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Alt-Münchner-Bilderbuch

Vorwort

Der Weltkrieg mit seinen unerhörten Völkerwanderungen und mit seiner auf das ganze Erdenrund gerichteten Expansion aller Kräfte hat etwas ganz Ungewohntes gerade unter uns Deutschen hervorgerufen: Im Getriebe des äußersten Kosmopolitismus ist aus dem innersten Herzen des vaterländischen Gedankens die Heimatliebe in deutschen Gauen wie eine wilde Rose aufgeblüht. Unter den Klängen jener starken Lieder, die immer wieder sich in dem Kehrvers fanden „Das Vaterland muß größer sein“, zogen wir nach Flandern mit seinen gotischen Domen, zu den Rebenhügeln der Champagne, in die weiten Ebenen Polens, über die zerklüfteten Felsenberge der Karpathen, von den eisumstarrten Alpen hinab auf den Wegen der Longobarden und Hohenstaufen in die sanften Gefilde des klassischen Geistes, und hier, wo sich der ungebärdige germanische Zug in die Ferne genug tun konnte, weitete sich auf einmal unser Auge und sah nach innen: das uralte Heimweh der deutschen Volksseele brach in all jenen fremden Schön=heiten mit unwiderstehlicher Kraft hervor und führte zu einer Vertiefung ohne Gleichen. So haben wir niemals gewußt, was Heimat ist, so hat sich der Sinn für die Scholle, auf der wir geboren, dem heutigen Geschlechte noch niemals er=schlossen. Das Land, dem alle Liebe unserer Väter galt, unbewandelt vom Haß und vom Neid der Völker, tat seine innerste Seele auf. Züge der Weltkrieg nur diese eine Frucht auf der Spitze seines Schwertes, es wäre reichlich genug. Unter diesem Einfluß der „Insichtigkeit“ habe ich eines der schönsten Kapitel deutscher Städtegeschichte durchgeblättert und biete nun aus dem Schatze, den mein seliger Vater* in langen, stillen Jahren gesammelt, den Münchenern, dem Bayernvolke, dem deutschen Vaterlande einen Strauß voll köstlicher Blüten: Lawendelduft geht von ihm aus; die gute, alte Zeit steht mitten in den Folger=ungen der modernen Ideen lebenssprühend wieder auf. Was die „fliegenden Blätter“ jener Tage — Kupferstich, Lithographie, Aquarell und Stahlstich — mit der Wärme eines sonnigen Gemütes festgehalten haben, fängt an, seinen Zweck einer Geistesüberlieferung zu erfüllen.

Die gute, alte Zeit war in des „windstillen Lebens Genüge“ (Liliencron) auf sich selbst und die restlose Entwicklung ihrer ureigensten Persönlichkeit besonnen. Der Sturm eines rasenden Verkehrs der internationalen Gewinnsucht ist über sie hinweggefegt und hat ihren völkischen Sinn, ihren provinzialen und lokalen Geist der Lächerlichkeit anheimgegeben: nun kehren wir wie der verlorene Sohn zu ihr ins Heimathaus zurück und sie — nimmt uns mit vollen Händen wieder auf. Ihr lebendiger Geist, der zu stark war, als daß ihn materialistisches Banausen=tum hätte töten können, schlägt seine Flügel um uns. Persönlichkeit heißt seine Devise, Persönlichkeit als die Grundwurzel aller wahren Kulturentwicklung. Des soll dies Bilderbuch der bürgerlichen Lebenskunst ein Zeuge sein. Es macht auf Vollständigkeit keinen Anspruch — mögen andere aus anderen Samm=lungen der bayerischen Hauptstadt es ergänzen und fortführen — aber es bietet alles, was dem Münchener einst lieb und teuer war, die ganze Patina einer prachtvollen Stadtgeschichte. Es will eine große Aufgabe erfüllen: es soll nicht bloß den Ahnen eine Krone sein, es soll nicht bloß Stolz und Liebe unter dem jetzt wandelnden Geschlechte großziehen und den Fremden eine Einführung in das sein, was man den echten Münchener Geist nennt, sondern es soll auch der Zukunft zu einem Bauprogramme dienen. Keine Stadt Deutschlands hat sich mit so sicherem Instinkte von den Lehren des Weltkrieges auf die Forderung einer einheitlichen Stadtgestaltung besonnen wie München. Da soll nun aus diesem Hohenliede der guten, alten Zeit der Geist einer wahrhaften Baugesin=nung vor uns herwehen, es soll ein Heroldsruf zur Wahrung des Zusammen=hanges und der organischen Entwicklung sein, es soll das Verständnis für das Werden der Jetztzeit wecken und eine Anpassung lehren. Die Monumente und Dokumente der alten Stadtgeschichte stellen eine Kulturlinie auf, eine Richtlinie für die Kulturgemeinschaft fortlaufender, folgerichtiger Zeiten, kaum irgendwo anders besser als in München.

In zwei Angeln bewegt sich — abgesehen von der spätgotischen Zeit und den Jahrzehnten der Renaissance, die in der bayerischen Hauptstadt nicht so unmittelbar und nur mehr erinnerungsweise die bürgerliche Kultur beeinflußt haben — das stilistische Gefühl der guten, alten Münchener Zeit; zwei Bau=kreise, der kurfürstliche und der königliche, das Rokoko und der Ludovicianische Kreise, durchdringen sich, und sie sind es vor allem, die dem München von heute sein persönlich=eigenstes Gepräge aufdrücken. Sie sind es auch, die trotz ihres verschiedenen Kunstweges und ihrer gar auf den ersten Blick entgegengesetzt erscheinenden Ausdrucksmittel ein reines Beispiel der folgerichtigen Entwicklung in der baulichen Verkörperung einer städtischen Lebensgeschichte darstellen. Von ihnen aus vermögen wir dann auch retrospektiv den roten Faden der Münchner=ischen Anschauung durch die Gebilde der Renaissance bis zu jenen eigenartigen Werken der Gotik, dem Dom und den Stadttoren, leicht zu verfolgen und mit dem Großenganzen in Einklang zu bringen.

Was ich hier biete, sind Dokumente der guten, alten Zeit. Damit ist zu=nächst gesagt, daß, was sie festhalten, jene intimen Stimmungen sind, die aus der Gruppierung hervorgehen. Dem Reize des romantischen Stilllebens hängen sie nach. Nun ist ja das machtvolle, geräuschvolle Wachstum der Großstadt mit seinem öffentlichen Verkehr dem alten Wohnprinzipe über den Kopf ge=wachsen, allein, wer den seligersonnenen Inseln der alten Schönheit nachgehen will, der kann sie an der Hand meines Führers auch heute noch finden. Vieles hat ein anderes Gewand angezogen, der Geist ist derselbe geblieben. In der Muschelschale der modernen Inkrustation ruht die schimmernde Perle noch immer. Wenig Großstädte wird es in deutschen Landen geben, die der Kristalli=sationen der spezifisch=bürgerlichen Kultur, wo der Pulsschlag ununterbrochener Zusammenhänge deutlich klopft, so viele aufweist wie unser liebes München, Keine vielleicht wie es, dank der Kunstfreude des Wittelsbacher Herrscherhauses, wo nicht bei einem bestimmten Datum die geistige Entwicklung in das Stadium einer Erstarrung gelangte, sondern wo bis in den allerjüngsten Tag hinein eine triebkräftige Tradition sich als machtvoller Faktor just in der Auslebung der allermodernsten Stadtidee erwiesen hat.

Aus den zahlreichen Darstellungen des Gesamtbildes von München gibt sich das bewußte Streben um eine imposante und malerische Silhouette kund. Das Ganze, wie es sich ausprägt mit den Akzenten und Auftakten seiner Türme und Tore, mit seinen hochragenden Giebeldächern, ist das Ergebnis eines abgerundeten Schönheitsgefühls. Das ist die repräsentative Seite des Bürgerstolzes nach außen: wer von den Bergen steigt und aus der Ebene herankommt, soll es schon von ferne klar erkennen, mit was er es hier zu tun hat. Wo immer du herkommst, geht es dir ein, daß in dieser Silhouette sich der Kranz des Hochgebirges künstlerisch projiziert, und daß dieses Ensemble von Türmen um das hohe Doppelpaar der Frauenkirche sich zur weiten Ebene in ein Verhältnis stellt. Und wenn du näher trittst, von welcher Seite auch immer, kann es dir nicht verborgen bleiben, wie vor den Toren und vor den Mauern die Natur so ur=wüchsig und doch so selbstverständlich in das Gebilde der Baukunst hinüber=geleitet ist. Gerade dieser Zusammenklang von Kunst und Natur zu einer ein=heitlichen Anschauung spricht sich als eines der köstlichsten Stücke der Münchener Überlieferung aus, die im Englischen Garten, im Hofgarten und in so vielen städtischen Parkanlagen heute noch Geist vom alten Geiste atmet.

Fremdling, tritt ein; schon umfängt dich der Zauber jener poesievollen Straßen=kulissen, die mit ihrem Zusammenhang und Zusammenklang ein feindurchädertes Gemeinwesen, einen wahrhaft sozialen Gemeinsinn zum Ausdruck bringen. Und nun lass deine Augen schweifen.

Der treffliche Wahlgedanke eines Siedelungsplatzes an den Ufern der Isar mit ihrem welligen Gelände entwickelt sich durch die Jahrhunderte zielbewußt. Die Notwendigkeit hat sich eine materialgerechte künstlerische Verklärung ge=schaffen, so wie nach der alten thomistischen Lehre sich die Seele den Leib, der zu ihr allein gehören kann, selber schafft. Brückenbilder voll malerischer Gliederung leiten über die stillen Winkel am Tore mit dem Schlagbaum und dem Zoll=häuschen durch bewegte Straßenzüge zu jenen lebensvollen Plätzen, wo sich die öffentliche Tätigkeit des Bürgers abspielt, um Kirchen, Amtshäuser und Denk=mäler. Grandiose Klosteranlagen mit ihren freskierten Fassaden wiederholen sich im kleinen in entzückenden Höfen der Privathäuser mit ihrem gemütlichen Fa=milienleben. Die süddeutsche Nachbarlichkeit hat all diese kunstgerecht zusammen geschlossenen Gebilde von selbst ergeben. Wie einfach die Mittel — Holzver=schalung, Balkenwerk, Hohlziegeldächer, Erkerbauten — aber wie reich die Formenwelt, wodurch die gute alte Zeit ihren geruhsamen Humor, ihre genüg=same Stille, ihre malerische Romantik ausspricht, überall duldsam und bereit, sich in eine neue Zeit hinüberleiten zu lassen. Gerade diese aus der Nachbarlich=keit heraus entwickelten Gassenpunkte und Häusergefüge haben die Blätter der guten alten Zeit festgehalten als ein Bauprogramm für das nachkommende Ge=schlecht und als den schimmernden Abglanz einer reichen Bürgergeschichte.

Aber meine Bilderfolge soll kein architektonisches Handbuch sein, es soll nur eine Stichprobe aus dem Testamente vorfahrenden Geistes bieten. Nicht Theorie, sondern Praxis des warmflüssigen Lebens hat alle die Künstler dieser Blätter geleitet. Darum sind sie ein einziges großes Sittenbild des Münchenerischen Getriebes. Die Kette der Kunst und der Einschlag des Lebens schaffen ein gewebtes Bild just dessen, was unserer Stadt die Voraussetzungen zu ihrer hohen geistigen Kultur mit ihrem persönlichen Gepräge geschaffen hat. Der Name Isarathen ist keine hohle Phrase und hat seine Bedeutung über die klassischen Bestrebungen Königs Ludwig I. weit hinaus.

Was sich da innerhalb des architektonischen Rahmens auf diesen Blättern abspielt, das suchst du, lieber Leser, anderswo vergebens. München ist München. Ich brauche dir nur die Namen Oktoberfest und Theresienwiese zu nennen, um dir ein Eldorado volkstümlicher Überlieferungen vor die Seele zu zaubern, einen ganzen Himmel urdeutscher Herrlichkeit. Und ich erinnere noch an die Farbenpracht der Fronleichnamsprozession, um den religiösen Stimmungsanschlag meiner Blätter nicht zu übergehen. Zwischen diesen beiden Polen aber, zwischen Ernst und Heiterkeit, welch eine Stufenleiter von Ausdrücken einer überquellenden Volksseele, welch eine Fülle von bodenständig=urtümlichen Gebräuchen, welch ein weiter Tummelplatz der bayerischen Psyche. Die Lage Münchens als einer Gartenstadt mit feinem Isartal und feinem nahen Hochgebirge, mit seinem englischen Garten und feinen Anlagen hat den Ausflügen des Bürgertums eine ganz eigene Note gegeben und das Kellerleben zu einer heimischen Begriffsnotwendigkeit erhoben, die sich in jedes echten Münchners Seele in einem Worte zusammenfaßt, in einem Worte voll Nimbus: Salvator! Ja, über dem Nockerberge geht die Sonne auf. Die Darstellung farbenprächtiger Trachtenbilder stellt sich bei all diesen Lustbarkeiten von selber ein. Das Leben und Treiben der Märkte, die militärischen Paraden, die weitberühmten Künstlerfeste, die Fastnacht mit ihrem Schäfflertanz, die Rennen auf der Theresienwiese, die glanzvolle Theatergeschichte sind alles Äußerungen ein und derselben persönlichen Kultur. Wir erleben auf den Blättern unseres Bilderbuches die Beiläufte der Münchener Stadt seit den Tagen kurfürstlichen Glanzes: Die Truppen Tillys und Napoleons ziehen an uns vorüber. Aber nichts fesselte die Künstler der guten alten Zeit auf ihren Sittenbildern so sehr wie drei Dinge: der Bau und die Eröffnung der Eisenbahn, die Revolution von 1848 und der Fall Lola Montez, und wohlbedacht, sie sind nicht geschaut mit verkniffenen Augen und durchfurchter Stirne, sondern sind getaucht in einen köstlichen Humor. Humor, da haben wir es nun, das Geheimnis der Münchener Kultur, die ungebrochene Triebfeder der Folgerichtigkeit ihrer Entwicklung, nicht den hämischen Spott, sondern den warmen, weichen, süddeutschen Humor mit seiner Sonnenfülle und feinen tiefen Gedanken. Dieser Humor strahlt aus meinen Blättern als eine Kunstregel und ein Lebensprogramm. Selbst die Darstellung der Tätigkeit roher Naturgewalten, Wassersnot und Feuersbrunst, sind in diesen verklärenden Humor getaucht.

Aber noch mehr: was diesen Humor, eine Erscheinungsform des wohlwollenden Optimismus mit seinem Blick für Harmonie, so recht spezifisch bayrisch und münchnerisch macht, das ist das dynastische Gefühl, das mit ihm auf ein und demselben Stengel erblüht ist. Das bürgerliche Mitleben mit dem Herrscherhause trägt in keiner anderen Hauptstadt ein so reines, selbstloses Gepräge. Mag auf unseren Bildblättern noch so vieles festgehalten sein, was unwiederbringlich verloren ist, d i e s e n G e i s t verweht so leicht kein Sturm, dieser Geist wird immer und immer wieder neue Kunst- und Lebensgebilde gestalten, die auf der Linie der guten, alten Zeit liegen.

So gewinnt denn an der Hand unseres Bilderbuches das alte, verbrauchte Zitat einen neuen Sinn:

„Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen.“

Der Weltbrand an Deutschlands Grenzen wirft auf dieses Wort des Dichters ein grelles Licht. Eine solch monumentale Illustration ist freilich wirkungsvoller als ein Bilderbuch der guten, alten Zeit, aber ein Wegzeiger ist es doch: auch in dem kommenden Jahrtausend der Völker wird man des Geistes, der aus den vergilbten Blättern weht, nicht zu entraten vermögen.

München, am Tage Mariae Lichtmeß im vierten Kriegsjahr.

Der Verfasser.