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Sagen & Geschichten

Rings in der Altstadt

Vom alten Friedhof „am Kreuz" und dem südlichen Friedhof

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 96)

Vom alten Friedhof „am Kreuz" und dem südlichen Friedhof

Um die Mitte des l 5. Jahrhunderts war es so weit, daß die Totenäcker bei den Hauptkirchen für die wachsende Einwohnerzahl nicht mehr genügten. Da hielten die Stadtväter Umschau nach geeigneten neuen Plätzen und wählten für die Pfarrei zu U. L. Frau einen Platz „in der Kuh" (der heutige Salvatorplah), für die St. Peterspfarrei aber einen am Sendlingertor, wo mehrere Straßen sich kreuzten; deshalb hieß die Stelle „auf dem Kreuz" oder „am oberen Kreuze" im Gegensatz zu dem „unteren Kreuz," dem früheren Parade-, jetzt Promenadeplatz. 1478 erwarb der Magistrat ein Grundstück von der Schmalz- (jetzt Kreuz-) Gaffe bis zur Brunnstraße, die ihren Namen davon haben soll, daß hier in frühester Zeit, da ringsum Weideland war, ein Brunnen stand, an dem die Hirten ihre Herden tränkten. Durch Hinzukauf noch weiteren Bodens ward der neue St. Peters-GotteSacker eine ziemlich geräumige Begräbnisstätte; 1480 begann der Bau einer Gottesackerkirche „auf dem Kreuz", und zwar leiteten ihn die Werkmeister der Frauenkirche, Jörg von Haslbach und Heimeran von Straubing. Durch Vergleich mit den Erben Ainwich des GollierS, des kinderlos verstorbenen Ritters, der das Allerheiligen-Kirchlein auf dem Marktplatz erbaut hatte, ward diese ohnehin baufällige Kapelle abgebrochen, und das Golliersche Benefizium kam in die neue Allerheiligenkirche auf dem Kreuz. Als solche ward sie 1485 konsecriert.

Anfänglich richtete ein heftiger Widerstand der Einwohner sich gegen die neuen Freithöfe. Den Einen fiel es hart, daß sie nicht an der Seite ihrer vorausgegangenen Lieben ruhen dürften; andere, die weltlicher und selbstbewußter geartet waren, dünkten sich herabgesetzt, fremden Landfahrern und hablosen Leuten gleichgestellt, weil sie auf den abgelegeneren Friedhof gebettet werden sollten. Die Geistlichkeit hatte ihre Not, die Pfarrkinder zu einer richtigen Auffaffung der Dinge zu bringen; der Stadtrat von München erwirkte, um die neue Maßregel dem Volke annehmlicher zu machen, im Februar 1480 eine päpstliche Bulle, worin Alle, welche die neuen Freithöfe Münchens besuchen würden, mit besonderen Ablässen begnadigt wurden. Noch in demselben Jahre ergingen von Seiten des heiligen Stuhles formelle Verbote, auf den alten Freithöfen fernerhin zu begraben. Damit war der Widerstand der Münchener gebrochen-

Ein harter und grausiger Mißbrauch, dessen I. M. Forster erwähnt: daß ein Toter, der unbezahlte Schulden hinterließ, in alter Zeit nicht ehrlich begraben werden durfte, war seit 1529 abgeschafft. Denn damals hatte der Gegenpapst Nikolaus V., der in der Reihe der rechtmäßigen Päpste nicht aufgeführt ist, aus Pisa, wo er sich bei Kaiser Ludwig dem Bayern aufhielt, die Verfügung erlassen, daß Jedermann, auch der Ärmste, geistlich begraben werden müßte. Unwillkürlich drängt sich beim Gedenken jener Härte der Anfang des weitverbreiteten Volksmärchens vom „dankbaren Toten" unserer Erinnerung auf.

Im Jahre, da der Bau der neuen Freithofökirche begann (1480), stiftete und erbaute der Rat von München das Stadtbruderhaus für kranke und bresthafte Bürger, das neben die „Allerheiligenkirche auf dem Kreuz" zu stehen kam. Die Seelsorge für die Insassen des Bruder

Hauses lag dem Kaplan der Allerheiligenkirche ob, so lange bis das Spital, über hundert Jahre später, eine eigene Kapelle erhielt.

Jene ersterwähnten päpstlichen Bullen verordneten noch ausdrücklich, daß zu Peftzeiten die Gestorbenen nur auf den neuen Freithöfen und nirgends sonst bestattet werden dürften. Allzubald trat der Fall ein: als die Epidemie des Jahres 1506 das Totenfeld rasch mit Grabstätten füllte. —

Wohl schon damals bestand, südwestlich der Stadtmauer, ein Freit- hof für Arme, Aussätzige und unbekannte Tote, der von seiner Lage den Namen „der fertere" der äußere, hatte. Auf diesem, nur dürftig eingezäunten Leichenacker erbaute Herzog Albrecht V. 1578 ein Salvator- kirchlein. Nicht lange darnach erwarb die lateinische Congregation von unserer lieben Frauen Verkündigung, der Herzog Wilhelm V. selbst angehörte, eine größere Grabstätte, vermutlich mit der bestimmten Absicht, dem äußeren Friedhof das üble Ansehen, in dem er stand, zu benehmen. Als, wie vorauszusehen war, auch die neuen Friedhöfe nicht mehr genügten, ward der „fertere Freithof" der allgemeinen Benützung übergeben; dazumal schon wurde eine neue Kirche, zu Ehren des Erzmar- tyrers Stephan, an Stelle des baufällig gewordenen Salvatorkirch- leins erbaut. Eine magistratliche Verordnung vom Jahre 1789 hob sämtliche Friedhöfe im Innern der inzwischen beträchtlich erweiterten Stadt auf und verordnete die Überführung aller Leichen auf den am 14. April desselben Jahres benedizierten Gottesacker vor dem Send- linger Tor. Aus dem Freithof am Kreuz wurden fünf große Wägen mit Gebeinen hinausgefahren, auch die wertvollsten Denkmäler aus der Umgebung der Allerheiligen-Kirche hinausversetzt. Diese Kirche kam dadurch in Vernachläffigung und Vergeffenheit: bei dem zweimaligen Einfall der Franzosen 1796 und 1800, ward sie gesperrt, ja beim erstenmal ward sie ihres sakralen Charakters völlig entkleidet und diente als Brot- und Kornmagazin. Von 1804 bis 1814 stand sie entweiht und verödet, bis die Umwohner sich ihrer annahmen, milde Gaben für sie sammelten und die Erlaubnis zu ihrer Wiederherstellung erlangten. Unter den Spenden, die ihr zuflossen, befand sich auch ein holz- geschnitzteö Kruzifix mit der schmerzhaften Mutter darunter; hievon weiß die Sage zu melden, daß der gleiche Künstler (Tobias Bader), von dem die wunderreiche Muttergottes der Herzogspitalkirche stammt, aus dem gleichen Lindenbaum wie diese auch jenes andere, nun in der Kreuzkirche aufbewahrte Kreuz- und Marienbild geschnitzt habe. Daher wird die Muttergottes der Kreuzkirche „die Schwester von der Herzogspital-Muttergottes" genannt. —

Der Friedhof vor dem Sendlingertor, im Lauf der Jahre beträchtlich erweitert und verschönt, ist von da an bis 1868 der einzige Gottesacker Münchens, abgesehen von den Begräbnisplätzen der Vorstädte und dem israelitischen Friedhof (angelegt 1816) gewesen. „Unser Lieben Frauen und S. Peters Gottes-Acker vor dem Sentlinger Thor" nennt ihn die Aufschrift eines alten Stiches von Joh. Stridbeck aus dem 18. Jahrhundert. Noch leidlich unverändert ist, gleich am westlichen Eingang des alten Friedhofteiles, die 1644 erbaute kleine StefanS- kirche. Sie war vordem der Mittelpunkt einer alten Münchener Sitte. Am Tage des Erzmärtyrers Stephan (26. Dezember) nämlich wurden sowohl die feinen Vollblutpferde wie die derben Arbeitsgäule von ihren Besitzern oder deren Bediensteten um die Kirche herumgeritten, damit sie während des Jahres vor Krankheiten bewahrt blieben und ihnen die Steine an den Hufen nicht schadeten. Natürlich fanden zu dem schmucken Anblick, den der Stephansumritt trotz des Ernstes der Stätte gewährte, zahlreiche Zuschauer sich ein.

An der Mauer des Stephanskirchleins grüßt die Besucher der Name eines den Münchnern durch seine Werke Wohlbekannten. Denn dort befindet sich der Grabstein des Hofbildhauers Roman Anton BooS, von dessen Hand die „Taten des Herkules" unter den Hofgarten- Arkaden, die vier Statuen an der Fassade der Theatinerkirche und verschiedene Bildwerke im Nymphenburger Park herrühren. — Freilich: je tiefer es in das Totenfeld hineingeht, desto größer wird die Zahl Derer, die ein unsterbliches Gedenken in München hinterlassen haben. Die meisten Schöpfer des geistigen und baulichen München aus der Zeit seiner ersten Könige ruhen hier, zumal in den steinernen Arkaden des Campo santo, dessen Erbauer Friedrich v. Gärtner selbst darin begraben liegt. Aber nicht nur stolze und erhebende Erinnerungen bewahrt der Friedhof. Er birgt auch die zwei Massengräber der „in der großen Sterb" des Jahres 1654 Hingerafften, zusammen etwa zwölfhundert. Desgleichen ist hier die Grabstätte der „bey 800 unterschiedliche Burger und Bauersleut, so umb Sendlingen und die Stadt München den 25. December Anno 1705 an den St. Weihnächt Tag von den Kaiserlichen und dero Allierten Troppen seind nidergemacht und theilö in den Spitelern und Clöstern gestorben, Denen Gott gnedig sein wolle." Im Jahre 1851 wurden ihre Reste unter dem bisherigen schmucklosen Hügel erhoben und an die Stelle übertragen, die nun das von Gärtner entworfene, von Stiglmayer gegossene Denkmal in Form eines Weihwasserbeckens ziert. Um dem Denkmal Platz zu machen, ward die ohnehin baufällige Kapelle der Lateinischen Kongregation, von der zu Anfang die Rede gewesen, abgebrochen.