Sütterlin Lernprogramm

Aus Münchens Fürstenschlössern

Mit Max III. Joseph erlosch der Stamm Ludwigs des Bayern. Max Josephs Nachfolger, Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz, war nichts weniger als ein lachender Erbe. Ungern dachte er daran, fein Mannheim, das er zu einer Stätte der Musen gemacht hatte, zu vertauschen gegen das rauhe, ihm ganz fremde Altbayern.

Der Mangel an Zuneigung zwischen Fürst und Volk, sowie Karl Theodors Kinderlosigkeit wurden von Österreich dazu benutzt, um dem Kurfürsten die Abtretung eines großen Teiles von Bayern im Austausch gegen die reichen Niederlande vorzuschlagen. Einen alten Erbanspruch aus dem 15. Jahrhundert auf das Straubinger Gebiet nahm Kaiser Joseph II. zum Vorwand. Und Karl Theodor gefiel der Plan sehr wohl.

In der Herzog-Maxburg zu München saß Herzogin Maria Anna, Karl Theodors Schwägerin, die Witwe des Herzogs Clemens, deffen Erzieher und späterer Kabinetösekretär Andreas Felix von Oefele gewesen. Herzogin Maria Anna Charlotte war eine ebenso warm- fühlige als hochgebildete Frau: sie unterhielt z. B. zu München die herzoglich marianische Landesakademie, wo die Schüler in Mathematik, Philosophie, Geographie, in Deutsch, Latein und Französisch, aber auch in Musik, Tanzen, Fechten und militärischen Übungen unterwiesen wurden. In der Voraussicht deffen, was kommen würde, hatte sie schon bei Max Josephs Lebzeiten auf die Errichtung eines neuen Wittelsbachischen Hausvertrages gedrungen, der auch den Zusatz enthielt, daß München der Wohnsitz des jeweiligen Kurfürsten bleiben müßte. Als nun das Gefürchtete nahe rückte, rief Maria Anna den Herzog Karl August von Pfalz-Zweibrücken, den nächsten Erben Karl Theodors, durch eine dringliche Botschaft nach München. Desgleichen hatte sie um Beistand an Friedrich den Großen, der ihr befreundet war, geschrieben. Noch ehe er ihren Brief empfing, traf sein Abgesandter, der Graf von Görtz, in München ein, hielt sich bei Tage in Maria Annas Gartenpalais vor dem Neuhausertor verborgen, hatte aber zwei Nächte nacheinander eine lange, heimliche Unterredung in der Maxburg mit der Herzogin, dem Herzog Karl August und dessen Ministern. Darin wurde fest abgemacht, daß der Herzog, als nächster Agnat, seine Zustimmung zu der geplanten Landabtretung verweigern und den König von Preußen anrufen sollte, ihn bei seinem Recht zu schützen. Dies Alles geschah, wie verabredet: Friedrich der Große setzte sich mit allen Mitteln der Zerreißung Bayerns entgegen und griff, als Verhandlungen nichts fruchteten, zum letzten Mittel, zu den Waffen.

Der sogenannte bayerische Erbfolgekrieg, in dem Friedrich II. und Josef II. ihre Truppen persönlich anführten, begann im Frühjahr 1778 und währte bis zum Teschener Kongreß. Der trat zusammen, nachdem sich Maria Theresia, die von Anbeginn den Gebietsanspruch ihres Sohnes für unbillig und ungerechtfertigt ansah, mit Friedensvorschlägen ins Mittel gelegt hatte. In dem am 13. Mai 1779 unterzeichneten FriedenStraktakt wurde das Innviertel (jenseit von Salzach, Inn und Donau) an Österreich abgetreten, wogegen das HauS Habsburg sich jeden künftigen Anspruchs auf bayerische Gebiete begab und das Erbrecht der Zweibrückener Linie auf alle wittelsbachischen Lande nachdrücklich festgelegt ward.

Trotzdem tauchte das Gerücht, daß Kurfürst Karl Theodor immer noch mit jenem Tauschgedanken liebäugle, wiederholt und nicht grundlos auf. Nicht nur an ihn, sondern auch an den Herzog Karl August wandten sich geheime Unterhändler, um diesen mit großen Summen und Verheißung einer Krone zu locken, wie den Kurfürsten mit dem Besitz der Niederlande. Karl August aber hielt fest an einem unzerrissenen Bayern und rief nochmals Friedrich von Preußen zu Hilfe, der zur Aufrechterhaltung von Bayerns Selbständigkeit und Ungeteiltheit 1785 mit mehreren Reichöftänden den deutschen Fürstenbund schloß. Die natürliche Wirkung von alle dem war eine Kühle zwischen Fürst und Volk, die vor Karl Theodors persönlicher Anwesenheit in München nicht wich. Wie die Bayern mißtrauisch auf den Kurfürsten und die mit ihm gekommenen Pfälzer, die „Rheinschnaken" blickten, so wurde er selbst durch den Widerstand, den er fühlte und durch die beginnende Unruhe der Zeit argwöhnisch, unsicher. Viele Anklagen gegen die Herrschaft Karl Theodors sind von Mit- und Nachwelt erhoben worden. An den rauschenden Bäumen des englischen Gartens, den er mit Benjamin Rumford anlegte, hat er seine Fürsprecher, wie an den Weisen deutscher Tonmeister, die er mit Vorliebe erklingen ließ.

Dagegen trat, als die französischen Revolutionsheere Süddeutschland mit Krieg überzogen, die mangelhafte Verfaffung des Heeres, wofür niemals Geld da war, kläglich zutage. Der Kurfürst selbst flüchtete mit seiner Gemahlin nach Sachsen und überließ eS der von ihm eingesetzten Regentschaft, sich mit den Feinden abzufinden, was mittels einer zu zahlenden übermäßigen Kontribution und der Abtretung wertvoller Kunstwerke im September 1796 gelang. Aber bald brachte der wiederum und bedrohlicher aufflackernde Krieg eine neue Gefahr: die in Bayern einmarschierende österreichische Armee, der das Angstgerücht voranlief, daß sie nicht zur Bekämpfung der Franzosen, sondern zur Besetzung des Landes da sei.

In diesem Augenblick höchster Bedrängnis, wo das Staatsschiff Bayerns am Untergehen schien, ward auch der Steuermann abberufen: Karl Theodor erlag am 16. Februar 1799 einem Schlagfluß.

Der ihn beerbte, war des verstorbenen Karl August jüngerer Bruder Max Joseph, als Kurfürst der vierte Maximilian.

Das Land war arm, machtlos, ohne Heer, umringt von Feinden, und doch flatterten am Tage des Einzugs des neuen Herrn die weißblauen Fahnen von allen Häusern, und Festfreude schimmerte aus dem Straßenschmuck und leuchtete von den Gesichtern. Und als der Zwei- brückner in seine Residenz einfuhr und freundlich vom Wagen aus den neuen Untertanen die Hände reichte, machte ein richtiger Münchner, der Kaltenegger Bräu, sich zum Sprecher des ganzen Volkes, indem er, die Hand Max Josephs schüttelnd, ausbrach in den Erleichterungsruf: „Na, Maxl, weil du nur da bist!"

Sieben Jahre später ward Bayern zum Königreich erhoben, Max Joseph sein erster König. Das alte München, das der Herzöge und Kurfürsten, war mit der Jahrhundertwende zu Grabe gegangen, das neue München hatte begonnen.



Raff - So lang der alte Peter...