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Seite 24
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Malerische Topografie des Königreichs Bayern

Neuhauser- und Kaufinger Straßen

Abbildung zum Eintrag

Die Neuhauserstraße leitet ihre Benennung von dem benachbarten uralten Dorfe Neuhausen her. Von dem Neuhauser = (Karls=) Thor an bis zum ehemaligen Jesuiten=Gebäude ist nur links der, im Jahre 1710 vollendete Bürgersaal sehenswürdig, ein freundlicher für die Andachten und Versammlung der Bürgerkongregation bestimmter Saal ohne Säulen, zu welchen man über zwey Seitentreppen hinaufsteigt, mit einem schönen Plafond von Knoller geziert.

Das ehemalige Jesuitenkollegium wurde von ihrem großen Freunde, dem Herzog Wilhelm V. in den Jahren 1582 bis 1597 erbaut, mit einer Pracht, welche die mehrmal wiederholte Vergleichung mit dem spanischen Escurial rechtfertigt; aber auch mit einem die damaligen Kräfte der bayerischen Finanzen weit übersteigenden Aufwande: wogegen die vereinigten dringendsten Vorstellungen des Ministeriums, des Hofes, der Landschaft und selbst der herzoglichen Mutter, der frommen Anna von Oesterreich fruchtlos blieben.

Die Kirche zum heiligen Michael, eine nunmehrige Hof= und zugleich die Militärkirche, hat 248 Fuß in der Länge, und 114 Fuß in der Breite. Ihr Inneres bildet ein Schiff, welches, ohne Säulen, mit einem, jedem Beschauer überraschenden, halbzirkelförmigen Tonnengewölbe bedeckt ist. Schon anderswo ist richtig bemerkt worden, daß ungemein kühne und großartige Verhältnisse mit dem leichten, zarten und Anmuthigen gepaart, dem vorherrschenden Typus in der Bauart dieses herrlichen Tempels bilden. Die Ordnung der hohen Pilaster ist korintisch mit vergoldeten Kapitäler, eben so zierlich als massiv. Ueber den Pilastern füllt eine Attila=Ordnung den Raum bis zu dem Gewölbe. Zwischen und über den Pilastern befinden sich in Nischen lebensgroße Engel von Gyps, die Embleme der Passion haltend, und vorn über dem Chor zwey Reihen von Statuen der Propheten, Apostel und Evangelisten. Der Hochaltar und die Seitenaltäre enthalten Gemälde von Christoph Schwarz, aus Rubens Schule, von Titian, Hanns von Aachen und Candido. Der Kirchen=Schatz an Juwelen und Perlen, Kunstwerken von Elfenbein und Ebenholz, reichen Ornamenten und Parnamenten glänzte an das Unglaubliche. Das reine Gold wurde auf 37 Pfund, das Silber auf 62 Zentner berechnet. Baumeister des Kollegiums und der Kirche war der Steinmetz Wolfgang Müller in Bayern, ein wahrlich großer Architekt, der aber vor der gänzlichen Vollendung starb. Diese wurde dem Andreas Gundelfinger übertragen; jedoch schienen auch jesuitische Diletanten, der Rektor Simon Heindel mit einigen Layenbrüdern an dem Werke gestümpert zu haben. Dieses ist besonders an der gegen die Neuhauserstraße gekehrten Hauptfacade der Kirche sichtbar, welche, ungeachtet der vielen bis zum höchsten Giebel reichenden Statuen, der zwey hohen Portale von rothem Marmor, und des zwischen denselben aufgestellten kolossalen Standbildes des heiligen Michael nach Candid’s Zeichnung, von dem Weilheimer Hanns Krumper in Bronze ausgeführt, mit der reinen und stillen Größe des Innern einen höchst widerlichen, schnörkelhaften Kontrast bildet. Unter dem Chor der Kirche befindet sich die zweyte Fürstengruft, worin der fromme Stifter Herzog Wilhelm V. und sein großer Sohn Kurfürst Maximilian I. mit ihren Gemahlinnen, und mehrere Fürsten und Fürstinnen der bayerischen und pfälzischen Linien ruhen. Eine neue und sehr vorzügliche Zierde hat diese Kirche durch das, im laufenden Jahre (1830) aufgestellte, herrliche Monument des zu früh verewigten Herzogs von Leuchtenberg, welchen Ludwig XVIII. das Muster der Fürsten nannte, des wahren Ritters ohne Furcht und Tadel, von Phidias = Thorwaldsen erhalten. Der in einfacher Hoheit vortretende Heros, entkleidet von allen Zeichen des gewohnten Glanzes, nur das Schwert des Feldherrn an der Seite, übergiebt der rechts neben ihm sitzenden und schreibenden Clio den unter Aegyptens Pyramiden, bey Marengo und am Mincio, auf den Feldern bey Raab und bey Maloja=roslawiz hochverdienten und immer vergrößerten, selbst auf Rußlands Schnee=Wässern und am unglücklichen Tage bey Sacile unbefleckt erhaltenen Lorbeerkranz. Zur Linken steht der Genius des Todes mit ausgelöschter, nach unten gekehrter Fackel, das Haupt mit geschlossenen Mohnblumen bekränzt, und die Flügel zur Erde gesenkt. An ihn angeschmiegt, und doch zugleich wie aus seinen Armen sich entwindend, schwebt Psyche mit ausgebreiteten Schmetterlingsflügeln, das Haupt mit aufblühenden Rosen, wie zu einem Feste geschmückt, die Fackel brennend und aufwärts gerichtet. Diese tiefgedachte und mit der bewundernswürdigsten Zartheit ausgeführte Gruppe kann unbedenklich und ohne zu verlieren, den schönsten plastischen Werken dieser Art, die von griechischer Kunst auf uns gekommen sind, an die Seite gestellt werden. Ueber dem Haupte des Herzogs pranget sein, in allen Fällen unabweichlich befolgter Wahlspruch: Honneur et fidélité, und der Fuß des Grabmahles enthält die einfache und rührende Inschrift:

Heic placide ossa cubant
Eugenii Napoleonis
Regis Italiae vices quondam gerentis. 
nat. Iutet. Parisior. d. 3. Sept. 1781. 
def. Monachii. d. 21. Febr. 1824. 
Monumentum posuit vidua moerens
Augusta Amalia
Maximil. Ios. Bav. Regis filia.

Der Eingang in die Gruft der Jesuiten, welche die sterblichen Ueberreste in verschiedener Rücksicht merkwürdiger Männer verwahrt, ist in der Kreuzkapelle.

Um den außerordentlichen Umfang dieses ehemaligen Jesuitenkollegiums zu beurtheilen, darf man nur in Erwägung ziehen, welche Anstalten für den Staat, die Wissenschaft und die Kunst gegenwärtig hierin Raum finden.

Für den Staat: Das königliche Reichsarchiv, diese unerschöpfliche Fundgrube für die bayerische Geschichte, zuerst unter dem Ministerium des Grafen von Montgelas eröffnet. Welche Schätze der Ritter von Lang, der jetzige Vorstand Freyherr von Freyberg und der geheime Rath Freyherr von Hormayr bereits zu Tag gefördert haben, ist den Gelehrten bekannt. Für die Zukunft sind durch deren rastlos fortgesetzte Bemühungen, unter thätigster Mitwirkung der bey dieser Behörde angestellten unermüdeten Geschichtsforscher Hungershausen, Huschberg, Moring und Zenker, reiche Erndten zu erwarten.

Für die Wissenschaft: Die königliche Hof= und Staatsbibliothek, eine der reichsten und wichtigsten Europas, welche unter vortrefflicher Leitung ihres Vorstandes Directors v. Lichtenthaler, und ausgezeichneter Beyhülfe des Bibliothekars Schmettinger und der Kustoden Rott, Krabinger, Schmeler und Schmiedhammer, einer hohen Vollkommenheit immer näher gebracht wird. Sie ist in mehr als sechzig großen und kleinern Sälen, Zimmern und Korridoren aufgestellt, und enthält, nach einem sehr mäßigen Anschlage in runden Zahlen, wenigstens 16000 Handschriften, über 50 xylographische Denkmale, mehr als 103000 Inkunabeln, wenigstens 250000 Werke, wenn jedes Werk nur zu 2 Bänden berechnet wird, wirft sich eine halbe Million heraus, weit mehr als 100000 Dissertationen, gewiß dreymal so viel andere kleine Schriften. Unter der besondern Abtheilung Cimelien wird ein zahlreicher und höchst bedeutender Schatz von Handschriften bewahrt, welche wegen ihres hohen Alterthumes, als Autographa, durch kunstreiche Gemälde, in Rücksicht ihrer kostbaren Einbände von Gold und Silber mit Edelsteinen besetzt, vorzügliche Aufmerksamkeit verdienen.

Das reiche, besonders durch die ihm einverleibte cousinsche Sammlung merkwürdige königliche Münzkabinet, dessen Geschichte von dem würdigen Konservator Bischofe und Domprobste von Streber vortrefflich beschrieben worden ist.

Die königliche Akademie der Wissenschaften, mit dem Sitzungssaale, den Bureaus des Präsidenten und der Klassen=Sekretäre, den naturgeschichtlichen und mathematisch=physikalischen Sammlungen, dem brasilianischen Museum und der mechanischen Werkstätte.

Die königliche Ludwig=Maximilians=Universität durch die ruhmbekränzten Männer, ihrer Professoren Ast, Buchner, Döllinger, Dresch, Fuchs, Görres, Mannert, Martius, Maurer, Ohm, Ringseis, Röschlaub, Schilling, Schubert, Thiersch, Walther ic. weit über Europas Gränzen hinaus berühmt, mit ihren Hörsälen, ihrer reichen Bibliothek, dem Ueberreste des Orbanischen Saales, der Kanzley. 2c.

Das philologische Seminar.

Für die Kunst: Die königliche Akademie der bildenden Künste, unter Kurfürsten Maximilian Joseph III. 1759 gegründet, unter König Maximilian I. 1805 in gegenwärtigen Stand umgeformt, von dem verdienstvollen Direktor von Langer vortrefflich eingerichtet, unter der Direction des großen Malers Cornelius, von den um die Kunst hochverdienten Professoren Amsler, Eberhard, Gärtner, Heß, Schorn und Zimmermann, auf eine hohe Stufe der Vollendung gebracht, mit dem großen und dem kleinern Antikensaale, den Zimmern zur Modellzeichnung, zur malerischen Komposition, für Bildhauerkunst, Architectur und Kupferstecherkunst 2c. Dieses Lokal wird auch zu der in jedem dritten Jahre stattfindenden Kunstausstellung benützt.

Die ungemein reichhaltige, von dem, durch seine Monogrammen=Kenntnisse rühmlichst bekannten Inspector Brulliot auf das zweckmäßigste geordnete königliche Kupferstich=Sammlung.

Das vormahlige Jesuiten=Collegium wird von dem vormaligen Kloster der Augustiner=Eremiten nunmehr königlicher Justiz=Pallast, worin das Justizministerium, das Oberappellationsgericht und das Stadtgericht ihre Sitzungen halten, und die Maut=Halle, durch die Weitengasse getrennt.

Auf der entgegengesetzten Seite, vom Neuhauserthor rechts ist das Pschorrische Bräuhaus durch Umfang des Gebäudes und Gewerbes merkwürdig.

Die Benennung Kaufingerstraße ist wahrscheinlich von den Kaufleuten (Käffl, Cueffl) welche sich zuerst in solcher angesiedelt, und ihr Gewerb getrieben haben, entsprungen. Sie gehört zu den lebhaftesten und gewerbreichsten. In ihr befinden sich die Gasthöfe zum schwarzen Adler und zum goldenen Kreuz, die Buchhandlungen von Fleischmann, Lentner, Lindauer und die von Herzmannsche Kunsthandlung.

Auf dem vorliegenden Blatte sieht man noch die Hauptwache den Rathhausthurm und den obern Theil des St. Petersthurmes.