Stadtportal zur Münchner Stadtgeschichte
Der Berliner Dramatiker Felix Philippi lebte von 1875—1890 in München; er fasste seine Erlebnisse und Eindrücke zusammen in ein Buch, dem er den Titel „Münchner Bilderbogen" gab. Im Zusammenhang mit der Königskatastrophe des Jahres 1886 teilt er ein Gespräch mit, das er mit dem ehemaligen Kabinettsekretär des Königs, Ministerialdirektor von Bürkel, hatte. Dieser erzählte, rückschauend in die Zeit der Vereinsamung des verbitterten Monarchen, Folgendes:
„Ein König von neunzehn Jahren! Welch ein Spielball für politische, religiöse und höfische Intrigen! Da hätte er einen ernsten, gebildeten Mann zur Seite haben müssen, einen Mentor, der seinen Horizont erweitert, der ihn bei der Hand genommen und ihm Weg und Richtung gezeigt hätte. Der fehlte ihm zu seinem Unglück! Stattdessen bestand seine Umgebung aus ein paar jungen Flügeladjutanten, gefälligen Höflingen, die für Amüsement und Zerstreuung des jungen Herrschers sorgten und das in ihm schon damals leider viel zu ausgeprägte Selbstbewusstsein liebedienerisch derart steigerten, dass er glaubte, jeden ausgesprochenen Wunsch sofort erfüllt sehen zu können. Und dieses Gefühl der Machtfülle wurde bis ins Unermessliche erweitert durch eine ihm verwandte, sehr befreundete Herrscherin, die zeitlebens einen gewaltigen, vielleicht den einzigen Einfluss auf ihn ausübte. Wie oft hat er mir, als ich mich seinen Plänen widersetzen musste, deren tief aus ihrer Anschauung geschöpfte, gefährliche Worte wiederholt: ‚Du und ich: wir beide können uns alles erlauben!‘
Dieses unglückselige ‚Ich kann mir alles erlauben!‘ wurde sein Motto, seine Richtschnur, seine fixe Idee, sein Untergang! Aber auch sein eigenes Volk, dieses gutmütige, naive, urwüchsige Volk, hat mit seiner Liebe, die zu einem wahren Götzendienst ausartete, viel Unheil in dem ungeübten und unlogisch denkenden Kopf des gekrönten Knaben angerichtet. Wohin er blickte, sah er gekrümmte Rücken, verhimmelnde Augen und Adorantenstellungen! Da nahte das Schicksal mit ehernen Schritten und versetzte seiner ‚Gottähnlichkeit‘, von der er damals schon ganz durchdrungen war, schwere Nackenschläge, die ihm mit erschreckender Klarheit zum Bewusstsein brachten, dass idealen Träumereien nüchterne Wirklichkeiten gegenüberstehen, dass sein Wolkenkuckucksheim auf schwankem Grunde ruhte.
Er schwärmte für die der deutschen Sage entnommenen Dichtungen Wagners, während er für dessen Musik nicht das geringste Verständnis besaß und es sich auch niemals erworben hat.
Zwei Jahre nach der Trennung von Wagner verwirrte die Enttäuschung seiner ersten und einzigen Liebe dem idealgestimmten Jüngling die Sinne. Er hatte sich plötzlich mit seiner reizenden Cousine, der Herzogin Sophie, verlobt, und ebenso plötzlich entlobte er sich. Sie können mir's glauben: an dem ganzen Geschwätz, das sich an diese Lösung hängte, ist auch nicht ein wahres Wort. Man erzählte damals und erzählt es noch heute: der König habe ein Liebesverhältnis seiner Braut mit einer bekannten Münchener Persönlichkeit entdeckt und in rasender Wut über die Untreue die Marmorbüste seiner Verlobten in den Schlosshof geworfen. Die einfache Wahrheit ist, dass das junge, sehr natürliche Mädchen ihren ‚gespreizten‘ Vetter nicht leiden konnte; sie gab nur sehr gezwungen ihr Jawort, ließ sich eine allerdings höchst burschikose Äußerung über ihren Bräutigam entschlüpfen, der unbeobachtet hinter einer Portiere stand, und eine Stunde darauf hielt sie seinen Abschiedsbrief in den Händen. Mit diesem Briefe besiegelte er recht eigentlich sein Schicksal! Wäre ihm eine resolute, vernünftige Frau zur Seite gestanden, die ihm Ehe- und Kindersegen geschenkt hätte, es wäre alles anders gekommen! So wandte er sich vom lebendigen, warmen Blut, das ihn hätte beglücken können, in seiner selbstgewollten Einsamkeit Phantasien zu, Bildern, die flüchtig vorübergaukelten; so führte er ein wesenloses, imaginäres Gefühlsleben, das ihn in Irre und Tod geleitete! Dunkle Gewalten hatten sich seiner bemächtigt, denen er nicht mehr entrinnen konnte!“
Unter der Ludwig „verwandten, sehr befreundeten Herrscherin“ ist Kaiserin Elisabeth von Österreich (1837—1898) zu verstehen. Sie war die älteste Tochter des Herzogs Maximilian von Bayern und wurde im Jahre 1854 dem Kaiser Franz Joseph von Österreich vermählt. Elisabeth war eine blendende Schönheit, sehr regen Geistes, eine große Naturfreundin und treffliche Reiterin. Wie ihr Vetter König Ludwig hatte sie die Neigung zum Absonderlichen; sie teilte auch seinen Hang zur Einsamkeit. In späteren Jahren, namentlich nach Ludwigs Tode, lebte sie fast stets in großer Zurückgezogenheit auf ihrem Besitztum Achilleion auf der Insel Korfu, wo sie sich einer schwärmerischen Verehrung Heinrich Heines hingab. Die Begegnungen zwischen Ludwig und Elisabeth fanden auf der Roseninsel im Starnberger See statt. In ihren Briefen unterzeichneten sie „Adler“ und „Taube“. Elisabeth endete tragisch; am 10. September 1898 wurde sie in Genf von einem Anarchisten erdolcht. Die Braut des Königs, Herzogin Sophie Charlotte Auguste von Bayern (1847—1897), war eine Schwester der Kaiserin Elisabeth. Bald nach der Lösung ihres Verlöbnisses mit König Ludwig vermählte sich die Herzogin Sophie im Jahre 1868 mit dem Prinzen Ferdinand von Bourbon-Orléans, Herzog von Alençon. Auch Sophiens Lebensende war tragisch; sie war eines der Opfer des großen Bazarbrandes in Paris am 4. Mai 1897.
König Ludwig mied in späteren Jahren München und die Öffentlichkeit. Meist lebte er ganz einsam im Gebirge und an den oberbayrischen Seen, wo er sich die Schlösser Linderhof, Neuschwanstein und Herrenchiemsee erbauen ließ, aber auch da war es ihm nicht einsam genug, deshalb hielt er sich oft Wochen hindurch auf Berghäusern auf, so vor allem auf dem Schachen, dessen „Königshaus“ noch erhalten ist, auf dem Pürschling oder in der „Hundinghütte“ im Ammerwald, die er getreu nach Wagners Angaben in der „Walküre“ hatte erbauen lassen. Die Münchner waren sehr verdrossen darüber, dass ihr König seine Hauptstadt so beharrlich mied.