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Sagen & Geschichten

Die Landschaft um München und die Stadt

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 124)

Professor G.L. von Schubert schreibt an seine Schwester im Jahre 1827:

Meine neue Leimat soll ich Dir beschreiben? Nun, dazu gehört Gott sei Dank nicht allein die kleine, enge Gasse und das Laus, das ich darin bewohne, aus dessen Fenstern ich so wenige Prozente des Sternenhimmels sehe, als die Gläubiger des bankrotten Kaufmanns von ihrem dargeliehenen Kapital zurückbekommen, denn zur Leimat rechne ich außer der Stadt München selbst auch ihre Umgegend, soweit das Auge sehen kann, mit Land und Leuten.

Schon die Lochebene, auf welcher München liegt, weckt in dem Wanderer aus Norden, der hierher kommt, ein Verlangen auf nicht zum trägen Stillestehen und Verbleiben, sondern zum Weiterschreiten nach einem hohen, vor Augen liegendenZiele, ein Verlangen, wie er es in seiner Leimat noch nie empfunden. Er kam vielleicht, so wie wir, von Ingolstadt her, zuletzt durch eine Ebene und durch armselig schmutzige Ortschaften, die dem Auge in ihrem unerfreulichen Wechsel zwischen Sumpf und verkümmertem Föhrenwalde nichts darbietet, wobei es verweilen möchte. Die Gedanken würden da lieber rück-- als vorwärts gehen, am wenigsten aber gerne stille stehen. Endlich, wenn Du mit uns dieses Weges zögest, trätest Du aus dem trostlosen Gestrüpp heraus in die freie Ebene; vor Dir im Süden täte sich, wie vor uns am heiteren Nachmittag des 15. Mai, an welchem wir einzogen, die majestätisch schöne Alpenkette auf, mit ihren schneebedeckten Zinnen, von Salzburg an bis zu dem vorarlbergischenLochlande, von BayernsLügelland bis zu denBergriesen des südlichen Tirol. Wie in dem Adler, wenn er seine langersehnte Beute vor sich hinfliegen sieht, so regt in uns ein Naturtrieb seine Schwingen, der uns mächtig aus der Tiefe hinzieht nach den lichten Löhen. And wie soll ich Dir den ersten Eindruck 

beschreiben, den die alle, merkwürdige Stadt auf die Sinne macht, welche uns da vor Augen liegt? Ist es doch, als ob selbst die großen Frauentürme, die über alle anderen Türme und Gebäude hinaufragen, in ihrer unausgebauten oberen Zurundung von einer noch verschlossenen, hochanstrebenden weiteren Entwicklung sprächen. And wenn Du nun mit uns hineintreten könntest in das Innere der Stadt und sähest mit uns die schon ausgewachsenen oder im Wachsen und Keimen begriffenen Werke der bildenden, alten wie neuen Kunst, lerntest die Geister kennen, welche von Tag zu Tag am Weiterfördern, Weiterschreiten eines großen, gemeinsamen Tagwerkes geschäftig sind. Du würdest mit mir einstimmen, wenn ich sage: hier herrscht ein Geist, der, wie der alte Blücher, wenn er zur Schlacht führte, immerzu nur „vorwärts, vorwärts" kommandiert. Also, an ein geistiges Versauen: von meiner Seite und an ein Stillestehen, wie die Wagenräder in gar zu tiefem, fettem Boden, ist wohl bei mir, wie ich fest hoffe, nicht zu denken, sondern Gott wird mir München zu einem geistigen Turnplätze werden lassen, auf welchem der innere Mensch, er mag wollen oder nicht, seine Kräfte und Glieder tüchtig brauchen lernen soll, bis man ihn zum fröhlichen Abzüge in sein Ruhelager kommandiert.

Der Vorwurf der reizlosen Landschaft um München blieb lange bestehen. Noch 1865 konnte Äeinrich Noe, ein Vorkämpfer auf dem Gebiet des Naturgefühls, über das übelbeleumundete Isartal schreiben:

Man hat München oft den Vorwurf gemacht, daß in seiner nächsten Nähe sich Partien befinden, deren Wildheit nicht die Nähe einer großen zivilisierten Stadt ahnen läßt. Wenn das wahr ist, trifft es besonders von der weiten Fläche zu, die sich im Süden der Stadt ausdehnt und sich mit ihrem unsteten Geröll und ihren Aferweiden fast bis in ihre Straßen hineinzieht. Es ist eine Aue, gespalten von tiefen und seichten Rinnsalen, durchkreuzt von bald tosenden, bald träg sickernden Armen des Flusses. Weiden, Erlen, Birken, Tannen, Ginster, Wacholder strecken ihre triefenden Wurzeln aus unterhöhlten Uferrändern. Nirgends in Europa wird es möglich sein, durch solche Amgebung zu wandeln, und zugleich die Turmuhren einer großen Stadt schlagen zu hören. Doch das geht mir, ich gestehe es, nicht nahe; in: Gegenteil, mir und anderen meines Schlages ist es wohl, daß wir vor unserer Laustür den anmutenden Reiz einer Natur genießen können, deren vielgestaltete Willkür nur wenig von dem Lineal der Verschönerer gestört wird. Anders mag der sonntäglich wandelnde, gut gebürstete Bürger denken, anders das zartfüßige Frauenzimmer, wenn die wunderbare Verklärung eines Maienmorgens sie etwa die Afer des Stromes entlang lockte, der in der vollen Wucht seiner von dem Weiß der Alpengipfel genährten Frühlingskrast die Schleusen hinabdonnert und gegen die Wehre schwillt.