Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 44)
Aus den Tagebüchern Lorenz von Westenrieders
1805. Den 9. September. Vormittags entstand überall das Gerede, daß die Kaiserlichen aus dem Marsch nach München seien. Am zwölfAhr mittags wurden alle Wachen von den Bürgern beseht. Die hiesige Garnison bereitete sich zum Abzug. Am 1% Ahr nachmittags reiste der französische Gesandte ab. Alles war in einer seltsamen Spannung und reger Erwartung.
Den 13. September, an einem Freitag, kamen vor der Stadt die ersten österreichischen Truppen, Alanen und einige reitende Artillerie, hier an. Sie bezogen die äußere Isarkaserne. Es waren recht wackere, auserlesene Männer.
Den 14. September. Leute Samstag waren viele österreichische Offiziere von verschiedenen Monturen in der Stadt. Abends um sechs Ahr marschierten österreichische Grenadiere, etwa 500 Mann, in die Stadt auf den Platz und besetzten die Lauptwache, wo sie zugleich mit den Bürgerlichen Wache stehen. Auch das Karlstor besetzten sie. Die Leute wurden einquartiert. Es ging alles mit Stille und Wohlstand vorbei.
Den 15. September, am St.Peter-Kirchweihsonntag, marschierten um acht Ahr durch die Stadt einAlanenregiment,dannJnfanterie mitKanonen.Es waren bei 3000 Mann, lauter schöne, vortrefflich gekleidete Männer. Nach neun Ahr zogen wieder etliche tausend Mann Reiterei und Fußvolk mit Kanonen und Gepäck durch die Stadt.
Den 21. September, an einem Samstag, sind um halb sechs Ahr abends (ohne Paradierung der hiesigen Garnison, doch unter dem Geläut sämtlicher Glocken) Se. kais. Majestät Franz II. zu München angekommen und im Stürzerischen Wirtshaus abgestiegen. Aus der Post waren 36 Pferde bestellt.
Den 22.September, am Sonntag in der Früh um siebenAhr, ist der Kaiser durch die Kaufingerstraße wieder abgefahren. Es war ein einziger mit 6 Pferden bespannter Wagen. Einige Alanen, welche aber gleich wieder zurückkamen, begleiteten den Wagen durch die Stadt. Auch sind heute früh einige hundert Mann Fußvolk mit den Gepäckwagen durchgezogen. Am zwölf Ahr mittags zog ein Lusarenregiment durch die Stadt; bald darauf kam ein großer Zug Artilleriezeugwagen, neben welchen rechts und links Artilleristen gingen. Am vier Ahr kam ein Regiment zu Fuß, ungarischer Nation, mit Bauernwagen, welche die Schnappsäcke nachführen mußten. Mich dauerten diese und jene. Nach fünf Ahr marschierten zweimal Fußvölker durch.
Den 27. September. Am drei Ahr führten sie Bauernpferde durch, welche so ausgemergelt und entkräftet waren, daß sie alle Mühe hatten, die Füße und ihre
Totengerippe fortzuschleppen. Sämtliche Pferde gehörten dem Abdecker. Das sind wahrhaft sehr schlimme Vorzeichen und mathematische Zeichen eines zerrütteten Menschenverstandes! Wozu doch ein solcher Aufzug!
Den 7. Oktober. Leute um zehn Ahr zog ein ungarisches Grenzregiment, das aus großen, fürchterlichen Leuten bestand, durch. Es waren eine Menge Schützen, welche mit Spießen und Kugelstutzen versehen waren.
Den lO.Oktober. Leute war es in der Stadt sehr lebhaft, und alles schien im Rückzug begriffen zu sein. Man sagte, die Österreicher stünden am Nymphenburger Kanal, die Franzosen wären in Dachau. Man machte auch eine Menge Lieferungen hinaus an die Österreicher, an Brot, Bier usw.
Den 11. Oktober. Leute war wieder den ganzen Tag ein unaufhörliches, unruhiges Durcheinanderlaufen, Fahren, Reiten der österreichischen Truppen. Die Grenzsoldaten bettelten, nachdem sie kein Geld sowie fast keine Kleidung am Leibe hatten, in der Stadt vor den Läusem. Mich selbst bettelte einer an, indem er die Land gegen mich ausstreckte und sagte: „Einen Kreuzer!" Ich gab ihm mehr als einen. Abends, da es schon finster war, kamen beständig vom Neuhauser Tor herein Wagen durch die Stadt, welche von einem Bauen: geführt wurden und mit 6—8 Soldatett beladen waren. Dieses Fahren dauerte die ganze Nacht. Es schneite und regnete unaufhörlich seit dem 8. Oktober.
Am Morgen des 12. Oktober, am Maximilianstag (es war ein Samstag), war kein Österreicher mehr in der Stadt, und die Lauptwache und andere Wachen waren wieder von unfern Bürgern besetzt. Abrigens kann man den Österreichern das Zeugnis nicht versagen, daß sie sich seit ihrem Einmarsch, den 14. September, in der hiesigen Stadt, in der Stadt sage ich, bescheiden betragen haben, in der Rücksicht nämlich, daß sie dieVereinigung der bayerischen Truppen mit den französischen schon vernommen haben. Auf dem Lande machen es aber die Österreicher desto ärger, und diejenigen, welche sie ins Feld schickten, taten wahrhaftig alles, was man tun muß, wenn man sich die ganze Welt abgeneigt machen will.
Nach sieben Ahr sprengten bayerische Reiter, bei welchen der kommandierende bayerische General Wrede selbst war, aus die Lauptwache und sogleich den flüchtigen Österreichern nach. Es strömte augenblicklich unbeschreiblich viel Volk zusammen, von dem ich das Vivatrufen in der Ferne hörte, so wie ich den Dampf, in welchen die rauchenden Pferde eingehüllt waren, sah. Wrede stieg auf der Lauptwache ab und begrüßte die Leute. Die ganze Stadt war mit Jubel erfüllt.
Nachts acht Ahr kam das ganze Kürassierregiment, welches hier in Garnison gelegen war, auf dem Platz an, in Dampf verhüllt, aus welchem es kaum sichtbar wurde, als es wieder davon-, zum Isartor hinaussprengte. Der Limmel ertönte von Vivatrufen des freudigen und segnenden Volkes. Leute war kaum ein Bauer nach der
Schranne gekommen. Am neun Ahr führten französische Chasseure etwa 150 gefangene Österreicher der Kaserne beim Neuhauser Tor zu. Bald darauf sprengte ein Chevaux- legers-Bataillon der Ansrigen vom Neuhauser oder Karlstor herein, durch die Stadt, hinaus zum Isartor. Am halb zehn Ahr ritt durch das Schwabinger Tor herein ein französisches rotgekleidetes Kavallerieregiment über den Platz zum Isartor fort. Die ganze Stadt befindet sich in einer unbeschreiblichen Freude, und niemand merkt, daß der Schnee auf den Dach em liegt und daß es beständig Nebel reißt. Soeben wurde mir heute abend angesagt, daß eine allgemeine Stadtbeleuchtung sein werde. Nach zehn Ahr kamen durch das Karlstor einige bayerische Regimenter zu Fuß und marschierten durch das Isartor wieder fort, ohne auch nur eine Minute Lalt zu machen, und dies bei der allerschlimmsten Witterung und ganz und gar grundlosen Straßen. Am elf Ahr war alles wieder wie eine Erscheinung verschwunden, und nur unsere guten Wünsche waren bei den Truppen. In den Pfarrkirchen wurden feierliche Ämter und le veum laudamus gehalten. Von zwölf Ahr angefangen, kamen beständig neue Regimenter in der Stadt an, teils bayerische, teils französische; einige marschierten gleich wieder ab. Es waren alle Gassen mit Soldaten gefüllt, von welchen abends einige tausend in Quartiere verteilt wurden. Den ganzen Tag wurden gefangene Qsterreicher in die Stadt eingebracht. Der französische Marschall Bemadotte, welcher die französischen Truppen kommandiert, ist ebenfalls angekommen und logiert in der Residenz des Lerzogs Wilhelm von Birkenfeld.
Den 21., 22. und 23. Oktober wurden noch immer Quartiere ausgeteilt, so daß alle und jeder Einwohner der Stadt unter den größten Bedrängnissen seufzen und jammem. In und um die Stadt in einem Bezirk von 3—4 Stunden sind zuverlässig sechzigtausend Mann. Beständig wird Leu und Stroh und Getreide, das die Inhaber von Wiesen und Äckern unentgeltlich liefem müssen, zugeführt. Die Theatinerkirche ist zu einem Leumagazin benützt worden.
Den 24. Oktober. Leute abend nach sieben Ahr, da es schon sehr finster war, wurde in den Pfarrkirchen geläutet, und bald darauf kam der Kaiser Napoleon mit einem prächtigen Gefolge. Zu gleicher Zeit wurde die ganze Stadt beleuchtet und auf dem Lauptplatz Musik gemacht. Es war trockenes, aber sehr kaltes Wetter.
Den 26. Oktober. Leute mittag belustigte sich der Kaiser Napoleon mit einer kleinen Jagd, von welcher er um drei Ahr, während des Durchmarsches der Armee durch die Kaufingergasse, zurückkehrte. Er ritt, wie der einzige von einsamer Größe, in einen ganz einfachen Rock gekleidet, auf einem Schimmel voraus, und ihm folgte eine große Menge von Gold und Silber schimmernder Generale und dergleichen.
Den 29. Oktober. Leute vor halb zwölf Ahr mittags kam unser Kurfürst. Er wurde mit einem jubilierenden Vivatruf empfangen. Er stieg bei dem Tor, denk Lofgarten gegenüber, ab.
Den 31. Oktober. Es kamen heute wieder unaufhörlich neue Leute an, welche neue Quartiere verursachten. Diese Quartiere machten, daß sich alle Einwohner in der peinlichsten Anruhe, Sorge und Furcht befanden. Man getraute sich kaum, auszugehen, und ging mit Kummer nach Lause und näherte sich mit banger Angst seiner Laustüre, indem man fürchtete, Quartier anzutreffen. Wenn mit der Glocke geschellt wurde, erschrak man, und wenn man das Schreien eines Franzosen hörte, so wußte man nicht mehr, wohin man aus Beklemmung sich wenden sollte, zumal da kein Machthaber unter uns vorhanden war, der dem Anfug der Einquartierten Einhalt hätte tun können oder wollen.
Den 5. Dezember. Leute kamen, wie schon seit einigen Tagen, einzelne Partien an, welche zum Gefolge der Kaiserin Josephine gehörten. Nach vier zogen sämtliche hiesige Bürgermilizen in höchster Gala auf. Die Beleuchtung der Stadt, wozu überall eifrig Anstalten gemacht worden waren, fing mit der Abenddämmerung an, wurde aber, wo sie außer den Fenstern angebracht wurde, vom nassen Schwadenwind überall sehr benachteiligt. Am halb sieben kam die Kaiserin, von einer mäßigen französischen Garde, aber von der Stadtkavallerie und dem bayerischen neuerrichteten reitenden Jägerkorps begleitet. Sie saß, wie ihr unmittelbares Frauengefolge, in ihrem eigenen Reisewagen und nahm mithin die prächtigen Lofwagen, welche man ihr entgegengeschickt hatte, nicht an. Man läutete bei ihrem Einzug in den Pfarrkirchen.
Den 8. Dezember. Am Sonntag und Mariaempfängnistag wohnte die Kaiserin Josephine in der schönen Kapelle bei Los einer stillen Messe, welche der Can. Kreit- mayr las, bei. In der ordinären Loskapelle war der gewöhnliche Gottesdienst mit einem Lochamt, welchem ein französischer Lusar mit der Mühe auf dem Kopf zusah, da ihn, diesen Lümmel, der gesunde Menschenverstand hätte lehren sollen, wenigstens für den anwesenden Kurfürsten Achtung zu haben, wenn er auch für die Religionsgebräuche der Bayern keine Achtung bezeigen zu dürfen glaubte. Wie die Franzosen dieses dritte Mal, da sie seit 1796 in Bayern erscheinen, roher, gröber und anmaßender sind, so sind sie auch im Punkt der Religion ungezogen; es gingen schon mehrere mit bedecktem Kopf durch unsere Kirchen, und an eine Verbeugung bei der Konsekration ist gar nicht zu denken (von Ausnahmen ist die Rede nicht). Bei dem Lerrn von Werner Revisionsrat sel. war einer auf Kosten seiner Kasse im Quartier. Anter anderen köstlichen Gemälden, welche Lerr Werner hinterlassen hatte (er hatte eine vortreffliche Sammlung), war auch ein Familienstück, auf dem sich eine Nonne befand. Dieser stieß der einquartierte Franzose ein Loch durch den Lals, und einen herrlichen Christuskopf mußte man eilfertig von der Wand herabnehmen, weil er die Malerei mißhandelt haben würde.
Leute, den 26. Dezember, hat unsere Prinzessin eingewilligt, den Vizekönig Eugen von Italien, Sohn der Kaiserin und Stiefsohn des Kaisers, heiraten zu wollen.
Diese Prinzessin Augusta Amalia, eine Tochter Maximilians und Maria Wilhelmine Carolina (des Landgrafen von Lessen-Darmstadt Ludwig X. Tochter) wurde am 21. Juni 1788 geboren.
Den 30. Dezember. Leute mittag sagte ein Kurier den Kaiser Napoleon an; er kam aber erst um ein Ahr in der Nacht beim Schwabinger Tor herein.
Karl Philipp Fürst von Wrcde (1767—1838), Feldmarschall und Obcrstkommandierender der bayerischen Armee im napoleonischen Zeitalter, ein Kurpfälzer, war besonderer Günstling Napoleons und Max Josephs, einer der glücklichsten Carriöremacher seiner Zeit. Sein Feldhcrrntalent wurde, wie die von ihm verlorene Schlacht bei Hanau (1813) bewies, weit überschätzt. Sein politischer Einfluß in Bayern war neben dem Montgelas' bestimmend für die bayerischen Geschicke dieser Epoche.
Vizekönig Eugen von Italien: Eugene Beauharnais, Stiefsohn Napoleons, Sohn der Kaiserin Josephine aus ihrer Ehe mit dem Vicomte de BeauharnaiS. Nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrlichkeit verlieh der König von Bayern seinem Schwiegersohn, der sich als vortrefflicher Mensch in die schwierige politische Lage fand, das Fürstentum Eichstätt mit dem Titel eines Herzogs von Leuchtenberg. Eugene Beauharnais starb 1824 im 43. Lebensjahr. Der erwähnten Verlobung am 26. Dezember 1805 folgte die Vermählung am 14. Januar 1806. Die Ehe war überaus glücklich. Die Prinzessin starb 1851.