dahin, daß der Kronprinz von Preußen eine seiner Töchter heirate, dann würde er ruhig sterben. Er präsentierte sie mir hierauf mit den Worten: „Sehen Sie, ich bin ein vornehmer Mann, ich fahre mit Sechsen!" Von diesen sechs Prinzessinnen waren indes erst die beiden ältesten (Elisabeth und Amalie, Zwillingsschwestern) erwachsen, und der König sprach mir die Vermutung aus, daß der Kronprinz wohl die zweite von ihnen wählen möchte, wenn er sich überhaupt zu einer solchen Liaison entschlösse. Ich erwiderte ihm, daß ich, obwohl mir der Auftrag geworden sei, den Kronprinzen in der Kriegskunst zu unterrichten, nicht aber die ars amandi mit ihm zu traktieren, dem ungeachtet nicht ermangeln würde, ihm den Wunsch Seiner Majestät kundzutun.
Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, als König Friedrich Wilhelm IV., vermählte sich tatsächlich am 29. November 1823 mit einer Tochter Maximilians, und zwar mit Elisabeth Ludovika, der am 13. November 1801 geborenen achten Tochter des Königs aus dessen zweiter Ehe.