Alter Hof

Zauner - München in Kunst und Geschichte (1914)

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Alter Hof, Burgstraße. Während in den Zeiten der Renaissance die Bauwerke des fürstlichen Hofes die wichtigste Stelle im Stadtganzen einnahmen, spielten sie im mittela terlichen München eine ziemlich be­scheidene Rolle; denn auch nach der Zeit des Aufschwungs unter Ludwig dem Bayern hielten die Fürsten unermannigfacher Teilung des Landes meist in andern Städten, wie Ingolstadt, Landshut und Burghausen Hof. Der Vater Kaiser Ludwigs, Ludwig der Strenge, hatte bei der 1. Teilung Bayerns Oberbayern als Anteil erhalten und verlegte um 1255 seine Resi­denz nach München, wo er sich in der Nordostecke des damaligen Mauer­gürte s eine Burg erbaute (vielleicht auch nur eine schon bestehende nur weiter ausbaute) und sowohl nach außen wie gegen die Stadt zu (wegen etwaiger Bürgerunruhen)  stark befestigte: Noch heute droht der Torturm des „Alten Hofes“ in die stille Burgstraße hinein, den Stadteingang trotzig versperrend. Aber von diesem ältesten Bau Ludwigs des Strengen ist heute nichts mehr sichtbar. Kaiser Ludwig nämlich hat beträchtliche Neu­bauten darin vorgenommen, der westliche Flügel wurde errichtet, und die an der Nordmauer gelegene Lorenzkapelle ersetzt durch eine neue geräumige Kirche, die der Kaiser den Franziskanern einräumte zum Ersatz für das Angerkloster (vgl. den Artikel ,,Angerkloster“), das sie den Klarissinnen überliesen; als das Einzige von dieser Kirche, an deren Stelle seit 1816 das Rentamt steht, sind noch einige Skulpturteile übrig (jetzt im Nationalmuseum), besonders das einzigartige Bildnis des Kaisers auf dlem Stifterrelief, wie er mit seiner Gemahlin das Kirchenmodell der hl. Jungfrau darbietet. Eine zweite Periode fürstlichen Glanzes erlebte der Alte Hof unter dem kunstsinnigen Herzog Sigismund ungefähr von 1470 bis 1490; aber auch die reiche Ausstattung aus dieser Zeit ist verschwunden bis auf einen spärlichen Rest im Nationalmuseum (Freskobilder von 14 Vorfahren Sigismunds aus einer Vorhalle des 2 Stocks); nur der Südwestflügel mit seinem hölzernen, einst kräftig bemalten Erker und dem Torturm (Torwartstube mit der alten Steinbank darunter, wo einst die Einlaßbegehrenden warteten) gehören dem Mittelalter an; von dem farbigem Bildschmuck, der einst den ganzen Turm wie den ganzen Hof überhaupt bedeckte, ist vollends nichts erhalten — und wenn nicht die Kapelle zu Blutenburg (s. das Buch „Münchens Umgebung in Kunst und Geschichte“ vom gleichen Verfasser) uns von dieser heitern Kunst­übung unterrichten würde, so könnte man nach dem heutigen Aussehen meinen, der fröhliche Herzog habe eine finstere Behausung besessen [BA .J; außerdem K B u. R ]. Uebrigens gehört der sowohl nach oben wie nach unten spitzauslaufende Turmerker zu den Wahrzeichen Münchens; 1611 schreibt Thomas Greidl aus Steinfelden [B 03 ] in seinem Gedicht über die Schönheiten Münchens:

„Nun ist aber ein Turm darunter,
An dem kann sehen einer Wunder,
Den Meister soll man billig loben,
Spitzig ist er unten und oben,
Rührt weder Erde noch Himmel an,
Tut dennoch unbeweglich stahn.

Zauner - München in Kunst und Geschichte (1914)