Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 34)
Lorenz Westenrieders Tagebuch, das dem bayerischen Geschichtsschreiber vielfach als Skizzenbuch für seine Aufsätze und Studien diente, ist eine Quelle zuverlässigster, dabei von persönlicher Anschauung erfüllter Berichterstattung über Münchner Ereignisse und Begebenheiten. Ihm sind die folgenden Ausschreibungen entnommen:
1799. Den lö.Äornung, welches ein Samstag war, wurde vormittags der Kurfürst für merklich besser ausgegeben, aber um halb zwei Uhr befiel ihn wiederholter Schlag, und er griff in die letzten Züge. Die Tore wurden sogleich wieder geschlossen. Die Ordonnanzen eilten durch die Gassen, und alle Einwohner kamen in Bewegung. Alle Fenster wurden geöffnet, und es war eine allgemeine lautere Frage, ob es bald vorüber sein würde. Ich ging nach Los und erwartete den Ausgang im Lerkulessaal, durch welchen bereits alle Minister, Generale, Geheime Räte nach den inneren Zimmern eilten. Im Lerkulessaal befanden sich mehrere Personen, die noch, ehe die Residenz geschlossen wurde, hierher gekommen waren und unaufhörlich durcheinander liefen und unablässig sich einander fragten, wie es mit dem Kurfürsten stehe. Trat jemand aus den inneren Zimmern, so wurde er sogleich umrungen und mit Fragen bestürmt. Es war ein seltsames und gräßliches Schauspiel. Im Residenzhof standen die Pferde der bayerischen Kuriere gesattelt, und vor dem Tor der Residenz saßen viele Ordonnanzen zu Pferd. Die Spannung, Anruhe und Erwartung machte jedem die Zeit länger, als sie war. Ich, der ich doch ganz still und einsiedlerisch in einem Winkel stand, wurde öfters gefragt, zu sagen, was ich wüßte, und öfters rannte man zu mir her und erzählte mir, wie es stehe, wobei sich die Person, die mich anredete, augenblicklich wieder entfernte. Endlich ein Viertel und sechs Minuten nach drei Ahr verschied Karl Theodor. Sogleich öffneten sich die großen Flügeltüren und die Kuriere und mit ihnen eine Menge anderer Leute stürzten im wilden Lauf heraus. Niemand sprach etwas, aber man sah, was es war. In diesem Augenblick fühlte ich mit Wehmut für den Verschiedenen; er war zwar ein schlimmer Regent, aber doch auch ein Mensch, und seine bösen Ratgeber und höllischen Mannheimer tragen wahrlich auch einen großen, vielleicht den größten Teil der Sünden, die er wider uns Bayern begangen hat. Man läutete bei den Theatinern, und die ganze Stadt fing endlich an, frei zu atmen; denn jedermann beklagte sich dieser Tage, daß man vor innerer Anruhe und vor Furcht und Kummer, daß es wieder besser gehen könnte, nicht essen, nicht schlafen und nichts denken könne.
Beim Eintritt des Max Joseph, den 30. Dezember 1777, zerfloß die ganze Stadt und die ganze Nation in Tränen. Leute frohlockte alles, und jeder wünschte dem andern Glück. Man erwartete mit Angeduld die Proklamation des neuen Kurfürsten Maximilian Joseph. Diese geschah vor der Residenz und in verschiedenen Gassen von 4y2 Ahr, bis es Nacht wurde, und das Jubelgeschrei und das Vivatrufen des Volks (nur bei der ersten Ausrufung vor der Residenz wurde geschwiegen) durchdrang die Wolken. Die Regimenter, die Dikasterianten wurden sogleich in die neue Pflicht genommen, und Boten und Posten gingen durch alle Tore. Am freudigsten ging es heute in den Wirtshäusern zu. Man hatte nur eine Gesinnung, und man zerstieß sich taumelnd die Gläser in den Länden, um selbe recht zu bekräftigen. Den Mannheimern, die man überlaut hohnneckte, war anders zumute. Die meisten verdienten's nicht besser, und sie haben uns seit 1777 arg genug mitgespielt.
Es ist höchst merkwürdig, daß den Kurfürsten der Schlag gerade an dem Abend und beim Spiel traf, nach welchem er ein Dekret unterschreiben sollte und auch unterschrieben haben würde, vermöge dessen fünfzehntausend Bayern an die Österreicher hätten überlassen werden sollen. Er starb, da er nicht mehr reden konnte, ohne Testament, und man versichert, daß er an gemünztem Gold und an Gold- und Silberstangen sechsundzwanzig Millionen hinterlassen habe.
Während seines viertägigen Kämpfens mit dem Tode erzählte man sich hier eine Menge Anekdoten, welche die allgemeine Verachtung und den bittersten Laß gegen ihn verrieten. Als man einem Bauern, der zum Tore hinaus wollte, zurief, daß das Tor gesperrt sei, schrie er: „Ihr Schuz! Vor einundzwanzig Jahren hättet ihr das Tor sperren sollen, damit er nicht hereingekommen wäre."
Ein anderer erzählte, man habe nach der Mutter Gottes im Lerzogspital geschickt und sie ersucht, nach Los zu kommen; sie habe aber geantwortet, sie könne nicht kommen, denn sie hätte keinen Rock mehr anzulegen. Das spielte auf die fünfzehn Millionen an, welche Karl Theodor vor kurzem von der Geistlichkeit gefordert hatte.
Den 20. Februar abends um 7 Ahr kam der Kurfürst Maximilian Joseph hier an. Der österreichische Erzherzog Karl hatte ihn in seinem Lauptquartier zu Friedberg prächtig empfangen und mit Stabsoffizieren und Lusaren begleiten lassen. InFriedberg waren auch Abgeordnete der Landschaft und der Stadt. Auch derLerzog Wilhelm war ihm schon den 19. entgegengereist. Da Maximilian mit dem Gefolge bei dem Tor ankam, entstand ein solches Iubelgeschrei, daß einige Pferde an seinem Wagen scheu wurden und über die Riemen oder Zugstricke schlugen, daher man Lalt machen und sie wieder auslösen mußte. Er fuhr nach der Burg, genannt Lerzog Max, vor welcher das Volk noch lange versammelt blieb, unaufhörlich jauchzte und Vivat Maximilian rief.
Lorenz von Westenrieder (1748—1829), den man einmal das Gewissen Bayerns nannte, vertritt Karl Theodor gegenüber ausgesprochcnermaßen den altbayerischen Standpunkt. Es war indessen teilweise auch Schuld der Münchner, daß sich der Kurfürst, der aus der geistig und gesellschaftlich freieren und regsameren Pfalz kam, in München nicht heimisch fühlen konnte und sich lieber mit seinen pfälzischen Landeskindern, den vielgehaßten „Mannheimern", umgab als mit Münchnern. Sein Plan, Bayern an Österreich zu verkaufen oder gegen anderes Land zu vertauschen, wurde von den bayerischen Patrioten unter der Führung der Herzogin Clemens und unter Mitwirkung Friedrichs II. von Preußen vereitelt.
Karl Theodor war geboren am II. Dezember 1724; seit 21. Dez. 1742 war er Kurfürst von der Pfalz, am 30. Dez. 1777, nach dem Aussterben der bayerischen Linie der Wittelsbacher, fiel ihm Bayern zu.