Stadtportal zur Münchner Stadtgeschichte
Bei einem im Jahre 1858 veranstalteten Künstlerfest auf der Rottmannshöhe am Stamberger See hielt der berühmte Festredner Frater Äilarius, ein Pseudonym, unter welchem sich Eduard Fentsch verbarg, in der Kapuzinerkutte folgende Verspredigt:
Geliebte! „Ansere Tage rauschen vorüber wie des Baches Wellen, und unsere jungen Jahre verdampfen wie der Tautropfen am Sommermorgen! Wir lachen ein Stündlein und weinen ihrer zwei, und bis wir uns die Augen ausgewischt haben, — sind wir alt geworden!" Also hab ich schon vor Jahren gepredigt, und daran gemahnt es mich auch heute wieder trotz des lieblichen Sonnenscheins, der sich wie eine Glorie um Wald und Wiese legt. Aber Gott sei Dank! Es gibt noch ein Elixier, das uns die kahlen Schläfen und den Schimmel auf den Laaren vergessen macht, das uns die Sinne verjüngt, wenn uns bisweilen bedünken will, als ob die ganze Welt alt würde und absterbe. Wir nennen es: Kunst und Dichtung!
Also wollen wir just zu dieser sröhlichen Stunde der guten Verse eingedenk sein, die einer unserer verewigten Meister gesungen und die da trefflich passen zum Texte unserer Bergpredigt. Sie lauten aber also:
„Sittenzwang und Formelwesen hätten längst die Welt verkümmert. Wenn sich Dichtung nicht bisweilen durch die Welt ergossen hätte!"
Der Segen dieses Herbstes begleite uns bei Betrachtung dieser Worte!
Als der größte Künstler — unser Lerrgott lobebar —
Mit seiner Schöpfung fertig war.
Fand er, daß sie gut sei und wohlbemessen
Vom Gänseblümlein bis zu den Zypressen,
Vom Spatzen, der auf dem Dache pfeift.
Bis zum Adler, dessen Flügel die Wolken streift!
Er machte darob ein vergnüglich Gesicht,
Schätzte die Wirkung beim Oberlicht,
Hielt die Land vors Auge und ging dabei
Ein paar Schritte von der Staffelei,
Damit er auch von der Feme betracht'.
Was sein Meisterwerk für Wirkung macht.
Wie waren die Formen so schön und rund.
Wie reizend der Vorder- und Hintergrund,
Die Konturen so edel und so groß.
Die Farben so saftig und pastös
Und die Lichteffekte von solcher Gewalt,
Wie sie kaum der Zwengauer malt!
Und doch — wie er so im Anblick verloren —
Kratzt sich der Meister hinter den Ohren
Und dachte sich: „Bei meinem Eid!
Es bedarf noch einer Kleinigkeit.
Ist auch die Wirkung just nicht schlecht.
Sind auch die Formen regelrecht.
Ich fühl's: in dieser Gewissenhaftigkeit,
In dieser strengen Regelmäßigkeit
Fehlt etwas, das mit voller Wucht
Einen Weg zu dem Gefühle sucht.
Das Äerz packt und mit geheimer Magie
Zum Gemüte spricht und zur Phantasie!"
Sprach's, greift zum Pinsel und wagt sich dran.
Seht da und dort ein paar kühne Drucker an.
Haut ab und zu ein bißchen über die Schnur,
Greift zum bekannten Kunststück der Lasur,
Vermalt noch ein paar Blasen Asphalt,
Wo ihm die Stimmung zu nüchtern und kalt:
Lind wie er damit fertig war.
Ward erst das Geheimnis offenbar.
Daß jeweils der poetische Gedanke,
Überspringe des Formelwesens Schranke,
Daß die Dichtung sei wie jener feurige Schaum,
Dem zu enge wird des Glases Raum,
Der auch zuweilen den Anstand verletzt
Und die Etikette des Tischtuchs benetzt!
Das fühlte der Schöpfer und kam zum Entschluß.
„Jetzt weiß ich", dacht' er, „was ich beginnen muß:
Ich schaff mir aus den: Menschenpack
Noch eine Spezies nach meinem Geschmack,
Denen ich das schöne Geheimnis verkünde.
Daß die poetische Freiheit keine Sünde;
Eine Kaste, der es mag gelingen.
Mit der Lasur so recht umzuspringen.
Und die — zum Verdruß der Philister und Mucker —
Weiß anzubringen die rechten Drucker;
Ein auserles'nes Geschlecht der Geschlechter,
Zwangsentbundene — Formelverächter,
Die sich an der Schöpfung poetischem Gedanken
Mit ihrem Gefühl wissen airzuranken;
Menschen, so recht nach meinem Gelichter,
Und die Welt soll sie heißen: Künstler und Dichter!"
Und im nächsten Momente war auch schon
Vollendet des Gedankens Inkarnation.
Ihr Freunde, ich hab' Euch damit erzählt
Die Genesis der Künstlerwelt.
Nun geht hin und zieht den Nutzen davon.
Vollendet Euere Mission,
Zieht aus nach Süden und nach Nord
Und verkündet dieser Bergpredigt Wort,
Daß Formelwesen und Sittenzwang
Die Welt verkümmert hätten schon lang.
Wenn nicht Kunst und Dichtung, die Dioskuren,
Ihr aufdrückten ihres Wandels Spuren,
Wenn nicht die Maler und Poeten
Ans bisweilen den Gefallen täten
Und schlügen dem Philister, dem traurigen Wicht,
Mit allen Ehren ins Gesicht
Und schnitten mit Anstand, wo er zu finden.
Den Zopf ab vorn, seitwärts und hinten!
Das merkt Euch und schreibt Euch hinter die Ohren,
Auf daß meine Worte nicht verloren.
Auf daß ich umsonst nicht mein Geschäft erledigt.
Und vor tauben Kunden habe gepredigt.
Dixi! Und damit Gott zum Gruß!
Euer alter — Frater Äilarius.
Anton Zwengauer (1810—1884), ein geborener Münchner, war ursprünglich Schüler des Cornelius, ging später ganz zur Landschaftsmalerei über und wurde der malerische Spezialist feuriger Sonnenuntergänge und effektvoller Lichtphänomene, deren Motive er sich aus der oberbayerischen Hochebene und an den Vorlandseen suchte.