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Ein Jahrhundert München

Ein Mordversuch aus religiös-politischen Motiven

gedrungen,- ohne aber den Knochen zu durchstechen, war er daran hinabgefahren und im Fleische des Nackens sitzen geblieben, so daß die Länge der Wunde zwar zwei Zoll, ihre Tiefe aber an der untersten Stelle nicht über einen halben Zoll war und der Chirurg sogleich versicherte, es sei nicht die geringste Gefahr, und in zwölf Tagen könne alles vorüber sein. Der Kerl mag es freilich auf mein Leben abgesehen haben, aber er hatte, wie es scheint, darauf gerechnet, daß die Tür, wie gewöhnlich, verschlossen sein würde und er mir so, während ich stille stände, um sie zu öffnen, den Dolch bequem in den Nacken stoßen könnte. Der Umstand, daß die Tür sich öffnete, raubte dem Stoße seine Kraft und gab ihm eine schräge Richtung,- dieser sowohl, als daß ich in das dunkle Haus geriet und hier noch eine andere Person war, mag ihn wahrscheinlich außer Fassung gebracht haben, so daß er entsprang, ohne einmal den Dolch zurückzuziehcn. Denselben Abend noch fand man eine Maske, die er abgerissen und von sich geworfen hatte. Ich selbst aber schlief, gut bewahrt, mehrere Stunden ganz ruhig. — Am anderen Morgen ließ ich mich in ein bequemeres Bett bringen,- das Kriminalgericht kam, um nach meinen Aussagen seine Untersuchung einzurichten. In meinem Vorzimmer war es wie in dem Vorsaal eines Ministerpräsidenten,- Geheime Staatsräte und Direktoren, alle von meiner Bekanntschaft, kamen, um sich persönlich nach mir zu erkundigen, und die ganze Stadt war von Gesprächen, Unwillen und Erbitterung über den Vorfall angefüllt. Nachmittags schrieb ich selbst an den König, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Attentat auf mein Leben nicht aus persönlichem Haß gegen mich gewagt worden sei, sondern daß es offenbar mit den früheren Anschlägen gegen uns Zusammenhänge, und daß man mich habe morden wollen, um die anderen zu erschrecken und zu verscheuchen. Das ist auch die Ansicht, welche hier die herrschende geworden ist, da jedermann weiß, daß ich mit der ganzen Welt in Friede und Eintracht lebe und gar keinen persönlichen Feind habe. Drei Tage hatte ich unruhige Nächte und Fieber,- am vierten Tage ward der Verband geöffnet. Die Wunde wurde von den Kriminal- gerkchtsärzten nach allen Richtungen untersucht, und nach dem neuen Verbände fühlte ich mich um vieles erleichtert. Der König hatte mir selbst seinen Leibchirurg, den Hofrat Winter, zugeschickt, der mich täglich zweimal besuchte und sehr gut behandelt hat. Nach vierzehn Tagen fand sich, daß der Wunde eine Gegenöffnung gemacht werden mußte, um den Etter unten abzuleiten, und nachdem diese Operation glücklich durch den Hofrat Winter war ausgeführt worden, ging ich meiner vollkommenen Genesung mit starken Schritten entgegen. Seit drei Tagen ist die Heilung, der Hauptsache nach, vorüber, und ich trage, wenn ich ausgehe, nur noch eine schwarze Binde, bis die Wunde vollkommen vernarbt ist. Während meiner Krankheit hat es mir nicht an Wartung und pflege gefehlt. Alle Hausmütter der mir bekannten Familien, besonders die Frau von Niethammer, sind um mich beschäftigt gewesen, haben mich beköstigt, mit allem versorgt und ihren Tee abends auf meiner Stube getrunken, um mich zu unterhalten und zu zerstreuen. Auch von ganz fremden Leuten habe ich Beweise der größten Teilnahme gefunden,- der König hat sich täglich Nachricht von meinem Befinden bringen lassen, und ich hoffe, daß alles zu meinem Besten ausschlagen wird. Die einsame Gaffe Ves Schulgebäudes (Ludwigs-Gymnasiums) ist die heutige Maxburgstraße.

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