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Sagen & Geschichten

Theaterwesen unter Max I. Joseph

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 73)

Auch im alten München hatte man über schlechte Theaterverhältnisse zu klagen. Christian Müller läßt sich über die Anzuträglichkeit des Theaterdoppelbetriebes im Loftheater — unter dem das heutige Nesidenztheater zu verstehen ist — und in dem 1811 eröffneten Theater vor dem Isartor mit folgender bewegten Klage vernehmen:

Anter dem Einsiusse des kunstliebenden Karl Theodor schwang sich das Münchner Loftheater anfangs zu einer Löhe auf, die das Schönste für die Folge erwarten ließ. Aber Schikane, Launezensur in ungeschickten Länden, Neckereien und grobe Mißgriffe trübten die letzte Periode des Theaters unter diesem Kurfürsten.

Die Negierung des jetzigen Regenten ließ ihren milden Genius auch über diesen Zweig des freudigeren Gesellschaftslebens walten und befreite die Bühne von allen den Fesseln, die sie niedergedrückt hatten.

Der durch seine schriftstellerischen Verdienste um das deutsche Theater schon rühmlich bekannte Babo kam nun als Kommissär zur Leitung des Loftheaters. Es blieb aber nur allzu kurz in seinen Länden. Seit vier Jahren steht das Theater unter einer Loftheaterintendanz. Der Staat unterstützt das Loftheater durch einen jährlichen Zuschuß von 52000 Gulden, übernimmt die Pensionen ausgedienter Schauspieler und besoldet, zum Dienst des Orchesters, die stark besetzte Lofkapelle. Die vor- ziiglichsten Sänger und Sängerinnen dieser Kapelle, gleichfalls besoldet aus dem Fonds der Lofmusik, dienen dem Theater sür sehr mäßige Gehalte, dem überdies die Abonnementsgelder für die Logen und die täglichen Einnahmen zur Disposition überlassen sind. Wenn eine Negierung die dramatische Kunst mit solcher Liberalität unterstützt, so erklärt sie dadurch doch wohl, daß sie das Gedeihen derselben wünscht, und die Verwaltung des Theaters in den Stand zu setzen strebt, das Erlesenste und Beste der Kunst aus eine all seinen äußeren und inneren Forderungen genügende Weise dem Publikum darstellen zu lassen, ohne dabei, um des Erwerbs willen, auf den verbildeten und ungebildeten Teil desselben rechnen zu müssen. Das Publikum Münchens, wenngleich groß genug, um viel sür das Theater tun zu können, ist gleichwohl von dem, was der Staat für das Beste desselben darbietet, viel zu gut unterrichtet, um wie die Bewohner Berlins und Wiens mit immer wechselnden 

Forderungen und Launen das Beginnen der Theaterverwaltung zu stören, und diese steht daher in dem glücklichen Verhältnis, den Geist der Kunst freier durch ihr Institut wirken lassen zu können, als die Verwaltungen der Theater in jenen beiden größeren Residenzstädten.

Gleichwohl vermißt man den Geist, der über den Wert und die Würde eines dramatischen Institutes wachen sollte, zur Zeit ganz auf der hiesigen Bühne. Übereinstimmung der Darstellenden, die Seele des szenischen Spiels, findet man auf derselben fast nie. Neben einem Akteur, der in einer eminenten Deutlichkeit das Ziel seines Strebens zu suchen scheint, steht eine Aktrice, welche trotz der angestrengtesten Aufmerksamkeit kaum zu verstehen ist. Lier erfreut man sich eines gewandten, raschen, lebensvollen Vortrags, aber er wird vom gedehntesten und monotonsten unterbrochen, der je die Geduld der Zuhörer auf die Probe zu stellen vermag. Voll leidenschaftlichen Feuers, mit den Gesten des französischen Tragödienspielers, richtet ein junger Leid — über die Lampen des Proszeniums gebeugt — die Rede an die Zuschauer, welche der neben ihm steheirden Geliebten seinen Seelenzustand offenbaren soll, und wendet ihr nach derselben mit ineinander geschlagenen Armen den Rückerr zu. Sie antwortet ihm dagegen in einer preziösen, alle Worte betonenden urrd eben daher nichts ausdrückenden Manier, die oft unerträglich wird. Ein Mann aus dem höhererr Stande kniet in dem Lause eines der Ersten des Reiches auf einem Stuhl und wiegt sich mit diesem recht bequem vor- und rückwärts, wie man dies wohl behaglich in eurem Kaffeehause zu tun pflegt. Dergleichen Airbilden sind zur Gewohnheit geworden, weil keine Ein- urrd Umsicht über die Schauspieler rmd ihre Proben waltet. Eben daher wird des Zuhörers Ohr und Sürrr so oft durch die jämmerlichsten Sprachmrrichtigkeiten beleidigt, die das Lächerliche zum Widrigen gesellen. Rollen, welche nicht eben zu den ersten gehören, aber dessenungeachtet oft recht bedeutend sind, rverden talentlosen Anfängern oder ganz urrtauglichen Subjekten übertragen, die den guterr Eindruck natürlich verrrichten, deir die Lauptdarsteller wohl oft bewirken. Imrge Lerren von Ton und Welt, Liebhaber verkehren hier in Stiefeln und Pantalorrs. Irr die Zimmer luxuriöser Damen tritt der arrmelderrde Bediente in der Livree eines Stallknechtes, und die versammelreLausdienerschaft derLadyMilford oderdes Clavigo sieht so erbärmlich und buntscheckig aus, daß sie gewiß keinen Begriff von dem glänzenden Verhältnis ihrer Lerrschaft gibt. Zimmer- und Saaldekorationen sind so veraltet, daß man die ursprünglichen Farben daran nicht mehr erkennen kann. Man muß die Vorstellungen von Wallensteins Lager, von Fiesco, von Egmont auf dieser Lofbühne gesehen haben, um überzeugt zu werden, wie wenig die Direktion derselben die Werke der ersten dramatischen Dichter achtet. Denn nicht aus Unzulänglichkeit des darstellenden Personals, sondern aus der zweckwidrigsten Anstellung desselben entsteht das gerechte Mißbehagen, welches bei diesen Schauspielen alle 

Zuschauer ergreifen muß. Zur Ehre dieses Personals darf man sagen, daß es in seiner Mitte denkende und würdige Künstler und Künstlerinnen, geübte, fleißige und aufstrebende Darsteller, soviel wie jede andere gute Bühne, zählt; aber wer sorgt für ihre Tätigkeit? Wer führt sie in und mit dem Geiste ihrer Zeit fort? Wer knüpft und ordnet das Band bei ihrem gemeinsamen Streben?

In dramatischen Novitäten bleibt man hier gegen alle angesehenen Bühnen Deutschlands zurück. Kein Manuskript wird angekaust, zu so niedrigen Preisen es sich auch darbieten mag; man wartet ab, bis es nach einigen Jahren im Buchhandel erscheint. And doch sind solche leichte Erscheinungen nicht für die Ewigkeit geschrieben; sie entstehen und ergötzen zum Teil nur durch die Anklänge der Zeit, in welcher sie entstanden. Indem ich dieses schreibe, zähle ich aus dem Gedächtnis allein zehn neue Kohebuesche Schauspiele auf, deren ich in Tageblättern erwähnt gefunden, und welche das hiesige Theater noch nicht gegeben, wozu keines der geringfügigeren aus den dramatischen Almanachen dieses Schriftstellers gerechnet ist. Schauspieler und Schauspielerinnen, welche die Zierde und Stütze des Theaters sind, sieht rnan in halber, ja in ganzer Jahresfrist in keiner neuen, bedeutenden Rolle auftreten. Ist das Sorgfalt für Talent? Ist das Laushalt in ihm? Ist es ein Wunder, wenn der Fleiß und das freudige Emporstreben erkaltet, das ungeübte und nicht genug beachtete Talent rückwärts schreitet und das Gesamtbemühen die Spuren des Kaltsinnes trägt? Das gebildete Publikum, welches seit vier Jahren Zeuge des Verfalls des Loftheaters gewesen, ist bis zur höchsten Gleichgültigkeit gegen dasselbe herabgestimmt. Man klagt nicht mehr über die Theaterverwaltung, man wünscht, man hofft nichts mehr von ihr; sie ist ein Gegenstand des allgemeinen Witzes, der sich um so bitterer äußert, da bei den reichsten Lilfsquellen und trotz der Armseligkeit ihrer Leistungen dennoch ihre großen ökonomischen Verlegenheiten und sonstigen hinderlichen Reibungen stadtkundig geworden sind. Die große Oper leistet noch viel Erfreuliches. Ausgezeichnete Sänger und Sängerinnen stehen bei ihren Produktionen unabhängiger vom Ensemble da als die guten Darsteller im rezitierenden Schauspiel; ihre Wirkungen werden von sachkundigen Direktoren geleitet, von einem vortrefflichen Orchester unter- stiiht und können also die allgemeinste Beachtung weniger verfehlen. Märsche, Züge, Bewegungen der stummen Personen werden von den Tänzenr, nach der Anweisung eines einsichtsvollen Ballettmeisters, ausgeführt. Der Einfluß der Theaterverwaltung versichtbart sich nur in mangelhaften Dekorationen, im nachlässigen Kostüm des Eirsenrbles mrd leider auch im Chor, der, da das Personal desselben nicht angestellt, sondern nur für die einzelnen Vorstellungen und die dazu gehörigen Proben gedungen ist, sehr dürftig und nicht genugsam eingeübt erscheint.

Nach dieser Schilderung des königlichen Loftheaters, die ein treuer Nachklang der Meinung aller Klassen des Münchner Publikums ist, fragt es sich: durch welche 

Umstände konnte die Verwaltung eines Kunstinstituts verleitet werden, das Interesse für dasselbe und für seinen eigenen Ruhm so ganz aus den Augen zu verlieren?

Kurz nach Einsetzung der jetzigen Loftheaterintendanz wurde derselben erlaubt, ein neues Schauspielhaus am Isartor zu erbauen. Dies Theater war bald sehr geschmackvoll hergestellt und wurde im Oktober 1811, als Privatunternehmung des gegenwärtigen Loftheaterintendanten, jedoch unter dem Namen: Königliches Theater am Isartor eröffnet. Das darstellende Personal für diese Unternehmung lieferte teils die Gesellschaft eines schon früher bestandenen Vorstadttheaters, welches ein Jahr vorher abgebrannt war, teils wurden einige Anfänger dabei angestellt, teils verpflichtete der Unternehmer mehrere Mitglieder des Poftheaters, gegen geringe Gratifikation an den Darstellungen im neuen Theater teilzunehmen, die mit allem äußeren Reiz an schönen und prächtigen Dekorationen, an neuer geschmackvoller und glänzender Garderobe, an eleganten Mobilien und Requisiten ausgestattet, ganz auf die Schaulust des großen Laufens berechnet wurden.

Der königliche Los interessierte sich für dieses neue Etablissement. Ein geschmackvoll eingerichteter und verzierter Salon im Amphitheater, der in die große Loge des Loses führt, gewährt die freie Ansicht der Bühne, und hier nehmen die königlichen Personen ohne große Zerenronien die huldigenden Begrüßungen aller hoffähigen Personen an. Schon dieser Umstand erfüllt das Laus mit einem erfreulichen Schimmer und bewirkt an solchen Tagen das Zuströmen des Publikums zu dem bunten Schauspiel. Wenn man bei diesem auch oft Gediegenheit des Gehalts und artistische Darstellung vermißt, so findet man doch das spielende Personal sorgfältig eingeübt, vorzüglich aber niedrigkomische Stücke, bei denen das Lokalkolorit das größte Verdienst ist, durch ausgezeichnetes Talent glücklich hervorgehoben. Das Statistenwesen ist dabei sehr wohl geordnet und alles, was die äußeren Sinne berührt, auf das glänzendste und mit Präzision ausgeführt. So hat hier Salomons Urteil und der Fleischhauer von Oedenburg, Abrahams Opfer und der Zwirnhändler in Wien, der Lorbeerkranz und Evakathel und Schnudi, Graf Waltron, die Wiener Bürger und Staberls Lochzeit, Moses Errettung und der Tiroler Wastel, der große Bandit Abällino und die Milchschwestern, der Wald bei Lermannstadt und die Kreuzerkomödie, Ledwig, die Banditenbraut, und das Donauweibchen, die Kreuzfahrer, das Kätchen von Leilbronn und der Brand von Moskau, die kluge Frau im Walde, das beleuchtete Kreuz in der Peterskirche, die Zimmerherren in Wien, der bayerische Grenadier und die Wallfahrt nach der Königsgruft, ja selbst das Leiden Christi, nach berühmten Gemälden von lebendigen Personen dargestellt, das Publikum in vielfältigen, prunkenden und burlesken Darstellungen an sich gezogen. Das Loftheater, trotz manchem eigentümlichen Talente seiner Künstler, mußte, entblößt von äußerem Glanz, vernachlässigt imEnsemble, mit seinem veralteten Repertorium gegen das Streben 

dieser neuen Bühne nach dem Auffallenden,Schimmernden und Ergötzlichen bald gegen dieselbe das Ansehen eines alten, abgegriffenen Siegwarts zwischen einer Sammlung neuester Almanache annehmen. Erwägt man noch, daß die Lofschauspieler, welche gegen geringe Gratifikationen ihre Tätigkeit dem neuen Theater verpflichtet haben, weit mehr für dieses, als für das sie besoldende Lostheater verwendet werden, daß bei den Produktionen desselben daher bedeutende Kräfte verloren gehen, ferner daß die für das neue Theater angestellten Personen sehr kärgliche Besoldungen aus der Kasse desselben beziehen, aber, da man sie bisweilen zur Aushilfe für die Vorstellungen des Lostheaters zu gebrauchen beliebt, durch bestimmte und unbestinunte Gratifikationen aus der Lof-theaterkasse ökonomisch zufriedengestellt werden, daß vielfältige Massen aus der Lof-theatergarderobe für die Bekleidung des Ensembles des neuen Theaters verbraucht wurden, so wird es bis zur Evidenz deutlich, wie sehr die Verwaltung des Loftheaters inartistischer und ökononnscherBeziehungdurchdiesePrivatunternehmung belästigt wird.

Das Theater vor dem Asartor, daö als Gebäude heute noch besteht, lange Zeit als städtische Leihanstalt Verwendung fand und jetzt als Lichtspielhaus dient, erbaute Oberbaudirektor d'Herigoyen als Volkstheater, besten Leitung der Intendant Delamotte übernahm, der wenig verdiente Nachfolger des ausgezeichneten Intendanten Joseph MariuS von Babo (1756—1822), der 1810 die Direktion der Hofbühne niedergelegt hatte. Zum heutigen Nationaltheater wurde 1811 der Grundstein gelegt. Nach den Plänen Karl von Fischers wurde es in den Jahren 1812—1818 erbaut und am 12. Oktober 1818 eröffnet. Aber schon am 14. Januar 1823 legte ein Brand daö HauS in Asche. Nun wurde, da Fischer inzwischen gestorben war, Leo Klenze berufen, das Haus wieder aufzubauen, und am 2. Januar 1825 konnte es wieder eröffnet werden. Am gleichen Jahre wurde das Theater am Asartor, wo zuletzt der Hofschauspieler Carl als Direktor gewirkt und wo die Finanzverhältnisse sich immer verwirrter gestaltet hatten, geschlossen. Fortan übernahm wieder Schwaigers Lipperltheater die Rolle der Münchner Volksbühne, bis 1865 daö Gärtnerplatztheater als Volkstheater in die Erscheinung trat.