Mobilisierungsstimmung in München 1870
Auch für das Jahr 1870 bieten die Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe sehr Bedeutsames. Als Tagebuchnotiz vom 22. Juli 1870 liest man dort:
Die Sitzung der Kammer der Abgeordneten vom 19. war für mich persönlich von größerer Wichtigkeit, als ich anfangs glaubte, und ich kann Gott danken, dass die Regierungsvorlage angenommen wurde. Wäre statt der Kriegskostenbewilligung die Neutralität beschlossen worden, so würde das ganze Ministerium zurückgetreten sein. Dann würde man ohne Zweifel an mich gekommen sein mit dem Auftrag, ein neues Ministerium zu bilden. Dies hätte nur ein sehr entschieden fortschrittliches sein können, welches die Kammer aufgelöst, die Verfassung suspendiert, den Belagerungszustand verkündet und den Krieg begonnen hätte. Das wäre ein sehr gefährliches Experiment gewesen, bei dem ich meinen Hals riskiert hätte. Denn wäre die Sache schlecht ausgefallen, siegten die Franzosen, so hätte ich dieselben Schreier gegen mich gehabt, die jetzt den Krieg wollen, und ich würde mit Schimpf und Schande davongejagt worden sein. Aber auch bei günstigem Ausgang hätte Bayern wenig profitiert. Es war also nicht viel zu gewinnen. Jetzt ist die Sache im Gang; geht Bray jetzt ab, was Gott sei Dank nicht zu erwarten ist, so kann der Minister nichts anderes tun, als auf dem eingeschlagenen Weg ruhig fortgehen.
Gestern verbreiteten sich hier Gerüchte über drohende Haltung von Österreich. Dazu trugen Nachrichten bei, die Quadt von Paris mitbrachte, und welche die Tätigkeit Metternichs als eine sehr kriegerische bezeichnen. Ich war gestern bei Döllinger, den ich bat, darauf hinzuwirken, dass der Erzbischof etwas tue, um auf die Geistlichen beruhigend einzuwirken, dass sie jetzt, wo die Entscheidung einmal getroffen ist, nicht unsere Soldaten aufhetzen. Er riet mir, zu Haneberg zu gehen, was ich auch tat. Haneberg war meiner Ansicht und versprach mir, mit dem Erzbischof zu reden. Diese Hetzereien haben jetzt keinen Sinn mehr. Die Mobilisierung der bayerischen Armee geht rasch vor sich. Hätten wir gute Gewehre, so wäre alles gut.
Otto Camillus Hugo Graf von Bray-Steinburg (1807—1899), wiederholt bayerischer Staatsminister, trat am 7. März 1870 an Stelle Hohenlohes an die Spitze des bayerischen Staatsministeriums; er schloss 1870 in Versailles die Verträge, durch die Bayern in das Deutsche Reich eintrat. Die sog. „Patriotenpartei" des Landtages trat, hauptsächlich aus Veranlassung von Prof. I. N. Sepp, für die Kriegskostenbewilligung und Bayerns Teilnahme am Krieg ein.