Sagen & Geschichten
 

Münchner Sagen & Geschichten

Die Raunächte

Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)


In naher Verbindung mit den eben beschriebenen Gebräuchen der Sommersonnenwende stehen, offenbar auch aus heidnischer Vorzeit herstammend, die Gebräuche der Winter-Sonnenwende. Diese geheimniszvolle Zeit ist in München, und überhaupt in Altbayern, unter dem Namen der Rauchnächte bekannt, und man begreift unter denselben die zwölf Nächte zwischen Christi Geburt und heil. Dreikönige. Diese Nächte, und unter ihnen besonders der Vorabend oder die Nacht zum Christtage, zum Neujahrs- und zum Dreikönigstage, dann ausserdem noch die Thomasnacht hält der Volksglaube für geeignet, sich mit der Geisterwelt in Verbindung zu setzen und durch geheimnißvolle und schauerliche Ceremonien in die Zukunft zu schauen und kommendes Glück oder Unglück zu erforschen. Diese Ceremonien werden in München mit dem Namen „lößeln" bezeichnet, und sind sehr verschiedener Art. Man gießt z. B. geschmolzenes Blei oder Eier in ein mit Wasser gefülltes Gefäß, und aus den verschiedenen Figuren, in die sich das Blei gestaltet, sucht man sein Schicksal oder kommende Ereignisse zu ersehen. — Hauptsächlich aber sind es junge und alte Mädchen, die durch das „Lößeln" zu erfahren wünschen, ob sie im nächsten Jahre „einen Mann bekommen." So z. B. werfen heiratslustige Mädchen in einer der Rauchnächte, auf dem Boden kauernd und mit dem Rücken gegen die Thüre zugekehrt, den linken Schuh über den Kopf und sehen aus der Lage desselben, ob sie im Laufe des Jahres das Haus als Bräute verlassen oder nicht. Das erstere wird angenommen, wenn die Spitze des Schuhes gegen die Thüre zu fällt. Oder dem Mädchen, das in der Thomasnacht unter wissen Ceremonien rückwärts in ihr Bett steigt, dabei die Worte spricht:

Bettstatt ich tritt' dich,
Heiliger St. Thomas ich bitt' dich,
Laß mir heut Nacht er.schein'n
den Herzallerliebsten mein!

und dann zwei geweihte Kerzen vor dem Bette brennen läßt, erscheint in der Nacht die Gestalt des künftigen Bräutigams. — Andere dergleichen abergläubische Handlungen geschehen mit Holztragen, Brunnenschauen, Spiegelschauen, geweihtem Brode u. dgl.

In früheren Zeiten wurde in München in diesen zwölf dächten ein besonderes Brod gebacken, das man Rauchte ecken nannte und dem man eine geheimnißvolle Kraft zuschrieb.

Ehedem war in München am letzten Donnerstag vor Weihnachten, den man die Klöpfleinsnacht, oder in der Volkssprache Klöpfelsnacht nannte, üblich, daß die Dienstmägde bei den Krämern, Metzgern, Bäckern und andern Gewerbsleuten, bei denen sie das Jahr hindurch einkauften, und die Handwerkslehrjungen bei den Kunden ihrer Meister ein kleines Geschenk in Geld oder sonst etwas, z.B. sogenanntes Kletzenbrod erhielten, wobei sie solgenden Reimspruch recitirten:

Holla! holla! klopf an!
Die Frau hat a'n schön'n Mann.
Geit mir d'Frau a'n Küchel z'Lohn,
aß ich'n Herrn g'lobt ho'n,
A'n Küchel und a'n Zeltn,
Der Peter wird's vergelten,
Da Peter ist a heiliger Mann,
Der alle Ding vergelten kann.

Dieser Gebrauch der guten alten Zeit ist aber der modernen Aufklärung, die dergleichen harmlose Geschenkreichung als Bettelunfug bezeichnet, zum Opfer gefallen.

Hingegen aber hat der heilige Dreikönigstag, in alten Urkunden der „obriste Tag" genannt, in München wie auf dem Lande als Schluß der Rauchnächte noch immer besondere geheimnißvolle Bedeutung. Am Vorabende desselben schon wird in der Kirche Wasser, Salz, Kreide und Weihrauch geweiht. Mit der geweihten Kreide werden alle Thüren in Haus und Stall mit den Anfangsbuchstaben der Namen der heil, drei Könige, + C + M + B (Kaspar, Melchior, Balthasar) und der Jahrzahl beschrieben und dazu mit dem Weihrauche geräuchert, wodurch dem Teufel, den Heren und allen bösen Geistern der Eingang und aller Schaden abgewendet wird. Ueberdieß wird noch vom Hausherrn das ganze Haus mit einer Glutpfanne, auf welche Weihrauch, Wachholderbeeren und andere geheimnißvolle Kräuter geworfen werden, ausgeräuchert.


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