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Sagen & Geschichten

Die norddeutschen Gelehrten der Akademie

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 65)

Brief von Baranoffs an F. W. Thiersch aus Luzern vom 8. Juni 1808.

Der Bayer, wenn er seinen Acker oder sein Landwerk oder sein Amt redlich bestritten, will froh und heiter, ohne weitere Sorgen sein Leben genießen. Er geht dann in das Bierhaus oder ins Theater oder ins „Museum" und läßt sich's gut schmecken bei einem Gläschen Wein oder einem Journal und Roman, je nachdem sein Stand, und kümmert sich den Teufel nicht unr die Fortschritte in Kunst und Wissenschaft. Jetzt sind noch eine Menge Länder hinzugekommen, die wollen regiert werden, und es sind blutige Kriege zu führen, so daß vollends an Gelehrsamkeit gar nicht zu denken. Die Bayern hatten schon lange Bibliotheken, Akadeinien, Schulen, Zünfte voir Küllstlern, nirgends aber kam etwas Gescheites heraus. Jetzt tritt ein Minister — Montgelas — auf, dieser, der wie er urld mit ihm seine zahlreichen Freunde wähnen, der Nation so viel Gutes getan, will sie auch aufklären, um seinen Ruhm zu krönen. Der König wird beredet, uild ansehnliche Fonds siild zur Stiftung einer Akademie angewiesen. Aus dem gelehrteil Auslailde ruft man gelehrte Männer herbei, die, gut besoldet, als Aufklärer der einfältigen Nation auftreten, gewaltige Arlstalten machen und von ihrer Löhe herab alle Triebfedern in Bewegung sehen, um das dumme Völkchen mit Gewalt klug zu macheil. Dem Völkchen aber, das schon so viel aus seiilem Beutel zur Errichtung hat bezahlen müssen, gefällt dieser Lochmut der Ausländer gar nicht; es bildet bald Partei gegen seine Aufklärer uild schmäht so laut, daß ich einen sogenannten gebildeten Bayern eirlinal laut über Tisch von vierzig Narren, die sich zusammen eine Akademie ilennen, sprechen hörte. And jetzt, wie sieht es mit der Akademie selbst aus? In der philosophischen Klasse vegetieren Jacobi, Schelling, Baader und Weiller, alle vier mit vier verschiedeneil philosophischen Systemen nebenenlailder; das gibt also Kabalen uild Niederträchtigkeiten, die gar kein Eilde nehmen. Dabei ist der alte Jacobi doch auch ein trauriger Präsident, und durch seine niedrige Kriecherei lind seinen uilbegrenzten Lochmlit hat er schon den Laß aller auf sich gezogen. Im Theater sah ich einmal die „Kabale und Liebe" von Schiller geben.

und da der Major sagte: „und ich will es der ganzen Stadt erzählen, wie man Präsident wird", da entstand ein gewaltiges Applaudieren und ein wahres Jauchzen, das mehrere Minuten anhielt, so daß ich nicht begreifen kann, wie es jemand möglich wird, Präsident zu bleiben, wenn er das gehört. Jacobi blieb aber ruhig hinter dem Stuhle der Frau Minister stehen. Geht etwas Gutes aus der Anstalt hervor, so wird es nur durch den Kampf zwischen Akadenrie und Volk bewirkt; an sich ist das Ganze aber nur ein Pfropfreis, das man einem ihm fremdartigen Baume aufdringen will, der dieses aber nicht leidet, sondern einen giftigen Saft dem fremden Gaste entgegenschnellt. Doch diese meine individuelle Meinung habe ich nur Ihnen, als meinem Freunde, gesagt, indem ich weiß, daß Sie sie nur so aufnehmen und nicht weitersagen; urteilen kann und darf ich nicht über die Nation, die ich nur so wenig kenne. Anter den vielen Akademikern, die ich kennen lernte, war mir Schelling der interessanteste, obgleich er meiner Erwartung am wenigsten entsprach; ich dachte, einen Mann voll Lebhaftigkeit und feuriger Empfindung zu finden, und fand einen stillen, gesetzten, etwas einsilbiger:, derben Mamr. Schon sein Äußeres ist etwas abstoßend; das runde Gesicht mit dem breiten Munde und der stumpfen Nase, rrur durch eine hohe Stirn gehoben, errtspricht der Vorstellung gar nicht.

Friedrich Thiersch schreibt in einem Briefe vom 1. Mai 1810 an Lange:

Ansere Lage war diesen Winter über, zumal bei Abwesenheit des Loses, der höchsten Behörden und fast alles Militärs, äußerst bedenklich, denn Aretin und seine Genossen hatten ihre Sache zu der des Volkes und des Vaterlandes gegen Fremde gemacht, die den Einheimischen das Brot wegnähmen, für die großen Summen nichts täten, die Bayern verachteten und verfolgten, vor allen Dingen aber aus den Schulen die Religion verdrängten und das Luthertum einführten. Das alles wurde durch fast tägliche Pasquille und Kreuzpredigten selbst in Tavernen gehörig eingeprägt. Selbst Geistliche in der Kirche bei der Kinderlehre erlaubten sich in dieser Beziehung Lerzensergießungen, die das laute Murren des versammelten Volkes erregten. Man fühlte, daß jetzt oder nie der Zeitpunkt sei, uns durch das Volk in die Luft zu sprengen, da der politische Terrorismus seine Wirkung zu unserer Vertilgung versagt hatte. Die Gärung wuchs mit jedem Tag, denn der Vernünftigen sind auch in den höheren Ständen nur wenige, und in den bedenklichsten Zeiten wurde Niethammer, demLaupt- urheber des hereindringenden Luthertums, von guter Land geraten, auf seiner Lut zu sein, weil er ehestens leicht vom erbitterten Volk könne gesteinigt oder zerrissen werden. — In dieser Zeit ging ich immer bewaffnet aus; doch kann ich nicht eben sagen, daß mir besonders bang gewesen wäre, außer daß die Sorge und Traurigkeit der andern mich zuweilen verstimmte. Doch die drohenden Wetterwolken zogen allmählich vorüber; der König, der Kronprinz kam zurück, Militär rückte ein, die Lei- rat des französischen Kaisers brachte andere und ebenso naheliegende Ideen in dieKöpfe. Man hatte sich über unsere Sache ausgesprochen, und unsere Feinde, die schon so weit gewesen waren, nach Landshut zu schreiben: man möge dort nur den Aufstand beginnen und die Fremden fortschaffen, hier sei alles bereit, waren jetzt in die klägliche Notwendigkeit versetzt, ihre blinde Wut bloß in Pasquillen, die niemand mehr achtete, auszuschütten oder in Neckereien auszulassen. So wurden denn Jacobi und Feuerbach ähnliche Späße gespielt wie dem englischen Lord in London vor einiger Zeit: man schickte ihm Landwerker, Kutscher, Weiber, Gärtner zu einer bestimmten Zeit vor das Laus, so daß die Polizei sich darein legen mußte. Dieser Anfug aber gab der Sache eine nur für die Bosheit höchst traurige Wendung. Schon war den Leuten mit der Zeit die Besinnung über uns allmählich zurückgekehrt, und das üble Licht, in welchem Bayern bei dem Landet in auswärtigen Blättern erschien, das dadurch gekränkte Ehrgefühl der Bayern hatten den Anwillen noch mehr auf unsere Gegner gelenkt, eine Stimmung, die durch Trakasserien der obigen Art noch unterhalten wurde. Nun war es am Palmsonntag, eben da, wo sie durch den Lande! mit meiner Predigt ihren Frevel bis in unsere Kirche ausdehnten, als endlich die Nemesis aus den: höchsten Gipfel sie erreichte. An demselben Tage wurde nämlich der erwähnte Spuk in Feuerbachs Lause getrieben: Bauernweiber, Bediente, Landwerker usw., von Anbekannten bestellt, meldeten sich mit tausenderlei Siebensachen, und zuletzt waren noch die Totenweiber gekommen, um den Lerrn Geheimen Staatsrat in den Sarg zu legen, der an einer Alteration gestorben sei. Lierdurch wurde der König, der schon früher bei Jacobis Beunruhigung dieser Art indigniert gewesen war, höchst entrüstet. Er ließ den Feuerbach, der des Iustizministers rechte Land und Chef des Iustizwesens ist, im Staatsrat aber durch seine große Geistesllberlegenheit beinahe gebietet, zu sich rufen, um ihn zu trösten, und hat dabei sich mit dem größten Zorn über die Buben und ihre Bübereien (Ausdrücke, die er dabei immer gebraucht hat) ergossen.

Durch die Säkularisation der Klöster und geistlichen Fürstentümer und durch die Mediatisierung der kleineren Reichsunmittelbaren und der Reichsstädte, durch die Angliederung Frankens und der — später wieder verlorenen — Länder Salzburg und Tirol war der Uinsang Bayerns beträchtlich erhöht worden.

Eine Akademie der Wiffenschaften besaß Bayern seit dem 28. März 1759; ihr Stifter war Kurfürst Max III. Joseph; ihre ersten Mitglieder waren Lori, Linprunn, Osterwald usw. Doch war die Auswirkung der Akademie bis zu ihrer Wiederbelebung durch Montgelas nur gering. Durch die Berufung neuer Akademiker im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts sollte München dafür entschädigt werden, daß es die im Jahre 1800 aus Ingolstadt wegverlegte Universität nicht erhalten hatte; sie kam zunächst nach Landöhut und erst 1826 nach München.

Friedrich Heinrich Jacobi, Philosoph, Freund Goethes, wurde 1743 in Düsseldorf als wittels- bachischer Untertan geboren; 1779 war er zuerst in München, 1804 kam er zum zweiten Male. Seit 1807 war er Präsident der Akademie und blieb es bis 1813; gestorben ist er 1819. Außer ihm wurden berufen der Numismatiker Schlichtegroll (1765—1822), seit 1807 Generalsekretär der Akademie und später Direktor der Hofbibliothek, und der Philolog Friedrich Jacobs, weiterhin Friedrich Wilhelm 

Joseph von Schelling (1775—1854), der Philosoph und Pädagog I. F. Niethammer (1766—1848), späterer Oberkonsistorialrat, und der Historiker Professor F. Breyer. Alle diese Akademiker waren Protestanten und deshalb von der katholischen Münchner Bevölkerung gehaßt. Franz Xaver Baader (1765—1841), Philosoph, erst Oberbergrat, dann Universitätsprofessor, war Münchner und Katholik, ebenso der Philosoph und Pädagog Cajetan von Weiller (1762—1826), der seit 1809 Direktor aller staatlichen Lehranstalten und seit 1823 Generalsekretär der Akademie war. Die Brüder Adam Freiherr von Aretin (1769—1822) und Georg Freiherr von Aretin (1771—1843) waren hochkonservativ und galten als die Vorkämpfer des streitbaren Katholizismus.

Friedrich Wilhelm von Thiersch (1784—1860), Philolog, wurde erst 1809 nach München berufen und 1813 in die Akademie ausgenommen. Seine bedeutendste Wirksamkeit entfaltete er allerdings erst später als Vorkämpfer der philhellenischen Bewegung und entscheidend im Jahre 1848 als Rektor der Universität. Als führende Münchner Persönlichkeit erscheint er in späteren Kapiteln.

Paul Johann Anselm von Feuerbach (1775—1833), der berühmte Kriminalist, wurde 1805 berufen, sein Name war später in das Rätsel um Kaspar Hauser verwickelt; er starb als Regierungsdirektor in Ansbach.