Stadtportal zur Münchner Stadtgeschichte
Im prunkvollen Fürstenschlafzimmer der Residenz liegt ein Sterbender. Die Krone auf dem hohen goldgestickten Baldachin über dem Bette erscheint als eitler, törichter Gegensatz zu dem Leiden des armen Dulders, den leibliches und seelisches Weh vorzeitig unter die Erde bringt. Aus dem Dämmer heraus, das seine Sinne schon umspinnt, reckt er noch einmal die Hand nach den Weinenden, die sein Sterbelager umstehen:
„Meine armen Kinder, mein armes Land, verzeiht Euerem armen Vater!"
Das sind Karl Albrechts letzte Worte in diesem Leben.
Das Mitleid der Zeitgenossen hat Karl Albrecht, Kurfürsten von Bayern, als römischer Kaiser Karl VII., den „Unglücklichen" genannt. Mit nur zu gutem Grunde.
Er zählte noch nicht neun Jahre, da er, Max Emanuels ältester Sohn, in Gefangenschaft der Österreicher geriet, von ihnen, die seinen Vater besiegt und vertrieben hatten, aus München hinweggeführt wurde, um erst in Klagenfurt, dann in Graz erzogen zu werden. Als Jüngling ward er den Eltern und der Heimat wiedergegeben; als nicht ganz Dreißigjähriger, jung vermählt, vom Glanze eines prunkliebenden, schönheitsfreudigen Hofes umgeben, trat er das Erbe seines Vaters an.
Er war dessen Erbe auch innerlich. Die verstehende Kunstliebe, besonders die Freude am Bauen, die leicht erregbare Sinnlichkeit, der Ehrgeiz und die persönliche Tapferkeit Max Emanuels waren auch dem Sohne zu eigen. Aber alles um eine Note schwächer, zarter, nicht mehr so ins Große gehend. Er verhielt sich zum Vater — wie die Amalicnburg zu Schleißheim. Und während die sanguinische, abenteuernde Seele Max Emanuels in einem Körper wohnte, der trotz Strapazen und seelischen Erschütterungen vierundsechzig Jahre vorhielt, war Karl AlbrechiS Widerstandskraft mit achtundvierzig Jahren verbraucht — ungeachtet des stählenden Einflusses der von ihm so leidenschaftlich geliebten Jagd.
Erst wenige Zeit herrschte er, als ein furchtbarer Brand sein Residenzschloß verheerte, Kunstschätze vernichtete, deren Verlust dem Kurfürsten wahrhaft zu Herzen ging. Darnach kam eine Frist ungestörten, beglückten Daseins, ein Entfalten aller persönlichen Neigungen. Der Fürst, vor dem bei der feierlichen Landeshuldigung der Erb- jägermeister, Graf Törring, einherschritt, den mächtigen Hehrüden an der Leine führend, streifte mit Gefolge oder einzeln, als einfacher Jäger durch Wald und Moor. Wenn er dann heimkehrte, beutereich, aber ermüdet, beschmutzt, dann gewährte eS seinem verfeinerten Empfinden die köstlichste Erholung, auszuruhen inmitten hochgefteigerter Pracht, erwähltefter Form- und Farbenkunst, schöner graziöser Frauen. Das waren die Jahre der Amalienburg.
Dann aber kam der Augenblick, wo Karl Albrecht den alten Kampf seines Hauses mit Habsburg um die Vorherrschaft in Deutschland aufnahm, die „Pragmatische Sanktion" anfocht, der „Großherzogin von Toskana", wie er Maria Theresia nannte, das Erbe ihres Vaters, Kaiser Karl VI., bestritt.
Eine Spanne kriegerischer Erfolge, siegreichen Vordringens, freilich im Bündnis mit anderen Mächten: Preußen, Sachsen, Spanien, Frankreich. Und der Triumph, der höchste, den sein Vater vergeblich ersehnt hatte: zum römischen Kaiser erwählt zu sein. Ein Triumph voll grausamen Schicksalshohns. Denn inzwischen hat das Waffenglück sich schon gewendet: Maria Theresias Heere fallen siegreich in Bayern ein. Während die Vorbereitungen zur glanzvollen Krönung in Frankfurt a. M. getroffen werden, erreichen nur Unglücksbotschaften den zu Krönenden, der sich im Bette unter qualvollen Gicht- und Steinschmerzen windet. Es liest sich erschütternd, wie dem armen siechen, sorgenzerriffenen Manne der schwere Krönungsornat angelegt wurde, wie man ihn, der sich mühsam aufrechthielt, auf einen geschmückten Zelter hob und in feierlichem Krönungszug dahinführte. Dennoch, so freudlos es in ihm aussah, strahlte persönlicher Zauber von ihm aus: Goethes Mutter, die damals elfjährige Elisabeth Katharina Textor, hat es uns bezeugt. Sie sah ihn krönen, sie sah ihn mit seiner Gemahlin am Charfreitag in Frankfurt von Kirche zu Kirche gehen, Hand in Hand, gehüllt in lange schwarze Mäntel. Beide hatten Lichter in der Hand, die sie gesenkt trugen... „Überall kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte sein Haupt eine Weile in die Hände." Später sah sie ihn offene Tafel hallen unter Trompetengeschmetter, umringt von großen Herren; als seine Gesundheit getrunken ward, jauchzte sie mit: „der Kaiser sah mich an und nickte mir." Die wundersamen melancholischen Augen des kranken Kaisers erweckten in der späteren „Frau Rat" ihre „erste rechte und auch letzte Leidenschaft."
Schwerste Gründe zur Schwermut hatte er. Ein Bundesgenosse nach dem anderen fiel ab von ihm. Im Mai 1742 war, als die Panduren in München einbrachen, von diesen unmenschlich gehaust worden; am Lehel wurden vierzig Häuser in Asche gelegt, die Einwohner niedergemetzelt, die Schwerverwundeten, sowie viele kleine Kinder lebend ins Feuer geworfen. Und im Juni ließ Österreich sich im besetzten Bayern huldigen — wie zu Max Emanuels Zeit.
Der Einfall der preußischen Heere in Böhmen 1744 erleichterte Bayern und führte Karl Albrecht in seine Residenz, die er dazwischen nur kurz wiedergesehen, zurück. Auf wie lange? Seine Umgebung glaubte: bis zur baldigen eiligen Flucht. Er wußte es anders: er fühlte fein Ende nahe. Seine LieblingStochter Therese Benedikte, deren Tod ihm in dieser Leidenszeit fast das Bitterste gewesen, war ihm vor der Heimreise erschienen, tod- und friedeverkündend. Er starb am 2 O. Januar 1745. — „Er war sanft, menschlich herablassend" — urteilt von ihm die kritische Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, die Schwester Friedrichs des Großen, und meint: er hätte ein besseres Schicksal verdient. —
Sogar der Grabesfrieden wäre ihm nicht gegönnt gewesen, wenn dem zu glauben, was seine Witwe, die Kaiserin Amalie, 1750 an ihre Tochter schrieb. Darnach wäre sein Geist im Angerkloster in München erschienen, kurz vor dem Tode seiner Schwester Maria Karolina, die dort als Klarissin Gott diente. — „Noch einmal wagst du, vielbeweinter Schatten, hervor dich an das Tageslicht" — Diese Verse Goethes drängen sich einem unwillkürlich auf bei solcher Kunde. Aber sie geleiten auch jeden, der an einem Frühlingstage den Park zu Nymphenburg und die Amalienburg betritt, die Erinnerung an den liebenswerten unglücklichen Kaiser als stille Genossin zur Seite.