Sagen & Geschichten
 

Münchner Sagen & Geschichten

Die Stiftung des Waisenhauses in der Au durch Michael Poppel. 1742

Mayer - Münchner Stadtbuch (1868)


Ein Ruhmestempel! — nicht für einen Fürsten, nicht für einen angesehenen und reichen Mann, der den lieberfluß seines Vermögens für gute und edle Zwecke verwendet, — nein, ein Ruhmestempel für einen Mann aus niederem Stande, ohne Vermögen, ohne Ansehen, ohne Freunde, dem kein Denkmal von Erz oder Stein errichtet ist, der Gegenwart leider fast unbekannt, der aber höheres und unvergänglicheres Verdienst für die Menschheit sich errungen hat, als ein Eroberer oder Sieger in zwanzig Schlachten!

Während des nach dem Ableben Kaiser Karls VI. im Jahre 1740 erfolgten, für Bayern so unglücklichen österreichischen Erbfolgekrieges wurden in der Au eine Menge Kinder, deren Väter im Kriege erschlagen waren, zu Waisen und liefen beinahe obdachlos umher. Solches Elend und solche Verlassenheit schmerzte und bekümmerte einen jungen Mann, Namens Michael Poppel, tief.

Derselbe war ein Faßbinderssohn von der Au, hatte einige Schulen studiert, dann in den Waisenhäusern zu Freising und Erding als Gehilfe gedient, und er ernährte sich beim Ausbruche obigen Krieges als Privatlehrer in der Au. Er sah ein, daß solchem Trübsale seines Vaterortes nur durch Errichtung eines Waisenhauses abzuhelfen sei, und es reifte in ihm der fromme Entschluß, ein solches Unternehmen selbst zu versuchen und der Unterstützer und Vater so vieler unglücklicher und verwahrloster Kinder zu werden.

Aber wie ein so großes Unternehmen beginnen und ins Werk setzen? Das war eine schwierige Frage, denn Poppel war gänzlich ohne Vermögen, ohne wohlhabende Verwandte oder Freunde, ohne Empfehlung, ohne Aussicht auf irgend eine hinlängliche Unterstützung. Aber mit fester Willenskraft und eiserner Beharrlichkeit wagte er es dennoch. Er wendete sich zuerst an den damaligen Gerichtsherrn des Pfleggerichtes Au, Franz Karl Freiherrn von Widnmann, und erhielt von ihm die Erlaubniß, einen Versuch zu machen, und sein Hausherr, Christoph Nußbaum, Gerichtsdiener in der Au, bei dem er wohnte, räumte ihm gegen geringen Miethzins eine große Stube ein. Nun setzte Poppel alle Hebel in Bewegung, um die Mittel zum Anfange seines Unternehmens zu erringen. Mit begeisterter Beredsamkeit und mit geschicktem Takte bettelte er von Haus zu Haus, und sammelte bei Privaten Beiträge, und mit unbesiegbarer Geduld wußte er dabei allen Hindernissen, allen harten, ja oft groben Abweisungen zu begegnen; wenn ihn auch oft die Hartherzigkeit der Großen von ihren 

Thüren forttrieb, so kam er doch immer wieder, flehend für seine Kleinen, bis er erhört ward. In kurzer Zeit brachte er auf diese Weise hinlängliches Geld zusammen, um einen Anfang machen zu können.

Eines Tages, es war der Tag des heiligen Andreas, den 30. November 1742, sammelte er bei dreißig Kinder, Knaben und Madchen, führte sie zuerst zum Gebete in die Mariahilfskirche und dann in feine gemiethete Stube. Sieben Jahre lang erhielt er auf diese Weise seine Anstalt, die Kinder kleidend, nährend und lehrend, kämpfend mit allen möglichen Hindernissen, die sich ihm entgegenstellten, mit Armuth, ja oft mit bitterer Noth, und mit den Anforderungen eines Heeres von unabweislichen Bedürfnissen. Selbst auch wohlwollende Gutthäter vermochten nur wenig thätig beizutragen, indem der unselige Krieg die Einwohner der Au zu sehr verarmt hatte. Allein dessen ungeachtet verlor er nie die Zuversicht auf Gott und seine eigene Kraft, und es keimte die Saat feiner jungen Pflanzung immer mehr fort, und begann nach und nach größere Beachtung zu finden.

Da wurde im Jahre 1749 in allen Kirchen der Stadt München und der Au um milde Beiträge für die durch den eben beendigten Krieg entstandenen Armen, Waisen und Krüppel gesammelt, und diese Sammlung fiel über Erwarten reichlich aus, so daß auch Poppel hievon einen beträchtlichen Theil erhielt. Zur nämlichen Zeit stand auch im Sammerviertel der Au, unweit der Mariahilfkirche ein Haus feil, welches er sofort kaufte, und sogleich anfing dasselbe zweckmäßig herzustellen. Auch bei diesem Ausbaue hatte er wieder mit Hindernissen zu kämpfen, 

die jedem Anderen den Muth genommen hätten; der Bau gerieth mehrmals wegen Mangel an Geld ins Stocken, Umtriebe, Verdächtigungen und Verläumdungen wurden gegen Poppel ins Werk gesetzt, um ihm seine Unternehmung aufs äußerste zu erschweren, er wurde der Habsucht, des Eigennutzes, der Fahrläßigkeit öffentlich und laut beschuldiget. Allein alle diese Unbilden mit beispielloser Geduld hinnehmend, fuhr er unausgesetzt an der Förderung seines Werkes fort; er bestürmte unablässig die Thüren der Reichen und Vornehmen, um sie zu Beitragen zu bestimmen, und auf diese Weise kam endlich nach drei Jahren der Hausbau zu Stande, obgleich Poppel noch einen beträchtlichen Theil der Baukosten schuldete.

Nun änderte sich plötzlich der ganze Stand der öffentlichen Meinung. Alle, die bisher an dem Gelingen des kühnen Unternehmens gezweifelt hatten, sahen dasselbe als vollendete Thatsache vor sich stehen, alle Widersacher und Gegner verstummten, alles erstaunte über diesen seltenen Mann, der mit Hilfe Gottes aus geringem Anfange ein so großes und wohlthätiges Werk errichtet; man fing an, Antheil daran zu nehmen, und überzeugte sich durch Einsichtsnahme von der Zweckmäßigkeit der Anstalt. Der Gerichtsherr von der Au ertheilte ihm nun am 22. August 1751 ein förmliches Sammlungspatent, und Poppel brachte in kurzer Zeit 72 Wohlthäter auf, welche nicht allein alle von dem Hausbaue noch vorhandenen Schulden zahlten, sondern mit deren Hilfe er noch ein Fundationskapital von 4822 fl. 30 kr. zusammenbrachte.

Das große und mühsame Werk war vollendet und 

die Anstalt, der Poppel den Namen des Waisenhauses zu St. Andrä schöpfte, fest begründet.

Michael Poppel starb im Jahre 1763, seine wohlthätige Stiftung aber, die in der Folge sich fester begründete, besteht heutigen Tages noch, und zwar unter der Verwaltung des Magistrates der Haupt- und Residenzstadt München.

Dem verstorbenen Könige Maximilian II. war es vorbehalten, das Andenken an Michael Poppel zu erneuern und in seiner großartigen Schöpfung, dem National-Museum, würdig zu erhalten. In der damit verbundenen Geschichtsgallerie ist auf einem Freskobilde, gemalt von Wilhelm Haufchild, sinnig dargestellt, wie Michael Poppel in seiner Stube die Waisenkinder versammelt, sie lehrend. Möge das Wirken dieses edlen Mannes dem Volke nicht nur „zur Ehr" sondern stets auch „zum Vorbild" gereichen!


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