Sagen & Geschichten
 

Münchner Sagen & Geschichten

Otto Krondorfer, herzoglicher Rath. 1295

Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)


Herzog Ludwig der Strenge starb am 3. Februar 1294. Noch bei seinen Lebzeiten hatte er angeordnet, daß nach seinem Tode seine beiden Söhne das Land unter sich theilen sollten, und das Rudolph, der ältere, die Theinpflaz mit einem Theile von Oberbayern, (denn Niederbayern besaß Herzog Heinrich, Bruder Ludwig des Strengen) Ludwig aber den übrigen größeren Theil von Oberbayern zu erhalten habe. Von diesen beiden Brüdern entstanden auch die zwei Hauslinien Bayerns, die Rudolphinische, deren Nachkommen gegenwärtig auf Bayerns Throne sitzen, und die Ludwigische, welche mit Kurfürsten Max Josef im Jahre 1777 ausstarb.

Bei dem Tode Ludwig des Strengen war Ludwig erst etwa Zwölf Jahre alt, daher noch minderjährig. Deshalb übernahm Herzog Rudolph die Regierung nicht nur in der Rheinpfalz, sondern auch im Herzogthume Oberbayern, sowie auch die Vormundschaft über seinen jüngeren Bruder Ludwig. Solches aber gab Veranlassung 

zu Streitigkeiten mit der Wittwe Herzogin Mechtilde, der Mutter der beiden Herzoge, welche nicht nur auf Mitvormundschaft, sondern auch auf Mitregierung im Namen ihres minderjährigen Sohnes Ludwig, des nachmaligen Kaisers, Anspruch machte. Allein vergebens waren ihre Einreden; sie erhielt nur den Genuß eines kleinen Striches des Landes von Oberbayern mit den Städten Ingolstadt, Neuburg und Höchstädt an der Donau, und wurde ihr die Erziehung der jungen Ludwig überlassen. Den brachte sie nun nach Wien an den Hof ihres Bruders Albrecht; denn damals blühten in Wien Künste und Wissenschaften, und der Hof daselbst stand im Ruhme der Pracht und der seinen Sitte. Daselbst wurde der junge Ludwig mit den beiden schönen und hoffnungsvollen Söhnen Herzog Albrechts, den Prinzen Friedrich und Leopold, seinen nachmaligen Gegnern, als er Kaiser ward, erzogen. Frau Herzogin Mechtilde aber wohnte unterdessen in Ingolstadt.

Aber die Zwistigkeiten der Frau Wittwe Mechtilde mit ihrem älteren Sohne, dem Herzoge Rudolph, währten fort, denn ein Mann, der Herzoges Günstling, hatte sich zwischen die Herzen der Mutter und des Sohnes gestellt. Dieser Mann hieß Otto Krondorfer.

Aus dem niedrigsten Stande geboren, hatte er durch Schlauheit und Geschicklichkeit, durch einschmeichelndes Wesen und Heuchelei sich schon unter Ludwig dem Strengen am Hofe empor zu schwingen gewußt. Er stieg nach und nach auf zum ersten geheimen Rathe des Herzoges und endlich zur Würde eines Hofmeisters, was damals gleichbedeutend war mit der Stellung eines Ministers. Noch 

höher stieg sein Einfluß bei Herzog Rudolph, den er als Günstling gänzlich beherrschte. Otto Krondorfer benutzte nun zunächst seine Allgewalt, um das Feuer der Zwietracht zwischen dem Herzoge Rudolph und seiner Mutter Mechtilde zu schüren, und keine Versöhnung zwischen beiden aufkommen zu lassen, welche allenfalls seinem Ehrgeize und seiner Herschsucht hätte gefährlich werden könne. Frau Mechtilde konnte unter solchen Umständen nicht wagen, mütteliche Ermahnungen und Bitten an ihren Sohn Rudolph darüber zu richten, was zu des Landes Nutzen und Frommen dienen möchte: denn viel hatte sich die alte Ordnung Sparsamkeit der Haushaltung Bayerns und die alte Gerechtigkeit verschlimmert. Und alle Schuld dessen lastete auf Otto Krondorfer. Auf der Höhe seiner Allgewalt stehend vermeinte er dieselbe als unerschütterlich, und glaubte seiner Eigenmacht und seiner habsüchtigen Begierden nicht mehr Maß und Ziel halten zu dürfen. Er unterschlug die Einkünfte des Herzoges, und füllte damit seinen eingenen Beutel; gegen Geschenke war ihm die Gerechtigkeit und die Besetzung der Stellen feil, er unterdrückte Wittwen und Waisen und zog deren Vermögen an sich. Das Land seufzte unter ihm, die Unterthanen zitterten vor ihm, denn er mußte jeden Biedermann fürchten und ihn darum verfolgen und verbannen, um seiner eigenen Schlechtigkeit gesichert zu sein. Seinen feilen Kreaturen aber gab er reiche Geschenke.

Solche Ungebühr mußte endlich ihr Ziel finden. Dem Pfalzgrafen Herzog Rudolph kam nach und nach mehreres zu Ohren, was ihn veranlaßte, selbst der Wahrheit nachzuspüren; die Schandthaten des Otto Krondorfer kamen allmählich zu Tage. Da ließ der enttäuschte Pfalzgraf den falschen Diener in München ergreifen, ihn verhören, und da er nicht bekennen wollte, so lange im Kerker foltern, bis er die Wahrheit gestand. Dann ward er nach Dachau gebracht und daselbst am 2. März 1295 auf die grausamste Weise hingerichtet; denn es wurden ihm die Augen ausgestochen und die Zunge abgeschnitten.


 Krondorfer Otto