KulturGeschichtsPfad
 

KulturGeschichtsPfad

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Siegestor

Das zwischen 1843 und 1852 entstandene Tor trennt die Leopold- von der Ludwigstraße und heute auch den Stadtbezirk Maxvorstadt von Schwabing. Vor der Eingemeindung Schwabings 1890 verlief die Burgfriedensgrenze allerdings weiter nördlich auf Höhe der Hohenzollernstraße. Friedrich von Gärtner konzipierte das Tor als Abschluss der ersten königlichen Achse in München und als architektonische Entsprechung zur Feldherrnhalle. Während in letzterer an Generäle erinnert wurde, war Münchens Triumphbogen den bayerischen Soldaten gewidmet. Nach der Diskreditierung militärischer Tradition durch den Zweiten Weltkrieg baute man das zerstörte Siegestor schlichter wieder auf und verzichtete zunächst auf die krönende Quadriga. Damit wie durch die Inschrift auf der Südseite wollte man bewusst den Übergang zu einem Friedens-Mahnmal schaffen. Anfang der 1970er Jahre setzten städtebauliche Traditionalisten aber doch noch die Wiederaufstellung der Quadriga durch.

Leopoldstraße 0

Die Insel

Beim Siegestor in der Leopoldstr. 4 wohnte seit 1900 Alfred Walter Heymel (1878-1914), wohlhabender Lebemann und Mitbegründer der Literaturzeitschrift »Die Insel«. Die von Heinrich Vogeler aufwändig gestalteten Wohn- und Arbeitsräume machten die Leopoldstr. 4 für ein paar Jahre zu einer »Insel der Seligen«, wo man sich zu exklusiven Abend gesellschaften traf und dabei Zeuge einer Privatvorstellung der Tänzerin Isodora Duncan werden konnte. Der für »Die Insel« engagierte Herausgeber Otto Julius Bierbaum (1865–1910) lieferte später in seinem Roman »Prinz Kuckuck« eine kritische Abrechnung mit dem Lebensstil der Edelboheme.

Nur drei Jahrgänge erlebte die buchkünstlerisch anspruchsvoll gestaltete Zeitschrift »Die Insel«, aber der damals entstandene Verlag existiert als Teil der Suhrkamp-Gruppe noch heute.

Leopoldstraße 4

Franziska Gräfin zu Reventlow

Von der Kaulbachstraße sagt man, dass »halb Schwabing« hier wohnte, und zwar vor allem die weibliche Hälfte: von den Schriftstellerinnen Ricarda Huch und Ruth Schaumann, über die Puppenmacherin Lotte Pritzel bis zur »Gräfin von Schwabing«. Die in Husum geborene Franziska Gräfin zu Reventlow lebte von 1903 bis 1906 – und das war für ihre Verhältnisse eine lange Zeit – in der Kaulbachstr. 63, zusammen mit ihrem 1897 geborenen Sohn Rolf, mit dem Künstler Bogdan von Suchocki und dem Schriftsteller Franz Hessel. Bei Suchocki lernte sie die Glasmalerei, mit der sie – wie zuvor schon mit Übersetzungen – versuchte, ihr bescheidenes Einkommen aus der Schriftstellerei zu verbessern. Sie fand nicht nur den Namen »Wahnmoching« für das Schwabing ihrer Zeit, sondern verkörperte es wie keine zweite: begabt, von Träumen beseelt, aber ihrer engeren Umgebung stark verbunden. Die schillernde Gräfin unterhielt zahlreiche Liebschaften, vor allem im Kreis der »Kosmiker« um Stefan George, den sie mit der ihr eigenen Ironie »Weihenstefan« nannte. Als die Wohngemeinschaft 1906 zerbrach, fand »Fanny« keinen Halt mehr in München. Sie übersiedelte 1910 in die Schweiz, ging eine Scheinehe ein, die ihr aber auch nicht zu dauerhafter finanzieller Stabilität verhalf, und starb 1918 in Locarno an den Folgen einer Operation.

Kaulbachstraße 63

Der Blaue Reiter

Ein Kristallisationspunkt der Moderne in München wurde der Salon von Marianne von Werefkin (1860 –1938) und Alexej von Jawlensky (1864 –1941) in der Giselastr. 23. Hier bei den »Giselisten« wurde 1909 die »Neue Künstler-Vereinigung München« gegründet, deren Vorsitz ihr russischer Landsmann und Freund Wassily Kandinsky übernahm. Als Kandinsky zusammen mit Franz Marc noch einen Schritt weiterging und 1911 den programmatischen Almanach »Der Blaue Reiter« herausgab, mochten Werefkin und Jawlensky zunächst nicht folgen. Sie änderten jedoch ihre Meinung, als die Künstler-Vereinigung gegen den »Blauen Reiter« polemisierte, verließen erstere und schlossen sich letzterem an. Im Ersten Weltkrieg emigrierte das Künstlerpaar in die Schweiz. Jawlensky gehörte 1937 in der Ausstellung »Entartete Kunst« zu den von den Nationalsozialisten diffamierten Malern.

Giselastraße 0

Der Simplicissimus

Nicht nur die Bewohner Schwabings, auch seine »Institutionen« wechselten häufig die Adresse. Der 1893 in Paris gegründete Verlag Albert Langen, der über eine Zwischenstation in Leipzig 1895 nach München gekommen war, fand schließlich 1902 seinen Sitz in der Kaulbachstr. 91, wo er immerhin bis 1913 blieb. Neben zahlreichen Buchveröffentlichungen von modernen skandinavischen, französischen, russischen und deutschen Autoren wird seit 1896 die satirische Wochenzeitung »Simplicissimus« zur Marke des Verlags.

Ihre politische Respektlosigkeit setzt Langen, seinen Zeichner Thomas Theodor Heine und seinen Autor Frank Wedekind zwar der polizeilichen Verfolgung aus, wirtschaftlich können sie sich aber in ihrem Mut zur Satire bestätigt sehen. 1906 setzen die leitenden Mitarbeiter eine Beteiligung am ertragreichen »Simplicissimus« durch, der Auflagen von bis zu 100 000 Exempla ren erreicht. Langen stirbt 1909; Ludwig Thoma, Olaf Gulbransson und andere führen das Unterneh men fort. Schon im Ersten Weltkrieg schwenkt die Zeit - schrift auf patriotischen Kurs ein, vollends zur Makulatur wird ihr kritischer Ruf unter der NS-Zensur. Heine und der leitende Redakteur Franz Schoenberner emigrierten gleich nach der »Machtergreifung«; die Redaktion wurde im nationalsozialistischen Sinn umbesetzt.

Giselastraße 0

Leopoldpark

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Münchner Universität über ihr Stammgelände in der Maxvorstadt hinauszuwachsen. Die Kriegszerstörungen, vor allem aber die ständig wachsenden Studentenzahlen machten viele Neubauten notwendig. Auch die Grünflächen um die Reste des 1935 weitgehend abgerissenen Palais Leopold mussten diesen Ansprüchen zu großen Teilen weichen.

Schon die Nationalsozialisten hatten ein Auge auf das ehemalige Militärgelände, das Prinz Leopold 1872 seinem Palais angegliedert hatte, geworfen. Hier sollte nach Plänen des Münchner Generalbaurats Hermann Giesler ein Wohnhaus für Hitler entstehen. Ende der 1960er Jahre wurden das Studentenwerksgebäude und die Mensa hier gebaut. Als Konzession an die Bürger erhielt man den »Leopoldpark« zur Friedrichstraße hin, während an der Leopoldstraße bis 1985 das Fakultätsgebäude der Pädagogen und Psychologen entstand.


Die Malschule

In der Georgenstraße sind einige bemerkenswerte Häuser zu bewundern – so August Thierschs Neurenaissance-Villa auf Nr. 4, die den Piper-Verlag beherbergt, oder das üppigneubarocke Pacelli-Palais auf Nr. 8. Auffällig sind hier, wie auf dem weiteren Weg zur Franz-Joseph-Straße, die Jugendstilelemente. Die in München seit 1896 erscheinende Zeitschrift »Jugend« lieferte den Namen für die neue leichtere und verspielte Kunstrichtung, die gerade Schwabings Architektur prägt. 

In einem wenig spektakulären Holzhaus in der Georgenstr. 16 unterhielt der Slowene Anton Azbé in den 1890er Jahren eine Malschule, die heute berühmte Künstler anzog, während er selbst kaum mehr bekannt ist. Am meisten Ruhm erlangte Wassily Kandinsky (1866–1944), der 1896 von Moskau nach München kam, um sich statt der begonnenen universitären Karriere der Kunst zu widmen. Kandinsky studierte bei Azbé Technik und Farblehre, begann aber bereits seine eigenen Wege zu gehen und »schwänzte« nach eigenem Bekunden immer häufiger die Schule, um »auswendig, nach Studie oder phantasierend ein Bild zu machen, das mit den Naturgesetzen nicht allzuviel zu tun hatte«. Nach einem Lehrjahr bei Franz von Stuck an der Akademie gründet Kandinsky 1901 schließlich seine eigene Malschule, die »Phalanx«, die Räume in der Hohenzollern straße 6a bezieht. Dort wird Gabriele Münter seine Schülerin und seit 1903/04 seine zweite Lebenspartnerin.

Der deutsch-jüdische Komponist und Dirigent Werner Richard Heymann (1896–1961) wohnte nach seiner Rückkehr aus dem Exil in Hollywood mit Unterbrechungen von 1951 bis zu seinem Tode in der Georgenstraße 34. Neben der berühmten Filmmusik umfasst Heymanns Werk auch Operetten und Bühnenmusik. Unvergessen sind seine Lieder aus dem UFA-Film »Die Drei von der Tankstelle« von 1930, der 1955 neu verfilmt wurde. 

Georgenstraße 16

Die Manns

Den Kulturstreifzug beschließen wir am Haus Franz-Joseph-Str. 2, wo der frisch vermählte Thomas Mann von 1905 bis 1910 im dritten Stock lebte. Durch seinen Erfolg mit den »Buddenbrooks« und die Verehelichung mit Katia Pringsheim, der Tochter des angesehenen Mathematikprofessors Alfred Pringsheim, hatte er bereits eine gehobene gesellschaftliche Stellung erlangt. Mann schreibt in der Franz-Joseph-Straße an einem neuen Roman, »König - liche Hoheit«, der 1909 fertig wird. Vor allem aber hatte die Stunde des Nach - wuch ses geschlagen: 1905 wird Erika geboren, ein Jahr später Klaus, es folgen Golo 1909 und Monika 1910. Die Woh nung ist nun zu klein, die Manns ziehen in die Mauerkircherstraße, 1914 dann in ihre eigene Villa in der Poschinger str. 1. Von dort werden sie durch die nationalsozialistische »Machter grei - fung« vertrieben.

Franz-Joseph-Straße 2

Die Weiße Rose

Wo heute die »Münchener Rück« in einem großen Neubau, gekennzeichnet durch den »Walking Man« des Künstlers Jonathan Borofsky, residiert, befand sich während des Zweiten Weltkriegs und danach in einem Hintergebäude das Atelier des Architekten Manfred Eickemeyer. Eickemeyer, der Augenzeuge des Vernichtungskriegs der Deutschen in Polen wurde, überließ Hans Scholl und dessen Freunden dieses Refugium für ihre Zwecke. Hier fanden seit dem Frühsommer 1942 ihre Treffen statt und formierte sich der Widerstands kreis der »Weißen Rose«. 

Auch später gab es regelmäßige Zusammenkünfte, die Hans Scholl und Alexander Schmorell bei der Abfassung der Flugblätter inspirierten. Nicht alle Mitglieder des Kreises waren in die Herstellung der Flugblätter eingeweiht, die im Keller des Ateliers vervielfältigt wurden. Hans und Sophie Scholl wurden am 18. Februar 1943 bei der Verteilung des sechsten Flugblatts festgenommen, und die »Weiße Rose« wurde enttarnt. Während die Scholls und ihre engsten Mit streiter zum Tode verurteilt wurden, konnte Eickemeyer seine Mitwirkung verdecken und erhielt »aus Mangel an Beweisen« einen Freispruch. 

Leopoldstraße 0

Trautenwolfstraße

Zu den wichtigsten und gefährlichsten Geheimbünden in der Weimarer Republik gehörte die »Organisation Consul«. Dass sie in München als Nachfolgeorganisation der »Marinebrigade Ehrhardt« 1920 gegründet wurde und sich hier niederließ, ist zugleich einer der vielen Belege für die schützende Hand, die die »Ordnungszelle Bayern« über das rechtsradikale Milieu hielt. Die »O.C.« bezog, als »Holz-Verwertungs-Gesellschaft München« getarnt, Sitz in der Trautenwolfstr. 8. Von hier aus spann sie das Netz ihrer Aktivitäten und organisierte mehrere Attentate gegen sozialdemokratische und jüdische »Vaterlandsverräter«. Prominenteste Opfer waren Finanzminister Matthias Erzberger 1921 und Außenminister Walther Rathenau 1922.

Trautenwolfstraße 8

Nikolaiplatz

Die ansteckenden und gefürchteten Leprakranken wurden im Mittelalter an die Burgfriedensgrenze der Stadt verbannt. So wie im 13. Jahrhundert bereits auf dem rechten Isarhochufer am Gasteig, wurde im 14. Jahrhundert am heutigen Nikolaiplatz ein Leprosenhaus errichtet. Das »Sondersiechenhaus« wurde Anfang des 19. Jahrhunderts geschlossen und später abgerissen. Auch die zugehörige Nikolaikirche wurde 1897 gegen erhebliche Widerstände »demoliert« – darauf weist die Tafel des Bildhauers Georg Rödel an der westlichen Fassadenfront des Platzes hin. 

Bürgerprotest war dagegen rund 80 Jahre später erfolgreich, um den Abriss der Seidlvilla zu verhindern und schließ- lich nach weiteren zehn Jahren die Nutzung als Bürgerzentrum durchzu - setzen. Seit 1991 locken Ausstellun - gen, Vortragsveranstaltungen, Lesun - gen, die Münchner Volkshochschule, Sitzungen der Vereine und des Bezirksausschusses und nicht zuletzt verschiedene Festlichkeiten jährlich mehrere 10 000 Besucher in das Bürger haus. Noch ungewiss ist das Schicksal der davor gelegenen Handwerker-Häuschen, die zu den ganz wenigen erhaltenen Kleinhäusern im Bezirk gehören.

Nikolaiplatz 0

Schloss Suresnes

Das Schlösschen an der Werneck straße ist einer der wenigen erhaltenen »Edelsitze« in Schwabing. Adelige Würdenträger des Wittelsbacher Hofes ließen sich vor den Toren der Residenzstadt nieder und bauten sich je nach Vermögen ihren Wohnsitz aus. Suresnes wurde für einen Kabinettssekretär des Kurfürsten Max Emanuel 1718 durch den Hofbaumeister Johann Baptist Gunezrainer erbaut und nach dem gleichnamigen Schloss nördlich von Versailles benannt. Hier hatte der Kabinettssekretär von Wilhelm zusammen mit dem Kurfürsten einige Monate während dessen Exilzeit verbracht.

Später lebten und arbeiteten zwei berühmte Künstler zeitweise in dem Barockbau: die von Ludwig II. hoch geschätzte Bildhauerin Elisabeth Ney Ende der 1860er Jahre, und Paul Klee von 1919 bis 1920, als er an das Bau haus nach Weimar berufen wurde. Der Schriftsteller und Revolutionär Ernst Toller verbarg sich hier nach der Nieder schlagung der Räte - republik im Mai 1919 drei Wochen lang hinter einer Tapetentür im Atelier des Malers Hans Reichel, bevor er durch Verrat entdeckt und zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt wurde.

Heute gehört Suresnes der »Katholischen Akademie in Bayern«, die sich um Renovierung und Erhalt des Schlosses genauso wie des angrenzen den Viereckhofs an der Feilitzschstraße verdient gemacht hat.

Werneckstraße 0

Haimhauserstraße

Über den 1959 mit einem »Musenbrunnen« versehenen und dem Dichter gewidmeten Wedekindplatz gehen wir durch Schwabings »Kneipenmeile« in Richtung Englischer Garten. In den vergangenen 50 Jahren, von der singenden Kneipenwirtin Gisela bis zur Karaoke-Bar, hat der Gastronomie- und Unterhaltungsbetrieb das Viertel fast gänzlich erobert. Kaum einer weiß noch, dass anstelle von McDonalds ein »Einheitspreisgeschäft« seine Ware anbot und anstelle des Theaters am Sozialamt (Haimhauserstr. 13a) ein öffentliches Wannen- und Brausebad seine Dienste leistete. Vom Kneipentrubel hebt sich das »TamS« indessen wohltuend ab – genauso wie die »Münchner Lach- und Schießgesellschaft« (an der Ecke Ursulastraße), die 1956 von Sammy Drechsel und Dieter Hildebrandt gegründet wurde. Sie übernahm eine Pionierrolle für die Durchsetzung des Kabaretts als kritische Instanz der Gesellschaft. Rundfunk und Fernsehen sorgten für die überregionale Ausstrahlung – nicht nur im Wortsinn – der Programme. 

Haimhauserstraße 0

Kirche St. Sylvester

Die heutige Sylvesterkirche war Schwabings erste Dorfkirche und ist in ihren Ursprüngen vermutlich genauso alt wie das Dorf. Der hoch aufragende Bau mit dem spitzen Turm entstand im 14. Jahrhundert, im 17. Jahrhundert folgte eine barocke Umgestaltung im Innern. Die traditionsreiche Kirche, die 1811 von Sendling abgelöst und eigenständige Pfarrei wurde, schien Ende des 19. Jahrhunderts zu klein. Sie musste ihren Namen und das Patrozinium St. Ursula an den Neubau in der Kaiserstraße abtreten. In den 1920er Jahren wurde St. Sylvester als Pfarrei reaktiviert und die Kirche durch einen neubarocken Erweiterungsbau vergrößert.

Biedersteiner Straße 0

Biederstein

Von der höher gelegenen Kirche fällt die Isarterrasse zum Englischen Garten hin ab. Dieses noch heute idyllische Gelände am Schwabinger Bach zog in der Vergangenheit Leute wie den Simplicissimus-Zeichner Gulbransson an, der bis 1958 in seinem »Kefernest« in der Keferstraße lebte. Auf der anderen Seite der Dietlindenstraße entstand im 18. Jahrhundert oberhalb eines hier gelegenen Fischweihers der Sitz Biederstein. Der neue Schlossbau Leo von Klenzes aus dem Jahr 1830 musste 100 Jahre später zugunsten von Wohn- und Geschäftshäusern, etwa des Biederstein Verlages, weichen.

Biedersteiner Straße 0

Englischer Garten

Kurfürst Karl Theodor ließ 1789 auf Initiative des (in Amerika geborenen) Briten Benjamin Thompson, bei uns besser unter seinem 1792 verliehenen deutschen Adelsnamen Reichsgraf von Rumford bekannt, Militärgärten im Bereich der heutigen Königinstraße anlegen. Diese zur »Ergötzung« und Nahrungsergänzung der Garnisonsangehörigen geplanten Grüngebiete waren von vornherein auch »zum allgemeinen Gebrauch« gedacht und wurden zur Keimzelle des Englischen Gartens. Die Französische Revolution beschleunigte die Verwirklichung des Vorhabens, einen »Volksgarten« anzulegen. Friedrich Ludwig Sckell entwickelte den Plan, den waldreichen Hirsch-Anger mit Hofgarten und Residenz zu verbinden, und Benjamin Thompson sorgte für die Umsetzung. 1792 wurde der neue Park eröffnet, der zum ersten Naherholungsgebiet für die noch in ihren Festungsmauern bestehende Stadt und Vorbild für viele weitere Grünanlagen wurde. Denkmäler, Garten bauten und der Chinesische Turm, Brücken und Gast wirtschaften belebten den im englischen Stil naturnah gestalteten Landschaftspark.

Der bekannte Monopteros wurde allerdings erst unter Ludwig I. auf einem künstlichen Hügel errichtet. Die Anlage des Kleinhesseloher Sees Anfang des 19. Jahrhunderts war ein Werk des Freiherrn von Werneck, der auch die Erweiterung des Englischen Gartens auf das Gelände der Hirschau betrieb.


Artur-Kutscher-Platz

Der Weg führt an einem weiteren Adelssitz aus dem 18. Jahrhundert vorbei, dem »Gohrenschloss« an der Ecke Biedersteiner/Gohrenstraße. Schwabing war aber nicht nur ein Dorf, in dem sich der Adel einige Refugien schuf, sondern es wurde mit der Industria li - sierung zu einem Arbeiterquartier. An der Kunigundenstraße entstand eine große Arbeitersiedlung, der »Sackzipfel«. Hier wohnten die Arbeiter dicht gedrängt bis unter das Dach, es roch »nach Latrine, Windeln und Kohl«. Der Artur-Kutscher-Platz mit dem 1968 errichteten Brunnen von Lothar Dietz erinnert an den berühmten Münchner Theaterprofessor, der um die Ecke an der Antonienstr. 1 wohnte.

Artur-Kutscher-Platz 0

Antonienheim

1925 erwarb die »Israelitische Jugendhilfe e.V.« das Haus an der Antonienstr. 7, um dort ein Kinderheim einzu - richten. Ursprünglich für verwaiste oder sozial schwache Kinder gedacht, nahm es seit der nationalsozialistischen Machtübernahme zunehmend Kinder auf, deren Eltern versuchten, Überlebenswege zu finden. Einige Kinder konnten mit Hilfe von Kindertransporten nach England gebracht werden. 20 Kinder und vier BetreuerInnen wurden Opfer der ersten großen Deportation aus München im November 1941.

Sie wurden in Kaunas (Litauen) ermordet. Im April 1942 wurde das Heim aufgelöst; die verbliebenen Kinder wurden in Sammellager für Juden gebracht, um von dort ebenfalls in die Todeslager deportiert zu werden. Die SS-Organisation »Lebensborn« richtete im ehemaligen Antonienheim eine »Mutterwohnstätte« ein.

Antonienstraße 7

Fuchsbau

Wenn wir die Antonienstraße verlassen, sehen wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite den »Fuchsbau« liegen, einen »Pyramidenbau« an der Fuchsstraße aus den Siebzigerjahren. In der Zeit vor dem Neubau, in der Villa einer Verlagserbin und Mäzenin, die zahlreiche Künstler als Gäste beherbergte, spielt die »Zweite Heimat«-Filmreihe von Edgar Reitz: »Der ›Fuchsbau‹ ersetzte uns die Stammkneipe, die Seminare oder die Ateliers und Salons früherer Zeiten.«

Ungerer Straße 0

Erlöserkirche

Erst mit der sich durchsetzenden Toleranzpolitik Anfang des 19. Jahrhunderts begannen Protestanten in München an sässig zu werden. Ihr »Flaggschiff« war die Frau König Max’ I., Karoline, die als Witwe von 1825 bis 1841 auf Schloss Biederstein lebte. Das evangelische Schwabing musste sich lange Zeit mit der Markuskirche in der Gabelsberger Straße begnügen, bevor Ende des 19. Jahrhunderts der Bau an der Ungererstraße in Angriff genommen werden konnte. Während der Architekt Theodor Fischer das »alberne Wort Jugendstil« für sich nicht akzeptieren wollte, hat sich die ohne Prunk auskommende Kirche, die aber an exponierter Stelle steht und einen ganz besonderen Innenraum hat, in der Sicht der meisten als der »künstlerisch wertvollste evangelische Bau« Münchens etabliert. Hier finden von der Evangelischen Akademie Tutzing veranstaltet regelmäßig »Kanzelreden« statt, in denen Prominente zu Fragen der Zeit Stellung nehmen.

Ungererstraße 0

Münchner Freiheit

Das Zentrum des alten wie des neuen Schwabing bildet die »Münchner Freiheit«. Der an der Einmündung der früheren Landshuter (Ungerer-) Straße gelegene »Feilitzschplatz« (so die früher verwendete Bezeichnung) wurde 1946 zu Ehren der »Freiheits aktion Bayern« benannt. Diese Gruppierung hatte im April 1945 versucht, das Kriegsgeschehen abzukürzen und die Verteidigungsbemühungen der Nationalsozialisten zu unterlaufen. Da für mussten nicht wenige mit dem Leben bezahlen. Ortschronist Theodor Dombart wollte den Platz gern als »Mitterschwabing« bezeichnet sehen, weil hier der Rittersitz Mitterschwabing lag und er heute wie damals ein soziales Zentrum bildete. Von den Zeiten der »Schwabinger Brauerei« bis zur Einrichtung des »Schwabinger Forums«, dem abgesenkten Platz an der U-Bahn-Station, trifft man sich hier zu Geselligkeit, Politik, Einkaufs freuden oder Kinobesuch. Ein von vielen verehrter Schwabinger hielt sich regelmäßig im Café Münchner Freiheit auf, der 1997 verstorbene Schauspieler Helmut Fischer – bekannt geworden durch seine Rolle als »Monaco Franze« in der Fernsehserie von Helmut Dietl. Als Bronzefigur behält der »ewige Stenz« seinen Platz an der Münchner Freiheit.

Münchner Freiheit 0

Leopoldstraße

Auf dem Weg zur letzten Station sieht man noch einige typische Jahr hundertwendebauten, die die massiven Kriegszerstörungen in Schwabing überdauert haben, etwa das an der Münchner Freiheit gelegene Wohnhaus (Leopold str. 77) eines der bedeutendsten Jugendstilarchitekten, Martin Dülfer. Hier lebten bekannte Persönlichkeiten wie die SPD-Reichstagsabgeordnete und Frauenrechtlerin Toni Pfülf von 1915 bis 1927 und der Schriftsteller Waldemar Bonsels von 1901 bis 1918. Bevor man von der Leopold- in die Kaiserstraße abbiegt, lohnt es sich noch, sich einen Moment vom Trubel weiterziehen zu lassen. Die Leopoldstraße war von jeher der Ort, wo die Schaufenster-Auslagen lockten, ob mit Modetrends oder den Büchern der schon über 100 Jahre alten Buchhandlung Lehmkuhl (Nr. 45). Einen besonders wichtigen Platz behaupten hier die Cafés – ob zu Zeiten der Reventlow das Café Noris (Nr. 41) oder in den 1970er Jahren das Eiscafé Capri nebenan –, in denen man Geselligkeit pflegen oder einfach nur die Vorbei ziehenden beobachten kann.

Leopoldstraße 0

Kirche St. Ursula

Das Ende unseres Rundgangs bildet die imposante katholische Pfarrkirche St. Ursula am Kaiserplatz, für die sich der Architekt August Thiersch die italienische Renaissance als Vorbild wählte. 1897 geweiht, ersetzte sie die mittelalterliche Pfarrkirche am Biederstein. Erst wenige Jahre zuvor waren Kaiserstraße und Kaiserplatz zu Ehren Wilhelms I., des Gründers des Deutschen Reichs von 1871, benannt worden. Die Gegend um den Kaiserplatz erfreut sich wegen ihrer zentralen und doch relativ ruhigen Lage hoher Beliebtheit als Wohnquartier; hier lebten und leben noch viele Prominente. Am Kaiserplatz verläuft die Grenze zu Westschwabing, das aufgrund seiner hohen Bevölkerungsdichte einen eigenen Stadtbezirk bildet.

 

Kaiserplatz 0

Alte Heide

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs, als in München ein Wohnungsnotstand herrschte, schlossen sich sechs Unternehmen und der Verein für Verbesserung der Wohnungsverhältnisse zu einer Wohnungsbauinitiative zusammen. Daraus entstand die bis dahin größte Kleinwohnungsanlage in München, die »Alte Haide«, die Mitte der 1920er Jahre 120 Häuser mit über 700 Wohnungen umfasste. Hier zogen Arbeiter der in der Hirschau gelegenen Lokomotivfabrik Maffei, der an der Siedlung beteiligten Unternehmen sowie Angestellte von Bahn, Post und Stadt ein. Parzellengärtchen, eine Gaststätte und das Schulhaus von Hans Grässel vervollständigten die Anlage.

Schon vor der Siedlung wurde Anfang des 20. Jahrhunderts der Friedhof für jüdische Bürger jenseits des Burgfriedens, der durch eine Grenzsäule und ein Zollhäuschen an der Ungererstraße gekennzeichnet war, angelegt. Der erste jüdische Friedhof an der Thalkirchner Straße bot der im 19. Jahrhundert stark angewachsenen Gemeinde keine Aufnahmekapazitäten mehr. Der bekannteste Münchner Friedhofsarchitekt Hans Grässel plante die neue Anlage und die Gebäude an der Garchinger Straße. Seit 1907 gehörte das Gelände zur Stadt München, da sie die »Grohschen Gründe« von Freimann übernahm.

Rechts vom Hauptportal des jüdischen Friedhofs befindet sich der älteste Teil der Anlage mit einigen Familiengräbern von bekannten Münchnern wie den Bernheimers. Kurt Eisner und Gustav Landauer, beide 1919 ermordet, haben ein gemeinsames Grab. Ihre Urnen wurden während der NS-Zeit zwangsweise hierher überführt, um sie als »jüdische Vaterlands - verräter« abzustem peln.


Parkstadt Schwabing

Von der Brücke der Domagkstraße über die Autobahn kann man einen Blick auf das hier heranwachsende neue Stadtviertel werfen. Zwischen Frankfurter Ring und Schenkendorfstraße soll es künftig bis zu 20 000 Arbeitsplätze und Wohnungen für etwa 6 000 Menschen geben. Südlich der Domagkstraße liegt die Parkstadt Schwabing mit den markanten »Highlight Towers« des Architekten Helmut Jahn an der Einmündung der Nürnberger Autobahn. Nach Norden erstreckt sich das Gelände der ehemaligen Funkkaserne. Sie wurde ursprünglich als Luftnachrichten- und Flakkaserne im Rahmen der Aufrüstung von den Nationalsozialisten errichtet. Christoph Probst, als Mitglied der »Weißen Rose« 1943 hingerichtet, wurde hier im Herbst 1937 zur Luftwaffe eingezogen. 

Bis in die 1990er Jahre wurde die Kaserne militärisch genutzt. Mit dem Abzug der Bundeswehr übernahm die Kunstszene nach und nach die Gebäude. Daraus entstand Deutschlands größte Künstlerkolonie mit Clubs, Ateliers und Werkstätten.

1945 richtete die UNRRA, das humanitäre Hilfswerk der Vereinten Nationen, hier ein Aufnahmelager für Zwangsvertriebene (sogenannte »displaced persons«) ein, das bis 1955 bestand. Anschließend wurde die Funkkaserne im Rahmen der Wiederbewaffnung von der Bundeswehr übernommen.


Nordfriedhof

Der Nordfriedhof gehört zu den großen Friedhofsanlagen, die im Zuge des Aus - baus der kommunalen Leistungs ver - waltung erstellt wurden. Ebenso wie für den Ost- und Westfriedhof sowie den Waldfriedhof und den in der Nach - barschaft gelegenen jüdischen Fried - hof zeichnete Stadtbaurat Hans Grässel dafür verantwortlich. 1896 bis 1899 erstellt, wurde der symmetrisch ange - legte Begräbnisplatz später immer weiter nach Norden und Osten ausgedehnt. Beerdigt sind dort zahlreiche Schwabinger Prominente wie der Dichter Peter Paul Althaus oder die Volks - sängerin Bally Prell.

Ungererstraße 0

Studentenstadt

Als der »Tatzelwurm« Ende der 1950er Jahre gebaut wurde, entstanden in seiner Umgebung weitere Großprojekte. Den Anfang machte das Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik am Föhringer Ring, das Sep Ruf in enger Zusammenarbeit mit Nobelpreisträger Werner Heisenberg bis 1960 fertig stellte. 1961 war Baubeginn für die Studentenstadt, die nach dem Konzept von Ernst Maria Lang zunächst nur zwei Hochhäuser und mehrere Atriumhäuser umfasste. In den 1970er Jahren wurde sie um die Hochbauten zur Ungererstraße hin erweitert und ist heute der größte Wohncampus in Deutschland. Die Studenten haben hier alle Sport- und Unterhaltungsmöglichkeiten, sogar eine eigene Rugby-Mannschaft, aber auch eine Kinderkrippe. Auf dem Weg zum Aumeister kommen wir an den Anlagen des 1892 gegründeten Tennisclubs Iphitos vorbei, wo alljährlich große Turniere wie die BMW-Open ausgespielt werden.


Aumeister

War die Hirschau schon von jeher ein beliebtes Jagdgebiet der Wittelsbacher, erfolgte ihr Ausbau zu einem Revier unter Pflege eines »Aumeisters« erst durch Kurfürst Karl Theodor. Der 1797 ernannte Aumeister residierte zunächst im Lehel und zog 1807, vor 200 Jahren, an den heutigen Standort. Das erste Holzhäuschen wurde 1810/11 durch das Aumeister-Haus ersetzt. Neben der Aufsicht über den Wild- und Wald bestand erhielt der Aumeister auch schon die erste Biergerechtigkeit. Mit dem Aufschwung des Jagdreviers in der Prinzregentenzeit wurde die Gastwirtschaft ausgebaut. Seine idyllische Lage und seine schlichte Gemütlichkeit verliehen dem Gartenlokal schon für die Schwabinger Boheme den Anziehungswert, den es bis heute hat. In den 1920er Jahren verkehrten auch die Hitler-Anhänger im Aumeister: Hier wurde im Mai 1926 die Ortsgruppe Freimann der NSDAP gegründet.

Leinthalerstraße 0

Sondermeierstraße

Unter dem Föhringer Ring und der Ringbahn hindurch führt die Sondermeierstraße, benannt nach der Bauernfamilie, die dort um den Ertrag ihrer Äcker gegen Isarüberschwemmungen und die regelmäßigen Einfälle der Hirsche ankämpfte. Rechter Hand, östlich des Schwabinger Baches, liegen die Fernsehstudios des Bayerischen Rundfunks. Sie wurden in den 1950er Jahren auf der Infrastruktur eines Luftwaffensenders aufgebaut. Dieser war bei Kriegsende 1945 von der »Freiheitsaktion Bayern« besetzt und zur Propagierung ihres Widerstands gegen die weiteren Kriegshandlungen »unentwegter Nazis« genutzt worden. Unser Weg führt weiter durch die seit 1909 entstandene und damit älteste Freimanner Gartenstadt, zu der in den zwanziger und dreißiger Jahren die Villensiedlung Kultursheim – so genannte »Blütenau« – und Freimann-Süd zwischen Grasmeier- und Crailsheimstraße traten. Das Zentrum der Gartenstadt bildet der Grohplatz, benannt nach dem Landesökonomierat Heinrich Groh, der um die Jahrhundertwende der größte Grundbesitzer in Freimann und Bürgermeister der Gemeinde von 1915 bis 1918 war.

Sondermeierstraße 0

Alt-Freimann

Die Anlage des Familienbades »Floriansmühle«, das 1994 verkauft und geschlossen wurde, ist immer noch erkennbar. Besonders attraktiv war die Naturnähe des 1932 eröffneten Schwimmbades, das vom Garchinger Mühlbach durchflossen wurde. Die dort betriebene Mühle integrierte der Besitzer Karl Kaltenbach (!) in das Bad.

Über die Floriansmühlstraße gelangen wir nach Alt-Freimann – vorbei am Metropol-Theater, das sich seit seiner Gründung in einem alten Kinosaal 1998 als wichtiger Standort der »freien Szene« in München etabliert hat. Von den alten Bauernhöfen ist nur wenig geblieben, so das Gebäude des Spieglhofes an der Ecke Situli-/Heinrich-Groh-Straße mit der dahinter gelegenen früheren Schnapsbrennerei (HeinrichGroh-Str. 4). Ansonsten zeugt vor allem die Nikolauskirche vom alten Dorf Freimann, während historische Profanbauten häufig Neuplanungen weichen mussten.


Mohr-Villa

Die Situlistraße war Teil der alten Landstraße nach Freising, und auf dem Ge - lände der Mohr-Villa lag eine Postkutschenstation, der »Freimanner Wirt«. 1885 kaufte der Württemberger Walter Mohr das Anwesen, baute das Gutshaus in der heutigen Form aus und ließ den Park anlegen. In den 1920er Jahren erwarb die Reichsbahn die Immobilie für ihre Direktion. Im Besitz der Bundesbahn war das Anwesen noch Anfang der 1990er Jahre, als Freimanner Bürger anfingen, sich für die Rettung des alten Ensembles zu engagieren. Die Stadt beschloss schließlich 1993 den Ankauf der Villa, deren Sanierung und Ausbau durch Spenden der Wirtschaft und bürgerschaftliches Engagement möglich war. 1992 war zu diesem Zweck bereits der »Mohr-Villa Freimann e.V.« gegründet worden.

Situlistraße 0

Ausbesserungswerk Freimann

1917, mitten im Ersten Weltkrieg, wurden die Bayerischen Geschützwerke Friedrich Krupp in Freimann eröffnet, nachdem zuvor der Bau der Ringbahn einen günstigen Standort geschaffen hatte. Aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags musste der Rüstungsbetrieb 1919 geschlossen werden und ging nach einer Übergangszeit Mitte der 1920er Jahre an die Deutsche Reichsbahngesellschaft über. Sie er richtete dort ein modernes Reichsbahnausbesserungswerk (RAW), das die ältere Zentralwerkstätte an der Donnersbergerbrücke nach und nach ersetzte. 

Nach 1933 wurde das RAW erneut in die Rüstungsmaschinerie eingebunden und weiter ausgebaut, weil die Reichsbahn eine zentrale logistische Funktion in der Kriegs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten hatte. Neben 300 KZ-Häftlingen arbeiteten bei Kriegsende 3300 ausländische Zwangsarbeiter im RAW, die zum Teil auf dem Werks ge -lände, zum Teil in Barackenlagern bei der Autobahn untergebracht waren.

Nach dem Krieg von der Bundesbahn übernommen, wurde das RAW seit Ende der 1980er Jahre aufgegeben. Etliche der denkmalgeschützten Hallen stehen leer, die kulturelle Nutzung im »Zenith« ist eine Ausnahme. Der Standort hat sich aber mit dem M.O.C. als Teilbereich der Messe München, mit einem Dienstleistungszentrum von BMW und weiteren Betrieben als modernes Gewerbegebiet im Münchner Norden etabliert.


Kieferngarten

Die Anfänge der Kieferngarten- und der Grusonsiedlung liegen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Das ehemalige Militärgelände südlich der Fröttmaninger Heide schien sich zur zivilen Nutzung anzubieten. Allerdings mussten die ersten Siedler große Beharrlichkeit an den Tag legen, um mit geringsten Mitteln und gegen die militärische Reaktivierung des Schießplatzes durch die Amerikaner ihre Provisorien und schließlich regulären Hausbauten durchzusetzen. Bis Anfang der 1950er Jahre wurden in drei Bereichen auf den ehemaligen Munitionsbunkern der »Muna Freimann« und östlich und westlich des Schießplatzes etwa 600 Parzellen erschlossen; in den folgenden Jahren kamen noch etliche dazu. Nachdem der Schießplatz Anfang der 1970er Jahre aufgelassen worden war, dauerte es weitere 15 Jahre, bis eine große Wohnanlage auf dem Gelände gebaut wurde, die die Lücke zwischen der Kieferngarten- und der Grusonsiedlung schloss.


Reichskleinsiedlung Freimann

Die Reichskleinsiedlung Freimann entstand als erste der drei Erwerbslosensiedlungen, die in München in Umsetzung eines Programms der Regierung Brüning während der Weltwirtschaftskrise gebaut wurden. Die künftigen Siedler sollten mit der Errichtung ihres eigenen Heimes beschäftigt werden und durch Gartenbau und Kleintierhaltung ihre Versorgung in der Wirtschaftskrise verbessern. Dafür erhielten sie ein Reichs darlehen von 2500 RM, das den Großteil der Baukosten für die extrem kleinen und einfachen Häuschen deckte. Die Stadt verpachtete den damals noch günstigen Grund. Die Urform der Steildachhäuschen ist heute trotz zahlreicher Um- und Neubauten auf den recht großen Grundstücken vielfach noch zu erkennen.


Großlappen

Die Schwaige Lappen wurde Ende des 18. Jahrhunderts geteilt – daher Groß- und Kleinlappen – und kurz darauf der neugebildeten Gemeinde Freimann zugeschlagen. Seit 1916 kaufte die Stadt München die zu Großlappen gehörigen Gründe auf und ließ dort nach dem Ersten Weltkrieg die große städtische Kläranlage errichten. Damit begann für Freimann die wenig erfreuliche Geschichte als Ort der »Entsorgung« für die Landeshauptstadt. Hatten die Freimanner und Garchinger Bauern zunächst noch ihre Freude an dem vom Gut aus verteilten Klärschlamm als Düngemittel, bildeten die Meldungen über dessen Belastung mit Giftstoffen 50 Jahre später ein weiteres Umweltproblem im Münchner Norden. Inzwischen gibt es eine Klärschlammverbrennungsanlage.


Auensiedlung

Während die Auensiedlung im Grün versteckt liegt, fallen das Minarett und die Kuppel der Moschee sogleich ins Auge. 1973 wurde hier das erste islamische Gotteshaus in München und Bayern eröffnet – ein ganzes islamisches Zentrum gruppiert sich darum. Die Anfänge der Auensiedlung liegen wie beim Kieferngarten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Pionier war der Unternehmer Georg Röck, der nach gescheiterten Plänen zum Bau einer Düngerfabrik begann, den von ihm erworbenen landwirtschaftlichen Grund zu parzellieren und zu verkaufen. Für zunächst 1 DM pro Quadratmeter fanden sich schnell Siedlungswillige, häufig Menschen, die ihr Hab und Gut im Krieg verloren hatten. Sie errichteten die ersten provisorischen Unterkünfte und schlossen sich 1952 als Interessengemeinschaft zusammen. 1953 erhielten die Siedler das ersehnte Baurecht durch einen Stadtratsbeschluss.


Fröttmaning

Bis ins 19. Jahrhundert bestand Fröttmaning unverändert aus vier Höfen, die im Besitz verschiedener geistlicher Grundherren waren, und einer Dorfkirche. Über die alte Freisinger Landstraße war es mit Freimann einerseits und Garching andererseits verbunden. Bei der Gemeindebildung wurde es Freimann zugeschlagen. Die bescheidene Größe Fröttmanings machte es der Stadt in den 1950er Jahren leicht, den Grund aufzukaufen und einem neuen Zweck zuzuführen. 1954 wurde eine Müllverwertungsanlage südlich von Fröttmaning gebaut. Der Müll wurde an Fließbändern sortiert, die Reste kamen auf die nördlich angrenzende Deponie. Ein Großbrand im Jahr 1965 zerstörte die Anlage; von da an wurde der Müll, den die neu erbaute Müllverbrennungsanlage in Unterföhring nicht aufnehmen konnte, unsortiert aufgeschüttet. Der Boden wurde vergiftet, und die Verunreinigung des Grundwassers musste durch die nachträgliche Einziehung einer Dichtwand 1985 unterbunden werden. Das Deponiesickerwasser wird seither abgepumpt und zur Kläranlage geleitet. Der Deponiebetrieb auf dem Müllberg endete 1987. Die neue Deponie Nord-West nimmt nicht verbrennbare Baustoffe und Industrieabfälle auf und wird auch als Zwischenlager vor der Müllverbrennung genutzt. Der Müllberg ist inzwischen renaturiert, dient als Naherholungs gebiet und neuerdings auch als Forum für Kunstprojekte (s. S. 78). Außerdem steht hier seit 1999 der »Föhnix«, ein Windrad zur Stromerzeugung.


Allianz-Arena

Mit der Allianz-Arena hat das nördliche Freimann, das sonst nur mit Müll- und Umweltproblemen Schlagzeilen macht, wieder einen positiven Akzent bekommen. Das aus 2760 rautenförmigen Luftkissen gestaltete Rund ist besonders bei nächtlicher Beleuchtung ein Blickfang. Innen bietet das von Herzog & De Meuron geplante Fußballstadion auf drei Rängen annähernd 70 000 Zuschauern Platz. Für die Anwohner ergeben sich bei Spielen regelmäßig Probleme durch überfüllte U-Bahn-Züge, »wilde« Parker und Autobahn stau. Dennoch überwiegt der Stolz auf diesen überregional bedeutsamen Magneten, der am nördlichen Ende des Stadtbezirks und ebenso unseres Pfades liegt.