Stadtportal zur Münchner Stadtgeschichte
In seiner Selbstbiographie „Meine Lebensfahrt" schreibt Hermann Lingg über einen spitzwegisch anmutenden, kleinbürgerlichen Zirkel, der sich in den fünfziger Jahren zu versammeln pflegte:
Im „Krokodil", so sehr anregend und förderlich es auch war, ging es mir manchmal zu gemessen her, und die ästhetischen Anschauungen erschienen mir oft pedantisch.
Ich pflegte nebenbei noch einen Klub in einem kleinen Wirtshause an der Nymphenburger Straße mit Genossen, wo es ungezwungener zuging. Es waren das genial angelegte Leute mit viel Kenntnissen, die es aber zu nichts gebracht hatten oder wenigstens nicht so weit, als es ihren Fähigkeiten und ihrem Wissen entsprochen hätte. Der älteste derselben, auch der ärmste, war Eisenbahnbeamter gewesen; weil er aber alles besser wissen wollte als seine Vorgesetzten, wurde er entlassen. Er verstand sich auf alles und konnte alles; er reparierte die Uhren im Hause, besorgte die Reinschrift von Manuskripten, spielte hübsch Klavier, war Mitarbeiter eines Konversationslexikons und dabei so arm, daß er oft kein Logis hatte und seine Wohnung im Wald bei Großhesselohe nahm, wo er sich unter einer Tanne ein Loch in den Schnee grub und darin übernachtete. Sein Mittag- und Abendessen teilte er mit seinen Freunden, oder er gewann es im Tarock. Er war beinahe regelmäßig unser Tischgenosse, dabei war er von unverwüstlicher Gesundheit, gutem Lumor und grundehrlich. Er besaß mehr Verständnis für Poesie als mancher Literarhistoriker und schrieb selbst auch ganz hübsche Gelegenheitsgedichte. Er ist eines Tages verschwunden,und man hat nichts mehr von ihm gehört. Ein anderer dieser Freunde war ein geschickter Architekt, ein dritter, der am besten situierte, war ein mittelloser Rechtspraktikant, berühmt durch seine Schweigsamkeit und Virtuosität, Gesichter zu schneiden und Karikaturen zu zeichnen; vorzüglich gelang ihm die Maske des Mephisto. Mit diesen guten Freunden verlebte ich manch vergnügte Stunde im Lerchengarten; so hieß unsere Kneipe. Andere Gesellschaft blieb übrigens isoliert und schloß sich keinem der Münchner Vereine an, die sich in feindlicher Laltung gegen die „Fremden", besonders auch gegen die Mitglieder des „Krokodils", erwiesen.