Nur eine Frau - Feuchtwanger Marta
 

Publikationen zu München

Nur eine Frau

Jahre - Tage - Stunden

Titel Nur eine Frau
Untertitel Jahre - Tage - Stunden
Autor Feuchtwanger Marta
Verlag Langen
Erscheinung 1983
Seiten 327
ISBN/B3Kat 3426023407 (978-3784418766)
Kategorie Literatur 
Personen Feuchtwanger Lion Feuchtwanger Marta 

Die Lebenserinnerungen der Witwe Lion Feuchtwangers: ein literaturpolitisches Fundstück von singulärer Bedeutung. Die Geschichte eines abenteuerlichen Lebens an der Seite des bedeutenden Autors historischer und zeitkri- tischer Werke, die zur Zeit eine weltweite Renaissance erfahren. Eine souveräne, lebenskluge Frau gibt zu Protokoll, was sie an der Seite ihres berühmten, umstrittenen Mannes auf mehreren Kontinenten erlebte.

»Ich war nur eine Frau, seine Frau, und er brauchte mich.« Realistisch und selbstbewußt umriß kürzlich Marta Feucht- wanger, die große alte Dame der deutschen Literaturszene, ihre Stellung im Leben des Schriftstellers Lion Feuchtwanger (1884-1958), dessen Werk augenblicklich eine weltwei- te Renaissance erlebt.

Noch knapper, aber ebenso präzis lautet der Titel ihrer Memoiren: »Nur eine Frau«. Farbig-impressionistisch und gescheit, dabei den eigenwilligen Sprachduktus ihres bayerischen Idioms nie verleugnend, erzählt Marta Feuchtwanger ihr Leben, in dem es nie Kompromisse gab:

Die rassige Marta aus der alteingesessenen jüdischen Münchner Familie Löffler galt als »dämonisch«. In der le- benslustigen Münchner Boheme der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg stößt das »rätselhafte Frauenzimmer« auf Lion Feuchtwanger, den jungen Theaterkritiker der »Frankfurter Zeitung« und der »Weltbühne«. Lion, Doktor der Philosophie, ist schüchtern, chronisch magenkrank, witzig und von luzider Intelligenz. Die Begegnung wird, nachdem Marta mutig die Konventionen ihres bürgerlichen Elternhauses gesprengt hat, zum Beginn einer einzigartigen Lebensgemeinschaft, offen nach außen und gleichwohl unverbrüchlich. Das junge Ehepaar zigeunert durch die Mittelmeerländer, bis der Ausbruch des Weltkriegs die beiden in Tunis über- rascht. Sie werden interniert. Nach einer abenteuerlichen Flucht schlagen sie sich bis Deutschland durch. Packend charakterisiert Marta Feuchtwanger die Novemberrevolu- tion aus der Sicht der linksintellektuellen Künstler. Voller Lebenswärme porträtiert sie die Protagonisten dieser denk- würdigen bayerischen Räterepublik mit den Männern Eisner, Landauer, Mühsam, Toller.

Feuchtwanger wird weltberühmt. »Die häßliche Herzogin Margarete Maultasch«, »Jud Süß« und »Erfolg« entstehen. Weltreisen. Der links tendierende Auflagenmillionär Feuchtwanger und seine sportliche Frau führen ein privile- giertes Leben zwischen St. Anton und Cöte d'Azur, Nobel- preisanwartschaft und Einladung des englischen Königs. Eines Tages stellt sich ein stückeschreibender Medizinstu- dent bei Lion vor: Bert Brecht. Gemeinsames Arbeiten und Beraten (u. a. »Leben Eduards IL von England«), Beginn ei- ner kuriosen, arbeitsbesessenen Lebensfreundschaft, von Marta Feuchtwanger köstlich ins Bild gerückt. Sie läßt diese produktiven Jahre - die jüdische Intelligenz als Ferment des kulturellen und sozialen Gärungsprozesses - lebendig wer- den. Wir begegnen in diesen autobiographischen Streiflichtern Theaterleuten wie Otto Falckenberg, Elisabeth Bergner und Sybille Binder, Leopold Jessner, Jürgen Fehling, Fritz Kortner, Alexander Granach und Werner Krauß, Karl Valentin und Liesl Karlstadt; Filmregisseuren wie Sergej Eisen- stein und Otto Preminger; Philosophen wie Ludwig Marcuse, Max Scheler und Ernst Bloch; politisch so gegensätzli- chen Existenzen wie Walter Rathenau, dem Paneuropäer Graf Coudenhove-Kalergi und dem kommunistischen »Pressezar« Willi Münzenberg; vor allem aber der Creme der Literatur: Thomas und Heinrich Mann, Becher, Bron- nen, Leonhard und Bruno Frank, Friedeil, Ihering, Kaiser, Kerr, Kolb, Kraus, Lasker-Schüler, Polgar, Rilke, Ringelnatz, Werfel, Wedekind, Arnold und Stefan Zweig sowie Shaw, Huxley, Sinclair Lewis und Dorothy Thompson. 1933: Feuchtwanger ist gefährdet. In einem US-Blatt hat er dem Interviewer geantwortet: »Hitler bedeutet Krieg.« Die Nazipresse schießt sich auf den jüdischen Linkspazifisten ein. Flucht nach Sanary in Südfrankreich. Der Badeort an der Riviera wird zu einem der Zentren literarischer Hitler- Opposition. Der englische Ministerpräsident MacDonald überrascht Feuchtwanger über einen Mittelsmann mit dem Vorschlag, einen Film gegen Hitler zu machen. Feuchtwanger liefert im ungewohnten Eiltempo das Drehbuch »Die Geschwister Oppermann«. Doch der englische Premier winkt plötzlich ab. Er hat inzwischen beschlossen, Hitler »zu schlucken«. Feuchtwanger arbeitet das Skript zum Roman um, läßt später das Antinazi-Epos »Exil« folgen. Ohne seine couragierte, lebenskluge Frau Marta wäre das nervenzehrende Exilleben wohl kaum zu leisten gewesen. Feuchtwanger präsidiert den antifaschistischen Schriftstellerkongreß 1936 in Paris, reist, als Freund, 1937 in die Sowjetunion, gründet Exilpublikationen und schreibt unermüdlich. 1940 okkupiert die Hitler-Wehrmacht Frankreich, die Feuchtwangers werden getrennt interniert. Das Bild des vom Typhus gezeichneten Lion Feuchtwanger hinter Sta- cheldraht geht um die Welt.

Eleanor Roosevelt, die Frau des US-Präsidenten, interveniert. Es gelingt Lions Befreiung in Frauenkleidern aus dem Internierungslager. Die gemeinsame abenteuerliche Flucht über die Pyrenäen nach Spanien und Portugal schließt sich an. Auf verschiedenen Schiffspassagen erreichen Lion und seine Frau die USA. Marta, diese distanziert wirkende »grande dame«, gibt anläßlich der Wiedervereinigung nach erneuter Trennung ihre Erschütterung preis: »Ich war so erregt, als ich Lion wiedersah, daß ich schwindlig wurde und umfiel.«

Marta Feuchtwanger lebt heute hochbetagt, aber ungebro- chen aktiv in Pacific Palisades in Kalifornien. Ihr Buch »Nur eine Frau« ist ein unschätzbares menschliches, zeit- und kul- turgeschichtliches Dokument aus der Feder einer der letzten Zeuginnen einer aufregenden Zeitspanne dieses Jahrhun- derts. Auf viele Ereignisse wirft sie überraschend erhellende Schlaglichter, andere erfahren eine originelle subjektive Deutung. Ihre Erinnerungen präsentieren sich als ein litera- turpolitisches Fundstück von singulärer Bedeutung.



Neuerscheingen

Erscheint demnächst

50 Jahre Olympiade