Stadtportal zur Münchner Stadtgeschichte
In der Nähe des „Grünen Baumes“, aber jenseits der Isar, am Eingange in die Vorstadt Au, steht ein sehr unansehnlicher Thespiskarren, ich meine das königlich privilegierte Sommertheater des Herrn Schweiger.
Ihm, der einst seine Bretterbude vor dem Karlstor aufgeschlagen hatte, ist nunmehr zu seinem Schauspiel die Stadt verpönt; ja eine Zeitlang, unter einer unglaublich eifersüchtigen Hoftheaterintendanz, durfte er gar nicht spielen. Als ihm die Erlaubnis allergnädigst wieder zuteil ward, errichtete er seine Bühne auf dem Prater, aber der Ort war zu entlegen, hierauf da, wo sie gegenwärtig steht.
Schweigers Theater ist im Munde der Münchner unter der Benennung „Lipperltheater“ noch immer geläufiger. Es ist die alte Verlassenschaft Lorenzonis, der anfangs nur während der Sommerdult (Messe) sechs Wochen lang, zuerst auf dem Anger, von 1797 an aber auf dem freien Platze vor dem Karlstor, zunächst der viel später erbauten protestantischen Kirche, extemporierte Stücke, die sogenannte Kreuzerkomödie, aufführte und seine allgemein ergötzlichen Lazzi machte.
Von Lorenzoni, bei seinem Tode Stifter eines gedeihlichen, noch bestehenden Armen- und Spinnhauses auf dem Anger, ging die Bühne auf dessen als Possenreißer nicht minder beliebten Schwiegersohn Schweiger, den Vater des jetzigen Theaterunternehmers, über.
Lipperl (Philipperl) war der Ausdruck der neu-originalen Komik, gleichwie in Wien ein Kasperl figurierte. Er machte den gröberen, zotigeren Hanswurst und Pickelhäring mit der Pritsche vergessen, und noch heutzutage besteht diese trockene Art, auf die Lachmuskeln zu wirken, fort.
Der Hanswurst war um vieles aktiver, er attackierte die Personen; Lipperl, wie heutzutage Damian Stützel, ließ sie beiseite. Seine Mimik gefiel sich darin, in allen Schick- und Drangsalen sich immer gleich zu bleiben.
Lipperl erscheint aber nicht mehr. Die Kreuzerkomödie, wobei nämlich für jeden, in der Regel halbstündigen Akt ein Kreuzer bezahlt und nach jedem Aufzug der ganze hölzerne Theaterraum geleert wurde, hat sich im Sommertheater gleichfalls in für das Ganze fixierte Preise umgewandelt.
Die neuen Wiener Possen und Parodien ersetzten die extemporierten Stücke, und z. B. „Lumpaci Vagabundus“ war hier recht zu Haus.
Schweigers Schauspielpersonal muß auch singen können; dafür steht aber auch der Name eines jeden Statisten und Choristen auf dem Zettel. Der Mann selbst kämpft fortwährend mit des Lebens Mühen. Vom Oktober bis zum Wonnemonat bleibt sein Thespiskasten in jedem Jahre geschlossen; er hat für beinahe dreißig Individuen der Bühne und für zwölf des Orchesters die Gagen aufzutreiben.
Die Beleuchtung kostet ihm wenig, da nur eine äußerst spärliche vorhanden ist. Aber da der Bewohner der Residenz und auch der heitere Reisende nur zum Spaß und Zeitvertreib Schweigers Bude besucht, so braucht er notwendig einen entsprechenden Komiker, der ihm so häufig mangelt.
Ritter- und Gespensterdramen haben ihr eigenes Publikum; das läuft aus den Vorstädten zusammen, allein es füllt nur den letzten und höchstens den dritten (6 und 12 Kreuzer) Platz, und die besseren Einnahmen werden ihm dadurch entgehen.
Aber das Spiel ist nicht zu reden; in ernsten Dramen sind diese Komödianten, wie sie nicht sein sollen; sie haben alle Fehler von Hamlets Luftseglern.
(Münchner Hundert und Eins.)
Die Schweigerschen Theater in der Au und in der Isarvorstadt bestanden bis in die 1860er Jahre herein. Erst da konnten sie der Konkurrenz des 1864 gegründeten Volkstheaters am Gärtnerplatz nicht mehr Widerstand leisten. Sie wurden aufgehoben und die Familie Schweiger mit einer Pension abgefunden. Daneben bestand in einer Bretterbude des Gasthofs zur Leopoldstadt an der Senefelderstraße das Bintzersche Volkstheater, das später von Franz Hilpert in die Westendhalle an der Josephspitalstraße übergeführt wurde. Aus diesem Unternehmen erwuchs das heutige Münchner Volkstheater.