Sagen & Geschichten
 

Münchner Sagen & Geschichten

Wirtschaften und Bauernhochzeiten am Münchener Hofe.

Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)


An den glänzenden und prachtvollen Höfen der Kurfürsten MaX Emanuel und Karl Albrecht wurden Feste und Ergötzlichkeiten aller Art mit großem Aufwande und unmäßiger Verschwendung häusig gegeben, so daß der kurfürstliche Hof zu München an Herrlichkeit weit umher in deutschen Landen nicht leicht seines Gleichen fand. Französische Schauspiele, Bälle und Spielgesellschaften, prachtvolle Mummereien, Nachahmungen der alten Turniere, Caroussels u. dgl. wechselten unablässig. Nicht nur die Residenz in München, sondern auch die kurfürstlichen Lust und Jagdschlösser zu Nymphenburg mit dem benachbarten Thiergarten, Schleißheim, Starnberg mit seinem anmuthsreichen See, und Dachau boten Ort und Gelegenheit hiezu dar.

Karakteristisch für die damaligen Zeiten ist es, mit welcher Lust an den meisten Höfen die fürstlichen Personen sich beeiferten, persönlich in dramatischen Vorstellungen mitzuwirken. Schon unter dem Kurfürsten Ferdinand 

Maria finden wir dergleichen theatralische Darstellungen, ausgeführt von den höchsten Personen des Hofes und des Adels. So wurde im Sommer 1665 zur Feier der Geburt des Prinzen Ludwig Amadeus (geboren den 6. April 1665, gestorben den 11. Dezember gleichen Jahres) in der Residenz zu München ein Ballet unter dem Titel: i trioufl di Bavieria aufgeführt, in welchem die Kurfürstin Adelheid und die höchsten Damen des Hofes mittanzten. — Am 17. Februar 1667 wurde im Herkulessaale der Residenz ein Ballet von der Kurfürstin, dem Prinzen Maximilian, Bruder des Kurfürsten und der Prinzessin Mariane Christine aufgeführt. — Im Jahre 1668 am 31. Oktober kam zum Geburtsfeste des Kurfürsten eine musikalische „Nachtfeier" zur Aufführung, in welcher der sechsjährige Kurprinz Max Emanuel eine Rolle zu spielen hatte. So gingen diese theatralischen Vorstellungen, in welchen sich die kurfürstlichen Personen produzirten, fast jährlich fort; es wäre ermüdend, sie alle hier aufzuführen.

Unter Kurfürst Max Emanuel, nachdem der unglückliche spanische Erbfolgekrieg beendigt war, wurden diese Festlichkeiten mit erhöhter Pracht wieder aufgenommen. Am 7. Februar 1718, während des Karnevals, wurde in dem großen Kaisersaale der Residenz, der 118 Schuh lang und 52 breit gewesen, von den höchsten Herrschaften und adelichen Rittern ein glänzender Waffentanz unter dem Namen Fußturnier gegeben, wobei der Kurfürst als Ungar, der Kurprinz Karl Albrecht als Mohr, Prinz Ferdinand Maria als Perser, und die übrigen Herrn des Adels als Römer, Holländer, 

Türken, Spanier, Polen, Schweizer, Armenier, in altdeutscher Tracht, als Waldmänner und als Don Quixottes auftraten.

Eine andere sonderbare Hofbelustigung dieser Zeit waren die sogenannten Wirtschaften, welche mit allem Glanze dargestellt wurden. Wir besitzen eine Schilderung eines solchen am 11. Februar 1670 am Hofe zu München stattgefnndenen Festes, aus welcher wir folgendes ausheben.

Diese Wirthschaft wurde in der Residenz dargestellt. Die Herzogin Febronia, Gemahlin des Herzoges Max, Bruders des Kurfürsten, stellte die Wirthin, der Hofrathspräsident Fürst von Fürstenberg den Wirth vor. Herrn und Damen des Hofes bildeten die Dienerschaft des Gasthauses. Andere Herren und Damen waren die Gaste, in deren prachtvollen Kostümen alle Nationen und alle Klassen der Bevölkerung vertreten waren. Zuerst erschienen der Kurfürst mit seiner Gemahlin als Türke und Türkin in kostbarem Anzuge; der Kurprinz und Fräulein von Wolken stein kamen als Römer, Herzog Mar mit Gräsin Tattenbach als Chinesen; die Kurprinzessin als Zigeunerin wahrsagte den Gästen und benahm sich dabei äußerst gewandt und geistreich, in extemporirten italienischen Versen sagte sie Jedermann etwas auf seine Neigungen, Gewohnheiten und Wünsche Bezügliches. Ausser diesen Personen trieb sich noch eine Anzahl von Pilgern, Schäfern, Jägern, Soldaten, italienischen Bauern und Bäuerinen bei diesem Feste herum, welches mit einer reichbesetzten Tafel und zuletzt mit einem Balle beschlossen wurde.

Noch sonderbarer waren die sogenannten Bauernhochzeiten welche zuerst im Jahre 1719 als Karnevals-Belustigung für den Hof erfunden, und da sie großen Beifall fanden, nicht nur unter der Regierung Max Emanuels, sondern auch unter seinen Nachfolgern Karl Albrecht und Maximilian Josef III. beinahe alle Jahre wiederholt wurden. Der Hof und der hoffähige Adel kamen, in die verschiedensten Oberländer- und Niederländer-Bauerntrachten gekleidet, in Nvmphenburg zusammen und fuhren von dort in Schlitten durch Münchens Hauptstraßen in die Residenz, wo sie abstiegen und sich sodann nach dem Georgensaale begaben, an dessen Thüre ein Schild mit der Aufschrift: „zum bayerischen Löwen" hing. Am Eingange dieses Saales wurden sie vom Kurfürsten als Bauernwirth und von der Kurfürstin als Wirthin gekleidet, empfangen und bewillkommt, denen hierauf der Brautführer in einer Anrede die Braut und den Bräutigam, der Braut Aeltern und Verwandte, die Kränzeljungfern u. s. w. vorstellte.

Man trat sodann in den Saal, in welchem nach ländlicher Sitte eine lange Tafel, bedeckt mit einem, weißen Tischtuche, das in der Mitte einen rothen Streifen hatte, sich befand. Um die IIlusion, daß man sich wirklich auf einer Bauernhochzeit befinde, nicht zu stören, war alles auf ländliche Weise gerichtet: die Tafel war nur mit irdenen und hölzernen Tellern und Schüsseln besetzt; die Trinkgeschirre bestanden aus steinernen und porzellanenen Krügen; die Salzfässer und Eßlöffel waren von Holz, mit schwarzer Farbe angestrichen und mit rothen und goldenen Blümchen bemalt, die Stühle waren ganz einfach 

von Holz, und eben so ländlich war die Tafel- und die darauffolgende Tanzmusik, denn sie bestand nur aus Geigen, Dudelsack und Schalmeien.

Bei der Tafel wurden die Gaste, unter welchen sich auch der Wirth und die Wirthin befanden, von Kavalieren und Damen, die als Kellner, Kellnerinen, Hausknechte:e. verkleidet waren, bedient. Die Hochzeitlader und Brautführer brachten ihre ländlichen Sprüche in Knittelversen vor, die natürlich Lachen erregten. War die Tafel zu Ende, so wurden der Braut und dem Bräutigam von den geladenen Gästen Hochzeitsgeschenke gegeben, welche selbstverständlich auch wieder Stoff zum Lachen darbieten mußten.

Hierauf hielt der Hochzeitlader eine komische Danksagung Namens der Brautleute an die versammelten Gäste.

Dann folgte der Tanz, während welchem, — wie man sich ländlich ausdrückte, — der Braut der Jungfernkranz abgetanzt wurde. Während der Menuette, die der Bräutigam mit feiner Braut tanzte, schlichen sich der Wirth und die Wirthin immer um sie herum, bis sie den günstigen Augenblick erhascht hatten, dem Bräutigam die Braut unvermerkt zu rauben, die dann in ein Nebenzimmer gebracht, und darin so lange verschlossen gehalten wurde, bis der Bräutigam mit einem Geschenke sie wieder auslöste.

Das Fest schloß endlich mit einem eigenthümlichen springenden Tanze, Burheimer genannt.

Wie Alles mit der Länge den Reiz der Neuheit verliert und daher wieder neueren Vergnügungen weichen muß, so war es auch hier. Die Wirtschaften kamen nach und nach in Abnahme, und dagegen entstanden, dem sentimentalen Geschmacke der Zeit entsprechend, 

die Schäfereien bei Hofe. Diese waren arkadische Seenen im Freien, gespielt in lauen Sommernächten in den Hofgärten von Nymphenburg, Schleißheim und Dachau, bei feenhafter Beleuchtung, gegen welche das tiefe Dunkel der nächsten Umgebung, der Lauben und Bosquets lockend und erregend abstach, und bei denen sämmtliche Herrschaften als Schäfer, Hirten und arkadische Gottheiten verkleidet waren. Diese dem französischen Hofe nachgeahmten Schäfereien mochten oft Gelegenheit zur Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit gegeben haben, sie verschwanden daher nach einiger Zeit.

Wir sahen in diesen Bildern ein Rokokostück der sogenannten Zopfzeit; die nachfolgenden ernsteren Zeiten schwemmten diese Auswüchse der Geschmacklosigkeit hinweg, und die Hoffeste nahmen einen ernsteren und würdigeren Karakter an.