Siebtes Kapitel
Vor den Toren der Stadt
Sehen wir uns, nachdem wir die Stadt durchwandert, nun auch vor deren Thoren um und versetzen wir uns dabei in das letzte Dezennium des vorigen Jahrhunderts zurück.
Vom Karlsthor führte bis zur Nymphenburger Straße, das heißt bis zum heutigen Löwenbräukeller eine Allee. Vom Thore aus rechts haben wir zunächst den Löwengarten, dann den schönen Herzoggarten und links den Stachusgarten. Der Herzoggarten gehörte zur erbauten Behausung der Herzogin Maria Anna Charlotte, Wittwe des Herzogs Clemens Franz, welche an der Spitze der altbayerischen Partei stand, die gegen das Vorhaben Karl Theodors, Bayern gegen Brabant zu vertauschen, energische Opposition machte. Die thätigsten Mitglieder derselben waren der Hofrath v. Lori, der Freiherr v. Obermayer und der Sekretär der Herzogin, Andre, nachmals deren heimlich angetrauter Gemahl, die später alle aus München verwiesen wurden. Das kleine Palais wurde nachmals vergrößert und dem k. Kadettenkorps überwiesen, das selbes noch immer hat.
Gleich nach dem Herzoggarten folgt der vielbesuchte Weinwirth-Hubergarten, von dem sich ein Theil im Turnplatz des k. Kadettenkorps erhalten hat. Was den Stachusgarten anlangt, so hieß er ursprünglich Stachelgarten und diente den Stachel- oder Armbrustschützen als Uebungsplatz. Nicht weit davon befand sich bis vor wenigen Jahren die Schießstätte für Feuerschützen, von der aus man zu den großen Salzstädeln gelangte, nachdem die alten auf dem heutigen Promenadeplatz entfernt worden waren.
Wenige Schritte davon erhob sich eine gemauerte Richtstätte und weiter hinaus zwischen dem heutigen Knorr- und Hackerkeller der Galgenberg, der jetzt als Theil des Centralbahnhofes eingeebnet ist.
Den heutigen Maximiliansplatz nahmen zum größeren Theile noch die alten Festungswerke ein, welche dort mit zwei Basteien, die eine bis in's heutige englische Café, die andere bis in die nördliche Eschenanlage hinein reichten. Auf der ersteren Bastei lag bis 1802 ein kleines Kapuzinerkloster. Von ihm hatte die Promenade über den inneren Kapuzinergraben ihren Namen, welche ihrer Zeit von der eleganten Welt zahlreich besucht wurde.
Eine ähnliche Wallpromenade führte vor dem Schwabingerthor der bereits erwähnten Reitschule gegenüber, hinter der Gemäldegalerie — dem heutigen Gypsmuseum — vorbei in den englischen Garten. Ehe man dahin gelangte, überschaute man den, später vom Minister von Salabert verschönerten Theatinergarten. An dieser Anlage vorüber gelangte man, die Einfahrt in den englischen Garten kreuzend, zum „Rockerl.“ Dasselbe hat seinen Namen von den nun längst zerfallenen Grottenwerken (Rocailles) und gehörte ursprünglich zum Hofgarten. Wahrscheinlich wurden daselbst Rocailles-Arbeiten gefertigt. Eine kaiserliche Administrations-Resolution vom Jahre 1712 erlaubte einem Rokelier (Rocaillour), Georg Poert, am Fuße des auf der Schanze stehenden, weithin sichtbaren Schlößchens, das einige Zeit (bis 1763) als Sternwarte diente, ein Haus zu erbauen.
Das Areal der heutigen Ludwigstraße war in jener Zeit von Gemüse- und Obstgärten, auch Aeckern bedeckt. Da aber, wo heute der östliche Flügel des k. Kriegsministeriums sich erhebt, befand sich bis 1794 der viel besuchte Wirthschaftsgarten des Weinwirths Kleber, der in diesem Jahre der kurfürstlichen Stückgießerei und Stückbohrerei Platz machen musste.
Die Pappelallee nach Schwabing führte übrigens nicht vom Schwabingerthor gerade aus nach Schwabing, sondern bog zunächst nach Westen ein und führte dann durch die heutige Fürstenstraße weiter, wobei man den schon damals versiegten Kanal, der Türkengraben genannt, zur Linken hatte. Er war von dem Kurfürsten Max Emanuel nach seiner Rückkehr aus den Türkenkriegen durch die nach München gebrachten gefangenen Türken angelegt worden und bestimmt gewesen, von Dachau her Wasser in die Stadt zu leiten.
Dicht an den Hofgarten sich nordwärts anschließend, begann der von Karl Theodor nach dem Vorbilde des weltberühmten Schwetzinger Gartens durch den Grafen Rumford 1789 begonnene und 1793 dem Publikum geöffnete englische Garten, der unter seinen Regierungs-Nachfolgern mancherlei Verschönerungen erfuhr. Aus seiner Zeit stammt auch der chinesische Thurm, dagegen die heutige Einfahrt vom Hof- in den englischen Garten aus den ersten Jahren unseres Jahrhunderts. Bis dahin rasselten die Equipagen unten an der Esplanade durch einen engen finsteren Schwibbogen und dann den vom Minister von Salabert verschönerten ehemaligen Garten der Theatiner entlang. Karl Theodor trug sich mit dem Gedanken, daselbst eine Vorstadt anzulegen, deren erste Anfänge die heutige Königinstraße bildete und die den Namen Schönfeld erhielt. Um die Baulust zu wecken, gab der Kurfürst den Baugrund äußerst billig ab und befreite die Bewohner des „Schönfeld“ von der Bezahlung der Thorsperrkreuzer. Auch räumte er ihnen die Teilnahme an den alten Münchener Stadtrechten ein.
Von dem, was Kurfürst Karl Theodor damals schuf, ist seitdem gar Manches verschwunden. So das Sommergebäude der Eleven der Militärakademie, nicht weit vom Eingänge in den englischen Garten; der 1789 angelegte Militärgarten, in welchem jedem Soldaten der Garnison 363 Quadratmeter zur gedeihlichen Beschäftigung in dienstfreien Stunden zugewiesen war. Das dort gebaute Gemüse war zum Genusse für die Soldaten bestimmt. Doch erwies sich die Einrichtung bald als unzweckmäßig, was die Auflösung der Anstalt nach sich zog. Auch das Denkmal Geßners, die otaheitischen Schirmhüttchen, chinesischen Lauben und zierlichen Sommerhäuschen und die Durchsichten nach, in die Perspektive gebrachten Dörfern, Kirchen, Hügeln und Bergen sind verschwunden; desgleichen das Amphitheater für circensische Spiele nächst dem sogenannten Rumfordsaale beim chinesischen Thurm. Auch von der Brunner'schen Tabaksfabrik und ihrem Tabaksfeld am Eisbach ist nichts mehr zu sehen.
Außerhalb des Kostthores und der äußeren Barriere mit ihrer Wachstube gelangte man in das Lehel, die älteste Vorstadt Münchens. Der Name kommt erst vom XVI. Jahrhundert an in den Grundbüchern vor und scheint mit dem alten Wort „Lohe“, d. h. moorige, mit Strauchwerk bewachsene Gegend zusammen zu hängen. Vielleicht auch von einem daselbst gelegenen kleinen Lehen.
Im Jahre 1698 hatte die Kurfürstin Maria Antonia den Mönchen vom Orden des hl. Hieronymus am Walchensee Kloster und Kirche erbaut, wo sie bis 1725 wohnten. In diesem Jahre berief sie Max Emanuel auf's Lehel, dessen zu U. L. Frau eingepfarrte Bevölkerung stark angewachsen war. Zehn Jahre später hatten diese Bettelmönche bereits Kloster und Kirche zustande gebracht und bald waren auch zwei schöne Gärten, darunter der Buertl'sche, angekauft.
Zwischen zwei kleinen Isararmen war die kurfürstliche Zitz- und Kattunfabrik etablirt. Sie ward 1746 von Maximilian Joseph III. unter der Leitung zweier Handelsleute, Strauß und Sauer errichtet und beschäftigte 250 Münchener Weber. Nicht weit davon befand sich die 1782 von einer Handelsgesellschaft gegründete Tabaksfabrik, welche ihr Rohmaterial zum größten Theil aus der Rheinpfalz bezog.
Vom Isarthor führte die Straße zwischen Gärten in krummer Linie an die Isar. Am linken Ufer des inneren Armes derselben erhob sich bis zum Jahre 1796 ein Thurm, der roth angetüncht war und davon der rothe Thurm hieß. Er war 1576 erbaut worden und diente als Brückenkopf für die Festung. Als die Oberländer Bauern in der Christnacht 1705 München den Oesterreichern abzunehmen dachten, erstürmten sie den von diesen besetzten rothen Thurm und am 8. September 1796 stürzte das Dach desselben in Folge des Feuers ein, das die auf dem Gasteig befindlichen Oesterreicher und Condeer einer- und um München stehenden Franzosen andererseits aufeinander richteten. Die neutralen Truppen des Kurfürsten Karl Theodor löschten den Brand, der schadhaft gewordene Thurm aber wurde einige Zeit nachher abgetragen.
Die beiden Isarbrücken waren bis zur Regierungszeit Maximilians III. nur aus Holz gebaut und so kam es denn, dass sie verschiedene Male unter dem Anprall des wilden Bergstromes zusammenstürzten. Darum ließ der genannte Kurfürst 1757 durch seinen Heer- und Wasserbaumeister Kastulus Riedel den Bau zweier steinerner Brücken beginnen, der 1765 vollendet war. Auf der Isarinsel aber erbaute derselbe Kurfürst 1772 die noch heute stehende Infanterie- und Kavalleriekaserne.
Jenseits dem zweiten Isararm auf dem sogenannten Geisberg ließ 1701 der Münchener Bürgermeister und Landschafts-Zinszahlmeister Joh. Max. v. Alberti, der dort ein Haus und eine kleine hölzerne Kapelle besaß, das Haus in ein Kloster und die Kapelle in ein Kirchlein umbauen und übergab das Kloster den Benediktinerinnen von Niedernburg in Passau. Der Name Geisberg aber ward nun in Lilienberg umgewandelt, „weil hier“, wie Hübner sagt, „anstatt der genäschigen Geisen eine Aussaat von züchtigen Lilien sproßte.“
An der Stelle des heutigen Armenversorgungshauses auf dem Gasteig (Gehsteig) stand vordem ein Schlößchen, in dem 1763 der Akademiker Peter von Osterwald die erste Münchener Sternwarte einrichtete. Es hieß von alter Zeit her die Schwanenburg und wurde 1786 von der Stadtgemeinde erworben, die dort ein Armenversorgungs-Haus erbaute.
Das Leprosenhaus auf dem Gasteige wird schon in einer Urkunde vom Jahre 1295 erwähnt, inhaltlich deren Herzog Rudolf eine Stiftung zu demselben machte und sein Bruder Ludwig der Bayer befreite die Unterthanen dieses Hauses und ihre Gründe von allen Abgaben und unterwarf sie dem Richteramte der Stadt. Im Uebrigen reicht die Errichtung von Siechen- oder Leprosenhäusern bis in die Zeit der Kreuzzüge zurück. Damals machte eine Art Aussatz, den die Pilger und Kreuzfahrer aus Palästina mitbrachten, Anstalten für Sondersieche, d. h. mit ansteckenden Krankheiten Behaftete, und darum abzusondernde Kranke, nothwendig. Jetzt steht nur mehr die uralte Sct. Nikolauskirche, die zur genannten Anstalt gehörte und früher nach Bogenhausen eingepfarrt war.
Stieg man wieder vom Gasteig herab, so hatte man linker Hand von der Brücke ein allzeit offenes Thor, durch das man in die Au eintrat. Man hieß sie schon im vorigen Jahrhundert unrichtiger Weise eine Vorstadt von München, was sie erst vor ein paar Jahrzehnten geworden ist, denn sie hatte bis dahin ihr eigenes Gericht und ihre eigene Verwaltung. In der That aber war die Au eine kurfürstliche Hofmark.
Die vielen schönen Gebäude aus alter Zeit und namentlich der alte Herzoggarten wiesen darauf hin, dass die Au ehedem ein lebhafter und angenehmer Ort war, wo die Münchener gerne Lustgärten anlegten.
Die Zeit der Gründung des Fleckens lässt sich jetzt nicht mehr feststellen; selber kommt in einer Urkunde von 1289 zum ersten Male als in „Aw“ vor und 1347 finden wir eine Papiermühle am „Isarrain ob der Au“ und 1599 auch einen Amtmann, Namens Konrad Schreyer. Zwei Jahre später erbaute sich Konrad der Preisinger am Fuße des Berges ein Lusthaus und zu Anfang des XVI. Jahrhunderts war der Ort schon in vier Viertel getheilt: Das Isar-, Samer-, Bach- und Klafterviertel. Wilhelm IV. erbaute sich dort ein kleines Jagdschloß und Albrecht V. legte sich um die Mitte des XVI. Jahrhunderts daselbst einen Lustgarten an, bei dem sich ein Falkenhaus befand, das der Falkenau den Namen gab. Es mag da gelegen sein, wo jetzt der Neudecker Garten, der seinen Namen vom alten herzoglichen Neudeck hat. Der fromme Wilhelm V. ließ 1621 neben seinem Garten für die Basilianer ein Kloster bauen, dem Maximilian I. eine Kirche hinzufügte. Fünf Jahre später übergab er das Kloster den Paulaner Mönchen aus Burgund, die sich 1665 ein neues bauten. Aus der Zeit desselben Kurfürsten datirt auch der Bau des Paulaner Brauhauses, in dem zuerst das berühmte Salvatorbier gebraut wurde. Im Jahre 1799 wurde das Kloster aufgehoben und 1807 zum Zuchthaus eingerichtet. Das alte Schloß Wilhelms V. aber mit seinem Garten voll Einsiedeleien und Kruzifixen ist heut zu einem Wirthshaus herabgesunken.
Das Schloß Neudeck ob der Au wird von Hübner als eine eigene Hofmark bezeichnet. Dasselbe erhielt sich lange Zeit in seinem ursprünglichen Zustand und ward wesentlicheren Abänderungen erst im Jahre 1747 unterstellt, als darin eine der ersten Porzellanfabriken errichtet wurde. Es war dieselbe, die nachmals nach Nymphenburg verlegt ward.
Nördlich von der heutigen Mariahilfskirche stand vor undenklichen Zeiten eine von Flößern gestiftete Kapelle zum hl. Kreuz, neben der im Jahre 1629 auf Veranlassung des Hof-Seidenstickers Rathon aus Lothringen eine Kirche erbaut wurde, die ein im Rufe der Wunderthätigkeit stehendes Marienbild besaß. An ihre Stelle trat 1724 eine größere, die 1831 wieder dem heutigen Prachtbau Platz machte. Zur Pfarrei aber ward die Au erst 1627 erhoben.
An der Lilienstraße erbaute Max Emanuel, aus den Niederlanden heimkehrend, nach dortigem Muster ein sogenanntes Industriehaus. Das Unternehmen schien anfänglich so gut zu gedeihen als es gemeint war und enthielt eine große Waid- und Schönfärberei, Tuchpressen, Tuchscherereien, Tuchwalken, Tuchwebereien, Spinnereien rc. und gab den Armen durch Spinnen, Stricken rc. viel zu verdienen. Gegenüber befand sich auch eine Wollspinnerei. Bald aber kam die Sache in Verfall und als Kaiser Karl VII. 1740 einen türkischen Gesandten in München erwartete, gestaltete er das große Gebäude zu dessen Wohnung um. Nach des Kaisers Tod blieb natürlich der Gesandte weg und Maximilian III. ließ das Haus in eine Tuchfabrik verwandeln. Als auch diese einging, ward es eine Zeugfabrik, aus der Graf Rumford 1784 ein militärisches Arbeitshaus machte, mit dem er ein Montur-Magazins-Amt verband, die beide 1799 auf Beschwerde der Bürgerschaft über Entgang der Arbeit aufgehoben wurden. Drei Jahre später errichtete ebenda der Commerzienrath Brügelmann ein Armen-Instituts-Spinnhaus.
In der Au gründete der Faßbinderssohn Joh. Mich. Pöppel von dort im Jahre 1749 ein Waisenhaus für Kinder, die durch den Krieg vaterlos geworden, das unter ihm und seinem Nachfolger trefflich gedieh.
Die Vorstadt Au stand in alter Zeit in wenig gutem Rufe, ja sie galt, um es nur rund heraus zu sagen, als ein berüchtigtes Diebsnest. So soll der Scharfrichter von Wien einmal gefragt haben, wie groß denn diese Stadt sei, die so viele Schelme in seine Hände liefere. Nachmals hat sie sich durch die herrlichen Anstalten einer guten Polizei gar sehr gebessert und ist sogar zu einer Pflanzstadt ländlicher Industrie geworden. Hier nahmen die wollenen sogenannten Auerstrümpfe ihren Anfang und verbreiteten sich nachmals in's Große. Auch hatte die Au schon zu Ende des vorigen Jahrhunderts ihre eigene Bürgermiliz von etwa 100 Mann, die man am Frohnleichnamstag und bei anderen Feierlichkeiten dieser Art zu sehen bekam.
Was die heutige Vorstadt Giesing anlangt, so unterschied man vordem ein Ober- und Untergiesing. Obergiesing hieß das auf der Isaranhöhe, Untergiesing das hinter der alten Hofmark Neudeck gelegene Dorf. In alten Urkunden finden wir Gißing und Geising, so dass der Name entweder von dem von der Höhe herabströmenden Gewässern oder aber von den Geisen (Ziegen) hergeleitet sein dürfte, die an derselben ihre Nahrung suchten. Birkenleiten endlich war ehedem ein am Ende der Falkenau gelegener Edelsitz und schloß den Bezirk des Gerichtes ob der Au.
Ueber die Isarhöhe gelangt man nach der heutigen Vorstadt Ramersdorf. Dieser Ort erscheint in Urkunden von 1283 als Raumoldsdorf und Rainoltzdorf und bildete seit 1683 eine von den andächtigen Münchenern zwischen den Festen Mariä Himmelfahrt und Mariä Geburt (der Frauendreißigst genannt) vielbesuchte Wallfahrt, auch berühmt wegen der guten Bratwürste.
Gleich wie die Au wurde auch Haidhausen schon in alter Zeit eine Vorstadt von München genannt, obschon es bis 1684 ein landgerichtliches Dorf war und später eine Hofmark der Grafen von Törring-Seefeld wurde. Als Max Emanuel im Jahre 1683 von dem Entsatze Wiens zurückkehrte, ging sein feierlicher Einzug an dem in Haidhausen befindlichen Landhaus des Freiherrn von Leiblfing vorüber und benützte dieser diesen Anlaß zuerst dazu, sein Haus zu einem adeligen Sitz erheben zu lassen. Schon zwei Jahre später erwirkte er, dass ihm die Ortschaft als ungeschlossene Hofmark zugesprochen wurde, und 1692 ward diese in eine geschlossene verwandelt, die später an die Grafen Fugger und dann auf die Grafen Törring-Seefeld überging. Charakteristisch für Haidhausen war die Abtheilung der meisten Häuser an je zwei Eigenthümer, wobei jeder Theil ein „Gemach“ genannt wurde, eine Einrichtung, die noch heute in der sogenannten Grube vielfach getroffen wird.
Südlich von Giesing liegt das ehedem in's Gericht Wolfratshausen gehörige Dorf Harlaching, das schon 1143 als Hadelinchingen und Besitzthum der bayerischen Herzöge vorkommt. Das von ihnen erbaute Schloß brannte 1796 nieder, während die Armee des Prinzen Condée dort lagerte. Von den bei dieser Gelegenheit zerstörten schönen Gartenanlagen sind nur noch einige Bäume und Gesträuche übrig, die in dieser Gegend nicht einheimisch sind. Dass Claude Gelée, der unter dem Namen Claude Lorrain weltberühmte Landschaftsmaler, dort einige Zeit gewohnt oder gar ein Landhaus besessen, gehört in's Gebiet der Sage, während sein Aufenthalt in München im Jahre 1627 außer Zweifel steht.
Nach dieser Abschweifung auf das rechte Isarufer kehren wir wieder auf das linke und zum Isarthor zurück.
In der Richtung der heutigen Rumfordstraße gelangte man am Einlaß vorüber zum kurfürstlichen Militärlazareth an der jetzigen Müllerstraße. Es war ein Werk Maximilians III. und wurde im Jahre 1777 eröffnet. In ihm wurde die erste chirurgische Schule Münchens errichtet, indem der Kurfürst darin den ersten Demonstrator der Anatomie ernannte. Drei Jahre später ward damit eine förmliche theoretisch-praktische Schule für Chirurgie verbunden.
Max Emanuel hatte schon 1696 ein Militärspital bauen wollen, aber erst Karl Albrecht führte den Gedanken aus, indem er ein solches im Jahre 1729 an der heutigen Sandstraße (nun dem k. Universitätsprofessor Herrn Dr. Nägele gehörig) herstellte. Man hieß es damals Kleindorfen, da in der Nähe nur einige kleine Häuser standen, oder auch das Brechhaus nach der damals herrschenden Brechruhr. Die dabei befindliche Kapelle war der hl. Thekla geweiht.
Auf dem Flachfelde vor dem Angerthor, das sich zwischen der Isar und dem südlichen Friedhof ausdehnt, befand sich in ältester Zeit die Schießstätte. Mit der Machtentwickelung der Städte hing die Handhabung der Waffen enge zusammen. Die Eifersucht und Anmaßung der Fürsten und des Adels nöthigten die emporblühenden Städte behufs steter Kampfbereitschaft ihr Kriegswesen zu ordnen, wobei die Patrizier Waffen und Rüstung der Ritter annahmen oder beibehielten, während die einfachen Bürger zu der von den Rittern verschmähten Armbrust griffen und sich zur Uebung in wirksamer Führung derselben in Schützengilden zusammen thaten.
Was die Armbrust anlangt, so lässt sich selbe, obwohl ohne Zweifel eine Erfindung des Abendlandes, doch nicht vor dem XII. Jahrhundert nachweisen. Bis dahin hatte man sich des einfachen Handbogens bedient. Allgemein üblich ward die Armbrust erst im XIII. Jahrhundert, aber vom zweiten Concil im Lateran unter Innocenz II. als heimtückische Waffe verboten und deren Gebrauch mit dem Kirchenbann bedroht. Selbst die Erfindung und weite Verbreitung der Hand-Feuerwaffen verminderte ihren Gebrauch nicht; man bediente sich ihrer im Kampf wie beim Jagen bis tief in's XVI. Jahrhundert hinein, indem man nicht bloß Pfeile und Bolzen mit eisernen Spitzen, sondern auch Kugeln aus ihr schoß.
Die Schützengilden besaßen Schützenhäuser und Schießbahnen, eine durch Beiträge und Vermächtnisse gegründete und unterhaltene Vereinskassa und hielten alljährlich Schützenfeste ab, welche für die Bürger dieselbe Bedeutung gewannen, wie die Turniere für die Ritter. Später aber lernten die Bürger das Feuergewehr mit demselben Geschick handhaben, während ein Theil derselben der Armbrust treu blieb.
Das Alles galt auch von den Bürgern der bayerischen Städte im Allgemeinen und von denen Münchens im Besonderen. Nur finden wir hier einen besonderen Grund zum Zusammentreten in eine Schützengilde. Die Münchener feierten nämlich im Jahre 1392 ein Ablassjubiläum, zu dem viel fremdes Volk zuströmte und errichteten deshalb zur Aufrechthaltung des Friedens auf den Landstraßen und zum Schutze der Pilger, die das Gnadenjahr in München herrschten, Schützen, und die Herzöge Stefan und Johann verliehen der Stadt in Bezug auf selbe weitgehende Rechte. So dürfte denn die Münchener Hauptschützengesellschaft in wenigen Jahren ihr fünfhundertjähriges Jubiläum feiern können.
Bei der Lust der Bürger, ihrer Söhne und Gesellen am Waffenhandwerk reichte für die vielen Schützen die eine Schießstätte vor dem Angerthor nicht lange aus. Darum wurde schon 1406 eine zweite vor dem Neuhauserthor rechts gegen die Dachauerstraße erbaut, und 1411 und 1437 werden andere nächst der neuen Veste und an der Kreuzgasse (dem heutigen Promenadeplatz) erwähnt.
In München wurden zu verschiedenen Zeiten größere Schützenfeste abgehalten und bei dem vom Jahre 1467 waren Abgeordnete von zwölf Fürsten und Grafen und von dreiundfünfzig Städten anwesend. Auch Herzog Albrecht IV. ließ sich durch einen solchen vertreten. Dabei ging es gar hoch her. Es dauerte vom Pfingstmontag bis zu Frohnleichnam und während dieser ganzen Zeit waren auf dem Plan vor dem Angerthor Buden und Zelte aufgeschlagen, in denen sich nicht bloß die Schützen gütlich thaten, sondern auch Gaukler, Klopffechter und andere fahrende Leute ihr Wesen trieben. Es wurden 23 „Abenteuer“ oder Preise vertheilt und bestand der erste in einem goldenen Kopfschmuck im Werthe von 50 Gulden, der zweite in einem ähnlichen Schmuck, 45 Gulden werth, der dritte in wieder einem solchen im Werthe von 40 Gulden; dann kamen drei silberne Becher, 35, 30 und 28 Gulden werth. Der Weitpreis aber war ein goldener Ring. Und es gab auswärts selten ein Schießen, bei dem die Münchener Schützen sich nicht ein „Abenteuer“ geholt hätten und die Stadt war so stolz auf deren Geschicklichkeit, dass sie die Reisekosten der Schützen bestritt und sie sogar noch beschenkte. Denn es lag ihr viel daran, „dass sie ein Kleinod gewinnen möchten der Stadt zu Ehren, dass man sehe, dass wir auch gute Schützen haben, und dass andere junge Gesellen sich desto eher des Schießens annehmen, damit wir bei der Stadt gute Schützen haben.“ Darum mussten schon zehnjährige Knaben die Armbrust führen lehren.
Der südliche Gottesacker vor dem Sendlingerthore wurde 1577 angelegt und hieß zum Unterschiede von den innerhalb der Stadt befindlichen der „ferner Gottesacker.“ Die Aufhebung der inneren Freithöfe im Jahre 1786 machte dessen Vergrößerung nothwendig, aber von den kolossalen und kostbaren Marmor- und Erzdenkmälern, welche dermal den Münchener Friedhof zu einem der sehenswerthesten in Europa machen, zeigte der alte enge Leichenacker des vorigen Jahrhunderts noch keine Spur. Die Gräber bürgerlicher Familien schmückte mit wenigen Ausnahmen ein einfaches hölzernes oder eisernes Kreuz, das hie und da vergoldet und regelmäßig mit einem Heiligenbilde versehen war, unter dem der Name und Stand des Begrabenen verzeichnet stand und welches durch zwei in Angeln hängende Flügeldecken gegen die Unbill der Witterung geschützt war. Und als Franz Schwanthaler, der Vater des berühmten Meisters Ludwig, es wagte, eine marmorene Frauengestalt auf einem Grabe aufzustellen, schlugen fromme Eiferer, darin eine Entweihung des geweihten Ortes erblickend, sein Werk in Trümmer! Aber die Bahn war gleichwohl glücklich gebrochen.
Die am Anfange des Gottesackers stehende St. Stephanskirche wurde von Maximilian I. in Folge eines Gelöbnisses 1638 erbaut. Um dieselbe findet seit uralter Zeit am Gedächtnißtage des Heiligen der Stephansritt statt, der die Pferde vor Erkranken und Unglücksfällen schützen soll. Früher erschienen auch die Pferde des Hofes dabei. Der seltsame Gebrauch stammt aus dem germanischen Heidenthum, welches das Pferd dem obersten Gotte Wuotan widmete, der auf seinem weißen Rosse Sleipner aus den Wolken einher ritt.
Jüngeren Datums ist die schmerzhafte Kapelle hinter dem Gottesacker, denn sie wurde erst 1705 vollendet und ist dem sterbenden Heiland und der „schmerzhaften“ Muttergottes geweiht. Das Volk aber übertrug das Beiwort der Maria kurzweg auf die Kapelle.
Das Waisenhaus war, wie wir gesehen haben, ursprünglich in der Sendlingergasse, und wurde 1784 in das Gartenhaus des Weinwirths Riem vor dem Sendlingerthor verlegt, in welchem 1800 nur mehr Säuglinge Aufnahme fanden, während die größeren Waisenkinder auf dem Lande untergebracht wurden.
An der Stelle des heutigen allgemeinen Krankenhauses rechts der Isar vor dem Sendlingerthore erhob sich seit 1754 das Kloster der dem Krankendienste sich widmenden barmherzigen Brüder. Sie hatten die Mittel des Baues selbst zu beschaffen, und geriethen wegen des Rechtes, zu diesem Zwecke zu betteln, mit den Franziskanern und Kapuzinern in einen Rechtsstreit, der allerdings zu ihren Gunsten entschieden ward, sie aber ein Advokatenhonorar von 432 Gulden kostete. Graf Max Emanuel von Perusa unterstützte den Bau des Klosters und der Kirche mit einem Geschenk von 6000 Gulden und Medizinalrath Häberl, der Ordinarius des Krankenhauses, richtete zu Anfang unsers Jahrhunderts die Heizung und Ventilation desselben ein.
Die Elisabethinerinnen oder barmherzigen Schwestern wurden 1756 von der Kaiserin Maria Amalia nach München berufen und wohnten anfänglich im Gartenhause des Grafen Larosee vor dem Schwabingerthor. Im folgenden Jahre ward der Grundstein zu ihrem Kloster und Krankenhaus (an der heutigen Mathildenstraße) und 1758 zu der damit verbundenen Kirche gelegt; doch gedieh der Bau wegen mangelnder Mittel erst in unserem Jahrhundert zu Ende.
Zum Schlusse mag noch erwähnt sein, dass das nun ebenfalls dem Burgfrieden der Stadt München einverleibte vormalige Dorf Sendling bereits im Jahre 807 als Sentilinga genannt wird, also viel älter ist als die Stadt. Das Geschlecht der Sendlinger nahm in München einst einen Platz unter den ersten Patrizier-Familien ein.