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Ein Jahrhundert München

München im Jahre 1796

Oberst Adrian von Riedl, eine Autorität auf dem Gebiete der Kartographie, gab im Jahre 1796 einen bayerischen Reiseatlas heraus, der außer den Karten auch textliche Anmerkungen enthält,- ihnen ist diese topographische und kulturelle Studie über das München des ausgehenden 18.Jahrhunderts, die kn allem Wesentlichen auch noch für das München im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts Geltung hat, entnommen:

München, die Haupt- und Residenzstadt von Bayern, liegt unter dem 29. Grade 10 Minuten der Länge und dem 48. Grade 8 Minuten der nördlichen Breite an dem Isarfluß, welcher in Tirol entspringt, beinahe die Mitte des Landes von Mittag gegen Nordost durchströmt und sich 38 Stunden unterhalb der Hauptstadt mit der Donau zu Jsargmünd vereinigt.

Die Lage der Stadt ist 320Toksen, 1920 pariser oder 2136 bayerische Schuhe über die Meeresfläche erhaben,- das Klima ist etwas rauh, die Luft scharf, aber sehr gesund, die Witterung wegen des Gebirges, welches südwärts in einer Entfernung von 16 Stunden den Gesichtskreis von München begrenzt, sehr abwechselnd, doch so, daß gewöhnlich 6 Monate (vom Mai bis Oktober) zu der schönen Jahreszeit gerechnet werden können.

Die mittlere Höhe des Barometrum ist hier 26 Zoll und 4 Linien. Die Inklination des Magnets ist bei uns in Bayern zwischen 70 und 72 Graden,- die Deklination hier in München zwischen 18 und 19 Graden bis 20 Minuten westwärts. Der höchste Grad der Wärme war bisher in München im Jahre 1782 den 27. Juli nachmittags um 2 Uhr 28 Grad Reaumur, und der höchste Grad der Kälte war im Jahre 1788 den 31. Dezember früh 7 Uhr 24 Grad Celsius. Die herrschenden Winde sind Süd­ west oder West,- der längste Tag hat 15 Stunden und 54 Minuten.

Die Gegend umher zeichnet sich durch ihre schöne, große Fläche aus,- denn wiewohl sich ostwärts jenseits der Isar und westwärts, eine Viertelstunde von der Stadt entfernt, zwei Anhöhen (vermutlich das ehemalige Ufer des Flusses) erheben und fast in paralleler Richtung fortlaufen, so ist ihre Höhe doch so unbeträchtlich, daß man die Gegend um München mit Recht eine Ebene nennen darf. Die Fruchtbarkeit dieser Gegend ist an sich schlecht. Kies und Flußsand sind die Hauptbestandteile des Bodens. Allein der Fleiß und die Industrie, durch die Hauptstadt aufgemuntcrt, gewinnen der Natur soviel Überfluß ab, daß man hier im Ackerbau sowohl als in der Garten­ kunst kein deutsches und nur wenige europäische Produkte ganz vermißt.

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