Am Markt- oder Marienplatz zu München
Nun hätt ich einen Sinn, vom Markt- oder, wie wir ihn heutzutage nennen, dem Marienplatz, mit euch zu plaudern.
Wollte nun da einer berichten, was sich auf demselben alles zugetragen, und ob er auch nur den hundertsten Teil hernähme, würde er gar nimmer fertig werden. Denn das ist weiters eine Zeit von Heinrich dem Löwen an bis zu uns herauf. Das sind siebenhundert Jahre (bis 1858 gerechnet).
Es ist also nur, daß man davon spricht, und da weiß mancher auch schon Bericht.
Zuvörderst also, daß der Kaiser Ludwig der Bayer dem kleinen und großen Platz Gestalt und bleibende Grenzen setzte. Nächst, daß da auf dem kleinen, oder dem Eiermarkt, die Bart, die Nidler, die Leupold, die Schrenk und andere ihre Häuser hatten – auf dem großen die Drächsel, die Ligsalz, die Tichtl, ganz früh schon die Gollier und wieder andere. Auch daß die Letzteren, deren Häuser zur Linken gegen die Rosengasse zu befindlich, ein Kirchlein auf dem Platz stehen hatten. Das hieß „Zu Allerheiligen“.
Wieder weiß jeder, daß die Bögen auf der St.-Peters-Seite die finsteren heißen, die drüben aber die hellen; dann, daß hinterm Fischbrunnen die Bürgertrinkstube war und unterhalb an der Weinstraße das Lindwurm-Eck ist.
Was die Mariensäule anbetrifft, weiß eben wieder jedweder, weshalb und wann und von wem sie errichtet ward, nämlich vom Kurfürst Maximilian anno domini 1638, weil die Stadt München von Einäscherung und sonstigem zu großem Mißgeschick im Dreißigjährigen Krieg bis dahin befreit geblieben war; desgleichen, daß von des Maximilians Zeiten bis weit zu uns herauf an dieser Säule alljährlich das Andenken der Schlacht am Weißen Berg bei Prag gefeiert ward und wie da gar viele Menschen, hoch und nieder, auch zu anderer Frist eifrig beteten.
All das ist wohlbekannt – und minder nicht, daß das eine Eck der Dienergasse die alte Landschaft, das andere der Weinstadel war. Vom gefährlichen Gantstuhl vor der Trinkstube, und daß darauf die Häuser derer verrufen werden, so die ewige Geldgilt nicht entrichten können, will keiner Kunde haben; vom Strafesel auf dem Platz drüben, darauf leichtsinnige Gesellen reiten mußten, auch nicht.
Nur noch von einem zu reden – vom Rathaus: Daß da in alten Zeiten manche Landesangelegenheiten, desgleichen solche der Stadt ausgefochten wurden, das Volk zusammenkam und hinwieder manches Bankett gehalten wurde. Die Brautleute, zumal mit viel Glanz die Reicheren und Fürnehmeren, taten im großen Saal ihren Ehrentanz, wie denn der Saal auch das Stadt-Tanzhaus genannt ward, wenn sich’s um etwas Frohes der Art handelte, und da gab’s dann zu Zeiten auch allerlei lustigen Mummenschanz, wie etwa zu Zeiten des Herzogs Christoph. Zu dessen Erinnerung ließ man ihrer eine Zahl Schalksnarren schnitzen, die da viel Kurzweil bereitet hatten, und stellte sie oben zu zwei Seiten des Saales an die Wand. Da stehen sie noch.
Item. Das und noch dies und jenes ist jedem zu München wohl bekannt, und wenn er in Sachen des Platzes selbst flüchtig daran denkt, wieviel feierliche Prozessionen da schon entlangzogen, was es da etwa Brautzüge gab, was da Fürsten darüber hinwegritten und -schritten, nächst Heerführer, große Gelehrte, weltliche oder geistliche – und wenn er andererseits die Schreckenszeiten der Pest und des schwarzen Todes erwägt und wie’s auf demselbigen Platz ausgesehen haben mag – da hat er schon bunterlei genug vor Augen, und je nachdem er sich mehr an das eine oder andere hält, tritt ihm ein frohes oder düsteres Bild entgegen.
Hie und da liegt dann etwas wundersam Überraschendes darin, wenn aus dem Dunkel längst vergangener Jahrhunderte eine oder ein paar einzelne Gestalten auftauchen, die da etwas tun oder sprechen und von welchen man von früher her nichts weiß – und von später dann auch nicht.
Wie gesagt, da zeigen sie sich urplötzlich für einmal – und sogleich darauf verschwinden sie für stets wie in einsinkender Nacht.
Solch eine Kunde ist gleich die aus recht alter Zeit von einem Ritter. Der hieß Hächsenacker. „Selbiger trat von St. Peter herfür“, heißt es, „und mit ime sein Feind. Die hatten lang Widerspiel gepflegt und wollten dasselbe zu End führen. Und hoben ihre Schwerter auf und schlugen aufeinander, bis des Hächsenackers Feind fiel –“ und dann kommt nichts mehr, und verlautet hier zu München kein Wörtlein mehr von der Sache.
Solcher Vorfälle gab’s auf dem Platz noch mehrere und finden sich mehr oder weniger Worte beigesetzt.
So weiß man von anno domini 1398, daß da zwei Münchner turnierten – der eine namens Weindl Gewolf, der andere hieß Heinrich von Sentlingen – und waren ihrer noch mehr Kämpfer da.
Sechs Jahre später fand ein größeres Turnier statt, dabei sich sonderlich zwei hervortaten, wieder der Weindl Gewolf und der Habsberger.
Dreiundzwanzig Jahre darauf kam’s aufs neue zu einem Turnier. Auf dem stach unter anderem einer des Namens Keunzelmann. Der war von Augsburg, stach mit dem Püttrich von hier, und da weiß man, daß der Püttrich den Sieg davontrug – weiter verlautet vom ganzen Turnei nichts.
Aber von etwas anderem steht geschrieben, nämlich, daß die wohlweisen Ratsherren von München naß wurden. Das war so:
Als das Turnei und dann das Bankett auf dem Rathaus zu Ende war, beschlossen die Kampfhelden nächsten Tags ins Gejaid zu reiten, draußen im Forst über Sendling hinweg. Dazu wurden die Ratsherren geladen. Weil sie aber keine gewohnten Reiter waren, fuhren sie auf zwei offenen Klepperwägen hinaus, und dazu schien die Sonne ganz freudiglich hernieder. Und fiel die Beute trefflich, daß männiglich seine Freud daran hatte.
Über eins tat sich der Himmel mit Wolken an, und ehe sich einer versah, kam es zu einem Platzregen und schier einem Wolkenbruch, daß dann die Ratsherren vermeinten, sie müßten ertrinken. Die wollten doch von vielem Wasser nichts wissen. Nun kam es dazu wohl nicht, aber daß sie doch fast naß wurden.
Aufs weitere erhob sich noch eine gewaltige Windsbraut und riß ihnen ihre Hüte und Baretts von den Köpfen, also daß sie triefend, ganz versierter Antlitz und ansehnlich zerrauften Haarwerks in die lobsame Stadt München zurückkehrten und einzogen. Waren auch im Wald des Platzregens und Unwetters wegen um ihr Mahl gekommen und hatten Lust genug um einen Letz und Magenstärkung, da sie dann schier kurze Frist säumten, sich ins Trockene zu gewanden und das Ermangelte in der Herrentrinkstube einzuholen, und sie dann von den Turnierern und Jagdgenossen baß getröstet und jedwedem für erlittene Unbill und ungewohnte Magenschwäch ein tapferes Stück Wildbret verehrt ward.
So ist’s vor fünfhundert Jahren mit den wohlweisen Ratsherren ergangen, und traf bei der und jener Gelegenheit noch gar manches zu, was gegen gewohnt ehrenfeste Gehaben und jederzeit streng eingehaltenes Decorum ging.
Das schadete ihnen aber nie etwas und litt ihre Wohlweisheit und Ehrwürdigkeit nicht im geringsten, wenn sie auch dann und wann in Abenteuer kamen wie beim Gejaid nach demselbigen Turnei oder was sonst eintraf.