Stadtportal zur Münchner Stadtgeschichte
Das alte München war stolz genug auf seinen Titel: „Das deutsche Rom“, wenn es sich auch mit Prag, das damals auch noch als deutsche Stadt galt, darein theilen mußte. Es zählte im Jahre 1782 nicht weniger als ein Chorherrenstift (zu U. L. Frau), 4 Pfarreien, 16 Klöster mit eben so vielen Kirchen, 5 Filialkirchen und konsekrirte Kapellen; im Ganzen einhundert und zwölf Gottes- und andere geistliche Häuser.
Dahin gehörten 1 Propst, 2 Dechanten, 4 Pfarrer, 9 Kanoniker, 24 bis 50 Kooperatoren, Kapläne, Ceremoniarii und Chorvicare, 46 Benefiziaten und präbendirte Geistliche, 7 exponirte Religiösen, 8 geistliche Schullehrer, 24 Kommendisten und Titulanten und 185 bis 190 Motivisten ohne angewiesene Verrichtung, sohin im Ganzen rund dreihundert und sechzig Personen geistlichen Standes. In den 8 Mannsklöstern lebten 9 Obere, 184 Konventuale, 85 Laienbrüder und 6 Novizen; in den 11 Frauenklöstern 10 Oberinnen, 275 Konventualinnen, 88 Laienschwestern und 20 Novizinnen.
Es befanden sich also in der Stadt fünfhundert vier und fünfzig Priester und dreihundert drei und neunzig Religiosinnen, vier Klausner ungerechnet.
Gab es nun auch im deutschen Rom keinen Papst, so besaß es doch seit dem Jahre 1733 einen Bischof, nämlich einen eigenen Hofbischof, der als Vorstand der kurfürstlichen Hofpfarrei zu St. Lorenz im Alten Hof über den Sprengel derselben bischöfliche Rechte ausübte und zugleich Großalmosenier von allen kurfürstlichen und vom Hof abhängigen Stiftungen und Almosen war. Die drei anderen Pfarrkirchen waren die von U. L. Frau, von St. Peter und die St. Michaels Hof- und Militärpfarrkirche.
Von den vierundvierzig konsekrirten Hauskapellen reichten mehrere ihrer Entstehungszeit nach in frühe Jahrhunderte zurück. So die Rehlinger- und Schlutter’sche, nachmals Sauer’sche in der Kaufingergasse vom Jahre 1452. Sie war von allen herrschaftlichen und bürgerlichen Hauskapellen die älteste. Dann kamen die Graf Hörwarth’sche, später Lerchenfeld’sche auf dem Promenadeplatz, vom Jahre 1463; die Petschner’sche, nachmals Kamel’sche am Rindermarkt Haus Nr. 8, vom Jahre 1477, welche noch besteht; die Haldenberg’sche, dann Graf Haslang’sche, vom Jahre 1482; die Kapelle im Hofseelenhause in der Prannersgasse, vom Jahre 1493; die Freiherr von Hegnenberg’sche auf dem Promenadeplatz, vom Jahre 1518; die Vendinische in der Dienersgasse, vom Jahre 1574; die Ligsalz’sche, nachmals Schildl’sche im Rosenthal, vom Jahre 1592.
Außerdem gab es noch eine Thaler’sche in der Weinstraße, bei der ein eigenes Benefizium bestand; eine Sel’sche in der Rosengasse; die Landschaftskapelle im Landschaftsgebäude auf dem Schrannenplatz; die Baron Mayer’sche in der Kaufingergasse; die Kapelle im kurfürstlichen Zeughause; die Kapelle in der Stadtschreiberei im Thal (Nr. 4), woraus der Magistrat zwölf Monatmessen und ein Benefizium zu vergeben hatte; die Backenreiter’sche in der Theatinerstraße; die Baron Ruffini’sche auf dem Rindermarkt und eine andere desselben Geschlechts in der Fürstenfeldergasse; die Graf Seinsheim’sche auf dem Promenadeplatz; die Graf Preysing’sche in der Residenzstraße; die Graf Törring’sche ebenda; die Graf Tattenbach’sche im heutigen Graf Arco-Palais in der Theatinerstraße; die Knöbl’sche in der Sendlingergasse; die Graf Zech’sche in der Prannersgasse; die Kapelle im Stadtbruderhaus auf dem Kreuz mit vier Benefizien und endlich die Falkenthurmkapelle, in welcher für zum Tode Verurtheilte die letzten drei Tage vor ihrer Hinrichtung Messen gelesen wurden, rc. rc. Außerdem gab es auch noch viele privilegirte Andachtszimmer.
Dergleichen Kapellen wurden meist von eigenen Hauskaplänen versehen und waren, die Gedächtnisstage ihrer Einweihung ausgenommen, dem Publikum nicht zugänglich. Seit dem Jahre 1790 aber durften sie nur in Nothfällen benützt werden.
Anlangend die Klöster in München, so gab es daselbst im Jahre 1782 solche der Augustiner, barmherzigen Brüder, Franziskaner, Hieronymitaner, Kapuziner, Karmeliter, Paulaner und Theatiner. Ihnen zur Seite standen die Klöster der Klarissinnen, der Salesianerinnen, der Servitinnen, der Paulanerinnen, der Karmeliterinnen, der Elisabethinerinnen, das Püttrich- und das Ridler-Regelhaus, das Nonnenkloster auf dem Lilienberg, die englischen Fräulein und die Nonnen de Notre Dame.
Die Anzahl der aufzunehmenden Mönche und Nonnen wurde vom kurfürstlichen geistlichen Rathe bestimmt und durfte kraft des vom Kurfürst Maximilian III. erlassenen sogenannten Amortisationsgesetzes keine in ein Kloster eintretende Person demselben mehr als 2000 Gulden (3428 M. 57 Pf.) zubringen. Durch das nämliche Gesetz wurde bestimmt, daß Niemand vor dem 22. Lebensjahre die ewigen Klostergelübde ablegen dürfe.
Kirchen und Klöster in München wie in Bayern überhaupt hatten sich zu allen Zeiten des wärmsten Wohlwollens und kräftigsten Schutzes der Landesherren zu erfreuen. Gleichwohl ließ bisweilen die Klosterzucht in München nicht minder als anderwärts Manches zu wünschen übrig und da war es denn der im XV. Jahrhundert lebende Abt Konrad V. (Airenfchmalz) von Tegernsee, der sich um die Erhaltung und Verbesserung der Klosterzucht in München große Verdienste erwarb. Reich an Erfahrung und von durchaus reinem Lebenswandel hatte er das volle Vertrauen Herzog Albrechts III. erworben und erhielt von diesem im Jahre 1458 den Auftrag, in allen Münchener Klöstern genaue Untersuchung anzustellen. In Folge derselben kam so viel Ungebührliches zu Tage, daß der Herzog sich veranlaßt sah, dort und da mit aller Strenge einzuschreiten.
So vertrieb er die Minoriten ganz aus ihrem Kloster und übergab dieses den Mönchen vom Orden des heil. Franziskus. Und so gefürchtet war der Abt Konrad Airenfchmalz, daß alsbald nach Beginn der von ihm im Augustinerkloster angestellten Untersuchung alle Mönche desselben sich aus dem Staube machten, so daß nach drei Tagen kein einziger mehr im Kloster zu finden war. Auch im Kloster zum heil. Jakob auf dem Anger, in welchem sich damals Nonnen des dritten Ordens aus dem Püttrich-Regelhause befanden, sah es so schlimm aus, daß sie den Auftrag erhielten, Kloster und Stadt zu räumen. Und es wäre auch dabei geblieben, hätte nicht der Bischof zu Freising bei dem Herzog warme Fürsprache eingelegt und hätten die Nonnen selber nicht reumüthig hoch und theuer Besserung angelobt.
München war bis in unser Jahrhundert herein eine streng katholische Stadt und da konnte es denn auch nicht fehlen, daß in Folge dessen das öffentliche Leben nach dieser Richtung hin ein streng charakteristisches Gepräge trug. Obenan standen die zahlreichen kirchlichen Feste, an denen sich die Bevölkerung massenhaft betheiligte.
Den ersten Platz darunter nahm die Frohnleichnams-Prozession ein, insbesondere seit die Jesuiten in München eine Niederlassung besaßen und sich der weitest gehenden Gunst des Hofes erfreuen durften. Sie waren es, die der abwechselnd von U. L. Frau und St. Peter ausgehenden Prozession einen stark theatralischen Charakter gaben. Außer einer Schaar weiß gekleideter und mit goldenen Flügeln ausgestatteter Engel sah man im Zuge auch den leibhaftigen Gottseibeiuns mit Hörnern, Schwanz und Klauen, der durch allerlei Lazzi die Andächtigen im Gebet zu stören suchte, dafür aber auf dem Schrannenplatze von den Engeln angegriffen ward und schließlich durch den Rathbogen sich in’s Thal hinab flüchtete u. s. w.
Der Zug nahm seinen Weg über den Schrannenplatz durch die Dieners- und Residenzstraße zum Schwabinger Thor hinab. Während nun daselbst der Klerus mit dem Sanctissimum in Begleitung des Hofes und der Beamten aller Branchen sich in den Zwinger hinausbegab und in demselben die ganze Stadt umschritt, um schließlich bei demselben Thore wieder in die Stadt zurückzukehren, harrten die Zünfte mit ihren Standarten am Thore und in der Schwabingergasse der Rückkehr, nicht ohne hie und da einen Abstecher nach einem benachbarten Wirthshause zu machen, Standarte, Fahne und Kerzenständer in voller Gemüthsruhe an das nächste beste Haus lehnend.
War der Zwinger, den Bürgermeistern zur Nutznießung überlassen, mit seinen freundlichen Gartenanlagen zu jeder Zeit ein gar lieblicher, heimlicher Aufenthalt, so prangte er am „großen Antlastage“ im schönsten Blumenschmucke und man wird zugeben müssen, daß der feierliche Zug durch denselben weit poetischer war, als der heutige durch die dicht gedrängten Volksmassen im Innern der Stadt. Es war gewissermaßen eine jährlich erneute Umfriedung der Stadt. Sobald der Zug durch das Thor zurückgekehrt war, setzte er sich mit dem zurückgebliebenen Theil sofort wieder in Verbindung auf dem uns wohlbekannten Weg.
Wie große Mühe und Sorgfalt auf die Inscenirung der großen Frohnleichnams-Prozession verwendet wurde, ersehen wir aus uns erhaltenen gleichzeitigen Ausschreibungen. So bestimmte eine bezügliche Vorschrift vom Jahre 1580, daß die Person Gottes des Vaters lang, gerade, stark und wohlformirt sein müsse, „fast einer solchen Gestalt, wie der alte Doctor Six seeligen Andenkens ausgesehen.“ Er mußte einen stetigen Gang an sich nehmen, wenig umsehen und nicht sauer, noch lächerlich, sondern fein sittsam aussehen. In Ansehung der Person Christi mußte man vierzehn Tage zuvor auf den Straßen, in den Kirchen u. s. w. fleißig Obacht haben, um Personen zu ersehen von gehöriger Mannslänge, nicht zu dicke, von guter gesunder Farbe, wohlgebildetem länglichtem Angesicht, ohne unförmliche Nasen, Schielen und Zahnlücken, von feinen Physiognomien, nicht langen grauen, sondern ziemlich kurzen kastanienbraunen oder doch etwas lichteren Bärten mit zwei Spitzen, auch sonst am Leibe nicht tadelhaftig, insonderheit aber sittsam und gottesfürchtig.
Die Zahl der im Zuge erscheinenden Marien betrug nicht weniger als sechzehn. Die schönste kam zuletzt, fuhr auf Gewölk und setzte den Fuß auf einen „Mondschein.“ Zum heil. Georg nahm man den schönsten und stärksten Mann der ganzen Stadt. Er hatte den die heil. Margaretha bedrohenden Lindwurm „stark und richtig zu durchbohren, daß die darin verborgene riesige Blutwurst das zuschauende Frauenzimmer selbst in den zweiten Häuserstöcken und alles Volk unter ungemeinem Hin- und Herflüchten und Gelächter mit dunklem Blute übergöße.“ Andererseits mußten die Hohenpriester Melchisedech, Aaron, Kaiphas rc. theils lange, dicke, graue Bärte, theils gar kurze Knebelbärtchen, zwei kleine Zipfel am Kinnbacken, dicke aufgeblasene Gesichter haben, auch sonst von Leib dick sein. Der Teufel spie Feuer und erhielt einen halben Gulden (86 Pf.) und Schwefel, Branntwein und Baumwolle. Und neben Adam und Eva, scheinbar nackt, fehlten auch die Götter des Olymps nicht. Die Kosten aber bestritt, wie wir aus einer noch vorhandenen Rechnung ersehen, der Rath, und sie beliefen sich im Jahre 1582 auf 797 Gulden (1366 M.), und im Jahre 1586 gar auf 1297 Gulden (2223 M.), wobei dem „Hansen Schönswetter dem langen Mann von Tiettenhausen von wegen daß er im Antlaß den Goliad gemacht gehabt, fünf Gulden“ verabreicht wurden.
Zu anderen feierlichen Straßenaufzügen gab die besondere Verehrung des Landespatrons St. Benno Anlaß, die eine große Menge von Wallfahrern nach München führte, wie schon erwähnt worden. Nicht minder war die Mariensäule auf dem Schrannenplatze das Ziel häufiger Pilgerzüge, welche unter Vortragen ungemein hoher Fahnen vom Lande her zur Stadt kamen und in der Regel vom Klerus und den zahlreichen Bruderschaften unter Läuten aller Glocken an der Burgfriedensgrenze empfangen und feierlich zur Stadt geleitet wurden. Mit absonderlichem Eifer, der freilich nicht immer in religiöser Gesinnung allein seinen Grund haben mochte, wurde in Alt-München die Kirchweihe gefeiert. Dabei aber feierte der Münchener nicht nur die Kirchweihe seiner Pfarrei, sondern auch die der benachbarten Hauskapellen, an denen, wie wir gesehen haben, nichts weniger als Mangel war. Ein Kirchweihschmauß ward gewissermaßen als Ausfluß eines wohlerworbenen Rechtes betrachtet und durfte darum nicht fehlen.
Auch manche Gebräuche des Familienlebens beruhten auf der allgemein herrschenden kirchlichen Anschauung. So brachte der Vorabend des Festes der heiligen drei Könige gar vornehme Gesellschaft. Die drei frommen Potentaten, etwas braminenhaft mit langen weißen Gewändern angethan, zogen, ein altes Lied singend, von Haus zu Haus und erhielten dafür ein angemessenes Geldgeschenk. Die spätere Polizei aber hatte keinen Sinn für diese Art von romantischer Poesie, sah vielmehr darin nur einen maskirten Bettel und vertrieb die fremden Majestäten aus den kurbayerischen Landen.
Zu Ende des vorigen Jahrhunderts finden wir in München auch noch Spuren des altherkömmlichen Eselsrittes braver und fleißiger Knaben, mit Fähnchen in der Hand, um die Pfarrkirchen. Später hat er sich ganz und gar verloren. Er erfolgte am Morgen des Palmsonntags unter großem Zudrange besonders der Jugend, und noch vor nicht langer Zeit stand im Dunkel des Langhauses der Frauenkirche der auf Rollen gestellte Langohr, der dort dazu benützt wurde.
Vierzehn Tage vor Jakobi feierte die Jugend ihr nach dem treffenden Kalenderheiligen benanntes „Gregorifest.“ Der Ursprung desselben ist in sehr alter Zeit zu suchen. Der Schauplatz war die damalige Schießstätte, auf deren Areal jetzt der Staatsbahnhof steht. Da gab es nicht blos Küchel und Hellernudel, Törtchen und Pastetchen, Gesottenes und Gebratenes, braunes und weißes Bier, Wein und Meth, sondern auch ein schönes Ringelspiel und einen vergoldeten Muschelwagen, in dem man für einen Kreuzer eine drei Minuten dauernde Fahrt durch den Anger nächst den Salzstädeln machen durfte.
Das Gregoriusfest stammt aus dem Mittelalter, hat aber mit dem großen Papst Gregor nichts gemein als den Namen, lehnt sich vielmehr wahrscheinlich an das in alter Zeit übliche Kinderfest am Gedächtnisstag der unschuldigen Kindlein an. Als später die Schule für das öffentliche Leben Bedeutung gewann, scheint die Feier auf den Anfang des Schuljahres verlegt worden zu sein und Papst Gregor paßte ganz trefflich zum Patron. Zeigte man doch noch lange die Ruthe, die er in seiner Singstunde gehandhabt. Ueber die Feier in München aber steht in der „Schuelmaisterordnung“ vom Jahre 1563 Folgendes zu lesen:
„Mit dem Gregori oder umbgeen zu St. Gregorientag soll es hinfüran noch wie vor allter her gehalten werden, und ein yedweder Schuelmaister mit seinen Kindern denselben zu einer Freid und Ergetzung züchtig umbgeen. Aber zu der Malzeit, so nach dem Umgeen gehalten worden, soll hinfüran nyemandt verpunden feyn, seine Kinder zuschicken, Sonder in eines yedweden freyen Willen steen, ob er sein Kindt bey dem Schuelmaister will essen und zeren lassen oder nit.“
Die Freuden des Weihnachtsfestes waren unsern Eltern dahier noch völlig unbekannt. Der Christbaum mit seinen flammenden Kerzen und den herzerfreuenden Geschenken darunter wurde erst viel später von den Protestanten aus dem Norden nach München gebracht. Unsere Eltern kannten nur den weit weniger poetischen Nikolaus und seinen Knecht Klaubauf. Jener im vollen bischöflichen Ornat, die Inful auf dem Haupte, den Krummstab in der Hand, dieser in Pelze vermummt, besuchten am Abend des sechsten Dezember die Kinderstuben und brachten den frommen und fleißigen Kindern Aepfel und Nüsse, den bösen und faulen aber Ruthen aus Birkenreisern. Bei Wohlhabenderen beschenkte der heilige Bischof die Kinder wohl auch mit mancherlei Spielzeug, wogegen Aermere nicht selten blos vom Klaubauf beschenkt wurden, dessen Toilette leichter beizuschaffen war.
Gleichwohl blieb Weihnachten nicht ohne eine fromme Erinnerung. Schon mehrere Wochen vorher wurden auf Bestellung die angekleideten Figuren der heiligen Familie gegen billige Entschädigung herumgetragen und von den Kindern der Besteller neugierig und andächtig zugleich angestaunt. Auch fehlte es nicht an jungen Leuten, welche als Joseph und Maria im Wechselgesänge Weihnachtslieder singend mitsammen herumzogen, worin unschwer ein Ueberrest der alten Feier der Christnacht, der „Christmetten“, zu erkennen, welcher besonders dramatische Darstellungen der Geburt Christi und der dieselbe betreffenden, von den Evangelisten erzählten Nebenumstände zu Grunde lagen. Andererseits hängt die Bedeutung des Weihnachtsfestes als Kinderfest wahrscheinlich mit der altrömischen Sitte zusammen, sich zum neuen Jahre gegenseitig zu beglückwünschen und mit Früchten, namentlich goldbeklebten Datteln und Feigen zu beschenken. Mit den römischen Legionen kam das Fest der Strena in die Provinzen, das Christenthum gab ihm sein Gepräge und der Norden that von seinem die Sonnenwende feiernden Julfeste noch den Weihnachtsbaum hinzu.
Unter den jährlich wiederkehrenden Gottesdiensten wurden namentlich die sogenannten Rorate oder Engelämter und die Oelbergandachten stark besucht. Da jene während der Adventzeit vor Weihnacht abgehalten werden und schon vor Tagesanbruch beginnen, in alter Zeit aber die Straßenbeleuchtung eine höchst mangelhafte war, so pflegten sich insbesondere Frauenspersonen auf dem Kirchenweg zusammenlegbarer Laternen aus fein gefälteltem Papier zu bedienen. Das Gleiche thaten sie bei anderen nächtlichen Gottesdiensten und führten auch sonst Kerzchen bei sich. Das fiel dem oben genannten französischen Reisenden Moncony, der doch schon so vieler Herren Länder gesehen, dergestalt auf, daß er dessen in seinem Buch in folgender Weise Erwähnung thut: „Von dar hörte ich bey den Augustinern die Messe, und merckte unter andern an, daß alle Weiber kleine Lichtgen angezündet haben, so lange sie in der Kirche sind. Die Vornehmsten brauchen dazu kleine silberne Scheeren oder Leuchter, und weil die Lichter gar kurz sind, so nehmen sie ein frisches aus dem Ermel, wenn eines abgebrandt ist. Ich hatte das zwar gestern Abend auch schon gesehen, aber vermeint es wäre deswegen geschehen, weil es albereit Nacht war.“
Und zur Vorstellung des Oelberges bei den Oelbergandachten während der Fastenzeit schickte man noch im Jahre 1599 einen Kurier um wirkliche Oelbäume und Palmen nach Mailand, wie uns eine alte Ausschreibung meldet. Dabei kam es wohl auch vor, daß zwischen den Oelbäumen und Palmen auf einer hiezu eigens aufgeschlagenen Bühne die hölzerne Gestalt Christi erschien und in Folge eines unsichtbaren Mechanismus wie von Schmerz und Angst niedergedrückt zusammenstürzte, wobei sie zur Erhöhung der dramatischen Wirkung ein blutiges Schweißtuch in den Händen hielt.
So zahlreich die Kirchen und Kapellen der Stadt waren, so genügten sie doch dem andächtigen Sinne der Münchener nicht. Sie wanderten in Schaaren in die nahegelegenen Kirchen. So zu Ostern zur St. Nikolauskapelle auf dem Gasteig; zu Pfingsten zur Kapelle des Leprosenhauses in Schwabing; in der Fastenzeit zur schmerzhaften Kapelle; in der Zeit vom 15. August bis zum 15. September, dem sogenannten Frauendreißigsten, nach Thalkirchen, wo die Grafen von Frauenberg im Jahr 1338 zur Ehre Unserer Lieben Frauen eine Kirche gebaut, weil ihnen selbe, als ihnen die Augsburger in ihrer Fehde mit den bayerischen Herzögen mit Uebermacht auf den Fersen gewesen, glücklich über den reißenden Isarstrom geholfen, und so sie und ihre Truppen gerettet, und nach dem gleich oberhalb Thalkirchen gelegenen, nach der berühmten Schweizer Wallfahrt genannten Maria Einsiedeln. Nicht minderen Zuspruchs erfreuten sich auch die Loretokapelle nächst Berg am Laim, jener in Italien nachgebildet, und die alte Kirche von Ramersdorf, auf dem Wege wohin die vierzehn Leidensstationen aufgerichtet waren. Die herbstlichen Wallfahrten dahin nahmen im Jahre 1683 ihren Anfang, verbreiteten sich auch auf andere benachbarte Kirchen und wiederholten sich von der Kirchweihe bei St. Peter um den 12. September bis zur Kirchweih bei U. L. Frau um den 22. Oktober in den St. Annakirchen in Harlaching und bei den Hieronymitanern aus dem Lehel unter dem Namen Anna-Dreißigst. Zur Erhöhung des Rufes dieser Wallfahrtsorte trugen die dortigen guten Wirthschaften nicht wenig bei, wie denn die Bratwürste von Thalkirchen und Ramersdorf noch heute geschätzt werden. In hohen Ehren stand auch die Wallfahrtskapelle in Maria Eich bei Planegg. Eine Wallfahrt dahin mit Weib und Kindern nahm einen ganzen Tag in Anspruch und kehrten die Familien meist erst des späten Abends, und in altherkömmlicher Weise mit grünem Eichenlaube geschmückt, zur Stadt zurück.
Die Einhaltung der kirchlichen Vorschriften, wie z. B. der österlichen Beicht, wurde seit Maximilian I. nicht blos von den Kirchen-, sondern selbst von den Staatsbehörden überwacht und unter Umständen deren Uebertretung mit strenger Strafe belegt. Das galt unter anderen namentlich vom Fastengebote. Bis zum Jahre 1480 aß man die ganze Fasten hindurch blos in Oel zubereitete Speisen. Erst in diesem Jahre erhielt Herzog Albrecht IV. vom Papst Sixtus IV., in Erwägung, daß in und um München keine Oelbäume wachsen, die Befreiung von Oelspeisen, und auch nachher war der Genuß von Fleischspeisen ausgeschlossen, worüber die Polizei mit Strenge wachte. So wurden im Jahre 1585 von den Richtersknechten einige Häuser zu München des Fleischessens an Fasttagen halber visitirt. Noch drastischer ist ein Beispiel aus der Zeit des hochgebildeten und aufgeklärten Kurfürsten Karl Theodor. Als Adam Weishaupt, der Gründer des Illuminaten-Ordens, im Jahre 1785 seine Stelle als Professor an der hohen Schule in Ingolstadt niedergelegt hatte und nach der freien Reichsstadt Regensburg übergesiedelt war, besuchten ihn dort der Stadt-Oberrichter Fischer, der Schulen-Inspektor Drexl, der Oberlieutenant Kaltner von München und der Freiherr von Frauenberg und aßen auf der Rückreise an einem Fasttage im Gasthause Fleisch. Die Folge davon war, daß Kaltner von München versetzt, Frauenberg unter Verlust seiner Pension als Edelknabe von der hohen Schule zu Ingolstadt weggewiesen und Fischer und Drexl ohne richterliches Urtheil ihrer Stellen entsetzt wurden.
Und diese Maßregel traf derselbe Regent, der zwei Jahre früher den Protestanten, welche in München verstarben, einen eigenen Begräbnißplatz hatte einräumen lassen, nachdem dieselben bis dorthin auf den Oedungen vor dem Sendlingerthore waren begraben worden!
Im vorigen Jahrhundert erreichte der Einfluß der Geistlichkeit auf das Familienleben den Gipfelpunkt: Priester waren nicht blos in religiösen, sondern auch in weltlichen Dingen die Berather, namentlich der weiblichen Mitglieder des Hauses, welche hinwiederum auf die Männer bestimmend einwirkten. Der Eintritt eines jungen Mannes in den geistlichen Stand ward von der ganzen Familie als die höchste Ehre und das größte Glück betrachtet und gab ihr auch in den Augen aller Anderen ein bedeutendes Relief, weshalb denn auch die Feier des ersten Meßopfers zum höchsten Feste der betheiligten Familie ward.
Dem Einflusse der Geistlichkeit ist auch die außerordentliche Menge frommer Stiftungen zuzuschreiben, welche in München von jeher gemacht wurden. Gingen doch die Landesfürsten selber darin mit glänzendem Beispiele voran. So spendeten die Herzoge Ernst und Wilhelm im XV. Jahrhundert 457 fl. (783 M. 43 Pf.); Herzog Wilhelm IV. 901 fl. (1544 M. 72 Pf.); Kurfürst Maximilian I. 757,974 fl. (1,270,714 M. 28 Pf.) ohne Kapitalsanweisung und 367,000 fl. (629,142 M. 85 Pf.) mit solcher; Kurfürst Ferdinand Maria 49,196 fl. (84,332 M. 57 Pf.) ohne und 23,000 fl. (39,428 M. 58 Pf.) mit Anweisung; Kurfürst Max Emanuel 53,000 fl. (90,379 M. 91 Pf.) ohne und 150,520 fl. (258,037 M. 29 Pf.) mit Anweisung; Kaiser Karl VII. 102,000 fl. (174,856 M. 57 Pf.) ohne und 105,125 fl. (180,012 M. 86 Pf.) mit Kapitalsanweisung; Kurfürst Maximilian Joseph III. 18,900 fl. (32,571 M. 72 Pf.) ohne und 2000 fl. (3428 M. 57 Pf.) mit Anweisung für fromme und Wohlthätigkeitsstiftungen. Leider läßt sich die Summe der von Albrecht V. und Wilhelm V. gereichten enormen Stiftungskapitalien jetzt nicht mehr feststellen, da namentlich Letzterer bei manchen Stiftungen seinen Namen nicht veröffentlichen ließ. Uebrigens ist dabei der frühere Geldwerth wohl in’s Auge zu fassen.
Wenn die Bayern und die Münchener insbesondere von religiöser Gesinnung waren, so hatte ihnen das Beispiel ihrer Fürsten von jeher darin vorgeleuchtet. Wir wissen von der tiefen Religiosität des großen Kaisers Ludwig, und wissen, wie Herzog Albrecht III. in seinen alten Tagen mehr als Mönch denn als Fürst lebte, wie Herzog Wilhelm IV. mit Papst Hadrian VI. ein Bündniß schloß, welches der römischen Kurie für immer die Unterstützung Bayerns gegen den neuen Glauben, Bayern aber den fünften Theil der Einkünfte sämmtlicher bayerischen Abteien und den nachgeborenen Prinzen die bayerischen, westphälischen und rheinischen Bisthümer zusicherte. Sein Festhalten am alten Glauben trug ihm den Namen des Standhaften ein und seinen Sohn und Nachfolger Wilhelm V. nennt die Geschichte den Frommen. Und daß es im Süden Deutschlands noch Katholiken gibt, ist hauptsächlich dem großen Kurfürsten Maximilian I. zu verdanken, der sofort nach seinem Regierungsantritte mit seiner Gemahlin nach Altötting wallfahrtete und beständig in einem Kästchen härene Seile, eiserne stachelige Ketten und eine Geisel mit sich führte, um sich damit zu kasteien. Sein Sohn Ferdinand Maria aber lebte die drei letzten Jahre vor seinem Tode in der Klause zu Schleißheim.
Und so war es denn ganz natürlich, daß das kirchliche Element das öffentliche und häusliche durchgehends durchdrang.