Raff - So lang der alte Peter... (Seite 111)
Früheste Vergangenheit umgibt uns, wenn wir an der Stelle stehen, wo es „im Tal" heißt und wo heute die Kirche vom Hl. Geist aufragt. Hier stand ein Katharinenkirchlein, das von allen Kirchen Münchens das älteste gewesen sein soll, und von dem die seltsame Kunde geht, daß es auf „Bögen" gestanden habe, wahrscheinlich zum Schutz gegen das zu Zeiten ins Tal hereinströmende Hochwasser. Eine Klause stand bei dem Kirchlein. Hier erbaute Herzog Ludwig der Kelheimer, der im Leben so viel Glück und am Ende einen geheimnisvollen blutigen Tod fand, schon 12O4 ein Pilgerhaus. Als dann der Orden vom Hl. Geist - gestiftet um die Mitte des zwölften Jahrhunderts durch Guido zu Montpellier — in Rom ein vom Papst Innozenz III. selbst erbautes Spital erhielt, folgten viele Städte dem frommen Beispiel. Herzog Otto II. errichtete an Stelle des alten Pilgerhauses einen stattlichen Spitalbau nebst einer eigenen „Hl. Geistkirche", da der heilige Geist, als Stärker und Tröster, besonders der Reisenden, Schwachen und Kranken waltet. Die alte Katharinenkapelle wurde in das Spital, das der Obhut der Brüder vom hl. Geist (nach der Regel des hl. Augustin) übergeben ward, mit hinein verbaut und bestand dort im ersten Stock noch sechs Jahrhunderte lang. Zweimal im Jahre, am Feste der hl. Kreuzauffindung und hl. Kreuzerhöhung, fand in dem kleinen dämmrigen Raum ein feierlicher Gottesdienst statt; dann tat eine Türe sich auf, die für jedermann sonst zu allen Zeiten geschloffen blieb, und der regierenden Bürgermeister einer schritt hindurch, in Amtstracht mit goldener Kette, um dem Gottesdienst beizuwohnen. Denn der Stadt, die schon zuvor an der Verwaltung beteiligt gewesen, unterstand das Spital völlig, seit in den Jahren des Streites zwischen Kaiser Ludwig und Papst Johann die Brüder vom Hl. Geist ihre Stätte verlassen hatten. Rasch und heimlich muß es geschehen sein, wie aus der Sage zu schließen: die letzten Mönche seien über Nacht davongegangen, und am Morgen habe der Chorregent mit den Spitalern allein die ttc>ra8 halten müffen. — Seitdem, wie gesagt, standen zwei „Hochmeister", je einer vom inneren und einer vom äußeren Rate, dem Hl. Geistspital vor.
Von dem großen Stadtbrand 1327 hatte das Spital zwar sehr gelitten. Es wuchs aber darnach rasch, bedeckte allmählich die ganze Fläche des heutigen Viktualienmarktes, reichte bis zur Wcstenrieder- straße. Eine kleine Gemeinde innerhalb der Gemeinde, umfaßte es ein Männer- und Weiberhaus, ein Findelhaus und Gebärhaus, eine Stube für Sinnlose und ein Armenhaus. Um sich selbst versorgen zu können, besaß es eigene Brauerei, eigenes Backhaus, eigene Wälder und Ökonomie. Nach der Säkularisation ließ die Stadt das Spital niederreißen im Hinblick auf den zu schaffenden großen städtischen Viktualienmarkt; ihre Kranken verlegte sie in das nun leergewordene Elisa- betherinnen-Klofter vor dem Sendlingertor, deffen Betrieb sie dem Orden der Barmherzigen Schwestern übergab. Heute befindet die Gesamtheit der neuen städtischen Spitalbauten sich bekanntlich auf dem Dom Pedroplatz.
Die alte Katharinenkapelle hatte mit der Verlegung des Spitals aufgehört, als Kirche zu bestehen; sie diente, wie überhaupt das Wenige, das von den Gebäuden noch übrig war, fortan weltlichen Zwecken. Unverändert erhalten blieb nur die dem Spital verschwisterte, ihm bisher untrennbar verbundene Kirche vom Hl. Geist.
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In der bischöflichen Verordnung vom Jahre 1271, die neben St. Peter die Kirche zu U. L. Frau als zweite Pfarrei einsetzt, ist bereits der Spitalkirche vom hl. Geist eine selbständige Stellung zugewiesen.
Es gilt als ungewiß, ob die Hl. Geistkirche bald nach dem großen Stadtbrande 1327 oder erst später neu erstand. Trotzdem ist sie die älteste Hallenkirche Münchens. In der ersten Hälfte bes achtzehnten Jahrhunderts wurde sie teilweise umgebaut, das Gewölbe und der Dachstuhl völlig erneuert, der baufällige gotische Turm durch einen neuen erseht. Der Hauptteil der inneren Ausgestaltung lag in den Händen der Brüder Asam, deren erstes Werk in München die Kirche war; außerdem wirkten daran mit der Stukkator Matthias Schmidgartner und die Maler Nikolaus Stuber und Peter Ho- remans. Zweimal ward die Kirche noch nach Abbruch des SpitaleS erneuert, einmal im Jahre 1885, zum letztenmal im Jahre 1908 bis 1909.
Vom Grabmal des Herzogs Ferdinand und seiner Gattin, das die Kirche birgt, ist schon die Rede gewesen. Ein vielverehrtes Muttergottesbild nennt die Kirche gleichfalls ihr eigen, die sogenannte „Ham- merthaler Muttergottes". 1620 unternahm das Gaftwirtsehepaar Hammerthaler im Tal zu München eine Wallfahrt nach Kloster Tegernsee, und die Frau sah bei diesem Anlaß in der Johanniskapelle der Klosterkirche ein Liebfrauenbildnis, von dem sie meinte, sich nicht mehr trennen zu können. Sie erreichte auch wirklich, daß der dortige Abt ihr das Bild zusandte. Als es ankam, litt die Wirtsfrau eben große Schmerzen an einem steifen Arm. Nachdem sie aber das Marienbild aufgestellt und vor demselben gebetet hatte, verließ sie der Schmerz, und sie richtete darauf dem gnadenreichen Bilde bei sich eine Art Hauskapelle ein. Später vergabte sie es dem Augustinerkloster. Nach deffen Aufhebung zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts kam das vielverehrte Bild in die Kirche zum Hl. Geist.
In der Hl. Geistkirche hatte auch die älteste Bruderschaft der Stadt, nämlich die „unter dem Titel, Namen und Schutz Mariä Geburt anno 1323 von dem Hand-Werkh der Päckhenknecht durch 300 <Stäbte und Märkte aufgerichtete Bruderschaft" ihre Gottesdienste und ein „ewiges Licht". Das letztere verblieb beim heiligen Geist; mit ihren Ämtern, Seelengottesdiensten und sonstigen kirchlichen Obliegenheiten übersiedelten die Bäckerknechte bald in die Kirche der Augustiner, hatten sogar dort einen eigenen Altar. Nach der Säkularisation dieser Kirche kehrte die Bruderschaft der Bäcker bis zu ihrem Eingehen in die Hl. Geiftkirche zurück.
Die Säkularisation zahlreicher Kirchen, das Einfordern des Kirchensilbers usw. zu Anfang des 19. Jahrhunderts weckte vielfachen und leidenschaftlichen Widerstand, der jedoch wohl nirgendwo eindrucksvollere Formen annahm als in der Hl. Geistkirche. Da nämlich die Kommission zur Ablieferung des Kirchensilbers erschien, ließ der Spi- talpfarrer Josef Klein sämtliche Gefäße — mit Ausnahme des schönsten Kelches, den er für sich behielt — der Ordnung nach auf dem Hochaltar aufstellen und sechs gelbe Kerzen, wie bei einem Leichengottesdienst, anzünden. Dann warf er sich, mit Stola und Chorrock bekleidet, in Gegenwart der Kommission vor dem Altäre nieder und betete laut den Bußpsalm „Miserere". Nach beendigtem Gebet aber stieg er zum Altäre empor, ergriff einen Hammer, zerschlug alle Kelche und Patenen und lieferte so aus, was befohlen war. Natürlich wurde manches Eingelieferte, wie in anderen Kirchen so auch hier, durch wohlhabende Bürger wieder ausgelöst. Pfarrer Klein aber, deffen gegnerische Haltung der damals allmächtige Minister Montgelas sehr empfand, wurde »1811 aus München ausgewiesen und nach Neuburg an der Donau verbannt. Erst nach dem Sturze des Ministers erhielt er die Erlaubnis zur Rückkehr. Er starb zu München 1822 als Generalvikar des neu errichteten Metropolitankapitels München-Freising.
Seit 1844 ist die Kirche vom Hl. Geist Stadtpfarrkirche.