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Ein Jahrhundert München

Kriegsschicksale im Herbst und Winter 1805

Aus den Tagebüchern Lorenz von Westenrieders

Totengerippe fortzuschleppen. Sämtlichepferde gehörten demAbdecker. Das sind wahr­ haft sehr schlimme Vorzeichen und mathematische Zeichen eines zerrütteten Menschen­ verstandes! Wozu doch ein solcher Aufzug!

Den 7. Oktober. Heute um zehn Uhr zog ein ungarisches Grenzregiment, das aus großen, fürchterlichen Leuten bestand, durch. Es waren eine Menge Schützen, welche mit Spießen und Kugelstuhen versehen waren.

Den 10. Oktober. Heute war es in der Stadt sehr lebhaft, und alles schien km Rückzug begriffen zu sein. Man sagte, die Österreicher stünden am Nymphenburger Kanal, die Franzosen wären in Dachau. Man machte auch eine Menge Lieferungen hinaus an die Österreicher, an Brot, Bier etc.

Den 11. Oktober. Heute war wieder den ganzen Tag ein unaufhörliches, unruhiges Durcheinandcrlaufen, Fahren, Reiten der österreichischen Truppen. Die Grenzsoldaten bettelten, nachdem sie kein Geld sowie fast keine Kleidung am Leibe hatten, in der Stadt vor den Häusern. Mich selbst bettelte einer an, indem er die Hand gegen mich ausstreckte und sagte: „Einen Kreuzer!"" Ich gab ihm mehr als einen. Abends, da cs schon finster war, kamen beständig vom Neuhausertor herein Wägen durch die Stadt, welche von einem Bauern geführt wurden und mit 6 — 8 Soldaten beladen waren. Dieses Fahren dauerte die ganze Nacht. Es schneite und regnete unaufhörlich seit dem 8. Oktober.

Am Morgen des 12. Oktober, am Maximilianstag (es war ein Samstag), war kein Österreicher mehr in der Stadt, und die Hauptwache und andere Wachen waren wieder von unfern Bürgern beseht. Übrigens kann man den Österreichern das Zeugnis nicht versagen, daß sie sich seit ihrem Einmarsch, den 14. September, in der hiesigen Stadt, in der Stadt sage ich, bescheiden betragen haben, in der Rücksicht nämlich, daß sie die Vereinigung der bayerischen Truppen mit den französischen schon vernommen haben. Auf dem Lande machen es aber die Österreicher desto ärger, und diejenigen, welche sie ins Feld schickten, taten wahrhaftig alles, was man tun muß, wenn man sich die ganze Welt abgeneigt machen will.

Nach sieben Uhr sprengten bayerische Reiter, bei welchen der kommandierende bayerische General Wrede selbst war, auf die Hauptwache und sogleich den flüchtigen Österreichern nach. Es strömte augenblicklich unbeschreiblich viel Volk zusammen, von dem ich das Vivatrufen in der Ferne hörte, so wie ich den Dampf, in welchen die rauchenden Pferde ekngehüllt waren, sah. Wrede stieg auf der Hauptwachc ab und begrüßte die Leute. Die ganze Stadt war mit Jubel erfl'illt.

Nachts acht Uhr kam das ganze Kürassierregkment, welches hier kn Garnison gelegen war, auf dem Platz an, in Dampf verhüllt, aus welchem es kaum sichtbar wurde, als es wieder davon-, zum Isartor hinaussprengte. Der Himmel ertönte von Vivat­ rufen des freudigen und segnenden Volkes. Heute war kaum ein Bauer nach der

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