Sütterlin Lernprogramm

Erstes Kapitel

Seit die gute Stadt München am 17. Mai des Jahres 1632 den siegreichen Schwedenkönig Gustav Adolf in ihren Mauern einziehen sah, hat sie von einem Mißwort desselben mehr als genug zu leiden gehabt.

Der König kam von Ismaning her geritten und als er vom nahen Gasteigberg herab die schöne Stadt zu seinen Füßen liegen sah, meinte er, sie gleiche einem goldenen Sattel auf dürrer Mähre. So ganz Unrecht hatte er mit diesem Vergleich allerdings nicht, denn die ganze Gegend vom Gasteig- bis zum Neuhauserberg war ursprünglich wohl ein verlassenes Flußbett gewesen und noch heut sind manche Strecken nur mit einer dünnen Schichte Sand bedecktes Geröll. Und zudem kam der König aus Stockholm, dessen wunderbar schöne Lage weltberühmt ist. Auch mögen die Krautäcker und Felder um die Stadt der Kriegsläufte halber nicht zum Besten bestellt gewesen sein.

Vor hundert Jahren und darüber dagegen paßte der Vergleich schon viel weniger, obschon sich das Land zu beiden Seiten der Straße nach dem kurfürstlichen Lustschlosse Nymphenburg und die sogenannten Kammerherren-Jagden als wahre Haide erwiesen. Daneben aber fehlte es damals in der nächsten Nähe der Stadt ebensowenig an schönen Wiesen und Feldern als es heute daran fehlt. Und Kurfürst Ferdinand Maria forderte einstmals seinen Verwalter im nahen Schleißheim zum Bericht darüber auf, warum er in einem gewissen Jahre nur 13000 Schafe gehalten habe, da doch sonst 15000 gehalten worden wären.

Mit Wien freilich, mit Dresden und mancher anderen deutschen Residenz kann sich München in Bezug auf die Schönheit der Lage nicht messen, wenn auch nirgends der Horizont so schöne Linien aufzuweisen hat als der Münchener, den die Alpen so herrlich begrenzen. Aber darum war es auch dem Herzog Heinrich dem Löwen gar nicht zu thun, als er im Jahre 1158 den reichen und blühenden bischöflich freisingischen Markt Föhring sammt Schloß, Münzstätte und Isarbrücke zerstört hatte und an der Stelle des heutigen Münchens, wo sich einige Mönche aus Schäftlarn, wahrscheinlicher aus Tegernsee, niedergelassen, eine neue Salzniederlage sammt Münzstätte und Zollhaus und eine Brücke über die Isar baute.

Das aber war so gekommen: Der Freisinger Bischof Otto, ein Enkel des Kaisers Heinrich IV. und Stiefbruder Kaiser Konrads IV., hatte sich 1140 in Föhring Salzniederlage und Zollstätte errichtet und sich so den ganzen inneren Handel Bayerns, besonders den mit Salz von Reichenhall nach Franken, Schwaben und bis nach Burgund hinein zinsbar gemacht. Solches hatte Heinrich nicht ruhig hingenommen und sich endlich nach langem Ein- und Herstreiten selber Recht verschafft.

Der von ihm gewählte Platz war aber für seine Zwecke um so geeigneter, als nahe dabei die stattlichen Dörfer Haidhausen, Sendling und Schwabing lagen. Und in der That trieb die Stadt schon nach kaum fünfzig Jahren einen recht blühenden Handel mit Eisen, Kupfer, Silber, Leder und Wein, namentlich aber mit Salz; denn der Herzog hatte ihr Marktfreiheit verliehen, welche Handelsleute herbeizog. Die Bauersleute der Umgebung aber nahmen in der durch Wälle und Gräben gesicherten Stadt um so lieber ihren Wohnsitz, als sie dadurch von der Leibeigenschaft befreit wurden, falls sie nämlich ihr Grundherr nicht binnen Jahr und Tag zurückgefordert. Auch die freien blieben nicht draußen und so finden wir bald die Familien der Sendlinger und Freimanner, der Mamminger und Schongauer u. A.

Die Freisinger waren schlimme Nachbarn und so fand es, wie schon angedeutet worden, schon Heinrich der Löwe zweckmäßig, seine neue Stadt mit Gräben und Wällen zu umgeben, die an vier Stellen mit Thoren versehen waren. Die aber standen auf der Stelle des heutigen Raththurms (Thalbruckthor), an der gegenwärtigen Polizeidirection (Wilprechts- oder Nudelthurm), am jetzigen Hotel Detzer in der Kaufingerstraße (Kaufingerthor, später der schöne Thurm) und an der Ecke des Rindermarkts und der Rosengasse (Blauenten-, später Ruffini-thurm). Später kam noch der als Thor dienende Muggenthaler- (nachmals Carossethurm) am jetzigen „Englischen Hof“ in der Dienersgasse dazu. Und rings um die Stadt flossen von der Isar hereingeleitete Kanäle, die noch heut bestehen. Mauern aber scheint München damals noch nicht gehabt zu haben.

Und bald wurden die alten Wälle und Gräben der rasch aufblühenden Stadt zu enge. Noch ehe ein Jahrhundert um war, entstanden die Neuhausergasse, das Thal, die Sendlingergasse, die hintere und vordere Schwabingergasse (Residenz- und Theatinerstraße), und die Prandazzgasse (Prannersgasse), sämmtlich vor den Thoren der leoninischen Stadt gelegen, ganz abgesehen von den Klöstern der Augustiner, Franziskaner und Klarissinnen, und dem hl. Geistspital, die ebenfalls draußen lagen. All das ward mit neuen Gräben und mit einer festen Mauer umgeben, nachdem Ludwig der Strenge 1255 in Folge der ersten Landestheilung sich München zur Residenzstadt erkoren. Und was er begonnen, das vollendete sein Sohn, der Kaiser Ludwig, und hat sich bis auf unsere Tage herab erhalten: Wälle und Stadtmauern sind erst kürzlich verschwunden. Ja in manchem stillen Winkel sieht man von ihnen und von den alten Gräben selbst heute noch Ueberreste; so z. B. hinter dem Hotel Leinfelder auf dem Maximiliansplatz.

Wer sich aber unter dem München jenes und des folgenden Jahrhunderts eine Stadt in unserm Sinne dächte, der ginge freilich weit fehl.

Da es Jedem überlassen war, zu bauen wohin und wie es ihm beliebte, so geriethen die Gassen krumm genug, und daß sie meist auch enge waren, machte sie nicht gerade schöner. Häuser von Stein, wie das des Bürgers Gollier am Peters-Freithof, waren eine Seltenheit, die weitaus größere Mehrzahl bestand aus Holz und Lehm und war mit hölzernen Galerien versehen und mit Stroh eingedeckt, wobei sie zu allem Ueberfluß noch mit Scheunen und Stallungen bunte Reihe machten. Vor den Stallungen lagen mehr oder minder umfangreiche Düngerhaufen und die Pflasterung beschränkte sich auf einen drei Fuß breiten Streifen von Ziegelplatten, daher das „rothe Pflaster“, das die Häuser entlang lief und durch die sogenannten Kellerhälse noch beschränkt wurde.

Ohne den großen Brand vom Jahre 1327 wär' es auch wohl noch länger so geblieben. Als aber der alle Häuser zwischen dem Angerkloster und dem Platzl, den alten Hof mit inbegriffen, in Schutt gelegt, da verordnete Kaiser Ludwig im Einverständniß mit dem Rath, daß die Häuser fortan nur mit Ziegeln gedeckt und womöglich aus Stein erbaut werden. Trotzdem brannte 1418 das Rathhaus, das ganze Thal und die Graggenau zum zweiten Male nieder — und zum dritten Male ließ der Rath das Rathhaus mit Schindeln decken. Da werden es die Bürger wohl mit ihren eigenen Häusern auch nicht besser gehalten haben. Und was da übrig blieb, verzehrten die Brände von 1429 und 1434.

Kaiser Ludwig war ein vielgereister Mann: er hatte die schönen Städte Welschlands gesehen und jene am Rhein und es lag ihm am Herzen, sein München zu verschönern und so erließ er zu diesem Zwecke die obenerwähnte Bauordnung, inhaltlich, deren die Straßen breiter und nach bestimmten Baulinien gezogen werden mußten, und vertrieb lärmende und übelriechende Gewerbe aus der inneren Stadt.

Ein weiterer Fortschritt war, daß gegen Ende des XIV. Jahrhunderts der Rath die Straßen der Stadt pflastern zu lassen beschloß und deshalb die Herzoge Johann und Ernst die Erhebung eines Pflasterzolles zu bewilligen bat, was auch am 4. August 1394 geschah. Im Uebrigen aber ward die Straßenpolizei nicht allzustrenge geübt: der sich täglich ansammelnde Dünger blieb liegen, bis einer der höchsten Feiertage oder die Lust kam und bei bevorstehender Ankunft hoher Herrschaften wie Kaiser Friedrichs III. (1425 und 1441) und der Herzogin Anna von Braunschweig, die Herzog Albrecht III. als zweite Gemahlin heimführte — die erste war Agnes Bernauer gewesen — hatte der Rath seine liebe Noth und mußte allen Bürgern mit strenger Strafe drohen, sofern sie den Mist nicht wegbrächten.

Trotz Diesem und Jenem, womit wir heute freilich nicht einverstanden sein würden, galt unser München schon in jenen Tagen als eine „schöne Stadt“ und hatte namentlich auch nach außen ein gar stattliches Ansehen, wie eine im Holzschnitt auf uns gekommene Ansicht der Stadt vom Gasteigberg aus dem Jahre 1493 zeigt. Damals war freilich die Frauenkirche bereits vollendet.

Da zieht sich ein doppelter Mauerring um die Stadt, vielfach von ebenso stattlichen als festen Thürmen unterbrochen. Links im Bilde ragt zuvörderst der Thurm des Einlaßthores empor, dahinter, weiter entfernt, das Bittrich-Thor; dann folgt der Spitzthurm der St. Jakobskirche auf dem Anger und der zinnengekrönte Thurm des Kaufingerthors (der spätere schöne Thurm), hierauf die Pfarrkirche von St. Peter mit ihrem Doppelthurm, dicht davor der Spitzthurm der hl. Geistkirche und das Dach des hl. Geistspitals. Das Rathhaus- (Thalbrug- oder Thalbruck-) Thor mit seiner hoch aufschießenden Spitze und den vier ausgeworfenen Thürmchen nimmt fast die Mitte des Bildes ein. Dann kommt der massige Muggenthalerthurm und hinter ihm erhebt sich die kurz vorher vollendete Kirche zu U. L. Frau, ihre Thürme noch ohne sichtbares Dach. Weiter vorne sieht man das Isarthor mit seinen drei Thürmen. Rechts von der Frauenkirche der Wilprechtsthurm mit hohem Satteldach, dicht dabei das schlanke in eine Spitze auslaufende Thürmchen der St. Lorenzkapelle im Alten Hof. Weiter rechts der Thurm der Ludwigburg und nach vorn, diesen theilweise deckend, der schlanke Lueginsland. Dann folgt das bescheidene Thürmchen der alten Franziskanerkirche (am Anfang der heutigen Maximilianstraße) mit dem Kloster; hierauf das Kostthor mit seinem Satteldach zwischen vier ausgeworfenen Thürmchen, und rechts davon machen die mächtigen Thürme der Neuen Veste den Schluß. Vorn an der Isar sieht man rechter Hand bereits den „grünen Baum“ und ein paar Flöße davor, über dem Eingang zur Brücke vom linken Ufer her einen Thurm, gleich links davon und flußaufwärts eine Mühle und dichte Baumgruppen, welche das Bild auch nach der rechten Seite hin abschließen.

Dieselben Grundzüge gibt eine in einem Kabinete der Münchener Pinakothek befindliche von Lukas Kranach gemalte Ansicht der Stadt, von der man jedoch nicht weiß, ob sie im Jahre 1530 oder erst nach dem schmalkaldischen Krieg (1547) entstanden ist. Besonders verlässig kann sie keinesfalls genannt werden, da der berühmte Künstler die Frauenkirche weiß angestrichen darstellt. Ohne Zweifel hat er das Bild anderwärts gemalt und demselben nur eine flüchtige Skizze zu Grunde gelegt.

Den damaligen Typus aber hat München im Wesentlichen ein paar Jahrhunderte bewahrt.

In der Zeit, von der wir eben redeten, konnte man München mit seinen vierzehn Thürmen eine thurmreiche Stadt nennen, wie es denn auch seiner zahlreichen Kirchen halber das deutsche Rom genannt zu werden pflegte.

Von den Thürmen abgesehen verdankte die Stadt ihr späteres äußeres Ansehen in der Hauptsache dem dreißigjährigen Kriege. Kurfürst Maximilian I. hatte es nämlich 1619 nothwendig gefunden, die Stadt wider die Angriffe der protestantischen Fürsten zu befestigen, und man hatte damit schon im nächsten Jahre begonnen; die Hauptarbeiten aber fallen in die Jahre 1630 bis 1645, also in die Zeit des unlieben Besuches der Schweden in deutschen Landen. In dieser Zeit dürfte namentlich die äußere Stadtmauer entstanden sein, hinter welcher der Zwinger lag. Die Thore wurden mit in mehreren Winkeln angelegten Zugängen versehen, und außerhalb der Wälle hob man einen tiefen Graben aus.

Erst im Jahre 1791 kam der Gedanke, daß die dicht am hohen und sie völlig beherrschenden Stromufer liegende Hauptstadt nicht länger eine fortifikatorische Bedeutung haben könne, zu praktischer Geltung: Kurfürst Karl Theodor dekretirte, München habe aufgehört eine Festung zu sein. Aber natürlich wurden auch da nicht mit einem Male die Wälle nieder- und die Gräben trocken gelegt und ausgefüllt. Dicht vor den Thoren aber lagen noch bis in’s XIX. Jahrhundert herein fette Krautgärten mit Getreidefeldern abwechselnd, zwischen denen sich vereinzelte Gehöfte und Landhäuser erhoben.

Die Befestigungswerke mit ihren beiden von zahlreichen Thürmen unterbrochenen Mauerringen und den Basteien zwischen zwei Wassergräben begannen nördlich vom Hofgarten beim Schwabinger Thor, zogen sich den heutigen Maximiliansplatz zum Frauenthor und ferner zum Neuhauser- (jetzt Karls-) Thor hinauf, folgten dann der heutigen Sonnenstraße zum Sendlingerthor, wendeten sich beim Angerthor wieder nördlich, am Einlaß- und Isarthor vorüber ziehend, und kehrten um das Kostthor herum zu ihrem Ausgangspunkte zurück, hielten also genau die Umgürtung der Stadt mit Mauern durch Ludwig den Strengen und Kaiser Ludwig ein. Diese Werke wurden nur am Schwabinger-, Neuhauser-, Sendlinger-, Einlaß- und Isarthor von Aus- und Zugängen durchbrochen.

Längs der inneren Stadtmauern lief rings um die Stadt ein bedeckter Gang, der von der Herzog Max-Burg bis zur Hauptresidenz der „Hofgang“ genannt wurde.

Zwischen der inneren und äußeren Stadtmauer aber lagen die sogenannten „Zwinger“, die den Bürgermeistern der Stadt zur Nutznießung überwiesen waren und schöne Gärten enthielten. Am Fronleichnamstag aber war es Jedermann gestattet, sie zu besuchen. Außerhalb der zweiten (äußeren) Stadtmauer kam ein ziemlich breiter und tiefer Stadtgraben, der immer mit fließendem Wasser aus der Isar gefüllt war; dann folgte auf einer Erhöhung die innere Straße, um welche wiederum ein Kanal gezogen war. Und von allen Thoren weg waren Alleen, von hohen italienischen Pappeln gezogen, angelegt.

Von den genannten Thoren hatte das kleinste, das Einlaßthor, für den Verkehr eine hervorragende Bedeutung. Und zwar deshalb:

Die Stadtthore wurden nämlich im Winter um 9, im Sommer um 10 Uhr geschlossen, so daß, wer später kam, nur beim sogenannten Einlaß in die Stadt gelangen konnte, wo dann für jede Person, für jedes Pferd und jeden Hund 6 Kreuzer (18 Pfennige) erlegt werden mußten. Das war die große Thorsperre und das Zeichen dazu gab das Läuten der sogenannten Sperrglocke von der Frauenkirche aus. Daneben bestand noch die kleinere, nach welcher die Thore zwar noch freigelassen, von jeder Person aber 1 Kreuzer (3 Pfennige) und von jedem Pferde 2 Kreuzer (6 Pfennige) gefordert wurden. Sie erfolgte jedesmal beim Abendgebetläuten, also zwischen halb 5 und halb 9 Uhr, je nach der Jahreszeit wechselnd.

Von der Bezahluug des Sperrkreuzers wurden indeß im Jahre 1797 die Bewohner der eben im Entstehen begriffenen Schönfeldvorstadt wie des Karlsthor-Rondels in Folge besonderer Berücksichtigung befreit, ein Jahr später aber der Sperrkreuzer unter Beibehaltung der Thorsperre gänzlich aufgehoben, als „bei wachsamer Polizei unnöthig“.

Uebrigens hatte der Eintritt in die Stadt auch bei hellem Tage seine Umständlichkeit.

Man kam zuerst an eine Barriere, deren Wache dem fremden seinen Reisepaß und sonstigen Ausweispapiere abnahm, um sie vom Wachcommandanten sorgfältig prüfen zu lassen. Dann ging’s — vorausgesetzt daß die Papiere in Ordnung befunden worden waren — über eine Brücke, unter der ein Isarkanal durchfloß, der den äußeren Wassergraben bildete. Hierauf folgte die Wachstube und das Zollhäuschen, unmittelbar dahinter ein dunkler Bogeneingang als Oeffnung des Walles, der zu beiden Seiten von Basteien flankirt war. Darauf passirte man einen zweiten Graben, den sogenannten Stadtgraben, an dessen innerer Seite sich zunächst eine niedere und weiterhin eine weit höhere Backsteinmauer erhob, zwischen denen sich die erwähnten Zwinger hinzogen.

Die Hauptthore zeigten durchgehend noch das im XIV. Jahrhundert üblich gewesene Barbakan-System: nach außen erhoben sich — wie noch heut am Isarthor ersichtlich — beiderseits hohe vier- oder sechseckige Thürme mit Schießscharten und Parapetmauern und hingen durch eine gleiche Mittelmauer zusammen, welche die erste Einfahrt und eine kleine Oeffnung für Fußgänger enthielt. Dann folgte nach etwa zehn bis zwölf Schritten ein innerer Thurm, weit über die beiden Außenthürme hinwegragend, aber von gleicher Bauweise und wie sie mit Parapetmauern schließend. Wie die äußeren Thürme mit der äußeren, so hing der innere oder Hauptthurm mit der inneren höheren Ringmauer zusammen, alle aber waren unter sich durch breite, um die ganze innere Ringmauer fortlaufende Wehrgänge verbunden und beide Mauerringe endlich von Wachthürmen mit Zinnen unterbrochen.

Die beiden Hauptgassen, welche vom Neuhauser- bis zum Isarthor und vom Schwabinger- bis zum Sendlingerthor das alte München durchschneiden, kreuzen sich auf dem Hauptplatze oder Markt und theilen es so auf’s natürlichste in vier ziemlich gleich große Theile, in das Hackenviertel zwischen dem Sendlinger- und Neuhauserthor, in das Kreuzviertel zwischen dem Neuhauser- und Schwabingerthor, in das Graggenauerviertel zwischen dem Schwabinger- und Isarthor und in das Angerviertel zwischen dem Isar- und Sendlingerthor.

Diese Viertheilung lag auch der altherkömmlichen polizeilichen Eintheilung der Stadt zu Grunde, während die Hauptabtheilung der Stadt von Ost nach West Anlaß gab, nach ihr die Grenzen der beiden Stadtsprengel zu St. Peter und U. L. Frau zu ziehen. In gleicher Weise hieß der heutige Marienplatz an seiner Südseite der Platz Petri und an der Nordseite Platz Mariä. Dieselbe Bezeichnung war im Thal üblich: man sprach vom Thal Petri und vom Thal Mariä.

Die Bauart der Wohnhäuser wich in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts von der heutigen in so weit ab, als viele derselben noch mit Giebeldächern versehen waren. Auch kam es bis in unser Jahrhundert hinein noch vor, daß an dem einen oder anderen Haus die Treppe nach dem oberen Stockwerk außen an der Straße angebracht war, insbesondere an sogenannten Herbergshäusern, deren einzelne Theile Eigenthum verschiedener Personen waren; selbst auf dem heutigen Marienplatz befand sich noch 1803 ein derartig gebautes Haus.

Dabei waren symmetrische Häuserreihen auch damals noch selten genug. Meist schienen die Häuser wie durch den Zufall zusammen getragen und nicht selten überragte das eine Nachbarhaus die Dachspitze des anderen um ein ganzes Stockwerk. Das galt namentlich von den abgelegeneren und engeren Straßen der sogenannten äußeren Stadt, d. h. der Stadttheile, welche außerhalb der älteren Thore lagen.

Gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts hatte München etwa elfhundert Häuser aufzuweisen, und darunter viele recht stattliche, so namentlich in der Theatiner-, Residenz-, Pranners- und Promenadestraße u.; diese Straßen trugen einen entschieden aristokratischen Charakter. Dort standen die Paläste der Grafen Lamberg, Rambaldi, Tauffkirchen, Spreti, Heimhausen, von der Waal, Lösch, Lodron, Larosee, Lerchenfeld, Berchem, Minucci, Waldkirch, der Freiherren von Segesser, Perglas, Hertling und Anderer vom bayerischen Adel, die wenigstens den Winter am Hofe zubrachten, wenn sie auch den Sommer über auf ihren Gütern lebten.

Boten jene Paläste durch ihre Stattlichkeit oder die Schönheit ihrer architektonischen Verhältnisse einen würdigen Anblick, so liebten es Bürger und Gemeinde schon seit alter Zeit, ihre Häuser mit nicht selten werthvollen Wandgemälden zu schmücken. So zeigte die von Peter Candid gemalte Fronte des „Claudi Cleer-Hauses“ an der Kaufingergasse in reicher Composition den Raub der Sabinerinnen und vielfache Allegorien auf den Handel, dem sich die Besitzer des Hauses seit mehr als hundert Jahren widmeten.

Joachim v. Sandrart, einer der geschätztesten Kunstschriftsteller seiner Zeit und selber ein tüchtiger Maler, schrieb über das erwähnte Bild: „Es ist von so großer Würde in seinem Wesen und an Invention und Zeichnung, auch gutem Colorit in fresco, daß die Kunstverständigen nicht ohne Ursache solches um großen Werth auf Tuch gewünschet, denn es ist gewiß, daß in Deutschland und Italien niemals auf Kalch etwas Schöneres und Ruhmwürdigeres so gemahlet zu Gesicht bekommen.“

In gleicher Weise trug die Fronte des heutigen Café Fritsch in der Kaufingerstraße ein schönes Fresco, das Opfer der hl. drei Könige.

Am Hause der Bäckenknecht-Bruderschaft im Thal sah man den Kaiser Ludwig den Bayer, wie er den Bäckern, die ihm die Ampfinger Schlacht hatten gewinnen helfen, ihre Privilegien verlieh; darunter pries eine lange Inschrift den hohen Herrn und das ehrsame Handwerk.

An der Ecke der Kaufinger- und Fürstenfeldergasse hatten die Mönche von Ettal ein gar stattliches Haus, und an dessen Vorderseite die Geschichte der Gründung ihres Klosters durch Ludwig den Bayern kunstreich auf nassen Kalk malen lassen.

An einem Hause auf dem Färbergraben war das Bild des Pater Dominicus a Jesu Maria zu sehen, mit sammt der Schlacht am weißen Berg im Jahre 1620. Daneben hielt eine Hand die Abbildung des Hauses selbst aus den Wolken mit der Unterschrift: „Betracht’s nur recht, es ist nicht dein, Und mein wird’s in die Läng’ nicht sein.“ Nicht weit davon war unter einem Maria-Hilf-bilde die Inschrift zu lesen: „Unter deinen Schutz flüchen wir“ — es war nämlich beim Anmalen der Inschrift das t hinter dem ch im Pinsel geblieben — und am „Grünen Baum“ sah man einen ganzen Altöttinger Altar. Die „schwarze Muttergottes von Altötting“ prangte unter’m Bogen des Hauptthurmes des Sendlingerthores mit der naiven Anrufung: „O Jungfrau Maria, laß nicht herein, Was dieser Stadt kann schädlich sein!“ Auch das Schwabinger-, früher Unseres Herrn Thor war mit geistlichen und weltlichen Gegenständen reich bemalt. Von den Privathäusern aber trug wohl ein gutes Drittheil den Patron in Malerei oder plastischer Arbeit an seiner Vorderseite, dem Besitzer wie den Vorübergehenden zu frommer Erbauung.

Manche Häuser wiesen Wandgemälde als Zeichen des Gewerbes ihres Besitzers: so ließen Bader an ihr Haus gerne den barmherzigen Samariter, Wirthe den Gang nach Emaus malen, und andere Bilder dienten dem mit der Kunst des Lesens nicht vertrauten Kunden anstatt der Gewerbsschilde: da kennzeichnete ein Mohr oder ein Engel die betreffende Apotheke, ein Storch das Gasthaus 2c. 2c.

Auf dem Schrannenplatze war neben dem heutigen Rathhause die Abbildung dieses nämlichen Platzes zu sehen, worauf man das Haus und das Bild daran wieder recht wohl wahrnehmen konnte, und am heutigen Gasthofe zum Oberpollinger in der Neuhausergasse sah man den Wagner von Lechhausen, der an Einem Tage das Holz zu einem Rade im Walde holte, die Messe hörte, und das fertige Rad am Abend durch das Neuhauserthor trieb.

Am oberen Anger konnten die Schwaben ihre berühmten sieben Landsleute abconterfeit sehen, und der Anblick der Hauptwache wurde noch kriegerischer durch Ignaz Günther’s Statuen des Herkules und der Bellona über dem Portal.

München hatte zwar aufgehört als Festung zu gelten, aber die Stadt gleichwohl mit wenigen Ausnahmen außerhalb ihrer Mauern ein Ende, und wie diese und ihre Thore jeden Augenblick daran mahnten, so erinnerten die alten Thore der inneren Stadt daran, wie eng ehemals deren Grenzen gezogen gewesen.

Von ihnen bot aber nur der schöne Thurm außer dem historischen noch ein ästhetisches Interesse durch die hübschen Malereien, welche auf seiner Ostseite zu sehen waren.

Vier andere Thürme genossen eines etwas zweifelhaften Rufes. Das waren der Falkenthurm als Sitz der Tortur, der Taschenthurm als Gefängniß für Verbrecher aus dem Militärstande, dann der Jungfern- und Hexenthurm. Der letztbezeichnete stand ungefähr da, wo jetzt die Maximilianstraße beginnt, zwischen dem Franziskanerkloster und dem Falkenthurm, und galt dem Volke als ehemaliges Gefängniß in den Hexenprozessen, und im Jungfernthurm, der 1804 abgebrochen wurde, sollen ehemals heimliche Einrichtungen unter Anordnung einer sogenannten eisernen Jungfrau stattgefunden haben.

Nach Westenrieder zählte München im Jahre 1782, das Lehel eingeschlossen, 1676 Wohnhäuser mit 37840 Einwohnern, doch liegt eine genaue Volkszählung aus dieser oder aus früherer Zeit nicht vor. Jedenfalls aber war eine Stadt mit einer solchen wenn auch nur annähernd bestimmten Einwohnerzahl und mit einem fürstlichen Hofe nicht den Landstädten beizuzählen. Es muß daher wohl den damaligen geringeren Ansprüchen des Publikums auf öffentlichen Comfort zugeschrieben werden, wenn noch um jene Zeit keine Tafel den Namen einer Straße anzeigte (erst 1801 wurden hölzerne Straßentafeln angeheftet), wenn die Dachrinnen, weit über die Straßen vorspringend, ihr Wasser dahin entleerten, wo das Publikum sich hin und wider bewegte, wenn auch jetzt noch, wenigstens in Seitengassen, Dünger unbeanstandet vor den Häusern gesammelt wurde, wenn bei heftigen Regengüssen die kleinen Brücken davonschwammen, welche sonst den Uebergang über die Gossen ermöglichten, und wenn die Hausnummern nicht nach Straßen und Plätzen, sondern nach der Zeit der Entstehung von Neubauten bestimmt wurden und auf diese Weise durch ganze Viertel fortliefen, so daß Nr. 20 und Nr. 138 recht wohl nebeneinander stehen konnten, und wenn weiterhin Niemand es dem Schläfflermeister übel nahm, wenn er in der engsten Straße Fässer ausspülte, daß Flamme und schwarzer stinkender Qualm den Vorübergehenden den Athem benahm. Ganz unglaublich aber mag Vielen erscheinen, daß noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der löbliche Rath ein Schwein hielt, das nur die Nächte in einem Stalle zubrachte, und den Tag über sein Futter in den Gassen der Stadt suchte und fand, und weil es zu diesem Zwecke in der Stadt herumlief, im Volksmund kurzweg die „Rennsau“ hieß.

In älterer Zeit hatte man das und Aehnliches freilich, wie wir gesehen, strenger genommen und die Schäffler und Lederer (vordem Trcher oder Tricher geheißen) aus der inneren in die äußere Stadt vertrieben, wo sie dicht an jener sich in eigenen Gassen niederließen, die noch heute nach ihnen genannt werden. Auch den Metzgern erging es gleich; im Jahre 1400 wohnte nur ein einziger Metzger in der inneren Stadt, 1432 war schon kein einziger mehr darin.

München hatte in alter Zeit nur zwei Plätze, den uralten Schrannen- und den erst 1780 entstandenen Paradeplatz und nur eine einzige Straße, die Weinstraße. Sonst gab es nur Gassen und Gäßchen, was auch der Natur der Sache ganz angemessen erscheint: denn Straßen sind eigentlich nur jene Verkehrswege, die in’s freie Feld führen, während das München der Gegenwart umgekehrt gar keine Gassen, sondern nur Straßen kennt, darunter selbst solche, die zu enge sind, um befahren werden zu können.

Manche Gassen-Bezeichnungen aus alter Zeit sind ganz verschwunden. So das „Residenzgasserl“, „auf’m Geh’m“ (an der Einfahrt in die Lederergasse), die „Schweiggasse“ (im Windenmacher-gäßchen), die Röhrenpfeifergasse, jetzt Herzogspitalstraße u. a., wie z. B. in unsern Tagen nur wenige Münchener mehr etwas vom Eiermarkt wissen dürften, oder vom „am Mauthstadel“, oder aber vom „Scharwinkel“ 2c.

München ist heute an öffentlichen Brunnen auffällig arm, und wo es einen solchen aufzuweisen hat, da gilt es als Regel, daß kein Wasser für Mensch und Thier unzugänglich ist, wie z. B. beim Brunnen vor dem Sendlingerthor und bei jenem auf dem Gärtnerplatz, der gar auf zwanzig Schritte Entfernung ringsum durch ein eisernes Gitter abgesperrt ist. Und das in unserm praktischen Jahrhundert! Nur beim „Löffelwirth“ hinter der Peterskirche mag sich ein Durstiger noch unentgeltlich durch einen Schluck köstlichen Wassers laben.

In der guten alten Zeit war das anders. Das erfahren wir unter Anderem aus einem etwa von 1620 datirenden Gedicht: „Ein schöner Lobspruch von der fürstlichen Hauptstadt München, gestellt durch Thomas Greill von Steinfels Carinthium.“ In dem heißt es von einem Bürger:
 

„Er sagt mir auch da wohlbesonnen, die Stadt hab 36 Schöpfbrunnen, welche da frei seind alle Tag, davon Jedermann schöpfen mag. Auch sieht man in der Stadt rinnen Tag und Nacht 18 Röhrbrunnen. Ein schöner Brunnen darunter, wißt, aus allen andern der schönste ist, zu oberst ein Ritter schön und jung thut mit seinem Roß einen Sprung, Aus seinem Helm springen gar hoch siebzehn Röhren, daß einer mag zählen noch. Herum auch die Heidengötter sitzen, die alle Wasser von sich spritzen. Aber in einer Summ’ allein hat der Brun 152 Röhrlein. Ihr Durchlaucht Herzog Ferdinand hat ihn machen lassen zur Hand.“

Es war das Herzog Ferdinand, der sich mit der schönen Pflegerstochter Maria von Pettenbeck von Haag vermählte und so der Stammvater der wartenbergischen Linie ward. Da er schon 1608 starb, muß der Brunnen, als ihn Thomas Greill sah, noch nicht lange gestanden haben. Was mit ihm geschah, ist unbekannt.

An die Stelle der ursprünglichen Ziehbrunnen traten später nahe an den Häusern stehende Brunnenstöcke aus Marmor mit eisernen Wagebalken, während es daneben auch noch einzelne offene Brunnen gab. Zwei solche öffentliche Springbrunnen von Holz mit einer Säule, worauf bei dem einen eine Wetterfahne, beim anderen eine Statue Neptuns angebracht war, sah man noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem heutigen Marienplatze gegen die Kaufingergasse zu; ein anderer mitten auf dem Rindermarkt, zwei beim Schönen Thurm und einen weiteren vor dem Jesuitenkloster (jetzt Akademie). Er trug auf einer Marmorsäule die Statue des hl. Johannes von Nepomuk und wurde erst im Jahre 1807 entfernt, um freien Platz zu gewinnen.

Aehnliche Brunnen befanden sich in anderen Gassen. Sie waren gegen das Jahr 1768 aus Pump- und sogenannten Galgenbrunnen in Leyerbrunnen umgewandelt worden.

Eine bedenkliche Sache waren andererseits die sich vielfach vorfindenden Kellerhälse, die noch bis ins neunzehnte Jahrhundert herein geduldet wurden und Kindern und nächtlichen Wanderern gefährlich genug werden konnten.



C.A Regnet - München in guter alter Zeit