Stadtportal zur Münchner Stadtgeschichte
Aus Lewalds „Panorama von München“ (1835)
Nun zur Schranne, wie sie ist! In der Mitte des eigentlichen Münchens, das einen Kern wie andere Städte bildet, befindet sich ein nicht eben regelmäßiger, aber recht hübscher Platz. Ringsumher ziehen sich, nach oberitalienischer Sitte, Bogen oder sogenannte Lauben an den Häusern hin, worin Laden an Laden sich reiht und eine Menge der verschiedenartigsten Gegenstände feilgehalten wird.
Zu den eigentümlichsten Bewohnern dieser Läden sind die „Priechler“ zu zählen, welche mit Barchent oder Leinwand handeln, und die „Käskäufler“, worin wir neben angeschnittenen Käsen von penetrantem Geruche allerlei Gegenstände des Luxus antreffen. Das seidene Tuch hängt neben dem zarten Limburger, das Rosenband neben dem duftigen Jochberger; ein zierliches Kleid, das Angebinde zum Namenstage, liegt in trauter Nachbarschaft eines gemütlichen Emmentalers.
Ich habe nie von diesen Waren gekauft, die größtenteils auf den Geschmack der Schrannenbesucher berechnet sind, und kann daher nicht von der Erhöhung des Eindrucks urteilen, den die aromatische Beigabe dem Geschenke zu verleihen imstande ist. Diese Läden, die in ihrem innersten Schoße auch oft noch Sauerkraut bergen, machen sich jedoch in weiterer Ferne schon bemerkbar und ziehen die Aufmerksamkeit einer unbefangenen, diesen Sitten fremden Nase frühzeitig genug auf sich.
Am unteren Ende des Platzes liegt das unförmliche Rathaus, dessen hinterer Flügel noch der Burg angehört haben soll, die Heinrich der Löwe hier erbaute. Ein in Stein gehauener Löwe, der aussieht, als wenn er zu viel gegessen hätte und an Übelkeiten leidet, wird für ein Wahrzeichen der Stadt gehalten.
Zunächst vor dem Rathause liegt eine engere Ausmündung des Platzes, der Eiermarkt geheißen, und hier prangt ein großes Bild, vorstellend St. Onuphrius, zu öftern Malen renoviert und ebenfalls ein Wahrzeichen der Stadt. An der Seite liegt das Regierungsgebäude des Isarkreises und am oberen Ende die Hauptwache.
Fünf bedeutende Straßen – Diener-, Wein-, Kaufinger-, Rosen- und Talstraße – laufen auf diesen Platz aus und dazu noch einige Steige und Durchgänge. Das Rathaus hat einen unbedeutenden Turm, aber der schönere Turm von St. Peter, sowie der von der Heilig-Geist-Kirche schauen von Südost über die Häuser des Platzes; nach Nordwest erblickt man das erhabene Zwillingspaar der Frauenkirche. In der Mitte steht eine rote Marmorsäule, worauf das Standbild einer Maria als Patrona Bavariae in Golderz prangt.
Die ganze Woche hindurch zeigt sich nichts Auffallendes und, Wachtparade und Zapfenstreich ausgenommen, auch nichts Lärmendes. Mit dem Freitag beginnt jedoch ein neues Leben. Die Fiaker, die gewöhnlich unterhalb der Mariensäule halten, erscheinen nicht; dafür aber langen vierspännige Bauernwagen an, von denen Getreidesäcke abgeladen werden, die man in Gassen oder Vierecken auf dem Platze, bis in die angrenzenden, zum Teil sehr engen Straßen aufstellt.
Viele Leute sind dabei behilflich, und es werden die gern gehörten Töne des lautschallenden, breiten Gebirgsidioms vernommen. Wer am Freitag abends den Platz wieder sieht, den er etwa am Donnerstag verlassen, erstaunt über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen, und glaubt sich in eine kleine Landstadt, wo eben Markt gehalten wird, versetzt.
Eine neue Bevölkerung treibt sich dort zwischen den Gassen der Säcke umher, die zum Schutze gegen die Witterung mit Brettern belegt sind, und die ursprünglichen Bewohner, die sonst ehrbar still, unaufmerksam und keine Käufer erwartend in ihren engen Behältern bei der ausgeschichteten Ware sitzen, rufen jetzt jedem Vorübergehenden zu, blicken mutig fragend, unternehmend aus freundlichen Augen; die Waren sind sorgfältiger ausgelegt, der Käse riecht stärker, das Sauerkraut wirkt harmonischer ein.
Alles deutet darauf hin, daß die Zeit der Lese da ist, die Wochenmesse, gleich dem Moment der Étrennes für die Kaufleute des Palais-Royal.
Doch ist dies nur ein Vorspiel zum Sonnabend, der eigentlichen Getreidebörse. Mit Tagesanbruch ziehen dann rüstige Pferde neue Vorräte herbei. Alles wird lärmender, geräuschvoller und nimmt dabei einen ernsteren Charakter an. Man sieht, daß es sich hier um den höchsten Preis und schnellsten Absatz handelt, und jeder ist bemüht, dahin zu gelangen.
Die Oberländer mit den spitzen Hüten und der knappen Gebirgstracht, die Oberländerinnen mit den hochgepolsterten Schultern und den langen Röcken, nehmen die ersten Plätze ein; dazwischen bewegen sich schnell, mit vorgekrümmtem Oberleibe und hin und her schlagenden, weiten Röcken die Mädchen vom Unterlande in ihrer seltsamen Tracht, im kurzen Kotillon, dem Mieder von Band und Tressen, dem Janker darüber von buntem Kattun, mit dem Rücken von weißer Leinwand und der enganliegenden schwarzen Spitzenhaube.
Am frühen Morgen kommen die Käufer: Bäcker, Melber (Mehlhändler) und Brauer, und alles ist in vollem Gange. Hier wird ein Handel geschlossen, dort werden Säcke geöffnet und Proben besehen; hier wird gemessen, dort ausgeladen.
Die Müller mit ihren schweren Wagen und starken Rossen haben sich auch eingestellt, um das Erkaufte sogleich in Mehl zu verwandeln. Das Messen besorgen eigene alte Weiber, die mit großer Geschäftigkeit hin und herlaufen und mit dem Streichholz über den Scheffel fahren, daß das liebe Gut von allen Seiten reichlich zu Boden fällt.
Auf eine Handvoll Getreide kommt es in diesem kornreichen Lande nicht an; wie vorsichtig gehen andere Nationen hingegen bei dem Kornmessen zu Werke, z. B. die Italiener, welche tun, als ob sie Gold vor sich haben.
Der Markt wird immer belebter, alles kauft, alles treibt sich umher. Wagen und Rosse erregen Verwirrung im Gedränge, die alten Weiber werden auf dreißig Punkten zugleich gerufen; der Platz ist fast nicht mehr zu passieren.
So naht die Mittagsstunde, und mit ihr erscheint der Geschäftsführer der Pschorrschen Bräuhäuser. Er beginnt seine Einkäufe zu machen, und bald sieht man nur noch die Säcke mit der Aufschrift „Pschorrsches Bräuhaus“ oder mit zwei Hacken oder Beilen, welches das Sinnbild des zweiten Pschorrschen Etablissements „Zum Hackerbräu“ ist, den Platz bedecken.
Der Markt ist beendet; die Säcke werden nach und nach aufgeladen; die Messer und Arbeiter halten stehend oder auf den Säcken sitzend ihr Mittagsmahl mit Brot und Bier, und die aufziehende Wachtparade kommt still und ohne Musik und stellt sich seitwärts in der Kaufingerstraße auf, um die Bauernschranne nicht zu stören.
Wen nicht eben sein Weg über den Platz führt, vermeidet ihn gern, denn Pferde, Säcke, Wagen und Menschen drohen Gefahr, und man kann gestoßen, gequetscht, geschlagen, getreten, wohl gar gerädert werden.
Nach und nach schweigt der Lärm, die Bauern haben die übriggebliebenen, die Käufer die erkauften Säcke fortgefahren, und die Messer beginnen nun ihr stilleres Werk. Der Platz wird gefegt und die ansehnliche Menge des überall verschütteten Getreides gesiebt und in Säcke geworfen. Dies ist der Profit der Messer, die deshalb eigens angewiesene Reviere haben, die sie nicht überschreiten dürfen.
Zwischen vier und fünf Uhr nachmittags ist alles leer, und die Fiaker halten darauf wieder siegend ihren Einzug.