Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 103)
Frau Josephine Kaulbach, geborene Suttner, eine Münchnerin, die Gattin des be-rühmten Akademiedirektors, erzählte nach der Aufzeichnung ihrer Tochter Frau Josephine Dürck-Kaulbach in deren „Erinnerungen an Wilhelm von Kaulbach und sein Laus" über einen Münchner Sonntag um das Jahr 1820:
Der Münchner Bürger führte, als ich jung war, etwa 1810 bis 1820, ein monotones, spießbürgerliches, aber arbeitsames Leben. Der ganze Tag von frühmorgens bis abends spät war nur der Arbeit und der Pflicht geweiht; ein Spaziergang an einem Wochentage wäre deshalb als ein großer Leichtsinn und frevelhafter Äbermut von der ganzen Verwandtschaft besprochen und kritisiert worden. Dagegen liebte der ehrsame Lausvater es sehr, sich abends nach dem Essen noch auf ein Stündchen zu seinen Freunden an den Wirtstisch zu sehen und etliche Gläser oder auch Krüge Bier zu leeren und dabei die wichtigsten Tagesereignisse zu besprechen. Am neun Ahr, wenn die Stadttore gesperrt wurden, trennte sich die Gesellschaft; blieben aber einige lockere Gesellen wirklich noch sitzen, so war es um elf Ahr, wenn die Polizeistunde schlug, die höchste Zeit, durch die dunklen Straßen, mit der Laterne in der Land, dem sicheren Leim zuzueilen. Der Sonntag war jedoch ganz der Erholung geweiht. Früh ging die Familie zur Kirche, hörte Amt und Predigt mit großer Andacht; dann machte man kleine Gänge durch die Stadt, besuchte den Lerrn Vetter, die Frau Goden, erkundigte sich nach dem werten Befinden der Frau Bas und war Punkt zwölf Ahr wieder zu Laus am Mittagstisch beisammen. Nach Tisch, während der Vater ein bißchen einnickte, ging die Mutter mit der: Kindern zur Vesper, um
dann auf dem Kirchhof die Gräber der verstorbenen Freunde und Verwandten aufzusuchen. Auch das Leichenhaus bildete eine große Anziehungskraft für jung und alt. Im Methaus, Metgarten, auch Lebzelter genannt, von denen das beliebteste der Dum-berger in der Neuhauser Straße war, stärkte man sich mit dem süßen, dunklen Met und den herrlichen Lebkuchen. Ein kleiner Baumgarten, von einfachen Galerien, Lauben, umgeben, bildete den Tummelplatz für uns Kinder, die wir es kaum erwarten konnten, bis endlich der Vater kam, uns zu einem großen Spaziergang abzuholen. Wenn es nun nach langer gründlicher Beratung gar hieß: wir gehen nach Schwabing, so war das schon eine große Partie, und wir wurden erst gründlich untersucht, ob unsere Kräfte, vor allem aber unsere Stiefel einem solchen Anternehmen gewachsen schienen. Das war nun ein Jubel, und gerne wären wir gleich losgestürmt! Einstweilen hieß es aber gesittet neben Vater und Mutter zu gehen, solange wir noch in der Stadt waren. Gott sei Dank für uns, waren wir bald am letzten Laus und vor der Stadt angelangt. Wo nämlich jetzt die Feldherrnhalle steht, war damals ein großes Laus mit einem Muttergottesbild an der Fassade, mit dem Blick gegen Schwabing. Von da an bestand beinahe alles aus Wiesen und Feldern und unbebautem Land. Zur Linken, wo später die schönen Auslagenfenster von Thierry und van Lees — Ecke der Brienner- und Ludwigstraße — den Vorübergehenden so verführerisch einluden, stand auf einem kleinen bewaldeten Lügel ein kleines Laus, das Schettville-Schlößchen genannt. Rechts die Reitschule, dahinter der Lofgarten mit dem kleinen See, den schönen Schwänen und den herrlichen Anlagen. All diese Pracht war jedoch für die profanen Augen des Münchner Bürgers verschlossen. Äber duftige Wiesen und Felder wanderten wir gegen Schwabing, traten dort in die kleine Kirche, erlabten uns im nahen Wirtshaus mit Bier und Brot, tollten noch tüchtig herum und traten dann nach gründlicher Rast die Leimreise wieder an. Zu Lause aber schlüpften wir ermüdet in unsere Betten, ttäumten von dem herrlichen Tage, und die ganze Woche zehrten wir von solch einem Ausflug und wurden nicht müde, die verschiedenen Eindrücke und Erlebnisse nochmals nachzukosten.
Wie es damals am Schwabinger Tor aussah, hat der treffliche Münchner Vedutenmaler Domenico Quaglio in einer seiner schönsten Münchner Ansichten, die sich in der Neuen Pinakothek befindet, bildlich festgehalten. Eine Wiedergabe dieses Bildes ist unserm Buche beigcgeben. DaS „Schettville- Schlößchen" war der Wohnsitz deö ehemaligen kurfürstlichen Gobelinwirkers Andre Chedevillesf 1820), eines großen Gartenfreundes, besten Ehefrau das besuchteste und vornehmste Mädchenpensionat Altmünchens unterhielt.