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Die Baukunst Alt-Münchens

I. Abschnitt: Das Bauwesens Alt-Münchens von der Städtegründung bis Ende des 16. Jahrhunderts

a) Baustoffe und Bauformen

Bis Mitte des vorigen Jahrhunderts bestimmten die Baustoffe eines Landes, die in ihm gewonnen wurden, auch die Bauweise dieses Landes und zwei in einem ziemlich eng begrenzten Gebietsteil; die schwierigste Umweltkosten verknüpfte Zufuhrmöglichkeit verhinderten, die Baustoffe in größeren Mengen aus fernen Gegenden herbeizuholen; erst die Zeit der Eisenschienenwege und der Dampfmaschine und die damit verknüpfte billigere Herbeischaffung der Materialien verwischten die bisherigen natürlichen Grenzen und schafften einen Ausgleich, oft nicht zum Vorteil einer gesunden Bauweise. Es kam in Zukunft nicht mehr auf die Entfernung des Gewinnungsortes der Baustoffe von der Verwendungsstelle an, sondern auf die Gestehungskosten, auf die Höhe der Arbeitslöhne eines Landes in Verbindung mit der schwierigeren oder leichteren Bearbeitung der Stoffe.

Diese Umstände, sowie der gewaltige Aufschwung, den das wirtschaftliche Leben nach dem siegreichen Kriege 1870/71 in Deutschland nahm, brachten auf dem Gebiete der deutschen Baukunst eine große Umwälzung hervor. wenn es auch einerseits günstig war, sich ohne Schwierigkeiten und Zeitverlust gute Baustoffe aus fernen Gegenden verschaffen zu können (ich nenne nur die Vorteile, die die Verwendung des Muschelkalks in München bot), so führte doch andererseits dieser allzu leichte Austausch der Naturschätze zu einer Verflachung in der Baukunst jener Zeit; wir können, um ein Beispiel zu nennen, dasselbe charakterlose Haus: mit Granitsockel, roten Sandsteinquadern, Umrahmungen und Gesimsen, mit gelben Verblendziegeln und Schieferndach, das Ganze mit einem unnatürlichen Formenaufwand ausgestattet, im Norden wie im Süden Deutschlands finden, das heißt, es ist nirgends zu Hause.

Es soll aber damit nicht gesagt sein, dass die Alten unter allen Umständen vermieden haben, fremde Materialien zu verwenden; sobald die italienische Marmore, über den Brenner geschafft, bei uns in Deutschland als besondere Kostbarkeiten, und wurden nur zu auserlesenen Zwecken verwendet; insbesondere machten sich die Klöster Geschenke damit. Um wieder ein Beispiel zu nennen:  Veroneser Marmor, der bis vor dem Weltkrieg zu den billigsten farbigen Marmoren gehörte, die wir in Deutschland verwendet haben (infolge der billigen Arbeitslöhne dieses Landes und der geringen Gestehungskosten), war in früheren Jahrhunderten ein edles und seltenes Gestein. -

Welche Stoffe standen nun für den Bau der Stadt München in deren nächster Nähe zur Verfügung? Es waren der Zahl nach wenig genug: 1. Holz aus Wäldern, die, wie wir aus verschiedenen Quellen wissen, die Stadt ringsum umgraben; 2. Lehm, in ausgedehnten Lehmlagern, in der Gegend von Bogenhausen und Haidhausen; 3. das Gerölle und Geschiebe des Isarbettes, dass auch zum größten Teil den Baugrund der neuen Stadt ausfüllte. Natürliche Bausteine waren sehr selten und wenig zu haben. Von der zuvor einiger weniger Haussteine also abgesehen, wurden alle Baustoffe in der Umgebung Münchens gewonnen und mussten nicht nur zur Erzeugung der nötigen Mauersteine und zur Herstellung des Holzwerkes dienen, sondern auch für die Dachdeckung, für die Pflasterung der Straßen und für die Mörtelzubereitung.

Der Isarfluß, dessen Bett sich von Großhesselohe an im Bereich des Stadtgebietes bedeutend verbreitert, und dessen rechter Uferrand, mit Ausnahme der Au, genau den Lauf des Flusses begleitet, schuf an seinem linken Ufer zwei Terrassen, deren Höhenränder sich heute noch ziemlich gut verfolgen lassen: die sogenannte Sendlinger Höhe und die Theresehöhe, die sich nach Norden zu bis zum Oberwiesenfeld immer mehr verflacht. Die unter jüngere Terrasse liegt zwischen diesen Höhen und dem Stadtbach, bzw. Westermühlbach (Glockenbach); sie entstand doch allmähliges Zurückdrängen der Isar in das jetzige Bett 4); sie folgt dann der Königinstraße und bildet die Westgrenze des Englischen Gartens; der höchste Punkt der Terassee ist das Petersbergl. Das Flussbett selbst, zwischen Gasteig und Petersbergl ungefähr einen Kilometer breit, von zahlreichen Bächen durchzogen, und früher mit Altwässern bestanden, war ihm nicht überschwemmten Zustand bedeckt mit Sand und Gerölle. Die untere Terrasse, die Baustelle des alten wie auch des größten Teils des neuen Münchens, wird wohl vor der Gründung der Stadt in der Hauptsache Wiesenland gewesen sein, vielleicht besetzt mit einzelnen Buschwerk, und auch aanbaufähiges Ackerland, da ist zu dieser Zeit schon lange nicht mehr in Überschwemmungsgebiete Isar lag. Das Gebiet der oberen Terassee war zweifellos mit großen Forsten bedeckt, nur unterbrochen von dem Ackerland einiger Sippenansiedlungen wie Sendling, die Giesing und Haidhausen.

Es war nichts natürlicher, als daß diese Wälder das erste Baumaterial für die zu gründende Stadt hergeben mußten; je mehr die Stadt wuchs, desto mehr Ackerland war auch nötig, um die Bevölkerung der Stadt mit Lebensmitteln zu versorgen; die Wälder wurden ausgerottet und ihr Holz diente anfänglich als einziges Baumaterial für die Wohnhäuser.


4) Siehe München und seine Bauten: Geologische Verhältnisse von Prof.Dr. Karl Debbecke. Seite 3-7.

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