Im Voraus
Zum Voraus
Wenn einer draußen auf dem Lande ist, wird ihm freilich ganz wohl zumut, und es ist ihm oft, als sei sein Herz bis dahin eingefroren gewesen, taue nun aber auf und lerne in größerer Einsamkeit seinen eigenen Wert und Reichtum erst kennen.
Geht er also dahin in der Morgenhelle oder im roten Abendschein unter üppigen Bäumen oder an grünen Büschen über duftige Änger und Wiesen hinweg, die vom Tau glitzern und blitzen. Drauf kommt er in die Kornfelder mit ihren blauen und roten Blumen. Da geht er etwa einen schmalen Steig entlang und schaut weit hinaus ins Land zur Ebene, zu Hügeln, Hainen, einsamen Fichten und Eichbäumen, hinter denen sich eine Hütte verbirgt oder deren ein paar.
Nächst liegt dort, unter Waldwuchs versteckt, in blauem Schatten ein Dörflein – da strahlt und leuchtet wieder ein anderes im Schimmer der Abendsonne in der Fläche oder auf einer Anhöhe – allzudem tönt ein sanftes Geläute von den Kirchtürmen herüber, und von selbigen lugt oft einer ganz allein aus dem Waldesgrün hervor wie ein frommer Fingerzeig, daß hinter Forst und Bergen auch noch gute Leute leben.
Wenn einer nun sämtlich das sieht und hört, und die Amseln schlagen in den Haselbüschen und die Lerchen schwingen sich in die Lüfte und wirbeln ihr Jubellied, da freut er sich seines Daseins und wird des Schauens und Lauschens und mählichen Dahinschreitens nicht müde.
Mit einem Mal hält er an. – Denn was da auf einem Hügel hinterm Tann- und Laubgehölz im Schatten ruht oder mild beleuchtet herüberschaut, selb ist keine, ob noch so stille, Heimat heutiger Menschen, vielmehr das Gemäuer einer uralten Kapelle, ein Baum, drunter voreinst ein Einsiedler oder eine Einsiedlerin gelebt, oder es sind die Trümmer einer Burg, hinwieder eines Klosters, und von denen ragt eins um das andere hinauf im Morgen oder im Abend, so schweigsam und doch so vielsagend.
Über sämtliches ergreift jenen, welcher da weilt und schaut, ein wunderbares Empfinden. Das ist froh und wehmütig zu gleicher Zeit. Denn er fühlt in sich die freudige Kraft des Lebens – die aber, welche dort lebten, kämpften oder beteten, die sind nicht mehr und schlummern in Gräbern und Grüften.
Was weniges oder viel er nun von ihnen weiß, das tritt ihm allmählich vor die Seele, und kann es leicht sein, daß er für ein Kurzes ganz beschaulich wird und nahezu vergißt, er lebe in heutiger Zeit.
So ist’s draußen. –
Hat aber einer den rechten Sinn, so findet er auch in der Stadt ein Stündlein oder das andere, über Vergangenes nachzudenken.
Wenn er dann so dahinwandelt, sich Kirchen, Plätze oder alte Häuser betrachtet, drängt sich ihm gar bald dies und jenes auf, was er schon weiß – und wenn das nicht, so denkt er: Sieh zu, daß du erkundest, wie das entstand oder was darum geschah. Ja, wär’s auch nur ein schöner Erker oder ein schmuckes Fensterlein, meint er: Welch hochweiser Ratsherr, welche frommfrohe Jungfrau oder sonst jemand mag da vor Zeiten darniedergeschaut haben, und was Heiteres, Düsteres oder Abenteuerliches erlebt worden sein?
Kurz, man soll’s gar nicht glauben, was sich alles meldet – und je nach treuen Sinnen ist’s, als ob man alles mögliche sehe, höre und bezeugte, und als lispelten einem die Menschen von dazumal das tiefste Geheimnis ihrer Herzen in Leiden und Freuden zu.
Solch einer bin ich. – Was ich dann von alten Zeiten in innerliche Erfahrung brachte, das verhehlte ich nie gerne.
Weil ich nun etliches weiß, erzähl ich’s meinen lieben Landsleuten – und etwa den anderen auch; denn die sollen nur merken, was sich in Sachen der hochlobpreislichen Stadt München und unweit davon auf dem Land mehr und mehr ans Licht stellt.
So, und nun hebt der verschiedene Bericht an.