Malerische Topografie des Königreichs Bayern
Thalkirchen
Schon bald nach der Menther=Schwaige, Harlaching gegenüber, bei Maria=Einsiedel, fängt der reißende Isarstrom an, sein wildsteiles, sandiges Ufer auf beiden Seiten zu verlassen, und sich in einer fruchtbaren Ebene auszubreiten, in welcher das Dorf Thalkirchen gleichsam die Vorhut von der, in so großer Fläche prachtvoll ausgedehnten Hauptstadt des Königreiches bildet, während sie die nacheinander folgenden Dörfer Ober=, Mitter= und Unter=Sendling von den sanft sich zurückziehenden Höhen beherrschen. Der Ort ist übrigens alten, religiös=historischen Ursprunges.
In der Fehde, welche Herzog Stephan I. von Bayern=Landshut in Folge der, bereits unter seinem Vater, Ludwig dem Brandenburger, angefangenen Zwistigkeiten mit den Reichsstädten, besonders mit Augsburg, geführt hat, waren des Herzogs vorzügliche Kampfgenossen die tapfern Christian und Wilhelm Frauenberger zum Haag. Diese sind den Augsburgern eine Zeit lang hart zu Leibe gegangen, und haben ihnen gar viele erschlagen, bis der Bayern tapfere Streiter endlich doch weichen, und an die Gestade des Isarflußes fliehen mußten. Da die Reichsstädtischen den Frauenbergern bis oberhalb München an den Platz, wo jetzt Thalkirchen steht, nachzusetzen wagten, und diese hier mit ihren Kriegsvölkern etwas in die Klemme kamen, so haben letztere das Gelübd gethan, zur Ehre der Gottes Mutter ein Kloster mit einer Kirche zu bauen, im Falle sie diesmal gerettet würden. Vertrauenvoll sprengte darauf die muthige Schaar mit Roß und Mann in den unsichern Strom, erreichte glücklich das jenseitsge Ufer, und wurde so augenscheinlich durch höhere Macht aus dieser drohenden Gefahr befreit.
Dankbar ward hierauf vorläufig die Kirche in diesem Thale von Grund aus erbaut im Jahre 1372, wie die am innern Chorbogen befindliche Schrift, Jahrzahl und Wappen beurkundet, und hienach die Benennung geschöpft. Auch hinter dem Choraltar ist an einem Fenster das Frauenberg’sche Wappen, ein weißes Rößlein, im Farbenschmelz ersichtlich. Zu dem stellen sowohl die Kriegsscene an der Isar, als den Bau der Kirche zwei, bei der vierhundertjährigen Jubiläumsfeier in derselben auf beiden Seiten aufgehangene Gedächtnistafeln bildlich dar. Die Errichtung des Klosters selbst, wozu wirklich schon einiges Geld verordnet worden, sollte indeß bis zur Zurückkunft des, i. J. 1396 unternommenen Heereszuges ausgesetzt bleiben, in welchem der edle und tapfere Herr Christian Frauenberger mit Pfalzgraf Ruprecht, auch vielen vom bayerischen Adel, dem König Sigmund von Ungarn wider die Türken zu Hilfe gezogen. Allein, ersterer ist mit mehreren andern daselbst vor dem Feinde geblieben, sohin nicht wieder in das Vaterland zurückgekommen, weßhalb auch der zweite Theil des Gelübdes nicht mehr erfüllt werden konnte.
Obwohl nun diesem nach die Frauenberger die ersten Stifter dieses schönen Gotteshauses zu Thalkirchen, auch Lehenherrn der Meßstiftung daselbst sind, (noch ist ihr Familienwappen an Kelch und Meßgewand ersichtlich) so wollte doch i. J. 1459 Pfarrer, Kirchenprobst, und Gemeinde solche Stiftung aus ihrem eigenem Gute aufgerichtet haben, daher sie mit Herrn Sigmund von Frauenberg in Streit gekommen, welcher sich aber zu seiner, und seiner jetzt noch blühenden Nachkommen Gunsten geendet hat.
Auf dem nebst Mittersendling zu der Pfarrei Untersendling gehörigen Kirchhofe in Thalkirchen sind noch mehrere alte Grabsteine von Sendlinger Kirchherrn.
Beinahe ein halbes Jahrtausend ist seit der wunderthätigen Hilfe an diesem Orte durch Vorbitte bei Gott in das Meer der Vergangenheit hinabgesunken, ohne daß das kindliche Vertrauen der innigen Verehrer von Gottes Mutter, Bayerns Beschützerin, in ihren Herzen noch jetzt geschwächt erscheint, indem das ganze Jahr hindurch, vorzüglich aber zur Herbstzeit, (während des sogenannten Frauendreißigst) die ganze andächtige Bevölkerung Münchens den, zugleich angenehmen Spaziergang nach Thalkirchen wandelt, dort frommen Gemüthes so manche Linderung, oder Befreiung in heimlichen Nöthen und Bedrängnissen zu suchen, und zu finden.