Blatt 52
„Gegenwärtiger Kupferstich stellt den Wasserthurm vor, welcher zwischen dem Hofgarten und dem englischen Garten steht.
A. Das Brunnhaus
Dieses Brunnhaus steht aller Wahrscheinlichkeit nach so lange, als der Hofgarten steht. Die Maschinen dieses Brunnhauses werden von einem Wasserkanale getrieben, der aus dem an der churfürstlichen Residenz vorüberlaufenden Stadtgraben einfließt, unter dem Hofgarten bis zum Brunnhause durchläuft und dann in den Kegel- und Kainzmüllerbach wieder abläuft.
Das Wasser, welches die Werke dieses Brunnhauses einsaugen und aufwärts in die Reserven treiben, befindet sich in einem unferne des Thurmes sehr tief gegrabenen Griesbrunnen, der immer 7 bis 8 Schuhe tief Wasser hat, und ist sehr helle und angenehm zu trinken.
Die Maschinen dieses Brunnwerkes werden gegenwärtig nach der Anleitung des churfürstl. Landes-Direktionsrathes und Maschinen-Direktors Hrn. Baader, statt mit Kurben, mit ganz eisernen Zykloidscheiben durch den Hofbrunnenmeister Maier sehr zweckmäßig hergestellt, und werden oben das Wasser in die Reserven aus 2 Mündungen getrieben, deren jede $2 frac{1}{2}$ Zoll im Durchmesser hat.
B. Das Wohnhaus
Das bey diesem Brunnhause befindliche Wohnhaus war ehedem das Gießhaus für die bleyernen Teicheln (Wasserleitungsrohre). Jetzt wird es durch den Zimmermann und churfürstl. Hofbrunnknecht bewohnt, der die Aufsicht auf diesen Wasserthurm hat. Das Haus hat ein Gärtchen, einen Keller und Retiraden, und unten eine Werkstätte zur Verfertigung verschiedener nothwendiger Maschinen, welche mit einem Ofen versehen ist und Winterszeit dazu dienen muß, 18 Mann von der Eiswache darinn unterzubringen.
C. Wege und Veränderungen
Seit der Herstellung des englischen Gartens ging von dem Hofgartenthore, welches neben der altmütterischen Seidenfabrike steht, zwischen dem Hofgarten-Weyher rechts und der Terrasse links ein Fahrtweg durch und unter dem Bogen neben dem Brunnhause in den englischen Garten hinaus.
Da nun aber der Weyher wegen des Kasernenbaues eingefüllt, und der Hofgarten von dem Kasernenplatze gänzlich getrennet worden ist, wurde auch dieser Weg abgeschafft, und der Bogen neben dem Brunnhause vermauert; so daß das Brunnhaus gegen alle Gefahr jetzt mehr isolirt und geschützt ist.
Gegenwärtig geht der Weg durch den Hofgarten in den englischen Garten durch die letzte Kastanien-Allee, welche den Hofgarten von dem Kasernenplatze trennt. Diese Allee ist gleichfalls zu beeden Seiten mit Barrieren versehen. Die Promenirenden haben also die Gemächlichkeit, die Vorüberfahrenden zu sehen, ohne von den Pferden beunruhigt zu werden. Da der Hofgarten ungleich höher liegt als der Weg, der vom Zeughause herkommt, wurde der Weg in den Hofgarten hinein angeschüttet, so daß man bequem zu Wagen und zu Fuße passiren kann.
D. Das Monument
Dieses Kupferblatt zeigt den Weg, wie man vom englischen Garten gegen den Hofgarten hinaufkommt, wo man denn links die schöne Statue eines Jünglings von Alabaster erblickt. Die Steintafel, welche der Genius hält, enthält die Aufschrift:
HARMLOS
WANDELT HIER,
DANN KEHRT
NEU GESTÄRKT
ZU JEDER
PFLICHT ZURÜCK!
Das marmorne Piedestal zeigt, wem München dieses schöne Monument zu verdanken habe:
SEINEN MITBÜRGERN
GEWIDMET
VON
THEODOR GRAF VON MORAWITZKY
DURCH
FRANZ SCHWANTHALER.
MDCCCIII.
(Graf Morawitzky war churpfalzbaier. Minister des geistl. Departements, Franz Schwanthaler der Vater des großen Ludwig v. Schwanthaler.)
E. Staffage und Abschluss
Die Gruppen auf diesem Blatte stellen mehrere promenirende Offiziers, Familien mit Frauen und Kindern (die mit ihren Blumen und Pferdchen so glücklich sind), Bauern, Milchweiber etc. vor. Hier spielt ein Mann mit seinem Hunde, und dort trägt ein Weib sein Kind – seine süße Bürde – in die Vorstadt hinaus.
Wenn sonst nachts Hofgarten und Zeughaus verschlossen waren, so thut es gegenwärtig gewiß allen wohl, nicht mehr um ganze Quadrate herumgehen zu müssen, sondern frei durch den Hofgarten den nächsten Weg nehmen zu können.
Unsere Wanderung durch das alte München ist zu Ende und wir nehmen nun Abschied von dem freundlichen Leser. Und ist es ihm manchesmal schwer geworden, im neuen München das alte wieder zu finden, so gedenke er der Worte des Dichters:
„Das Alte stürzt; es ändert sich die Zeit
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“