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Straßengeschichte

26. 2012 - Umbenennung von Straßen in den Stadtbezirken 13 und 15

Ausländerbeirat der Landeshauptstadt München

Umbenennung von Straßen in den Stadtbezirken 13 und 15 bzw. Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte

Beschluss Nr. 9

Beschluss der Vollversammlung vom 26.03.2012

I. Antrag:

1. Der Ausländerbeirat fordert die Landeshauptstadt auf, sich dafür einzusetzen, dass folgende Straßennamen umbenannt werden:

In Bogenhausen (Stadtbezirk 13):
Wißmannstraße, Dominikstraße, Bennigsenstraße, Leutweinstraße, Lüderitzstraße.

In Truderinq-Riem (Stadtbezirk 15):
Von-Gravenreuth-Straße, Von-Erckert-Straße, Von-Erckert-Platz, Von-Heydebreck- Straße.

2. Weiterhin sollen auch folgende Straßen umbenannt werden, da sie Orte benennen, an denen Massaker stattgefunden haben: Groß-Nabas-Straße, Swakopmunder Straße, Taku-Fort-Straße.

3. Das Gutachten des Stadtarchivs hinsichtlich des Stadtratantrags aus dem Jahr 2003 bezüglich einer Straßenumbenennung soll den Mitgliedern des Ausländerbeirats zur Verfügung gestellt werden.

4. Um die unschuldigen Bürger/innen nicht zu belasten, soll die Landeshauptstadt die aus der jeweiligen Straßenumbenennung resultierenden Kosten übernehmen.

 

II. Begründung:

Die Landeshauptstadt München soll u. a. als Mitglied der Europäischen Städtekoalition gegen Rassismus Abstand nehmen von Ehrungen von Persönlichkeiten, die die rassistische Kolonialideologie repräsentieren und Völkermord begangen haben.

Die Erläuterungstafeln, die vom Stadtrat beschlossen wurden, sagen zwar die Wahrheit, sind aber nicht ausreichend. Gerade diese Wahrheit soll dazu führen, dass diese Straßen unbenannt werden.

Mit oder ohne Erläuterungstafeln verdient kein Massenmörder einen Straßennamen. 

Personennamen der neueren Geschichte sollen nur dann verwendet werden, wenn ihr Geschichtsbild nach Persönlichkeit, Verhalten und Nachwirkung abgeklärt ist und überwiegend positiv bewertet wird.

Die Taten, das Verhalten und die Nachwirkungen oben genannter Personennamen entsprechen leider nicht diesen Normen, sondern sind mit brutaler rassistischer Ideologie verbunden und haben somit keine Ehrung verdient.

Im Juni 1933 wurde in Trudering und in Bogenhausen ein sogenanntes „Kolonialviertel“ von dem von Nationalsozialisten dominierten Stadtrat beschlossen und umgesetzt.

Die Straßen dieses Viertels stellen u.a. eine Ehrung bedeutender grausamer Offiziere der Kolonialgeschichte Deutschlands dar. Grund für diese Straßenbenennung war, das deutsche Kolonialgeschehen zu würdigen, weil Deutschland nach dem ersten Weltkrieg seine Kolonien aufgeben musste.

Die Persönlichkeiten, denen die Ehre zuteil wurde, dass eine der oben genannten Straßen nach ihnen benannt wurde, sind folgende:

Hermann von Wißmann (Wißmannstraße)
1888 bis 1896, Befehlshaber der deutschen "Schutztruppe" sowie einer Söldnerarmee in Deutsch-Ostafrika (heutige Länder: Tansania. Burundi. Ruanda und ein Teil Mosambiks).
Er ließ dort den von den Deutschen als Araberaufstand bezeichneten primär antikolonialen Widerstand blutig niederschlagen. Als Gouverneur an der Spitze der dortigen kolonialen Administration war er für viele brutalste Feldzüge verantwortlich. Beispielsweise leitete von Wißmann im Februar 1891 eine Strafexpedition gegen den Häuptling Sina von Kibosho, als dieser es wagte, die deutsche Flagge vom Mast zu reißen. Die Strafexpedition kostete 200 Verteidigern das Leben.
Er hat viele Städte, in denen sich Aufständische und ihre Familien verschanzt hatten, von den Kanonenbooten aus beschossen, in Brand geschossen oder zerstört.

Hans Dominik (Dominikstraße)
Premierleutnant Hans Dominik war verantwortlich für umfangreiche Überfälle und Massaker an der Bevölkerung in Kamerun.
1892 bis 1910 wurde er als Leiter von „Säuberungs- und Strafaktionen" mit der Hauptaufgabe, die Expeditionen und Vorposten, die die Ausbeutung Kameruns sichern sollten, zu schützen und gegen die Einheimischen vorzugehen sowie Kriegszüge gegen Städte und Völker durchzuführen.
Die Aufständischen gegen die Kolonialisten in Yaounde wurden grausam gefoltert, bevor man sie oft lebendig in den Abgrund hinter die Mauern stieß, schwangeren Frauen wurde der Leib aufgeschlitzt; Männer wurden zerstückelt und die einzelnen Körperteile in den Abgrund geworfen.

Karl von Gravenreuth (Von-Gravenreuth-Straße)
Anführer der Söldnerschutztruppe genannt "Wissmann Truppe", der auf eigene Faust Dörfer von Einheimischen angreifen ließ.
Im Oktober 1891 kaufte er 370 Sklaven in Kamerun und dem damaligen Dahomey (heutigen Benin) und bildete mit ihnen die Gravenreuthsche Polizei- und Expeditionstruppe.
Er unternahm Strafexpeditionen und überfiel viele Städte, denen Fehlverhalten vorgeworfen wurde, brannte sie nieder und vertrieb die überlebenden Einwohner.

Friedrich von Erckert, (Von-Erckert-Straße, Von-Erckert-Platz)
Hauptmann Friedrich von Erckert nahm mit seiner Kompanie an den Verfolgungsmaßnahmen an dem Volk der Hereros teil.
Im Rahmen dieser Verfolgungsjagden spielten sich furchtbare Szenen ab. Ein Schutztruppler (Michaelsen) schreibt über den „Erfolg“ ihrer Verdurstungsmaßnahme als Vernichtungssystem der Gegner folgendes:
"Nach einer Weile kamen uns drei Kühe entgegen, einem Tier war mit einem Messerschnitt die Seite aufgeschnitten, wohl um das hervorquellende Blut zu trinken. Wir ritten eine Weile weiter, da lag eine Ziege am Weg und neben ihr ein Knabe mit mageren, merkwürdig langen Gliedern, als hätten sie sich im Sterben gereckt... sah ich zwischen Büschen und unter Büschen Schulter dicht an Schulter, Menschen sitzen in Klumpen ganz unbeweglich... als wenn sie schliefen, trocken atmend.“

Rudolf von Bennigsen jr. (Bennigsenstraße)
Als leitender Beamter erließ Rudolf von Bennigsen jr. mehrere Verordnungen, die die Herrschaft in den besetzten Gebieten stärken sollten. Beispielsweise betraf die Verordnung vom Dezember 1896 die Abschließung von Arbeitsverträgen mit Afrikanern. Ein wichtiger Teil der Verordnung regelte die Bestrafung: Arbeiter bei einer Verletzung oder bei einem Vertragsbruch sind mit bis zu 25 Stockhieben bestraft worden. Im November 1897 war Bennigsen jr. Mitinitiator einer fiskalischen Verordnung, die sich auf die weitere Geschichte der Kolonie negativ auswirken sollte. Die so genannte Haus- und Hüttensteuer gilt in der Literatur als ein Grund, der zum Maji-Maji Krieg führte. Dies hatte u. a. Auswirkung auf die Gesellschaftsstruktur (Zerstörung der Familien durch Mobilität der Arbeiter, Wanderarbeit), Nahrungsmittelversorgung und auf die Gesundheit (Tuberkulose, Wurmkrankheit und Syphillis), was zu einer Dezimierung der Bevölkerung führte; einige Verwaltungsgebiete verzeichneten einen Bevölkerungsrückgang von nahezu der Hälfte der vorherigen Einwohnerzahl.

Theodor Leutwein (Leutweinstraße)
Als Vorgänger von Lothar von Trotha war Leutwein Gouverneur und Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia). 1870/71 nahm er am Krieg gegen Frankreich teil, der in der Gründung des Deutschen Reiches im Spiegelsaal von Versailles mündete. 1893 ging er als Major in die Kolonie Deutsch- Südwestafrika und führte in den Folgejahren diverse Feldzüge gegen die einheimische Bevölkerung durch und befehligte sie. 1895 stieg erzürn Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe auf. Unter ihm begann die systematische Errichtung der deutschen Herrschaft nach dem Prinzip "teile und herrsche".

Franz Adolf Eduard Lüderitz (Lüderitzstraße)
Der Startschussgeber der Kolonialabenteuer Deutschlands in dem heutigen Namibia (damals Deutsch-Südwestafrika). Lüderitz ist der Begründer der deutschen Ansprüche in Südwestafrika. Er galt als der erste Akteur der Kolonialpolitik von Reichskanzler Otto von Bismarck. In dessen Kongo-Konferenz auch genannt Berliner Afrikakonferenz, haben die Europäischen Kolonialmächte den Kontinent Afrika aufgeteilt.
Den Grundstein für die deutsche Kolonialisierung Südwestafrikas legte Franz Adolf Eduard Lüderitz. Das Deutsche Reich erklärte 1884 gegenüber den europäischen Mächten seine Schutzherrschaft über die von Lüderitz erworbenen Gebiete.

Joachim von Heydebreck (Von-Heydebreck-Straße)
Oberstleutnant, seit 1907 in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, 1911 zum Kommandeur der Schutztruppe ernannt.

Weitere Straßen wurden nach Orten benannt, an denen für die deutschen Kolonialtruppen siegreiche Schlachten stattgefunden hatten wie am Waterberg (Waterberg Straße) in Deutsch-Südwest-Afrika oder am Taku-Fort (Taku-Fort-Straße) in China.

Konzentrationslager wurden errichtet in: Windhuk (Windhukstraße), Karibib,

Omaruru, Swakopmund (Swakopmunder Straße) und Lüderitzbucht (Lüderitzstraße). Nach dem offiziellen Bericht des Kommandos der Schutztruppe "starben 45,2% der Gefangenen in den Konzentrationslagern"

Bis 1911 überlebten offiziell 15.130 Hereros. Es starben 80.000 bis 100.000 Hereros und ca. 20.000 Namas.

1905 fand bei Groß-Nabas (Groß-Nabas-Str.) in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika ein Gefecht gegen aufständische Nama-Stämme statt.

Der Ausländerbeirat möchte in diesem Zusammenhang seine Anerkennung und sein Dankeschön an den Stadtrat der GRÜNEN, Herrn Siegfried Benker, ausdrücken, der durch seinen Antrag vom 25.9.2003 mit den Stimmen von SPD und GRÜNEN die Umbenennung des Straßennamens Von Trotha (Von Trotha-Straße) in die Hererostraße (Opfer des Völkermords in Namibia) erreicht hat.

Die Grausamkeiten, die diese oben genannten Personen begangen haben, haben 80 Prozent der Herero und Nama getötet. Viele Schädel der damals Ermordeten, wurden nach Deutschland verschleppt und hier vermessen und untersucht. Man wollte die Überlegenheit der deutschen „Rasse“ beweisen. Die Schädel lagern bis heute in den Kellern deutscher Universitäten - in Freiburg und Berlin. Erst am 26. September 2011 hat die Charite in Berlin, nach langen Verhandlungen, 20 der geraubten Schädel an eine Delegation aus Namibia zurückgegeben. Es gab weder eine Entschuldigung noch eine Wiedergutmachung.

 

III. Einstimmiger Beschluss nach Antrag

Nükhet Kivran Vorsitzende

Theodora Sismani Sprecherin Ausschuss 4 Ausschuss für Ausländer- und Zuwanderungsrecht mit Rassismus, Diskriminierung und Flüchtlingspolitik

 

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