Stadtportal zur Münchner Stadtgeschichte
Die ausgesprochene, in großem Stil sich betätigende Kunst- und Prachtliebe Albrechts des Fünften, dieses typischen deutschen Renaissancefürsten, war keineswegs eine Ursache reiner Freude für seine Landstände und seine obersten Räte. Die sprachen ihm in einem schriftlichen Gutachten vom Sommer 1558 ihr „herzliches Mitleiden" aus, daß er „solche hergelaufene unbekannte, liederliche Leute am Hofe überhandnehmen" und „zu so vilfeltigen gepewen, malereyen, kist- lereyen" sich bereden laste. — Die guten Räte hatten von ihrem Standpunkt, im sorglichen Hinblick auf ihres Herzogs wachsende Schuldenlast, nicht ganz unrecht; aber auch der Herzog hatte nicht unrecht, wenn er mit Unwillen das wohlmeinende Schriftstück aufnahm und ungnädig beantwortete.
Denn zu den „Malereien" die man ihm vorwarf, gehörten unter anderen die Gemälde und Miniaturen von Hans Mielich, zu den „Kiftlereyen" (Holzschnitzereien) Jakob Sandtners prachtvolle Holzmodelle bayerischer Städte, vor allem das große Stadtmodell von München, das eine Perle des bayerischen Nationalmuseums bildet. Unter den „Gcbäuen" befand sich beispielsweise das heutige Münzgebäude, enthaltend das bauliche Kleinod des sogenannten Turnierhofs; und mit den „hergelaufenen liederlichen Leuten" ward merklich auf einen kürzlich neu Berufenen gezielt: Orlando di Lasto.
Ein Freund der Künste überhaupt, war Albrecht V. besonders ein Freund der Tonkunst; die Liebe zur Musik war ein Erbteil der bayerischen Herzöge. Mit seinem Sohne Wilhelm, der zu Landshut eine eigene Hofmusik hielt, wechselte Albrecht ausführliche Briefe über neu zu gewinnende oder gewonnene Kräfte für die „Cantorey" (Hofkapelle). Desgleichen schreibt der kaiserliche Vizekanzler und bayerische Gesandte in Brüssel, Dr. Selb, von „guten Singern", auch Knaben, um die er sich für Albrecht bemüht. Das fürstliche Cantorey- haus stand an der Ostseite des heutigen „Platzls", damals Graggen- au geheißen; die einstige Stätte des Cantoreyhaufes nimmt ein Teil des jetzigen Hofbräuhauses ein. Die Hofkapelle pflegte bei den gesungenen Ämtern in der alten Hofkirche zu St. Lorenz mitzuwirken, sowie bei Hofe die Tafelmusik zu bestreiten; später ließ sie sich hören in dem 1558-62 erbauten großen Saal der Neuveste. Ihre Mitglieder teilten sich in Sänger und Instrumentalisten; sie wurde, so scheint es, umgebildet nach dem Muster der kaiserlichen Kapelle durch den hervorragenden Tonmeister und großen Kontrapunklisten Ludwig Senfl, der von 1525 an am Hofe Wilhelms IV. gelebt hatte. Er war ein Schüler des flandrischen Komponisten Isaak. Von allen Zeitgenossen war er gepriesen worden: der gelehrte Benediktiner Wolfgang Seidl aus Tegernsee hatte eine begeisterte sapphische Ode auf ihn gedichtet; Luther hatte ihn hochgeschätzt und in einem Schreiben an ihn die Wittelsbacher Herzöge, die er in religiöser Hinsicht befehdete, höchlich gerühmt, weil sie die Musik so pflegten und ehrten. Senfls Behausung befand sich in der Hofstatt Nr. 6, ganz nahe von seinem Freunde Simon Schaidenreißer. Er starb zu München um 1555.
Zu Beginn von Albrechts V. Regierung nun war der Kapellmeister Ludwig Daser, ein geborener Münchner, Leiter der Hofkapelle, der auch kompositorisch tätig war. Obschon erst ein Dreißiger, ward er 1559 pensioniert, offenbar um Orlando di Lasso Platz zu machen. Er ging später nach Stuttgart und starb als Kapellmeister dort 1589.
Ein Zug jener Zeit war das Vordringen des ausländischen, zumal italienischen und niederländischen Elementes auf jedem künstlerischen Gebiete. Im Falle Orlando di Lassos trat noch dessen überrragende künstlerische Bedeutung hinzu. Hans Jakob Fugger, dem der Grundstock von Albrecht V. Bibliothek und Handschriftensammlung zu danken ist, sandte 1556 eine Motette Orlandos nach München; durch seine Vermittlung berief Herzog Albrecht den jungen Meister in seine Hofkapelle und später zu deren oberstem Leiter. Alle Hauptwerke Orlandos sind in München entstanden. Auf Bestellung Albrechts komponierte Orlando feine berühmten fünfftimmigen „Sieben Bußpsalmen Davids". Unmöglich, die Fülle des von Orlando Geschaffenen hier auch nur zu streifen. Kaiser Max II. verlieh ihm für seine „orländischen Gesänge" (die Herzog Albrecht dem Kaiser mitgeteilt) den erblichen Adel; Papst Gregor XIII. bereitete dem Künstler, als dieser ihm in Rom persönlich seine fünfftimmige Meffe überreichte, einen ehrenvollen Empfang und machte ihn zum Ritter des goldenen Sporns. Dazwischen lud Karl IX. von Frankreich Orlando zu sich nach Paris, um seine Meinung bei Errichtung der von dem König gestifteten musikalischen Akademie zu vernehmen. Doch blieb der Meister, trotz aller schmeichelhaften Anerbietungen, die ihm anderwärts gemacht wurden, stets München freudig getreu.
Dies änderte sich auch nicht, als 1579 Albrecht der Fünfte das Zeitliche segnete und den Ruhm eines „gottesfürchtigen, stattlichen und gar vernünftigen Herren" zurückließ, „der gelahrte und kunstreiche leit vast lieb hält und baiern zieren wollt von innen undt von außen." Denn Wilhelm V., sein Nachfolger, hielt Orlando nicht minder in Ehren. I58O lehnte der Meister einen Antrag des Kurfürsten August von Sachsen ab, unter Hinweis auf die reichliche Entlohnung und sonstigen Güter, mit denen die Gunst der beiden Bayernfürsten ihn bedacht hatte.
Um die zeitliche Wohlfahrt des Meisters Orlando war es also gut bestellt; dazu kam noch die Auszeichnung und persönliche Wärme, die er von den Herzögen genoß. Und neben den Ehren, die sein Schaffen ihm erwarb, lebte er ein glückliches, häusliches Leben, vermählt mit Regina Weckhinger, „einer herzoglichen Kammerdienerin", die ihm achtzehn Kinder gebar, zehn Söhne und acht Töchter. Wenn der Dienst seines Fürsten ihm nicht Zeit ließ, das von Wilhelm V. ihm geschenkte Landhaus in Schöngeising an der Amper aufzusuchen, weilte er des Sommers „zur Recreation" in einem anderen Garten, den er „sambt einem Hauß darinn" vor den Toren der Stadt, in der Lehel-Gegend besaß. Da fanden wohl auch die Freunde sich öfters ein: Friedrich de Sustris und dessen Schwiegersohn Hans Krumpper, Peter Candid, Lizenziat Müller und des Herzogs Leibarzt Dr. Thomas Mermann mit dem tiefgründigen Forscherblick, den, wie des Meisters Orlando Witwe noch bezeugt, „ihr Mann seliger" vor Allen geliebt hat am fürstlichen Hofe.
Orlandos letzte Jahre waren verdunkelt durch Schwermut und Gemütsverdüsterungen, die Folgen rastloser geistiger Überanstrengung — > über zweitausend Werke hat er geschaffen. Umgeben von Frau und Kindern, sowie treuen Freunden starb er, zweiundsechzigjährig, eines sanften Todes. Er ward bestattet bei den Franziskanern, deren Kloster und Freithof sich bekanntlich an der Stelle des heutigen Nationaltheaters befand. Demgemäß ist von der Grabstätte des „Fürsten der Musik", wie seine Zeitgenossen ihn nannten, keine Spur geblieben; sein Grabstein jedoch steht im Bayerischen Nationalmuseum, mit der Inschrift:
„Hic jacet Orlandus ille Lassus,
Qui lassum recreat orbem.“
Das Wohn- und Sterbehaus Orlando di Lassos ist die heutige Gaststätte am „Platz!", die seinen Namen trägt.