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Bei Franz von Kobell

Von Luise von Kobell

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 256)

Luise von Kobell schöpft aus dem Schatz ihrer Erinnerungen, niedergelegt in ihrem Buche „Anter den vier ersten Königen Bayerns", die nachstehenden Eindrücke von frohen Stunden im elterlichen Lause:

Bei Kobells Bockpartie stand in jeder Ecke seines Arbeitszimmers ein frischer Tannenbaum; Maiglocken und Wiesenblumen dufteten in großen Gläsern auf den Tischen. Das Faß, dessen Inhalt alle Gäste in frohe Laune versetzen sollte, war bekränzt, und manch seltsames Sträußlein aus farbigen Lobelspänen, das Sennerinnen in lustiger Löhe dem Jägersmann verehrt hatten, steckte zwischen den Gemskrücken an den Wänden.

Ein ausgestopfter Reiher, Reh- und Lirschgeweihe verrieten überdies meinesVaters Lust am Waidwerk, und die sorgsam bezeichneten Mineralien im Glaskasten, sowie die vom Steinreich handelnden Werke auf dem Schreibtische und in dessen Fächern bekundeten den Mineralogen. Die Poesie, die meinem Vater bald eine Geschichte erzählte, bald ein Lied lehrte, hauste hier ungestört unter den Büchern und Flinten, Pfeifen, Blumen und Bildern. Die letzteren waren mannigfaltig: eine Lithographie, die jugendlich schöne Marie in der Gebirgstracht, auf den Bergstock gestützt, hoch über der zu ihren Füßen liegenden Landschaft Lohenschwangau hinaus in die herrliche Gegend blickend; unweit von ihr sitzt ein sinnender Einsiedler im Walddickicht, von dem deutschen Meissonier Anton Seitz gemalt. Daran reiht sich das Porträt des Nimrods Fürst Konstantin von Löwenstein, mit welchem Kobell oftmals gejagt und einstmals den Sechzehnender erlegt hatte, dessen Geweih zwischen den Stangen eine Scheibe trägt. Diese Scheibe ist ein kleines Meisterstück, denn Arthur von Ram- berg hat darauf eine mit Nelken gezierte Altane gemalt, auf welcher eine schmucke Dirne sitzt, die nachdenklich den eben gepflückten Strauß in der Land hält; ungesehen von ihr naht rückwärts ihr Schatz, ein Iägersbursch:

Und hat d' Gams amol a Rua,
Jag' i's Dirndl aus der Laub'n.

An die Flügeltüren sind Photographien gehestet, klein, groß, schmal, breit, von Gelehrten, Dichtem und Malem, von Mädchen und Frauen hohen und niedrigen Standes, kunterbunt, wie deren Originale meinem Vater im Leben begegnet sind oder ihre Abbildung an ihn verschenkt haben. So kam der alte Solacher Förster neben die „Seherin von Prevorst"; — man merkt die Absichtslosigkeit und wird heiter gestimmt. Ein Erstling im Lichtdruck ist jene von Talbot photographierte Spitze, welche Photographie unter dem „antiken Fragment" hängt, einer sarbenfrischenLumo- reske Franz Poccis.

„Kunst und Wissenschaft schöpfen am Quell der Natur", heißt die Überschrift. Aus einem Felsen, in welchem ein Bock eingemeißelt ist, fließt die Bockquelle. Die Musen im antiken Gewände füllen sich die Gläser; Franz Pocci bläst als griechischer Lirte die Flöte, und Kobell spielt in der Joppe die Zither dazu. Im Gegenbilde huldigen die neun Musen als Sennerinnen auf dem Parnasse dem Dichter. Aus einem großen Faß, das die „Lippokrene" enthält, schenkt eine derselben dem gefeierten Kobell einen Maßkrug voll; eine andere, das grüne Miesbacherhütl am Kopf, bekränzt ihn; die dritte bringt ihm eine weißblaue Schützenfahne, und die übrigen schreien „Vivat, der Lerr Professor soll leben!" Aufs Geratewohl tickt die vom Vater besungene alte Ahr,

„Von Richt'n is koa Red;
Ob s'nacha z'stua geht oder 'z'spat,
I' freu' mi', wann s'no geht!“

Auch der Salon ist bei diesem Anlaß in eine kleine Bockhalle verwandelt. Es schlägt 12 Ahr, Gäste um Gäste erscheinen. Kobell begrüßt alle in seiner gemütlich- stöhlichen Art, und gutgelaunt erwidern sie den Gruß. Die Gesellschaft ist eine 

auserlesene; darunter überwiegend Mitglieder der „Zwanglosen" und der Gesellschaft „Altengland". Diese letztere besteht seit 1826 und entnahm ihren Namen dem „Merry old England“, das unter Königin Elisabeth der Inbegriff der Fröhlichkeit war. Die Teilnehmer heißen sich Lords; der Vorstand ist Lordmajor und trägt bei den Festdiners eine Allongeperücke, auch die übrigen Leeren erscheinen dann im „Lordkostüme". Neben Beamten, Gelehrten und Künstlern zählt die Gesellschaft zu ihren Mitgliedern viele edle, erlauchte Lerren wie die Lerzöge August und Maximilian von Leuchtenberg, Graf Wilhelm von Württemberg, den Lerzog von Arach und die Lerzöge Maximilian und Karl Theodor in Bayern. Große Verdienste um die Blüte „Altenglands" hatte Franz Pocci, der auch stets laut bewillkommnete Stammgast bei Kobells Bockpartien.

Die Lerren sehen sich und erquicken sich an den einfachen Tafelgenüssen einer Bockpartie, wobei die Bratwürste die Lauptrolle spielen; das bekränzte Faß zaubert Lebenslust in Kehlen und Lerzen. „Kobell, das Bocklied!" ertönen Ruse von allen Seiten. Er erhebt sich und singt nach der Melodie „Der Papst lebt herrlich in der Welt" folgende Strophen, wobei die Gesellschaft je bei den Endversen im Chor einfällt:

„Fürwahr mein Liebchen ist der Wein;
Er blinkt so heiter und so fein.
Er macht ein fröhlich leichtes Blut.
Ja, ja der Wein gefällt mir gut.

Doch nein! Er liebt den Rettich nicht
Und macht der Wurst ein krumm' Gesicht, 
Und vom Tabak den lieben Rauch,
Wahrhaftig, den verschmäht er auch.

Der Bock, der ist ein braver Mann,
Lebt er nach seinem Alkoran,
So schmückt ein Rettichblatt den Hut,
Ja, ja, der Bock gefällt mir gut.

Doch nein, er liebt ja nur den Mai 
Und ist beim Jagen nicht dabei.
Und unter uns sei es gesagt:
Was wär' das Leben ohne Jagd!

Drum hört, was der Professor spricht:
Den Wein mit ftöhlichem Gesicht,
Den trinkt das ganze Jahr in Ruh' 
Und trinkt im Mai den Bock dazu.“

Gleichfalls kamen die Meister der deutschen Kunst: Anton Seitz, Kaulbach, Ram- berg, Franz Defregger, die Professoren Windscheid, Siebold, Liebig, Riehl, Laushofer, Jolly, Carriere, Lofmarschall von Reck, der Münzmeister Laindl, Dönniges, Stieler, Robert von Lornstein, der Lofmedikus Koch, der Zithermeister Petzmaier und Lerzog Maximilian in Bayern, der es so wohl verstand, die Leiterkeit zu wecken.

Man lacht und toastiert; da spielt Petzmaier Zither. Es erklingt Leid und Freud darin; die Töne sind sanft und keck. Wie eine Wünschelrute versetzen sie einen bald da, bald dorthin; man hört Vögel singen und den See rauschen. Dann ertönt plötzlich: „Ach Elslein, liebes Elslein, wie gern wär ich bei dir! So sein zwei tiefe Wasser wohl zwischen dir und mir." Ein frischer Ländler darauf, ein Ländeklatschen! Da ist der Zuhörer aus seinem Traum gerissen und erwacht wieder inmitten der Bockpartie von Franz Kobell.

Königin Marie liebte wie ihr Gatte, König Maximilian, der bekanntlich im Jahre 1858 das bayerische Alpenland fünf Wochen lang durchwanderte, die Berge und war eine vorzügliche Bergsteigerin. Ein Gemälde von Foltz stellt die Begegnung von Max und Marie im Hochgebirge dar.