Sütterlin Lernprogramm

Der 2. Februar 1871

Aus der Siegesstimmung nach der Einnahme von Paris schrieb der Dichter Karl Stieler folgendes Stimmungsbild, das später in das von Ratzel herausgegebene Sammelbuch seiner Zeitaufsätze „Durch Krieg zum Frieden" überging:

Wir haben München oft im Festkleide gesehen, im Lichterschmuck und mit wehenden Wimpeln, aber das alles war doch so grundverschieden von gestern. Wenn sich damals die Dächer mit Fahnen schmückten, so lag etwas Phantasievolles, etwas harmlos Heiteres darin, das unser eisernes Geschlecht beinahe vergessen hat.

Wir erinnern nur an die glänzenden Feste, welche vor Jahren die Künstler gaben. Die Züge der Stadt hatten in jenen Tagen noch etwas Sinniges und Mildes. Es war mehr die gedachte als die wirkliche Welt, der sich die geistigen Kräfte zuwandten, es war eine Zeit, die ohne Kämpfe lebte. Allein schon seit dem Jahre 1848 war das geniale Element in München mehr und mehr dem kritischen gewichen; ein unbewusster Zug drängte uns auf das Positive. Die Wissenschaft ward mächtiger als die Kunst, wenn auch noch niemand es wagte, mit der Summe von geistiger Kraft, von Scharfsinn und Initiative die großen politischen Fragen aufzugreifen.

Das war erst jener unverhofften drangvollen Epoche beschieden, die mit dem Jahr 1866 uns überkam. Von da an ward München eine politische Stadt. Der deutsche Gedanke war lebendig geworden, und all die grübelnden Geister stürzten sich über ihn her, die einen, um ihn hoch auf den Schild zu heben, die anderen, um ihn mit Füßen zu treten; der Kampf des Partikularismus gegen die Idee des einigen Deutschlands begann. Wir alle wissen, dass dieser Kampf sich in Bayern potenzierte, München aber war gewissermaßen das Hauptquartier der liberalen Bewegung; und wenn wir gegenwärtig einen doppelten Sieg feiern, den Triumph unserer Waffen, welche die Eintracht stark gemacht, und den Triumph des neu erstandenen Reichs, dann muss uns in München, in der eigentlichen Kampfesstätte des Südens, dieser Sieg doppelt zu Herzen gehen.

Das war die Idee, welche dem gestrigen Feste zugrunde lag, und das Viktoria-Schießen, womit dasselbe begann, galt uns im vollsten Sinne des Worts. Jeder Schuss verkündete ja mit dröhnender Stimme, dass der Kampf einer antinationalen Partei nun durch den Sieg der deutschen Sache für immer überwunden ist, dass sich das Recht den Frieden erzwungen hat.

In der Mittagsstunde ward mit sämtlichen Glocken der Stadt, wohl mehr als hundert, geläutet. Kein Ton wölbt sich so unermesslich ins Weite, keiner bietet so vollen Raum, um gleichsam die Gedanken von Hunderttausenden aufzunehmen und einzuschließen, wie der Glockenton; es ist die einzige Stimme, welche dem Masseneindruck vollendeten Ausdruck gibt. Breit und gewaltig wogten die Klänge über dem geschmückten Häusermeer, ein Nachklang von jener Andacht lag darin, mit der wir einst in den Krieg zogen.

An dem Festmahl, das im Saale der „Vier Jahreszeiten" stattfand, nahmen fast sämtliche politischen und wissenschaftlichen Größen teil; die besten Namen unserer Deputierten, der Universität und der Künstlerschaft führten dabei das Wort. Wir nennen von den Rednern Erhardt und Stauffenberg, Giesebrecht und Adolf Wilbrandt, dessen feiner, feuriger Geist auch hier das Lob der Meisterschaft gewann. Alle Seiten des deutschen Wesens, welche in diesem Riesenkampf bedeutungsvoll hervortraten, fanden ihr Verständnis und ihren Vertreter, und noch hat es keine Gefahr, dass die reiche Gliederung unseres nationalen Lebens von der Schablone überwältigt wird.

Den Glanzpunkt des Festes bildete indessen die Illumination des Abends. Schon bald nach sechs Uhr füllten sich die unabsehbaren Fensterreihen mit den ersten Lichtern, und ehe es sieben Uhr schlug, war die gesamte Stadt hell wie am Tage. Tausende von Flaggen regten sich in der leisbewegten Luft, die meisten Häuser hatte man mit Tannengrün oder mit buntem Gehäng verziert, und die langen glänzenden Girlanden schlangen sich von einer Fassade zur andern. Mehr und mehr füllten sich die Straßen. Wie die Wogen zur Zeit der Flut emporsteigen, so sah man das Gewoge der Massen höher und höher werden, man darf wohl sagen, dass hunderttausend Menschen um die Wege waren. Dazwischen unermessliche Wagenreihen, langsam vorwärts rückend, mehr getragen als tragend, Omnibusse mit bunten Flaggen und turmhoch beladen, überall Jubel und Begeisterung.

Die mächtigen Schatten- und Lichtreflexe, der Wiederschein der feuchten, durchsichtigen Nebelluft, aus der sich die großen architektonischen Massen abhoben, waren von unvergleichlicher Wirkung. Viele der Häuser trugen reichen Bilderschmuck oder geschmackvoll ausgerichtete Trophäen; an andern sah man in Flammenschrift manches ernste Wort. Auf den farbigen Schildern, auf denen die gewonnenen Schlachten verzeichnet standen, begegnete man lauter Namen, unter denen Hekatomben des edelsten Blutes liegen, deren Klang uns ins tiefste Herz greift. Prunkvoll waren die Gebäude der Bank und der Post, die Paläste des Herzogs Maximilian und des Freiherrn von Eichthal dekoriert; als eigentliches Zentrum der Effekte aber muss der Platz an der Feldherrnhalle gelten. Der Bau, nach florentinischem Muster entworfen, war zur Aufnahme eines Riesentransparents vorzüglich geeignet; hier glänzte die ungeheure goldene Krone, und unter ihren Reifen verkündeten brennende Lettern ein Hoch dem deutschgesinnten König.

Zu beiden Seiten aber sah man in die Tiefe der lichterhellten Straßen bis an den Marien- und den Max-Josephs-Platz, von dem sich der Festzug langsam heranbewegte. Die Musik, welche ihn begleitete, spielte das Lieblingslied des deutschen Krieges, und hinter den Bannerträgern kam auf breitem, sechsspännigem Wagen das riesige Standbild der „Germania" mit ernsten Zügen und mit gesenktem Schwert. Grenzenloser Jubel scholl durch die Menge; mit leuchtenden Augen blickten die Knaben empor zu der strengen, heldenhaften Gestalt. Ich sah, wie die Väter sie ihren Kindern zeigten und sie ermahnten, dass sie mit grauen Haaren einst dieses Tages gedenken sollten, wenn sie allein von den jetzt Lebenden noch leben. Welch ungeheure Gewalt ist doch mit einem Mal in den Gedanken an das große, einige Vaterland gekommen; die Ehrfurcht und Liebe desselben ist nahezu ein Teil der Religion geworden, jener religio wenigstens, welche die antike Welt von dem sittlichen Menschen forderte. Das arme, vielzerrissene und geknechtete Deutschland, das Aschenbrödel unter den Nationen, ist nun mit einem Male zur Königin geworden und zieht im Triumphzuge durch alle Weltteile.

Die gutmütige Sinnesart der süddeutschen Stämme trat auch hier deutlich ans Licht; wer nicht auf der Höhe des Verständnisses stand, der sah wenigstens mit treuherziger Freude den Eindruck und die Ergriffenheit der anderen. Wenn je ein kritisches Wort fiel, so klang es nicht spottend oder neidisch, sondern es war nur jenes harmlos treffende Witzwort, das für den Altbayern so charakteristisch ist und seinen Festen ihr lokales Gepräge gibt.

Wo sich der Wagen des Königs zeigte, welcher an der Seite seiner Mutter durch die Straßen fuhr, da begrüßten ihn die herzlichsten und ungeteiltesten Sympathien, da empfing er Dank für den edlen Dienst, welchen er der deutschen Sache geleistet hatte.

So verlief die Feier des Abends würdevoll und erhaben. Kein wilder Jubel scholl durch die Luft, kein Triumphgeschrei, das sich am Schaden des Feindes weidet; die Franzosen haben sicherlich mehr Lärm gemacht über die „Einnahme von Saarbrücken" als wir über die Einnahme von Paris. Nicht die Summe von Musik und Spektakel, von Lichtern und Kosten ist es, die ein Fest zum Feste macht, wenn ihm der innerliche Inhalt fehlt, wenn alles auf der Oberfläche dieses Wortes haftet und nicht auf dem Grunde desselben. Was der gegenwärtigen Feier ihre Bedeutung lieh, das war ihre innerliche Begründung in der Seele des Volkes; und was ihr Wert gab, das war die Allgemeinheit des Gedankens, den sie vertrat.



Wolf - Ein Jahrhundert München