KulturGeschichtsPfad
 

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1. Ortskern Untersendling

Im Umfeld der alten Kirche St. Margaret (Plinganserstraße 1), dort, wo die Straße nach München (Lindwurmstraße), die Straße nach Neuhausen (Pfeuferstraße) und die einstige Dorfstraße (Plinganserstraße) aufeinandertreffen, ist der ehemalige Ortskern von Untersendling heute noch gut erkennbar.

Die mittelalterliche Kirche wurde bei der Niederschlagung der Sendlinger Bauernschlacht zu Weihnachten 1705 zerstört. Damals hatten aufständische Oberländer auch im Sendlinger Kirchhof Schutz vor den angreifenden kaiserlich-habsburgischen Besatzern gesucht. Doch die österreichischen Truppen setzten ihr Morden auf dem Kirchhof fort. Etliche der Erschlagenen wurden später auf dem Dorffriedhof beigesetzt, der jedoch seit der Schaffung des neuen Sendlinger Friedhofs 1872 (Albert-Roßhaupter-Straße 5) nicht mehr besteht.

An der Stelle des 1705 stark beschädigten Gotteshauses entstand 1711 bis 1712 durch Baumeister Wolfgang Zwerger ein Neubau im Stil einer barocken Dorfkirche. An der nördlichen Außenmauer erinnert seit 1830/1831 das monumentale Fresko Wilhelm Lindenschmits d. Ä. an die „Sendlinger Mordweihnacht“. Im Zentrum des Bildes steht der eine große Fahne schwingende Held der Aufständischen: der legendäre Schmied von Kochel. 1833 stiftete der königlichbayerische Geheimrat Philipp von Zwackh einen jährlichen Gedenkgottesdienst und ein Monument im Kirchhof zum Andenken an die gefallenen Oberländer.

Von den Bauernhöfen, die ursprünglich überwiegend an der Westseite der ehemaligen Dorfstraße lagen, ist in der Plinganserstraße 6 der Stemmerhof erhalten. Die urkundlich überlieferte Geschichte des Hofs beginnt mit der am 24. April 1381 besiegelten Schenkung an das Heiliggeistspital in München. Seit 1799 ist der Hof im Besitz der Familie Stemmer, die die Gebäude 1862 in Form eines Dreiseithofs – Wohnstall und Nebengebäude umgeben von drei Seiten den zur Straße geöffneten Innenhof – erneuerte. Das Anwesen wurde 1942 und 1943 schwer beschädigt und nach dem Zweiten Weltkrieg in alter Form wiederaufgebaut und landwirtschaftlich betrieben; die letzten 46 Milchkühe wurden erst 1992 verkauft. Seit 2001 gibt es im Stemmerhof Gastronomie und Läden für Bioprodukte; der einstige Bauernhof ist ein beliebter Treffpunkt mit ländlichem Flair inmitten der Großstadt.

Während sich Kirche und Dorf entlang der eiszeitlichen Isarhangkante auf dem Sendlinger Oberfeld erstreckten, erfolgte die Bebauung des Unterfelds erst im Zuge der Verstädterung. So entstand der unterhalb der Kirche gelegene Sendlinger Kirchplatz erst Ende der 1890er Jahre. Theodor Fischer plante den von Mietshäusern flankierten Sendlinger Kirchplatz, der eine Sichtachse auf den Ostchor der alten Pfarrkirche eröffnet. Als Fußweg führt der Sendlinger Kirchplatz vom Unterfeld zur Lindwurmstraße und dem Kriegerdenkmal von 1870/1871.

Dass städtische Bauformen in Gestalt von Villen und Mietshäusern die bäuerlichen Strukturen gegen Ende des 19. Jahrhunderts allmählich ablösten, lässt sich beispielsweise an den Gebäuden Lindwurmstraße 217, Pfeuferstraße 42, Plinganserstraße 13, 14, 20, 22, 24 und 26 ablesen. Erhalten sind einige ältere Handwerkerhäuser, wie die ehemalige Hufschmiede in der Plinganserstraße 9 mit angrenzender Gaststätte Schmiedwirt in der Nr. 11 und die Kleinhäuser Plinganserstraße 14a und 19.

In der Plinganserstraße 28 steht die 1873 bis 1874 errichtete und wenig später aufgestockte ehemalige Dorfschule. Die Grundschule an der Plinganserstraße ist die älteste Schule im Stadtbezirk; sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mehrmals erweitert und zuletzt um ein Tagesheim ergänzt.

Plinganserstraße 0

2. Am Harras

An der Gabelung von Plinganserstraße und der nach Westen, in Richtung Forstenried führenden Ausfallstraße (heute Albert-Roßhaupter-Straße), entwickelte sich ein Platz, der ab der Wende zum 20. Jahrhundert zunehmend urbane Gestalt annahm. Als der Platz 1930 schließlich offiziell den Namen Am Harras erhielt, war dieser im Volksmund längst fest verankert. Die Benennung geht zurück auf das beliebte Ausflugslokal Café Harras, das Robert Harras 1880 eröffnet hatte. 

Die ursprüngliche Gaststätte verschwand nach 1900, als die Nordseite des entstehenden Platzes mit mehreren Wohn- und Mietshäusern bebaut wurde. An den Fassaden Am Harras 12, 13 und 16 ist die ursprüngliche Jugendstilornamentik erhalten. In dem Eckgebäude Am Harras 16/Plinganserstraße 42 bezog das Café Harras neue, großzügige Räume.

Bereits seit 1894 führte die Straßenbahn entlang der Plinganserstraße über den Harras. Die 1904 eröffnete Straßenbahnlinie in Richtung Waldfriedhof machte den Platz zum Straßenbahnknotenpunkt. Die Tram blieb über Jahrzehnte der platzbestimmende Faktor. Seit 1975 ist der Harras an das Münchner U-Bahnnetz – wenig später auch an die S-Bahn – angeschlossen; 1983 wurde die Straßenbahnlinie zum Waldfriedhof, 1991 die nach Fürstenried-West eingestellt

Zunehmend dichter Straßenverkehr minderte die Lebensund Aufenthaltsqualität Am Harras. Dies änderte sich durch Umgestaltungsmaßnahmen, die 2013 abgeschlossen waren: Durch eine neue Verkehrsführung entstand aus der ehemaligen Verkehrsinsel ein großzügiger Platz für Fußgänger mit barrierefreiem Belag, langen Sitzelementen, Brunnen und Bäumen. Der Harras wurde zum Treffpunkt im Quartier, an dem auch öffentliche Veranstaltungen, wie zum Beispiel der Christkindlmarkt und das Harras-Fest, stattfinden.

Am Harras 0

3. Postgebäude Am Harras

Die Südseite des Harras ist geprägt von den aus Postamt (Am Harras 2) und zugehörigen Wohnblöcken (Am Harras 3 bis 9 und Plinganserstraße 44, 46 und 48) bestehenden Postbauten. Architekt Robert Vorhoelzer, seit 1930 Professor an der Technischen Hochschule München, entwarf diese zusammen mit Robert Schnetzer im schlichten, funktionalen Stil der Neuen Sachlichkeit. Der 1932 entstandene Gebäudekomplex besteht aus zwei hakenförmig ineinandergreifenden Zweiflügelbauten. Das niedrige Postamt mit verglaster Schalterhalle und Rotunde ist dem Platz zugewandt und wird von den dahinterliegenden sowie den zur Plinganserstraße und zum Harras weisenden Wohnflügeln überragt. Die Wohnblöcke gehörten der Baugenossenschaft des bayerischen Post- und Telegrafenpersonals in München und hatten jeweils eineinhalb beziehungsweise vier Zimmer. Die Nationalsozialisten schmähten den modernen Baustil des Gebäudekomplexes als „bolschewistisch“. Sie entzogen Vorhoelzer, der einer der Hauptvertreter des Neuen Bauens war und als langjähriger Leiter der bayerischen Postbauverwaltung zwischen 1920 und 1930 zahlreiche modern gestaltete Postbauten in München und Bayern verantwortete, im Oktober 1933 den Lehrstuhl.

Die Postbauten Am Harras überstanden den Krieg und stehen heute unter Denkmalschutz. Da die Deutsche Post AG das historische Postamt 2001 verkauft hat, ist sie heute nur noch Mieterin der historischen Schalterhalle. Das Postamt wurde 2002 renoviert und 2006 mit dem Fassadenpreis der Landeshauptstadt München ausgezeichnet.

 

Am Harras 0

4. Verlag und Buchdruckerei B. Heller

Der Ursprung der Buchdruckerei B. Heller, die sich später in Sendling niederließ, liegt in der Münchner Innenstadt: 1879 kaufte Benno Heller die J. Schaumberg‘sche Druckerei und entwickelte diese als B. Heller Buchdruckerei zu einem erfolgreichen Unternehmen. Die Geschäftsräume befanden sich ab 1883 in der Herzog-Max-Straße 4; vier Jahre später wurde in direkter Nachbarschaft die neue Hauptsynagoge eingeweiht. Neben Katalogen, medizinischen und künstlerischen Publikationen druckte Heller, der selbst Jude war, auch jüdische Schriften, wie zum Beispiel die Kalender einiger israelitischer Kultusgemeinden sowie ab 1913 die zionistische Wochenzeitung „Das jüdische Echo“ und ab 1925 die „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung“, die der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden unter der Schriftleitung von Eugen Schmidt und Ludwig Feuchtwanger – ein Bruder des Schriftstellers Lion Feuchtwanger – herausgab.

Im März 1929 verlegte Alfred Heller, Sohn des Verlagsgrün - ders, der ab 1909 im Unternehmen mitwirkte und es seit 1920 leitete, den expandierenden Betrieb nach Sendling: Neue Geschäftsadresse war nun das Anwesen Plinganser - straße 64, zu dem damals ein großer Hof mit Werkstattge - bäuden gehörte.

Bereits im Frühjahr 1933 verwüsteten Nationalsozialisten die Druckerei Heller; der jüdische Firmenchef musste für eine Woche ins Gefängnis. Im Zuge der staatlich gelenkten Ausschreitungen gegen Juden vom 9./10. November 1938 wurde Alfred Heller für mehrere Wochen im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Hellers Unternehmen mit zuletzt 65 Beschäftigten und einem Maschinenbestand von zehn Druck- und drei Setzmaschinen wurde am 6. September 1939 offiziell aufgelöst.

Seit 1937 bemühten sich Alfred Heller und seine Frau – 1911 hatte er Friedl Seligmann geheiratet – um die Ausreise nach Palästina. Der Flucht ging ein mehrfacher, aufgrund von Diskriminierungen gegen Juden bedingter Wohnungs - wechsel innerhalb Münchens voraus: 1935 musste das Ehepaar die Wohnung in der Herzog-Wilhelm-Straße 20, wo Alfred Heller seit 1910 lebte, verlassen. Ab 1. April 1935 wohnten Hellers in der Mathildenstraße 13, ab 21. November 1938 am St.-Pauls-Platz 9, ab 1. Juli 1939 in der Isabellastraße 13 und schließlich ab 31. August 1939 in der Jakob-Klar-Straße 7 (hierzu KGP 04). – Alle genannten Adressen wurden damals als sogenannte Judenhäuser zur Zwangsunterbringung von Münchner Juden genutzt. Viele der dort Zwangseingewiesenen wurden in nationalsozialistische Konzentrationslager deportiert und dort ermordet.

Im Dezember 1939 traten Alfred und Friedl Heller die Auswanderung nach Palästina an. Ihr Ziel war Haifa, wo Tochter Rose (geboren 1912) mit ihrem Ehemann Perez Harburger seit 1935 lebte. Im November 1940 verweigerte die britische Mandatsmacht den aus München Geflüchteten die Einreise und brachte sie in ein Internierungslager auf Mauritius. Erst im August 1945 durfte das Ehepaar Heller nach Palästina einreisen. Kurz darauf starb Friedl Heller. In Haifa arbeitete Alfred Heller als Drucker und stellte Büttenpapier her; später zog er nach Jerusalem, wo er 1956 starb. 1990 erschien Hellers autobiografische Beschreibung der Verfolgung, strapaziösen Flucht und der entbehrungsreichen Zeit im Internierungslager unter dem Titel „Dr. Seligmanns Auswanderung“ – Heller nennt sich darin Dr. Seligmann, nach dem Mädchennamen seiner Frau.

Während „Das Jüdische Echo“ auf Druck der Nationalsozialisten bereits im März 1933 eingestellt werden musste, konnte die „Bayerische Israelitische Gemeindezei - tung“ noch bis November 1938 gedruckt werden. Auf Anordnung des NS-Regimes trug sie ab 1. August 1937 den Davidstern und den Namen „Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg“. Die letzte Ausgabe erschien am 1. November 1938 – wenige Tage später, am 9./10. November 1938, kam es reichsweit zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung und deren Einrichtungen.

Der gelernte Buchdrucker und promovierte Staatswissenschaftler Alfred Heller (1885–1956) war leidenschaftlicher Verleger und Druckereibesitzer. 1928 gehörte er zu den Gründern der Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker in München, an der er bis 1933 unterrichtete. Porträtaufnahme von 1926/1927

Plinganserstraße 64

5. Engelhardstraße 12

Die Engelhardstraße wurde 1959 nach dem Hofkoch Engelhard benannt, einem der Aufständischen von 1705 und war – bis zu ihrem Abknicken in ostwestliche Richtung – früher die Plinganserstraße. Aus diesem Grund hatte das 1902 im Stil der deutschen Renaissance errichtete Eckgebäude, heute Engelhardstraße 12, bis zur Neubenennung die Adresse Plinganserstraße 76. Im Erdgeschoss befand sich zunächst das Café Westermayer, später war die Kupor-Werbe- und Vertriebs GmbH hier ansässig. Deren Geschäftsführer Fritz Josephson (1897–1961) hatte das Wohn- und Geschäftshaus gekauft. Josephson war Jude und stellte dem im Januar 1934 neugegründeten Jüdischen Turn- und Sportverein München e.V. (Jtus) in seinem Haus Räume zur Verfügung.

Der Vereinsgründung von Jtus vorausgegangen war die Enteignung und Zerschlagung der jüdischen Vereine Münchens am 12. Mai 1933 durch die politische Polizei auf der Grundlage des bayerischen Gesetzes über „die Enteignung von zu antinationalen Zwecken verwendetem Gut“ vom 4. April 1933. Nachdem Juden die Mitgliedschaft in den meisten „arischen“ Vereinen spätestens seit 1933 verwehrt war und traditionelle jüdische Sportvereine wie Bar Kochba München aufgelöst worden waren, bot sich Jtus jüdischen Münchnern als einzige Möglichkeit für gemeinschaftliche sportliche Betätigung an. Der Verein verfügte weder über eigene Gelder noch über Sportgeräte und war auf Mitgliedsspenden, Unterstützung durch die Israelitische Kultusgemeinde und auf die Hilfen jüdischer Firmen und Handwerksbetriebe angewiesen.

Am 6. Mai 1934 fand die feierliche Eröffnung der neuen Geschäftsstelle und der Turnsäle in der Plinganserstraße 76 durch den 1. Vorsitzenden Siegfried Gerson (siehe KGP 14, Kohlen- und Briketthandlung Gerson) statt. Im Erdgeschoss befand sich eine 200 Quadratmeter große Turnhalle, ein kleiner Turnsaal, ein Tischtennisraum, mehrere Garderoben mit Duschen und das Vereinsbüro; im Keller war eine Kegelbahn und ein Gemeinschaftsraum. In der Nacht des 9. auf den 10. November 1938 überfielen Mitglieder der NSDAPOrtsgruppe das Anwesen und stahlen Schmuck, Porzellan, Teppiche, Ölgemälde und wertvolle Bücher aus Josephsons Wohnung; aus den Jtus-Räumen entwendeten sie Sportgeräte, -ausrüstung und Geld und zerstörten die Einrichtung.

Bei den Plünderungen verschwanden auch Geschäftsunterlagen der Kupor-Werbe und Vertriebs GmbH. Da die „Arisierung“ des Unternehmens – also der pseudolegale Verkauf an einen „arischen“ Deutschen – scheiterte, wurde es im September 1939 liquidiert. Josephson, der sein Haus bereits 1937 weit unter Wert verkaufen musste, emigrierte im August 1939 nach Uruguay; er starb 1961 in New York.

In den Jtus-Räumlichkeiten in Sendling wurde nicht nur Sport getrieben; hier fanden auch Vortragsveranstaltungen statt. Am 20. März 1937 sprach hier der Arzt Hans Friedenthal (1900– 1987), von 1934 bis 1936 Präsident des deutschen MakkabiSportverbands und seit 1935 Vorsitzender der zionistischen Vereinigung für Deutschland, über die Möglichkeiten der Auswanderung nach Palästina. Flugblatt zu der von der Zionistischen Ortsgruppe München organisierten Veranstaltung

Engelhardstraße 12

6. Friedhof Sendling

Weil die Friedhöfe bei der alten Kirche St. Margaret und bei St. Achaz zu klein geworden waren, legte die Gemeinde Sendling 1871/1872 an der damaligen Forstenrieder Straße östlich der Bahngleise einen Gemeindefriedhof mit Leichenhaus an (heute Albert-Roßhaupter-Straße 5). Der Friedhof, der mit der Eingemeindung 1877 in die Zuständigkeit der Stadt München überging, ist nach Erweiterungen heute etwa zwei Hektar groß und bietet Platz für rund 4.200 Grabstätten. Hier befinden sich die Gräber von Sendlinger Persönlichkeiten, wie den Ökonomen-Familien Stemmer und Kaffler. Der zu seiner Zeit überregional erfolgreiche Reise- und Bergschriftsteller Arthur Achleitner (1858–1927) wurde hier ebenso beigesetzt wie der frühere bayerische Staatsminister und langjährige Bezirksausschussvorsitzende Fritz Endres (1877–1963). Auch die sterblichen Überreste des NS-Widerstandskämpfers Hans Hutzelmann, der am 15. Januar 1945 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet wurde, gelangten auf den Sendlinger Friedhof; das Grab ist jedoch mittlerweile aufgehoben.

Albert-Roßhaupter-Straße 5

7. Albert Roßhaupter

1962 wurde die vom Harras nach Westen zum Luise-Kiesselbach-Platz führende Forstenrieder Straße in Albert-Roßhaupter-Straße benannt. Seither erinnert sie an den aus der Oberpfalz stammenden SPD-Politiker Albert Roßhaupter. Der gelernte Lackierer trat 1897 in die SPD ein, arbeitete von 1899 bis 1908 bei den Eisenbahn-Hauptwerkstätten in München und war im Bayerischen Eisenbahnbetriebsarbeiterverband beziehungsweise im Süddeutschen Eisenbahnund Postpersonalverband zunächst als Bezirksleiter, später als Geschäftsführer, gewerkschaftlich aktiv. Ab 1909 bis 1933 schrieb Roßhaupter für verschiedene gewerkschaftlich und sozialdemokratisch orientierte Presseorgane. Von 1907 bis 1933 gehörte er dem Bayerischen Landtag an. In Kurt Eisners Revolutionskabinett (8. November 1918 bis 21. Februar 1919) war Roßhaupter, der von 1915 bis 1918 als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, Staatsminister für militärische Angelegenheiten. Als Vorsitzender der SPDFraktion hielt er am 29. April 1933 im Bayerischen Landtag – die KPD-Abgeordneten fehlten bereits verfolgungsbedingt, da die KPD als erste Partei im NS-Staat verboten wurde – eine Rede, in der er im Namen der SPD das „Gesetz zur Behebung der Not des bayerischen Volkes und Staates“ und damit die von der NS-Regierung geforderte Selbstentmachtung des Landtags ablehnte. Roßhaupter wurde daraufhin am 23. Juni 1933 verhaftet und zunächst im Amtsgerichtsgefängnis Fürstenfeldbruck, vom 12. September 1933 bis zum 19. März 1934 im KZ Dachau eingesperrt. Nach seiner Entlassung stand er unter Beobachtung und musste sich wöchentlich bei der Polizeidienststelle seines Wohnorts Olching melden. Am 22. August 1944 wurde Roßhaupter erneut festgenommen und bis zum 22. Dezember 1944 im KZ Dachau interniert.

In den ersten drei Nachkriegsregierungen unter Fritz Schäffer, Wilhelm Hoegner und Hans Ehard versah Roßhaupter von Mai 1945 bis September 1947 das Amt des Arbeitsministers. Im ersten Kabinett Hoegner, 22. Oktober 1945 bis 21. Dezember 1946, war er zudem stellvertretender Ministerpräsident.

Als Mitglied des Vorbereitenden Verfassungsausschusses und als Vorsitzender der SPD-Fraktion der Verfassungsgebenden Landesversammlung wirkte Roßhaupter an der Ausarbeitung der Verfassung des Freistaates Bayern mit, die am 1. Dezember 1946 per Volksabstimmung angenommen wurde.

Im Oktober 1948 nominierte der Bayerische Landtag den allgemein geschätzten SPD-Politiker als Nachrücker für den erkrankten Josef Seifried in den Parlamentarischen Rat. Dieser tagte in Bonn und erarbeitete das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, das am 23. Mai 1949 verabschiedet wurde.

Albert Roßhaupter-Straße 0

8. Sozialbürgerhaus Sendling-Westpark

Das Gebäude Meindlstraße 20 wurde 1928 nach Plänen des damaligen Münchner Stadtbaudirektors Hans Grässel als Bezirkswohlfahrtsamt errichtet. Hier waren verschiedene Fürsorge- und Beratungsstellen, darunter eine Stelle für Mütterberatung und Säuglingspflege, das örtliche Arbeitsamt sowie die neu eingerichtete Zweigstelle der Stadtbibliothek mit öffentlichem Lesesaal untergebracht. Damit schuf die Stadtverwaltung für die Bürger des Arbeiterviertels eine sozial- und bildungspolitisch wichtige Anlaufstelle. Deren demokratisch-rechtsstaatliche Grundlage wurde zwischen 1933 und 1945 entzogen; in dieser Zeit erfolgte die Verteilung öffentlicher Zuwendungen nach den ideologisch-rassistischen Kriterien des Nationalsozialismus; auch das Angebot der städtischen Bibliothek wurde eingeschränkt und der NS-Ideologie unterworfen.

In den 1970er Jahren zeichnete sich erhöhter Raumbedarf sowohl für die sozialen Einrichtungen als auch für die öffentliche Bibliothek ab. Gleich nebenan, in der AlbertRoßhaupter-Straße 8, eröffnete 1985 ein großes Bürgerzentrum, in dem heute nicht nur die Stadtteilbibliothek Sendling, sondern auch das Stadtbereichszentrum Süd der Münchner Volkshochschule mit Lernküche, Holzwerkstatt, EDV-Raum und die Galerie eigenArt untergebracht sind.

2012 wurde der Neubau Meindlstraße 14/16 eröffnet, der zusammen mit dem benachbarten Altbau das Sozialbürgerhaus Sendling-Westpark bildet. Hier erhalten Bürger der Stadtbezirke 6 und 7 wohnortnahe Leistungen und Angebote des Sozialreferats und des Jobcenters. Der Besprechungssaal im Erdgeschoss Meindlstraße 14 wird für Veranstaltungen, Sitzungen und Versammlungen der Bezirksausschüsse 6 und 7 genutzt.

Meindlstraße 20

9. Margaretenplatz

Da die Einwohnerzahl im neu eingemeindeten Stadtteil rasch wuchs, wurde die Dorfkirche am Sendlinger Berg gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu klein. Der Sendlinger Pfarrer und einige Honoratioren wünschten sich eine repräsentative Stadtkirche und gründeten 1892 einen Kirchenbauverein. Nachdem die Landwirte Stemmer, Kaffler und Berger den Bauplatz und einen größeren Geldbetrag gestiftet hatten, wurde 1897 Architekt Michael Dosch mit der Planung der neuen Kirche beauftragt. Die Grundsteinlegung erfolgte 1902, doch der Bau geriet aufgrund finanzieller Engpässe ins Stocken. Um das ehrgeizige Bauprojekt zu bewältigen, erwog die Kirchenverwaltung eine Zwangsabgabe; deren Einführung scheiterte jedoch am energischen Einspruch der in der Kirchenverwaltung vertretenen Sozialdemokraten um Erhard Auer und Martin Gruber. Schließlich gelang es Pfarrer Alois Gilg die fehlenden Gelder zu beschaffen. 1910 übernahm Franz Xaver Boemmel die Bauleitung und drei Jahre später wurde die im Stil des Neubarock errichtete neue Margaretenkirche in Anwesenheit König Ludwigs III. durch Erzbischof von Bettinger geweiht.

In dem ebenfalls von Franz Xaver Boemmel geplanten Pfarrhof – errichtet 1911 bis 1912 in der Meindlstraße 5 – wohnte von 1942 bis 1958 Pfarrer Paul Meisel (1887–1958). Meisel, vormals Kurat und Stadtpfarrer von St. Pius in Berg am Laim, war 1939 und 1940 mehrmals von der Gestapo festgehalten und verhört worden; vom 29. Mai bis 3. Oktober 1940 war er im KZ Dachau inhaftiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg kümmerte sich Meisel um den Wiederaufbau der kriegszerstörten Pfarrkirche. An ihn erinnert der Paul-Meisel-Weg in Sendling.

Heute bildet St. Margaret zusammen mit St. Korbinian den Pfarrverband Sendling.

Margaretenplatz 0

10. Emma und Hans Hutzelmann

Die Baugenossenschaft München-Süd errichtete 1913 die Wohnanlage Margaretenstraße 11/13/15 und 1919 bis 1920 die Kleinwohnanlage Margaretenstraße 16/16a/18/20/22/24. Am Eingang des Hauses Margaretenstraße 18 wurden im Januar 2019 Erinnerungszeichen für die einstigen Bewohner Emma und Hans Hutzelmann angebracht, die Widerstand gegen das NS-Regime leisteten.

1925 bezogen Emma Holleis und Hans Hutzelmann mit ihrem im Vorjahr geborenen gemeinsamen Sohn Herbert eine Wohnung in der Margaretenstraße 18. Das Paar heiratete – ungewöhnlich für diese Zeit – nach Jahren des Zusammenlebens erst 1937. Beide schlossen sich 1928 der linkskatholischen Christlich-Sozialen Reichspartei (CSRP) und 1929 der kommunistischen Unterstützungsorganisation Rote Hilfe Deutschland (RHD) an. In diesem Umfeld lernten sie den Kommunisten Karl Zimmet (siehe KGP 14) kennen.

Abgesehen von einer Beschäftigung bei der Reichspostdirektion von 1928 bis 1931 schlug sich der gelernte Maschinenbauer Hans Hutzelmann mit Gelegenheitsarbeiten durch, bis ihn 1934 die Maschinenfabrik Friedrich Deckel – im Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Rüstungsbetrieb, der Zwangsarbeiter ausbeutete – einstellte. Emma Hutzelmann war ab August 1940 bei der Fettfabrik Saumweber als Buchhalterin beschäftigt. 1942 wurde sie von einer Arbeitskollegin denunziert, die ihr vorwarf, sich kritisch zum Krieg geäußert zu haben. Emma Hutzelmann wurde wegen „Heimtücke“ angeklagt, aber am 18. Juni 1942 freigesprochen.

Im August 1943 schlossen sich Emma und Hans Hutzelmann mit Gleichgesinnten, die sie teilweise seit Jahren kannten, zur „Antinazistischen Deutschen Volksfront“ (ADV) zusammen; Karl Zimmet wurde Vorsitzender, Hans Hutzelmann erster Stellvertreter, Emma Hutzelmann Kassiererin. Die Gruppe verfasste antinazistische Flugblätter und rief zum überparteilichen Widerstand auf. In der Fettfabrik Saumweber knüpfte Emma Hutzelmann Kontakte zu russischen Kriegsgefangenen und erfuhr von deren Widerstandsorganisation „Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen“ (russisch: Bratskoje Sotrudnitschestwo Wojennoplennych, BSW), die Zwangsarbeiter in Rüstungsbetrieben bei Sabotageakten unterstützte und einen bewaffneten Umsturz anstrebte. Die ADV beschloss, mit der BSW zusammenzuarbeiten und traf sich mit deren Vertretern in der Margaretenstraße 18 und bei Zimmet in Berg am Laim. Emma Hutzelmann unterstützte die BSW, indem sie bei Saumweber größere Mengen Fett stahl, die sie gegen Nahrungsmittel und Waffen eintauschte und den verbündeten Kriegsgefangenen übergab.

Die Aktivitäten flogen auf: Im Frühjahr 1944 nahm die Gestapo 383 sowjetische Kriegsgefangene fest und erschoss 92 von ihnen am 4. September 1944 im Konzentrationslager Dachau. Hans und Emma Hutzelmann und weitere Mitglieder der ADV verhaftete die Gestapo am 6. Januar 1944. Emma Hutzelmann floh am 31. Juli 1944 aus dem Gefängnis Stadelheim, tauchte unter und starb am 27. November 1944 in München bei einem Luftangriff. Hans Hutzelmann wurde nach seiner Verhaftung von der Gestapo gefoltert. Gegen ihn und weitere Anführer der ADV fand am 8. Dezember 1944 vor dem Volksgerichtshof in Berlin ein Prozess wegen Hochverrats und „Feindbegünstigung“ statt. Hans Hutzelmann, Rupert Huber und Karel Mervart wurden zum Tode verurteilt und am 15. Januar 1945 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Am 7. Januar 1944 nahm die Gestapo in der Daiserstraße 45 auch Geschwister und Verwandte von Emma Hutzelmann – die Brüder Andreas und Ludwig Holleis, die Schwestern Rosa Holleis und Dora Eckstein sowie deren Mann Stefan – fest und verhörte sie. Ludwig Holleis, dem die Gestapo Komplizenschaft unterstellte, wurde gefoltert; er starb am 29. März 1944 an den schweren Verletzungen. Für ihn wurde im Sommer 2018 am Hauseingang Daiserstraße 45 ein Erinnerungszeichen angebracht. Auch Andreas Holleis war von der Gestapo gefoltert und schwer verletzt worden; er starb 1947 an den Spätfolgen der Misshandlungen.

 

Margaretenstraße 18

11. Stemmerwiese

Die Straße An der Stemmerwiese führt zu der gleichnamigen 1,2 Hektar großen städtischen Grünanlage. Der östlich gelegene Stemmerhof, zu dem sie ursprünglich gehörte, schirmt die Stemmerwiese vom Straßenverkehr der Plinganserstraße ab. Ihre ruhige, ländlich anmutende Lage macht die Stemmerwiese zum beliebten Erholungs- und Freizeitort.

Dass dieses Fragment des einstigen bäuerlichen Sendling erhalten ist, ist ein Verdienst der Ende der 1970er Jahre gegründeten Bürgerinitiative Sendlinger Berg, die sich mit zahlreichen Aktionen gegen die geplante Bebauung der Stemmerwiese und die Zerstörung des historischen Dorfkerns erfolgreich wehrte.

 

An der Stemmerwiese 0

12. Fritz Endres

Entlang der Kraelerstraße, zwischen Paumann-, Baumgartner-, Ganghofer-, Maron- und Pfeuferstraße, errichtete die Münchener Wohnungsfürsorge AG zwischen 1925 bis 1930 drei Wohnblöcke.

In der Kraelerstraße 4 wohnte in den 1930er Jahren der SPD-Politiker Fritz Endres. Der aus dem unterfränkischen Ebenhausen stammende Endres machte in Würzburg eine Ausbildung zum Kupferschmied und trat 1895 in die SPD ein. Nach Anstellungen als Kupferschmied und Eisenbahnhandwerker war er von 1911 bis 1918 – unterbrochen durch seinen Kriegsdienst 1914 bis 1918 – Arbeitersekretär der Freien Gewerkschaften in Würzburg, danach Geschäftsführer des Metallarbeiterverbands in Bayern.

Zwischen 1912 bis 1918 und 1920 bis 1933 gehörte Endres dem bayerischen Landtag an. Von 1920 bis 1933 war er Landesparteisekretär der SPD beziehungsweise Geschäftsführer des Landesausschusses der SPD und Sekretär der SPD-Landtagsfraktion. Während der Münchner Räterepublik übernahm Endres von März bis Mai 1919 das Amt des bayerischen Justizministers; von Juni 1919 bis März 1920 das des bayerischen Innenministers.

Endres war einer der 16 SPD-Abgeordneten im bayerischen Landtag, die unter dem Fraktionsvorsitz Albert Roßhaupters am 29. April 1933 das von NSDAP, DNVP und BVP befürwortete Gesetz „zur Behebung der Not des bayerischen Volkes und Staates“ ablehnten. Nachdem er bereits Mitte März 1933 kurzzeitig im Polizeigefängnis Würzburg interniert war, wurde Endres am 30. Juni 1933 erneut festgenommen und war bis 7. Oktober 1933 Häftling im KZ Dachau. Nach der Haftentlassung stand er unter Polizeiaufsicht. Nach Verlust seines Abgeordnetenmandats und seines Parteiamts war Endres bis Ende 1936 erwerbslos, dann Versicherungsvertreter in München. Im Zuge der Massenverhaftung führender Politiker aus der Zeit der Weimarer Republik im Anschluss an das Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 – sogenannte Aktion Gewitter – kam Endres vom 23. August 1944 bis 2. September 1944 erneut ins KZ Dachau.

In den fünfziger Jahren war Endres Bezirksausschussvorsitzender des Stadtbezirks Sendling. 1959 erhielt er den Bayerischen Verdienstorden. Die Landeshauptstadt München ehrte Fritz Endres 2002 mit der Benennung der FritzEndres-Straße in Sendling.

Kraelerstraße 4

13. Berlepschstraße 3

1885 gründete der katholische Priester Johann Nepomuk Werner den Verein Lehrlingsschutz als Betreuungsstelle für Lehrlinge. Um diesen – viele von ihnen waren zu Beginn ihrer Lehre erst 13 Jahre alt, kamen vom Land und mussten sich in der Stadt weitgehend allein zurechtfinden – eine Unterkunft zu bieten, eröffnete der Verein 1897 ein Heim in der Morassistraße (Stadtbezirk 02) und errichtete, unter der Leitung des neuen Vereinsvorsitzenden Wilhelm Bleyer, 1930 ein zweites Heim in der Berlepschstraße 3.

Zu den spektakulärsten Aktionen des Jugend- und Lehrlingsheims in der Berlepschstraße zählt die dreieinhalbwöchige Fahrt in die Sowjetunion, die der damalige Leiter des Heims, Priester Fritz Betzwieser mit 44 Jugendlichen und drei Erziehern im Sommer 1965, mitten im „Kalten Krieg“, unternahm.

Mitte der 1970er Jahre gab der Verein Lehrlingsschutz – seit 1984 Katholisches Jugendsozialwerk München e.V. – das Gebäude Berlepschstraße 3 auf; nach Umbauten zog die Französische Schule ein, die das Gebäude bis heute nutzt

Die Französische Schule war 1953 von in München lebenden Franzosen gegründet worden, die ihre Kinder in französischer Sprache und nach französischem Lehrplan unterrichtet sehen wollten. Nachdem sich die Schule auch deutschen Schülern geöffnet hatte, erkannte sie das bayerische Kultusministerium 1976 als gleichwertige „Ersatzschule“ an. Nach Standorten im Lehel und in Bogenhausen zog die Französische Schule 1977 mit damals rund 380 Schülern nach Sendling.

Das Lycée Jean Renoir, benannt nach dem französischen Filmemacher Jean Renoir (1894–1979), untersteht der staatlichen französischen Aufsichtsbehörde für Auslandsschulen AEFE (Agence pour l’enseignement français à l’etranger) und ist mit rund 1.500 Schülern (Stand 2019) die größte französische Schule in Deutschland.

Da die Räume in der Berlepschstraße nicht mehr ausreichten, um die steigenden Anmeldungen zu bewältigen, sind Kindergarten und Grundschule – École maternelle und École élémentaire – seit dem Schuljahr 2007/2008 nahe dem Giesinger Bahnhof in der Ungsteiner Straße 50. In Sendling werden die Schüler von der 6. bis zur 9. Klasse (Collège) und von der 10. bis zur 12. Klasse (Lycée) unterrichtet. Am Ende der 12. Klasse kann das Baccalauréat, der französische Schulabschluss oder das AbiBac, eine Kombination von Baccalauréat und deutschem Abitur, erworben werden.

Berlepschstraße 3

14. Optische und astronomische Werkstätte C. A. Steinheil Söhne

Der südliche Teil der Theresienhöhe wurde 1912 in Lipowskystraße umbenannt. Ältere Gebäude der Lipowskystraße trugen daher ursprünglich die Adresse Theresienhöhe. Von dem Spezialunternehmen für optische Geräte, das an der Abzweigung zur Radlkoferstraße von 1889 bis 1938 unter der historischen Adresse Theresienhöhe 7, später Lipowskystraße 2, ansässig war, sind keine baulichen Spuren erhalten. Die 1855 von Carl August von Steinheil (1801–1870) gegründete Optische und astronomische Werkstätte C. A. Steinheil Söhne, die hochwertige Fernrohr- und Fotoobjektive herstellte, zog 1889 von der Landwehrstraße nach Sendling. Im Auftrag des Firmenchefs Adolph Steinheil (1832–1893) errichtete das Bauunternehmen Dietrich & Voigt auf der Theresienhöhe eine neue Werkstätte mit Observatorium. 1890 übernahm Rudolph Steinheil (1865–1930) die Leitung der renommierten Firma und gründete 1899 die Sendlinger Glashütte in der Boschetsrieder Straße zur Herstellung von optischem Spezialglas.

Zwischen 1895 und 1932 fertigte C. A. Steinheil Söhne Refraktoren mit großen visuellen und fotografischen Objektiven beispielsweise für die Sternwarten Berlin-Treptow, Hamburg-Bergedorf, Heidelberg, Königsberg, Potsdam, Kopenhagen, Rom, Utrecht, Tiflis und Wien-Währing. Die präzisen Steinheil-Produkte dienten nicht nur der Wissenschaft, sondern auch dem Militär: So entwickelte und baute der Sendlinger Betrieb während des Ersten Weltkriegs für die deutsche Armee leistungsfähige Fernrohre, Nachtschussapparate für Pistolen und Gewehre zur kurzzeitigen Beleuchtung von Zielen sowie Reflexvisiere für Jagdflieger und Leuchtaufsätze für Flak und Artillerie.

Im März 1938 verließ die in Optische Werke C. A. Steinheil Söhne GmbH umbenannte Firma Sendling und bezog das neue Firmengelände in der Sankt-Martin-Straße. In der NS-Zeit profitierte Steinheil von Rüstungsaufträgen des NS-Regimes und beutete Zwangsarbeiter aus.


15. Pedagogium Español

Entlang des südlichen Teils der Theresienhöhe, der späteren Lipowskystraße, siedelten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts Künstler an. An der Ecke zur Spitzwegstraße wohnte seit 1882 der Maler, Kinderbuchautor und -illustrator Lothar Meggendorfer. Die 1884 bis 1885 errichtete Villa Lipowskystraße 26 gehörte dem Landschaftsmaler Ernst Meissner, Lipowskystraße 30 dem Maler Josef Schoyerer und in der Lipowskystraße 24 lebte der Kunstmaler Albert Seifert. Für Seifert planten die Architekten Oskar Dietrich und Martin Heinrich Voigt 1888 einen Atelieranbau (heute Lipowskystraße 22).

1913 erwarb der neu gegründete Verein Pedagogium Español e.V. Seiferts Villa mit Atelier und gestaltete diese zum Wohnheim für spanische Schüler um. Die Gründung des Pedagogium Español geht zurück auf Prinzessin María de la Paz, Infantin von Spanien; sie war seit 1883 verheiratet mit Prinz Ludwig Ferdinand (1859–1949), der als Sohn der Infantin Amalia de Borbón und Adalberts von Bayern ebenfalls spanische Vorfahren hatte.

Der Verein strebte an, begabte, aber wirtschaftlich benachteiligte, spanische Kinder in München zunächst an Volksschulen, dann am Pasinger Lehrerbildungsseminar zu unterrichten und die ausgebildeten Lehrer als Vermittler deutscher Kultur nach Spanien zurückzuschicken.

Zur feierlichen Eröffnung des Heims, in dem damals 18 männliche Schüler und der Heimleiter – der aus Salamanca stammende Domkapitular Gonzalo Sanz – wohnten, kamen am 27. August 1913 neben dem Stifterpaar weitere Wittelsbacher sowie Unterrichtsminister Eugen von Knilling und Erzbischof von Bettinger. Als Vertreter der Stadt München erschien Rechtsrat Hörburger, als Vertreter der spanischen Staatsregierung Senator Angel Pulido; auch zahlreiche in München lebende Spanier nahmen teil.

Das wittelsbachische Bildungsprojekt überdauerte den Ersten Weltkrieg, geriet jedoch, nicht zuletzt wegen des Lebenswandels des Heimleiters – Sanz stand wegen Beleidigung und eines amourösen Verhältnisses mit einer Sendlinger Kaufmannsfrau im November 1917 vor Gericht und wurde deswegen von Münchner Zeitungen scharf angegriffen – in die Kritik. Nach Entlassung von Sanz übernahm im Frühjahr 1918 Max Junkert von der Lehrerbildungsanstalt Pasing das Heim. Infolge der Abschaffung der Monarchie am 8. November 1918 wurde der Trägerverein aufgelöst und das Sendlinger Haus verkauft.

Von 1920 bis 1930 wohnte der Kaufmann Max Bernhard Feuchtwanger, geboren 1880, in der Lipowskystraße 24. 1922 bis 1930 zog dessen Bruder Sigmund Feuchtwanger, geboren 1878, dort ein. Die Brüder und Max Bernhards Frau Pauline Feuchtwanger, geboren 1891, wurden am 20. November 1941 über das Sammellager Knorrstraße nach Kaunas deportiert und dort fünf Tage später ermordet.


16. Schmied-von-Kochel-Denkmal

Nach dem Abriss des Obermeierhofs 1891 wurde die Lipowskystraße, damals Theresienhöhe, bis zur Einmündung der Lindwurmstraße in die Plinganserstraße verlängert. Anfang der 1980er Jahre entstand in diesem Bereich eine Grünanlage; der betreffende Abschnitt der Lipowskystraße wurde vom Straßenverkehr befreit und in Daumillerweg umbenannt – nach Oscar Daumiller (1882–1970), einst Pfarrer der Himmelfahrtskirche, später Oberkirchenrat und Kreisdekan von München. Der Daumillerweg führt zur Rückseite des monumentalen Denkmals, das die Stadt München 1905/1906 in Erinnerung an die oberbayerische Landeserhebung und die Sendlinger Bauernschlacht auf Anregung von Archivrat Ernst von Destouches stiftete. Auf einem hohen Denkmalsockel an der Lindwurmstraße steht die von Bildhauer Carl Ebbinghaus geschaffene übergroße Bronzeskulptur des sagenhaften Anführers der Aufständischen: der Schmied von Kochel. Der Held schultert eine große Fahne, trägt in der rechten Hand einen Hammer und blickt von der Isarhangkante auf die Untersendlinger Dorfkirche – sie war ein zentraler Ort bei der Niederschlagung der Sendlinger Bauernschlacht – und auf das dort 1830/1831 angebrachte Außenfresko von Wilhelm Lindenschmit d.Ä.. Architekt Carl Sattler nutzte den natürlichen Höhenunterschied von Lindwurmstraße und Isarterrasse, indem er Brunnen und Denkmalsockel an die Isarhangkante anlehnte. Eine Treppe verbindet die Denkmalterrasse mit der Lindwurmstraße.

 

Lindwurmstraße 0

17. Lokomotivfabrik Krauss & Comp.

1872 eröffnete die 1866 gegründete Lokomotivfabrik Krauss & Comp. südlich der neuen Bahnlinie ein Zweigwerk in Sendling; dieses hatte – genau wie die an der Donnersbergerbrücke gelegene Hauptfabrik – einen eigenen Gleisanschluss. Auf dem Werksgelände zwischen Bahnlinie, Bavariaund Lindwurmstraße stellte Krauss & Comp. Klein- und Schmalspurlokomotiven her. In direkter Nachbarschaft ließ sich die Eisengießerei Sugg nieder, die den Lokomotivhersteller belieferte. 1920 übernahm Krauss & Comp. die Firma Sugg, kaufte im Folgejahr die Bayerische Stahlformgießerei Krautheim & Comp., verlegte den Firmensitz nach Allach und ließ dort ein modernes Werk errichten. 1931 fusionierte Krauss & Comp. mit der J. A. Maffei AG und agierte fortan als Lokomotivfabrik Krauss & Comp. – J. A. Maffei AG. Wenig später wurde auch die Produktion des Sendlinger Zweigwerks und der Eisengießerei Sugg nach Allach verlegt. Zur weiteren Entwicklung des Unternehmens in Allach informiert der KGP 23.

Auf dem ehemaligen Firmengelände des Lokomotivherstellers in Sendling siedelte sich in den 1930er Jahren die Milchverwertungsgesellschaft bayerischer Landwirte an. Nachdem deren Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, errichtete die Milchverwertungsgesellschaft 1951 an der Lindwurmstraße eine moderne Großmolkerei mit werkseigenem Bahnanschluss.

Nach Abzug der zuletzt als Milchhof München GmbH firmierenden Molkerei entstand auf dem ehemaligen Industriegelände in der Lindwurmstraße 90 ein großer Schulkomplex, der 1983 eröffnete: Darin sind die Städtische Berufsschule für den Einzelhandel Mitte-München und die Staatliche Berufliche Oberschule (FOS/BOS) für Wirtschaft, München untergebracht.

 

Lindwurmstraße 0

18. Herrenbekleidungsgeschäft Both & Zeimer

Im September 1908 kamen die aus Galizien – die Region gehörte damals zu Österreich-Ungarn – stammenden Eheleute Joachim Both (1876–1938) und seine Frau Maria (1880–1941) mit ihrem erst wenige Monate alten gemeinsamen Sohn Max nach München. Die Familie zog in die Lindwurmstraße 185. Im Erdgeschoss des Hauses eröffnete Joachim Both mit seinem Schwager Jonas Zeimer – er starb 1912 – im Oktober 1908 das Herrenbekleidungsgeschäft Both & Zeimer.

In der Pogromnacht des 9./10. Novembers 1938 – genau dreißig Jahre, nachdem Familie Both nach Sendling zugewandert war und ihren Laden eröffnet hatte – zerstörten und plünderten Nationalsozialisten Wohnung und Geschäftsräume des jüdischen Kaufmannsehepaars. SA-Mann Hans Schenk stürmte mit weiteren SA-Leuten die im ersten Stock gelegene Wohnung und erschoss Joachim Both. Obwohl das ärztliche Gutachten die Tat als gezielte Exekution erkennen lässt, sprach das Oberste Parteigericht der NSDAP die Beteiligten wenig später frei, da der Schuss in Notwehr abgefeuert worden sei.

Nach der Tötung Joachim Boths durften Maria und Max Both die gemeinsame Wohnung nicht betreten und kamen bei Bekannten unter. Nach mehreren unfreiwilligen Wohnungswechseln innerhalb Münchens wurde Maria Both am 20. November 1941 nach Kaunas verschleppt und dort am 25. November 1941 erschossen. Ihr Sohn Max emigrierte 1939 nach England; er starb 1972 in London. Seine 1909 geborene Schwester Fanny floh mit ihrem Ehemann Fritz Kammer im August 1939 in die USA, wo sie bis zu ihrem Tod 1973 lebte.

Fritz Kammer, der im Zweiten Weltkrieg in der US-Armee gekämpft hatte, setzte im Oktober 1945 eine juristische Untersuchung der Tötung seines Schwiegervaters Joachim Both durch. Die Staatsanwaltschaft München stellte das Verfahren am 15. September 1950 ein, da die am Mord mutmaßlich beteiligten SA-Männer im Krieg gestorben waren.

Lindwurmstraße 185

19. Konsumverein Sendling-München

Angeregt durch den von Beamten initiierten Konsumverein München von 1864 gründeten elf Sendlinger Industriearbeiter – die meisten waren bei Krauss & Comp. oder der Eisengießerei Sugg beschäftigt – am 20. Februar 1886 in der Gaststätte Maibräu den Konsumverein Sendling-München e.V.. Die Selbsthilfeorganisation wollte zur Verbesserung der Lebensverhältnisse von Arbeitern und Handwerkern beitragen: Sie konstituierte sich als eine Einkaufsgenossenschaft und erwarb kostengünstig große Mengen von Gütern des täglichen Bedarfs, vor allem Lebensmittel, um sie Vereinsmitgliedern zu niedrigen Preisen anzubieten. 1888 kaufte der Konsumverein Sendling-München das Haus Lindwurmstraße 187, in dem er seit 1886 sein erstes Ladengeschäft betrieb. Das Anwesen, in dem auch Lager- und Büroräume untergebracht waren, war bald zu klein; daher ließ der Verein es 1907 abbrechen und durch einen größeren Neubau ersetzen

Von Anfang an beschränkten sich die Aktivitäten des Konsumvereins Sendling-München nicht auf Sendling, sondern gingen darüber hinaus: Die Zahl seiner Mitglieder wuchs von rund 3.300 im Jahr 1902 auf über 50.000 im Jahr 1929. In Sendling betrieb der Konsumverein Verkaufsstellen in der Lindwurmstraße 187, Brudermühlstraße 15, Lindenschmitstraße 30, Plinganserstraße 112 und in der Thalkirchner Straße 272; hinzu kamen weitere Filialen im ganzen Stadtgebiet – darunter ein eigenes Kaufhaus im Rosental 16 – und in einigen Gemeinden Oberbayerns.

1902 hatte der Konsumverein Sendling-München ein großes Grundstück an der Boschetsrieder Straße (Stadtbezirk 19) gekauft, auf dem er in den folgenden Jahren neben Lager- und Wohnhäusern auch Fabrikgebäude zur Lebensmittelproduktion errichten ließ, darunter eine Großbäckerei und eine Sauerkrautfabrik. Der Gesamtumsatz des Vereins lag im Geschäftsjahr 1928/1929 bei 21.600.000 Mark. Damit war der Verein, der längst nicht mehr nur Großeinkäufer, sondern auch Produzent war, ein gewichtiger ökonomischer Akteur geworden. Seit den Wirtschaftskrisen während und nach dem Ersten Weltkrieg betrachteten Einzelhandel und produzierendes Gewerbe das günstige und zunehmend breite Angebot des Konsumvereins als existenzbedrohende Konkurrenz und forderten die Auflösung der Genossenschaft. Diese Forderung griff die NSDAP auf, die das antikapitalistische Unternehmen ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre heftig angriff. Im Zuge der Zerschlagung der Arbeiterbewegung wurde der Konsumverein Sendling-München im Mai 1933 in die Deutsche Arbeitsfront (DAF) eingegliedert; 1936 erfolgte die Auflösung des in Verbrauchergenossenschaft München GmbH umbenannten Betriebs.

Lindwurmstraße 187

20. Wohnanlage des Vereins zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in München

Die Bebauung des Sendlinger Unterfelds mit Mietshäusern für Beschäftigte der großen Industriebetriebe erreichte um 1890 die Daiserstraße. Als Gegenmodell zu profitorientierten Bauträgern, die ihre dominierende Position im angespannten Wohnungsmarkt oftmals ausnutzten und Arbeiter in überteuerte, unhygienische Mietverhältnisse zwangen, gründeten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts Wohnungsgenossenschaften und Bauvereine. Auch der 1899 auf Initiative von Bürgermeister Wilhelm von Borscht, des Stadtmagistrats und bürgerlicher Sozialreformer wie Paul Busching und Karl Singer gegründete Verein zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in München verfolgte das Ziel, Berufsgruppen, die über geringe Einkünfte verfügten, ein gesundes Wohnumfeld zu ermöglichen. Der Verein beauftragte den städtischen Bauamtmann Sebastian Langenberger und die Baugesellschaft Gebrüder Rank mit der Errichtung der Wohnanlage Daiserstraße 17, 19, 21, 23, 25 mit Aberlestraße 20, 22, 22a–g, 24, 26, 28 und Oberländerstraße 26, 28, 30. Die Architekten sorgten durch plastische Zierelemente, Balkone, Terrassen und Erker für eine abwechslungsreiche Fassadengestaltung, die sich vom eintönigen Anblick der meisten Mietshäuser abhob. Um erschwinglichen Wohnraum anbieten zu können und Überbelegungen durch Untervermietung zu verhindern, waren die Wohnungen klein, boten aber eine überdurchschnittliche Ausstattung: Sie bestanden ursprünglich aus ein bis zwei Zimmern, verfügten über eine Wohnküche mit Kochgasanschluss, hatten – zu dieser Zeit keineswegs selbstverständlich – einen eigenen Abort und oft auch einen Balkon. Bäder und Waschküchen wurden gemeinschaftlich genutzt; ferner gab es ein Gasthaus, Einkaufsläden und eine Bibliothek.

In der Hofpassage der denkmalgeschützten Anlage erinnert ein Gedenkstein an Karl Singer (1860–1908), Direktor des städtischen Amtes für Statistik und Mitbegründer des Vereins zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in München.

Daiserstraße 0

21. Evangelisch-lutherische Himmelfahrtskirche

In Sendling und der näheren Umgebung lebten 1887 rund 1.000 Protestanten; die meisten stammten aus Arbeiterfamilien und hatten sich im Zuge der Industrialisierung niedergelassen. 1896 erwarb der Verein Innere Mission – 1884 als protestantischer Fürsorgeverein gegründet – einen Bauplatz in der Oberländerstraße und errichtete ein Gemeindehaus. Neben Betreuungseinrichtungen für Klein- und Schulkinder unterhielt der Verein eine Volksbibliothek und einen Betsaal, in dem anfangs vierzehntägig, ab 1908 jeden Sonn- und Feiertag Gottesdienst gehalten wurde. Zunächst betreuten Reiseprediger der Matthäuskirche die Sendlinger Protestanten. 1920 wurde die evangelisch-lutherische Gemeinde selbstständig und kaufte der Inneren Mission das Gemeindehaus ab.

Kidlerstraße 0

22. Südbad

Das Südbad in der Valleystraße 37 wurde am 18. August 1960 als drittes städtisches Hallenbad – nach dem Müller’schen Volksbad, eröffnet 1901 und dem Nordbad, eröffnet 1941 – feierlich eingeweiht. Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, der am 27. März 1960 im Alter von 34 Jahren gewählt worden war, hielt die Festrede in der großen Schwimmhalle, gefolgt von Vorführungen der Kunstturmspringerinnen und Schwimmerinnen des Vereins Isarnixen. Zur ursprünglichen Ausstattung des Südbads gehörte ein kleines Krokodil, das – alles andere als artgerecht – in einem Aquarium im kleinen Schwimmsaal gehalten wurde.

Das Südbad dient den Sendlinger Schulen und Vereinen als Unterrichts- und Trainingsstätte. Seit den Sanierungen von 1999/2000 und 2008 bietet es neben je einem Schwimmer-, Nichtschwimmer- und Kinderbecken einen Saunabereich im Obergeschoss und ein Wellnessbecken im Außenbereich. In der großen Schwimmhalle ermöglichen versenkbare Glasscheiben eine direkte Verbindung zur Liegewiese, wo alter Baumbestand Schatten spendet und ein Kinderspielplatz zum Toben einlädt.

Valleystraße 37

23. Resi-Huber-Platz

1989 eröffnete die von Cosy Pièro künstlerisch gestaltete U-Bahn Haltestelle Brudermühlstraße. Im Sperrengeschoss informiert eine Tafel über den geschichtlichen Hintergrund der einst an der Isar gelegenen Brudermühle: 1289 als „Ekolfzmül“ erstmals urkundlich erwähnt, erhielt sie ihren späteren Namen von den Franziskanerbrüdern des Augustinerklosters, denen die Mühle bis 1577 gehörte. Nach der Nutzung als „Blatternhaus“ zur Behandlung ansteckender Krankheiten wurde das Gebäude 1897 niedergebrannt.

Auf dem Platz über der U-Bahnstation steht seit 1989 der fast zehn Meter hohe, aus schwarzem Granit gefertigte Obelisk von Leo Kornbrust mit eingravierten Sätzen der Künstlerin Felicitas Frischmuth. Die zunächst namenlose Fläche an der Brudermühlstraße, zwischen Implerstraße und Thalkirchner Straße, heißt seit 2012 Resi-HuberPlatz, nach der aus einer Dachauer Arbeiterfamilie stammenden Antifaschistin Resi (Therese) Huber. In der NS-Zeit arbeitete Huber als Zivilangestellte in dem zum KZ Dachau gehörenden Kräutergarten. Hier traf sie auf Häftlinge, die in dem SS-Betrieb unter äußerst harten Bedingungen arbeiten mussten. Unter Lebensgefahr beförderte Huber heimlich Briefe für die Inhaftierten und versorgte sie mit Lebensmitteln. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat sie der KPD bei und wurde nach deren Verbot 1968 Mitglied der DKP. Huber war als Zeitzeugin tätig, setzte sich für NS-Verfolgte ein, hielt die Erinnerung an in der NS-Zeit ermordete Mitglieder der Münchner KPD wach und engagierte sich in Bürgerinitiativen und in der Friedensbewegung. 2019 eröffnete am Resi-Huber-Platz 1 das private Studentenwohnheim Reserl, das den Namen der Platzpatin aufgreift, mit 268 Apartments und drei Wohnungen.

Auf dem Resi-Huber-Platz findet jeden Samstag ein Wochenmarkt statt.

Resi-Huber-Platz 0

24. Gotzinger Platz

Der Gotzinger Platz war ursprünglich als Mittelpunkt eines Wohnquartiers vorgesehen. An dessen Südseite entstand als erstes Gebäude 1905 bis 1907 das von Hans Grässel geplante zweiflügelige Schulhaus: Im höheren, mit einem Turm versehenen Trakt waren eine katholische Volksschule, Kindergarten und Tageshort, der etwas niedrigere Westflügel barg neben der protestantischen Schule die städtische Berufsschule für Schlosser und Schreiner. Im Verbindungsbau lagen Turnsäle und Aula. Der im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte Schulkomplex wurde 1954/1955 wiederhergestellt und von 1994 bis 2000 generalsaniert.

Zum Schuljahr 1969/1970 erfolgte die Aufteilung als Grundund Hauptschule – heute Mittelschule –, Gotzinger Platz 1. 1974 bezog die Maria-Probst-Realschule den Westflügel, Gotzinger Platz 1a. Namenspatin ist die CSU-Politikerin und promovierte Historikerin Maria Probst, Tochter des Zentrumbeziehungsweise BVP-Politikers und ehemaligen deutschen Botschafters in Frankreich, Wilhelm Mayer. Probst gehörte von 1946 bis 1949 dem bayerischen Landtag und von 1949 bis zu ihrem Tod 1967 dem deutschen Bundestag an. Sie setzte sich insbesondere für sozialpolitische Themen, die Gleichberechtigung von Frauen und die Aussöhnung mit Frankreich ein.

An der Westseite des Gotzinger Platzes wurde 1924 bis 1926 der monumentale Neubarockbau der katholischen Kirche St. Korbinian nach Plänen von Hermann Buchert errichtet. 1938 kaufte die Kirchengemeinde der Israelitischen Kultusgemeinde die Orgel ab, die bis dahin in der Münchner Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße gestanden hatte; im Juni 1938 ließ die nationalsozialistische Stadtverwaltung die Hauptsynagoge abreißen. Nach einem Luftangriff im Juli 1944 brannte St. Korbinian fast vollständig aus. Die Ausstattung, einschließlich der Orgel, wurde vernichtet. Der Wiederaufbau der Kirche war 1951 abgeschlossen.

Direkt an St. Korbinian angrenzend und sich hakenförmig entlang der nördlichen Platzseite erstreckend, entstand 1925 bis 1926 die Mietshausgruppe Gotzinger Platz 3/4/5/6 des Vereins für Volkswohnungen.

Die 1910 begonnene Errichtung des Großmarkts führte dazu, dass der Gotzinger Platz in eine städtebauliche Randlage geriet, statt sich – wie ursprünglich geplant – zum zentralen Quartiersplatz zu entwickeln. Im Zuge des geplanten Rückzugs des Großmarkts auf das östliche Betriebsgelände und der Überbauung der freiwerdenden Flächen wird der Gotzinger Platz voraussichtlich an Bedeutung gewinnen.

Gegenüber von St. Korbinian plante der islamische Dachverband DiTiB um 2005 die Errichtung einer Moschee. Das vom Münchner Stadtrat unter Oberbürgermeister Christian Ude mehrheitlich unterstützte Vorhaben wurde in der Öffentlichkeit äußerst kontrovers diskutiert. 2010 gab DiTiB den Moscheebau aus finanziellen Gründen auf. Auf der Freifläche, die derzeit als Parkplatz dient, sollen Wohnungen entstehen.

In der Gotzinger Straße 52/54 ließ der Obstgroßhändler Felix Huber 1910 bis 1911 durch das Bauunternehmen Karl Stöhr den Fruchthof bei der Großmarkthalle errichten. Die multifunktionale Anlage, die sich um drei hintereinanderliegende Höfe gruppiert, entstand als Wohn-, Geschäfts- und Lagerhaus mit Stallgebäude. 1936 kaufte die Stadt München den Komplex zur Erweiterung der Großmarkthalle.

Gotzinger Platz 0

25. Großmarkthalle

Da die in der Innenstadt ansässigen Zentralmärkte, Schrannenhalle und Viktualienmarkt, das bedingt durch den zunehmenden Güterbahnverkehr steigende Aufkommen angelieferter Lebensmittel gegen Ende des 19. Jahrhunderts kaum noch bewältigen konnten, beschloss der Magistrat der Stadtgemeinde München 1903 die Schaffung einer modernen Großmarkthalle. Als Bauplatz bot sich das Gelände der städtischen Getreidehallen und Lagerhäuser an, die 1871 bis 1888 südlich des 1871 eröffneten Südbahnhofs errichtet worden waren. Die Umgebung hielt ausreichend Bauland vor, hinzu kam, dass sich der Südbahnhof zu dieser Zeit zum wichtigen Umschlagplatz für Obst und Gemüse aus Südeuropa entwickelte.

Die Bauplanung der Großmarkthalle wurde dem städtischen Architekten Richard Schachner übertragen. Als erstes Gebäude entstand 1908/1909 direkt an den Bahngleisen die Obstzollhalle. 1910 bis 1912 folgte das Herzstück des Areals: Vier nebeneinanderstehende Hallen, die zum Zweck der effizienten Belieferung unterkellert waren. Jede Halle war 95 Meter lang, 17 Meter breit und 20 Meter hoch und zeichnete sich durch eine spitzbogige Dachform – ermöglicht durch hintereinander gereihte Stahlbetonrahmenbinder – aus; verglaste Giebelseiten und Oberlichtbänder an den Längsseiten sorgten für gute Beleuchtung mit Tageslicht. Der hakenförmige Vorbau mit Postamt, Großmarktgaststätte, Wohnungen und Büros (Kochelseestraße 11/13), ist von 1911/1912.

Seitdem sich München in den 1920er Jahren zum wichtigsten Markt für den deutschen Handel mit Südfrüchten entwickelte, wurde das Großmarktareal ständig erweitert und durch neue Gebäude ergänzt: Auf dem Gelände des ehemaligen städtischen Kohlenhofs entstand der Umschlagbahnhof, hinzu kamen Gärtnermarkt, Sortierhalle und das von Architekt Karl Meitinger geplante Kontorgebäude von 1926/1927, Thalkirchner Straße 81. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Bahngleise, die zum Großmarkt führten und die meisten Gebäude zerstört. Der Wiederaufbau dauerte bis Mitte der 1950er Jahre, wobei die Hallen 2, 3 und 4 ein Flachdach erhielten und nur Halle 1 im ursprünglichen Stil restauriert wurde.

Das zweite Kontorhaus stammt von 1952/1953 und wurde 1958/1959 erweitert; Halle 6 – hier vertreiben vor allem Kartoffel- und Zwiebelhändler ihre Ware – ist von 1961 und die Gärtnerhalle, in der lokale Erzeuger ihre Produkte vermarkten, von 1970.

1986 entschied der Stadtrat, den Großmarkt am traditionellen Standort in Untersendling zu halten, was zu Verbesserungen der Infrastruktur führte, wie zum Beispiel der Errichtung weiterer Umschlaghallen 1987 und 1990, eines neuen Tiefkühllagers 1997 und des im Jahr 2000 errichteten Blumengroßmarkts, Schäftlarnstraße 2.

Die Großmarkthalle wird von den Markthallen München betrieben, einem 2007 durch den Zusammenschluss von Großmarkthalle und Schlachthof gebildeten kommunalen Eigenbetrieb, der dem Kommunalreferat zugeordnet ist und Flächen – darunter Verkaufsstände, Hallen, Keller, Lager, Parkplätze – an Händler vermietet. Insgesamt sind auf dem Gelände im Jahr 2019 rund 270 Import- und Großhandelsfirmen tätig sowie 65 Gartenbau-Erzeugerbetriebe, 45 Blumenhändler und 15 Großhandelsfirmen sonstiger Branchen, die Waren innerhalb Deutschlands und in das gesamte europäische Ausland vermitteln. Waren, die sich nicht für den gewerblichen Weiterverkauf eigneten, wurden früher in der Sortieranlage, Thalkirchner Straße 126/ Oberländerstraße 1, ausgesondert und an bedürftige Bürgerinnen und Bürger günstig abgegeben. Heute setzt der 1994 gegründete Verein Münchner Tafel e.V., der auf dem Betriebsgelände seinen Sitz hat und zwei Verteilstationen unterhält, diese Tradition fort. In der einstigen Sortieranlage sind heute verschiedene Läden und Restaurants.

Die Markthallen München bieten regelmäßig Führungen an, die interessierten Bürgerinnen und Bürgern Einblicke in das geschäftige Innenleben und Blicke auf die Architektur der öffentlich nicht zugänglichen Anlage geben.

Zur Großmarkhalle gehören derzeit insgesamt rund 31 Hektar mit rund neun Hektar überbautem Raum. Zu den größten Veränderungen seit der Gründung der Großmarkthalle vor mehr als hundert Jahren zählt die Form der Anlieferung und des Weitertransports: Während Waren früher mit der Eisenbahn nach München gelangten, haben diese Aufgabe inzwischen Lastkraftwagen übernommen. Diese Entwicklung führte dazu, dass die für den Güterverkehr vorgehaltenen Gleise überflüssig wurden und durch deren Rückbau Flächen für neue bauliche Anlagen frei wurden. 2010 beschloss der Stadtrat den Rückzug der Großmarkthalle auf das östliche Betriebsgelände durch Zusammenführung sämtlicher Handelsunternehmen in einer großen modernen Halle. 2019 stimmte der Stadtrat für die Verlegung der Großmarkthalle an die Schäftlarnstraße – gegenüber dem Heizkraftwerk Süd. Freiwerdende Flächen und die denkmalgeschützten Gebäude stünden dann zur Bebauung beziehungsweise zur Nachnutzung zur Verfügung. Die Planungen sind – Stand Frühjahr 2019 – noch nicht abgeschlossen.


26. Kyreinstraße 3

Das Haus Kyreinstraße 3 gehörte ab 1931 den Geschwistern Bella Weil (1879–1975) und Martin Sundheimer (1881– 1979). Da sie seit 1933 als Juden verfolgt wurden, emigrierten sie 1938 beziehungsweise 1937 zunächst in die Schweiz und später in die USA. Ihr Sendlinger Mietshaus wollten sie im Juli 1939 an das Metzgerehepaar Ball verkaufen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die NS-Behörden das Gebäude Kyreinstraße 3 bereits als Unterkunft für Juden vorgesehen, die zuvor aufgrund gezielter Diskriminierungen gegen jüdische Mieter aus ihren bisherigen Wohnungen verdrängt worden waren. Solche „Judenhäuser“ gab es ab 1939 im gesamten Stadtgebiet (siehe auch Jakob-Klar-Straße 7 in KGP 04 und Frundsbergstraße 8 in KGP 09). Die NS-Stadtverwaltung genehmigte den Verkauf der Kyreinstraße 3 erst Ende August 1940, nachdem die neuen Eigentümer zugestimmt hatten, Wohnungen nur an Juden zu vermieten. Der Verkaufserlös ging an ein Sperrkonto, das dem Zugriff der im Ausland ansässigen Verkäufer, Bella Weil und Martin Sundheimer, entzogen war.

Etliche Juden, die zeitweise in den zumeist überbelegten Wohnungen in der Kyreinstraße 3 leben mussten, wurden – oft nach weiteren Adresswechseln – in nationalsozialistische Konzentrationslager deportiert und kamen dort ums Leben. Auf Privatgrund vor dem Haus Kyreinstraße 3 erinnern Stolpersteine an zwölf Personen, die hier gelebt haben: Drei sind jüdischen Mietern gewidmet, die bereits in den 1920er Jahre eingezogen waren. So bewohnte Kaufmann David Mayer, geboren 1873, mit Ehefrau Natalie, geboren 1878, schon seit 1924 eine Vierzimmerwohnung im 2. Obergeschoss. Um etwas hinzuzuverdienen, bot Natalie Mayer seit 1929 Zimmer zur Untermiete an. 1927 hatte das Ehepaar zudem Natalies vier Jahre ältere Schwester, die verwitwete Ziegeleibesitzergattin Julia Früh, bei sich aufgenommen. Alle drei mussten die Wohnung am 5. Januar 1942 verlassen und in das Internierungslager in der Clemens-AugustStraße 9 (hierzu KGP 14) ziehen. Sie wurden am 16. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt verschleppt und im Vernichtungslager Treblinka getötet. Am 4. Juli 1940 mussten die Familien Berger und Reiss zusammen eine Wohnung im Erdgeschoss der Kyreinstraße 3 beziehen. Kaufmann Simon Berger, geboren 1896, dessen Frau Betty, geboren 1893 und die Töchter Esther, geboren 1929 und Hanna, geboren 1930, lebten in sehr beengten Verhältnissen mit der Familie des Viehhändlers Richard Reiss, geboren 1890, dessen Frau Irma, geboren 1892 und deren jüngstem Sohn Wolfgang, geboren 1932. Familie Berger wurde am 1. November 1941 in das Übergangswohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde in die Wagnerstraße 3 verlegt, Familie Reiss am 28. Oktober 1941 in das Internierungslager in der ClemensAugust-Straße 9. Sie alle wurden am 20. November 1941 nach Kaunas verschleppt und fünf Tage später dort ermordet. Auch der Vertreter Wilhelm Mamma, geboren 1902, der ab 1. August 1938 in der Kyreinstraße 3, ab 22. Juli 1941 im Internierungslager in der Clemens-August-Straße 9 gemeldet war, wurde nach Kaunas deportiert und dort am 25. November 1941 erschossen. Die Witwe Eugenie Isaac, geboren 1867, wohnte ab 1. April 1938 im Erdgeschoss Kyreinstraße 3, ab 2. Dezember 1940 in der Herzog-Wilhelm-Straße 5 und ab 18. Mai 1942 im Barackenlager Knorrstraße 148 (siehe KGP 11); von dort wurde sie am 24. Juni 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und dort am 29. Januar 1943 ermordet.

Neben den auf Stolpersteinen Genannten sind die Namen folgender weiterer ehemaliger jüdischer Bewohner des Hauses bekannt, die im Holocaust umgebracht wurden: So waren die kinderlosen Eheleute Martha Babette und Alfred Holzer, beide Jahrgang 1907, ab 15. Dezember 1938 als Untermieter David Mayers in der Kyreinstraße 3 gemeldet; ab 9. Februar 1939 lebten Holzers zur Untermiete in der Trogerstraße 44. Nach vorangegangenen mehrfachen Wohnungswechseln war die Kyreinstraße 3 ab 30. Juni 1941 die letzte Münchner Adresse von Magdalena und Bernhard Goldschmidt. Die Ehepaare Holzer und Goldschmidt wurden am 20. November 1941 nach Kaunas deportiert und dort am 25. November 1941 ermordet. Die Töchter der Goldschmidts – Annemarie, geboren 1922 und Elfriede, geboren 1923 – waren im Frühjahr 1939 in die Niederlande emigriert. Da beide katholisch getauft waren, lebten sie seit Ende 1939 im Kloster Koningsbosch. Die Schwestern wurden am 2. August 1942 zusammen mit weiteren Juden, die zum Katholizismus konvertiert waren – darunter die 1998 heiliggesprochene Edith Stein und deren Schwester Rosa Stein –, in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort wenig später umgebracht.

Ab 23. Juli 1941 lebte die ledige Kleinrentnerin Ida Kaufmann, geboren 1871, in der Kyreinstraße 3, ab 5. Januar 1942 war sie im Barackenlager Knorrstraße gemeldet. Von dort wurde die 71-Jährige am 1. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt verschleppt und im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Auch die 1870 geborene Rebekka Subiski wohnte zeitweise – vom 23. April 1940 bis zum Umzug in die Bürkleinstraße 16 am 18. Juni 1941 – in der Kyreinstraße 3. Sie wurde am 24. Juni 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Auch im Nachbarhaus, Kyreinstraße 1, wohnten Juden: Am 21. November 1933 bezogen Willi Einstein (1880–1936) mit seiner fünf Jahre jüngeren Frau Elisabeth, deren verwitweter Mutter Hedwig Gern (1862–1936) und den Kindern Fritz, geboren 1910 und Margarete, geboren 1921, dort eine Erdgeschosswohnung. Elisabeth, Fritz, Margarete und ihr am 28. Juni 1939 geborener Sohn Ruben mussten am 30. August 1940 in die Goethestraße 66 umziehen. Die Erwachsenen wurden am 20. November 1941 nach Kaunas verschleppt und dort am 25. November 1941 erschossen; Margaretes kleiner Sohn kam ins Kinderheim der Israelitischen Kultusgemeinde, Antonienstraße 7 (Stadtbezirk 12) und wurde im März 1943 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Laut einer Notiz des Regierungspräsidenten vom 27. Juni 1939 gehörte das Haus Kyreinstraße 12 dem „jüdischen Eigentümer Dr. Arnold Erlenbach“ und war „zur Belegung mit Juden“ vorgesehen. Als „Judenhaus“ im Sinne einer gezielten Zusammenführung von jüdischen Mietern wurde es aber offenbar nicht genutzt. Dennoch sind auch mit dieser Adresse jüdische Schicksale verbunden: So wohnte Anton Reitlinger, geboren 1905, seit Dezember 1935, unterbrochen von Aufenthalten in Berlin und Hamburg, bei seinem jüngeren Bruder Alfred in der Kyreinstraße 12. Um als Jude der drohenden Deportation zu entgehen, meldete sich Anton Reitlinger am 29. September 1941 aus München ab, tauchte unter und versteckte sich auf Bauernhöfen in Bayern. Er wurde Anfang Oktober 1944 in Kraiburg am Inn festgenommen, zunächst nach München und am 23. November 1944 in das KZ Dachau überstellt und dort am 2. Februar 1945 ermordet. Sein Bruder Alfred Reitlinger überlebte die NS-Zeit: Er war 1933 zum Katholizismus konvertiert und mit einer Nicht-Jüdin verheiratet. Ab August 1945 arbeitete er – seit Dezember 1946 im Rang eines Ministerialdirigenten – als Personalreferent im Bayerischen Landwirtschaftsministerium. Von 1955 bis 1958 war Alfred Reitlinger Präsident des Fußballvereins FC Bayern München, dem er und sein Bruder in den 1920er Jahren beigetreten waren. Das Schicksal des Hausbesitzers Arnold Erlenbach ist unbekannt.

Kyreinstraße 3

27. Schule an der Implerstraße

Angesichts der voranschreitenden Bebauung des Sendlinger Unterfelds mit Mietshäusern reichte die 1906 eröffnete Schule am Gotzinger Platz bald nicht mehr aus, um die zuziehenden Schüler zu unterrichten. Eine neue Schule wurde benötigt. Als die Schule in der Implerstraße 35 1911 eröffnete, waren 1.745 Schülerinnen und Schüler angemeldet. Das von Hans Grässel geplante Schulhaus war mit Werkräumen, Naturkundesälen, Turnhallen und Duschen ausgestattet und diente der praktischen Berufsvorbereitung. Während des Ersten Weltkriegs wurde das Schulgebäude als Lazarett genutzt, im April 1919 war es von Revolutionstruppen der Münchner Räterepublik besetzt. Der Schulbetrieb in der Implerschule konnte nach langwierigen Instandsetzungsarbeiten erst Ende April 1920 wiederaufgenommen werden.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Schulbetrieb nach Bombentreffern im September 1943 in die Schule am Gotzinger Platz verlegt. Der Wiederaufbau der Implerschule dauerte bis Ende der 1950er Jahre. 1969 erfolgte die Aufteilung in Grund- und Hauptschule, seit 2011 Grund- und Mittelschule.

Implerstraße 35

28. Schriftenlager der Zeugen Jehovas

Im Frühjahr 1937 entdeckte die Gestapo in einem Lagerraum in der Implerstraße 18 ein illegales Depot mit rund 160 Zentnern Schriftgut. Das Lager gehörte den Zeugen Jehovas – einer christlichen Gruppierung, die in Bayern seit dem 13. April 1933 verboten war.

Deren Mutterorganisation war die in den 1870er Jahren von Charles Taze Russell in den USA gegründete Watchtower Bible and Tract Society. Die missionarisch agierende Religionsgruppe warb in Deutschland zunächst unter dem Namen Internationale Bibelforscher-Vereinigung, ab 1931 Zeugen Jehovas, um Anhänger. Bis 1933 schlossen sich deutschlandweit rund 25.000 Mitglieder an, davon rund 500 in München. Trotz ihrer relativ geringen Zahl waren die Zeugen Jehovas in der NS-Zeit rigiden Verfolgungen und Strafen – einschließlich KZ-Haft und Todesurteilen – ausgesetzt, weil sie sich aus Glaubensgründen dem umfassenden Führungsanspruch des Nationalsozialismus widersetzten: Sie verweigerten beispielsweise den Hitlergruß, das Hissen der Hakenkreuz-Fahne, die Einberufung zu Wehr- und Kriegsdienst und die Arbeit in Rüstungsbetrieben. Die gut vernetzten Zeugen Jehovas prangerten bis 1937 in mehreren reichsweit durchgeführten Flugblattaktionen in einem „Offenen Brief“ und der Resolution von Luzern, verabschiedet im September 1936, ihre Verfolgung durch das NS-Regime an. Obwohl die Zeugen Jehovas in erster Linie das Recht zur Praktizierung ihres Glaubens durchsetzen wollten und nicht zwingend einen politischen Umsturz anstrebten, werteten die Nationalsozialisten die konsequenten Proteste als Angriffe auf die Grundfesten des NS-Staats und verfolgten diese unnachgiebig.

Die Zeugen Jehovas betrachteten Jehova-Gott als höchste Autorität; die Auslegung von Gottes Wort erfolgte durch strenges Bibelstudium und wurde über eigene Publikationen, besonders die Zeitschrift „Der Wachtturm“, verbreitet. Um Schriften zu sammeln und weiterzuleiten legten sie Depots an. In der Sendlinger Lindwurmstraße 195 fand die Gestapo am 9. Januar 1936 bei der Durchsuchung der Wohnung von Otto Mutschler und Wilhelm Jung zahlreiche Druckschriften. Das Sondergericht München verurteilte Mutschler im Juli 1936 zu einem Jahr und neun Monaten und Jung zu zehn Monaten Haft. Das Schriftenlager in der Implerstraße 18 war das größte seiner Art in München. Johann Kölbl, damals Leiter der Münchner Gemeinde, hatte es 1933 eingerichtet; seit Anfang 1936 war Franz Korn, der mit seiner Frau Maria in der Valleystraße 49 wohnte, zuständig. Korn leitete die aus mehreren Zellen (kleinen Bibelkreisen) bestehende Untergruppe Sendling und beteiligte sich an den Flugblattaktionen vom 12. Dezember 1936 und 11. Februar 1937, bei denen die Resolution von Luzern tausendfach verteilt wurde. Franz und Maria Korn wurden im Februar 1937 festgenommen; Franz Korn wurde zu einem Jahr und neun Monaten, Maria Korn zu fünf Monaten Haft verurteilt.

Bereits im April 1936 verhaftete die Gestapo Otto Lehmann, Bezirksleiter für ganz Bayern und Gruppenleiter in München sowie dessen Frau Maria, die in der Kyreinstraße 5 lebten. Maria Lehmann wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung der Haftstrafe in Stadelheim wurde sie nicht entlassen, sondern Ende 1937 ins KZ Moringen, im Februar 1938 ins KZ Lichtenburg, anschließend ins KZ Ravensbrück und schließlich am 2. Juli 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht, wo sie bis zur Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 inhaftiert war.

Insgesamt mussten sich etwa 20 Zeugen Jehovas aus Sendling vor dem Sondergericht München verantworten. Nach den großen Verhaftungsaktionen der Jahre 1936 und 1937 und der Auflösung des Schriftenlagers war die Sendlinger Gruppe zerschlagen.

Implerstraße 18

29. St. Achaz

Eine Kirche ist in Mittersendling seit 1315 urkundlich belegt. St. Achaz, benannt nach dem Heiligen Achatius von Armenien, bildete das Zentrum des alten Dorfs und gehörte zusammen mit St. Margaret in Untersendling und St. Maria in Thalkirchen zur alten Pfarrei Sendling. Aufgrund seiner günstigen Lage zwischen den einstigen Dörfern war Mittersendling bis ins frühe 20. Jahrhundert auch der Sitz des Pfarrers, der zur Pfarrei Sendling gehörenden Kirchen. 1941 wurde die Kuratie St. Achaz zur Pfarrei erhoben.

1732 bis 1733 entstand in Mittersendling eine von Baumeister Johann Georg Ettenhofer geplante Barockkirche. Rund zweihundert Jahre später war diese angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums infolge der Industria - lisierung zu klein. Mit der Erhebung zur eigenständigen Pfarrei St. Achaz wurde die Dorfkirche 1927/1928 durch den neubarocken Sakralbau, der heute in der Fallstraße 7 steht, ersetzt. Architekt Richard Steidle gelang es, die gebotene Vergrößerung optisch kaum sichtbar werden zu lassen, indem er sich bei der äußeren Gestaltung am Vorgängerbau orientierte; im Innern vergrößerte er das Platzangebot von ursprünglich 50 auf 400 Sitzplätze. Zu den Verlusten des Abbruchs zählen die Gewölbefresken – sie stammten vermutlich von Cosmas Damian Asam –, die durch ein bemaltes hölzernes Deckengewölbe ersetzt wurden. Im Eingangsbereich befindet sich eine Gedenktafel mit den Namen der im Zweiten Weltkrieg Gefallenen und Vermissten der einstigen Stadtpfarrei St. Achaz. Heute bilden St. Achaz und die Kirchengemeinde Thomas Morus (Stadtbezirk 07) den Pfarrverband Mittersendling.

Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich das dörfliche Umfeld der Kirche: Bauernhöfe wurden durch Mietshäuser und Villen ersetzt. Geschlossene Mietshausbebauung erfolgte ab 1900 zwischen der heutigen Fallstraße (vormals Plinganserstraße) sowie den neuangelegten Straßenzügen Schöttl-, Leipartstraße und Georg-HallmeierStraße. Die ländliche Villa in der Fallstraße 11a entstand 1891 im Auftrag der Bauernfamilie Kalteis, die auch das beliebte Ausflugslokal Neuhofen führte. Seit 1939 wird die Kalteis-Villa als Pfarrhaus genutzt.

 

Fallstraße 11

30. Zigarettenfabrik Mittersendling

Der Serbe Georg Zuban (1847–1909) gründete 1882 die G. Zuban Zigarettenfabrik am Münchner Karlsplatz. 1910 zog das erfolgreiche Unternehmen in die Nähe der Bahnstation Mittersendling. Ab 1912 durfte G. Zuban den Titel Königlich Bayerische Hof-Cigarettenfabrik führen. Die Produktionsanlagen in der Plinganserstraße 130, heute Fallstraße, wurden durch Anbauten mehrmals erweitert. 1922/1923 kaufte der aus Thessaloniki – die Stadt gehörte damals zum Osmanischen Reich – stammende Tabakunternehmer Kiazim Emin die G. Zuban Zigarettenfabrik; 1928 ging die Firma an den in Köln ansässigen Zigarettenhersteller Haus Neuerburg. Die Betriebsleitung unterstützte die Familien- und Beschäftigungspolitik des NS-Staats, indem sie im August 1933 weiblichen Angestellten, die durch Eheschließung bis spätestens 31. Dezember 1933 ihren Arbeitsplatz aufgaben und auch künftig auf Erwerbsarbeit zugunsten des „Hausfrauenberufs“ verzichteten, eine „Ehestandsbeihilfe“ von 600 Mark versprach. Die etwa 100 freigewordenen Stellen waren laut Pressemeldungen mit arbeitslosen Mitgliedern von SA, SS, Stahlhelm oder NSDAP zu besetzen, die auf diese Weise zu „Familienernährern“ würden. 1935 übernahm die Hamburger Firma Reemtsma Cigarettenfabriken ihren Hauptkonkurrenten Haus Neuerburg und dominierte seither die Zigarettenindustrie in Deutschland. Der Reemtsma-Konzern gilt als Profiteur und Unterstützer des NS-Regimes: Die Betriebsleitung unterhielt enge Beziehungen zu hochrangigen Vertretern der NSDAP, unterstützte verschiedene NS-Organisationen und beutete während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter aus. Auch auf dem Betriebsgelände an der Plinganserstraße gab es ein Zwangsarbeiterlager: Ab Januar 1942 waren hier 26 Polinnen, ab August 1944 zusätzlich drei Franzosen, interniert.

1975 verkaufte Reemtsma die Zigarettenfabrik an Philip Morris. Das USamerikanische Unternehmen errichtete neue Fertigungsanlagen und blieb 33 Jahre in Mittersendling. Mit dem Abzug von Philip Morris endete eine fast 100-jährige Epoche, in der zuletzt täglich mehrere Millionen Zigaretten für den in- und ausländischen Markt produziert wurden.

Auf dem Gelände der ehemaligen Zigarettenfabrik entstand ab 2011 die WerkStadt Sendling: ein kombiniertes Gewerbeund Wohngebiet. Die aus den 1960er und 1970er Jahren stammenden ehemaligen Industrieanlagen, Flößergasse 2, 4, 4a und 6, wurden modernisiert und an Unternehmen verschiedener Branchen vermietet. Ein Kunstwerk des Urban-Art-Duos Low Bros ziert seit 2014 eine Fassade. Gegenüber, auf der Ostseite des ehemaligen Werksgeländes, wurden zwischen Zech-, Fall- und Heißstraße rund 160 Wohnungen errichtet.

Fallstraße 0

31. Neuhofener Berg

Östlich der Plinganserstraße, zwischen Brudermühlstraße und Greinerbergweg, erstreckt sich die mit Spazierwegen, Liegewiesen, Spielplätzen und Rodelhügeln ausgestattete städtische Grünanlage Neuhofener Berg. Der in den 1950er Jahren angelegte Park wurde durch die Aufschüttung von rund zwei Millionen Kubikmetern Trümmerschutt aus dem Zweiten Weltkrieg geformt. Zuvor waren die Reste kriegszerstörter Gebäude mit der Dampfkleinbahn („Bockerlbahn“) und Lastwagen von der Innenstadt und der näheren Umgebung nach Neuhofen transportiert und unterhalb der Isarhangkante aufgehäuft worden. Auf der höchsten Erhebung, dem Neuhofener Berg, ließ die Landeshauptstadt München 1956/1958 eine Gedenkstätte für die Opfer des Luftkriegs anlegen. Diese besteht aus dem von Josef Wiedemann geschaffenen achtsäuligen Rundpavillon über einer von Hans Wimmer gestalteten Brunnenschale mit kleinem Springbrunnen und einer Bodenplatte aus Metall von Blasius Gerg und Josef Wiedemann.

Von der Hangkante aus ergeben sich interessante Perspektiven auf die Silhouette Münchens. Seit 2013 lässt sich die Aussicht auch vom barrierefreien Baumhaus am AloisLippl-Weg genießen. Das Baumhaus, das auch mit Rollstuhl zugänglich ist, entstand auf eine Anregung und mit einer Spende der US-amerikanischen Partnerstadt Cincinnati, wurde von Studierenden der Fachhochschule Rosenheim entworfen und durch das Baureferat der Landeshauptstadt München realisiert.

Der Neuhofener Berg ist neben dem Luitpoldhügel und dem Olympiaberg eine von drei aus Trümmern gestalteten, künstlichen Erhebungen in München. 1958, im Jahr der Eröffnung der Parkanlage waren die Bäume noch klein und es bot sich ein unverstellter Blick auf die Stadt.

Plinganserstraße 0

32. Alter Israelitischer Friedhof

Eine jüdische Gemeinde gab es in München bereits im 13. Jahrhundert. Deren Bestehen endete mit der 1442 von Herzog Albert III. angeordneten Vertreibung der Juden aus Bayern und München. Erst unter Kurfürst Karl Theodor, der von 1777 bis 1799 regierte, wurde der Zuzug von Juden nach München toleriert. 1813 gestattete das Edikt über „die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreiche Baiern“ unter anderem die Bildung von Kultusgemeinden, die in München mit der Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) 1815 vollzogen wurde. Die IKG kaufte 1816 ein damals weit außerhalb der Stadt gelegenes Grundstück, um dort einen Israelitischen Friedhof anzulegen. Dies war überfällig, denn aus Ermangelung eines eigenen Friedhofs – die mittelalterliche Begräbnisstätte war längst zerstört – mussten sich jüdische Münchner bis dahin auf dem jüdischen Friedhof in Kriegshaber bei Augsburg bestatten lassen.

Die Zahl der in München registrierten Juden stieg zwischen 1798 und 1818 von 191 auf 479. Nachdem Zuzugsbeschränkungen 1861 aufgehoben und 1867/1871 den Juden alle bürgerlichen und politischen Rechte verliehen worden waren, lebten 1880 4.144 Juden in München, 1910 waren es 11.083. Um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, wurde der Israelitische Friedhof 1854, 1871 und 1881 erweitert. Seit Eröffnung des wesentlich größeren Neuen Israelitischen Friedhofs in der Garchinger Straße 37 (Stadtbezirk 12) 1908 werden auf dem Alten Israelitischen Friedhof Beisetzungen nur durchgeführt, wenn dort bereits ein Familiengrab vorhanden ist.

Der Alte Israelitische Friedhof umfasst 2,27 Hektar und birgt rund 6.000 Grabstellen, die in östliche Richtung ausgerichtet und von einer 2,5 Meter hohen Ziegelmauer umgeben sind. Die 1882 geschaffene Leichenhalle ersetzte den Vorgängerbau von 1816. Wie bei jüdischen Friedhöfen üblich werden die Gräber nicht aufgelassen, sondern für die Ewigkeit angelegt.

In der NS-Zeit war der Fortbestand des Friedhofs gefährdet. Der geplante Zwangsverkauf und die Überbauung des Areals scheiterten zwar, aber etliche Gräber wurden zerstört, Inschriften abgenommen, Grabsteine verkauft und für christliche Gräber oder zum Bau von Brunnen und Garteneinfassungen verwendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die neugegründete IKG den Friedhof zurück, doch beteiligte sich die Stadt nur in geringem Umfang an den erheblichen Restaurierungskosten. Heute erinnern auch die Gräber an den Beitrag, den jüdische Münchner zur kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklung geleistet haben; aber auch an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürgerinnen und Bürger in der Zeit des Nationalsozialismus.

So findet sich hier das von Leo von Klenze geschaffene Grabmal für den aus Berlin stammenden, wohlhabenden Schriftsteller Michael Beer (1800–1830). Als dessen bekanntestes Werk gilt das Drama „Der Paria“ von 1826, das den Kampf des jüdischen Helden gegen staatliche Diskriminierung und Benachteiligung thematisiert. Beers Drama „Struensee“, zu dem sein älterer Bruder, der Komponist Giacomo Meyerbeer, die Musik schrieb, wurde am 27. März 1828 in München uraufgeführt.

Auch der Unternehmer, Bankier und Politiker Moritz Guggenheimer (1825–1902) ist auf dem jüdischen Friedhof an der Thalkirchner Straße beigesetzt. 1869 war Guggenheimer zu einem der Gemeindebevollmächtigten der Stadt München – der Vorgängerinstitution des Münchner Stadtrats – gewählt worden; als erster jüdischer Bürger Münchens war er von 1870 bis 1879 deren Vorsitzender. In seiner Amtszeit wurden wichtige kommunale Infrastrukturprojekte wie die Errichtung des Schlacht- und Viehhofs, des Wasserwerks und der Ausbau der Kanalisation auf den Weg gebracht. Antisemitische Angriffe veranlassten Guggenheimer 1881 zum Rückzug aus der Politik.

Auch in der NS-Zeit fanden auf dem Alten Israelitischen Friedhof Beisetzungen statt: So wurden hier als Juden Verfolgte bestattet, die im Konzentrationslager Dachau umgekommen waren, wie die Rechtsanwälte Bernhard Haas, geboren 1871, Gustav Böhm, geboren 1880 und Karl Feust, geboren 1887. Sie alle waren kurz nach ihrer Überstellung ins KZ Dachau im November 1938 ermordet worden. An die jüdischen Bürger Münchens, die zwischen 1933 und 1945 in nationalsozialistischen Konzentrationslagern gestorben sind, erinnert seit 2008 ein Denkmal nahe der Aussegnungshalle.

Der Alte Israelitische Friedhof ist öffentlich nicht zugänglich, kann aber im Rahmen von Führungen der Münchner Volkshochschule besichtigt werden.

Thalkirchner Straße 240

33. Rosa Abeles

Rosa Abeles kam am 8. Oktober 1893 in Schüchtern, Kreis Kassel, als Tochter des jüdischen Pferdehändlers David Katz und seiner aus München stammenden Frau Berta, geborene Heinemann, zur Welt. In Schüchtern heiratete sie 1921 den Münchner Kaufmann Friedrich Abeles, geboren 1892 und wurde damit Teil der verzweigten jüdischen Familie Abeles. Nach der Hochzeit lebte das Ehepaar in München, wo am 23. März 1922 Sohn Oskar geboren wurde. Anfang Januar 1924 zogen sie zu Rosas Schwiegereltern Max und Dorothea Abeles in die Bruderhofstraße 28. Max Abeles hatte die Zigaretten- & Tabakfabrik Abeles GmbH (Lindwurmstraße 125/127, Stadtbezirk 02) gegründet, die seit 1927 von seinen Söhnen Ernst, Eugen und Otto geführt wurde. Nach der Zerstörung der Hauptsynagoge im Juni 1938 kamen Teile der Verwaltung der jüdischen Gemeinde in der Lindwurmstraße 125 unter.

Im Erdgeschoss der Bruderhofstraße 28 wohnten damals auch Rosas Schwager Ernst Abeles mit seiner Frau Hilda und der am 7. Februar 1924 geborenen Tochter Lieselotte; im Juni 1928 zogen sie in die Geroltstraße 37; über ihr Schicksal informiert KGP 08.

Am 1. Januar 1927 kam Rosas und Friedrichs zweiter Sohn Walter Abeles zur Welt; wenig später zog die Familie von der Bruderhofstraße in die nahegelegene Urbanstraße 4. Im selben Jahr meldete Friedrich Abeles beim Gewerbeamt einen Klein- und Großhandel in Tabakwaren an und eröffnete in der Münchner Innenstadt, Theatinerstraße 52, ein Tabakwarengeschäft; später folgten Filialen in der Dachauer Straße 5 und in der Schillerstraße 36. Die Geschäfte liefen gut: 1936 erzielte der Betrieb in der Theatinerstraße einen Jahresumsatz von mehr als 100.000 Mark. Bei den Pogromen vom 9./10. November 1938 zerstörten Nationalsozialisten die Läden; Friedrich Abeles musste sie noch 1938 abmelden.

Am 19. März 1935 beging Rosa Abeles Suizid, indem sie sich in der Urbanstraße 4 aus dem Fenster der im dritten Stock gelegenen Wohnung stürzte. Ob die damals 41-Jährige diesen Schritt aufgrund der gegen Juden gerichteten Diskriminierungen und Einschränkungen oder aus privaten Gründen tat, ist nicht bekannt. Die Behörden handelten den Vorfall mit dem Vermerk „geistige Depression“ ab. Rosa Abeles wurde in einem Einzelgrab im Neuen Israelitischen Friedhof beigesetzt.

Der verwitwete Friedrich Abeles zog mit seinen Söhnen im Juli 1935 wieder bei seinen Eltern ein, die innerhalb Sendlings umgezogen waren und seit 1932 in der Lindenschmitstraße 49 wohnten. Von dort mussten Max, Dorothea, Friedrich, Oskar und Walter Abeles am 3. Juli 1940 in die Leopoldstraße 52a (Stadtbezirk 12) umziehen – auch dies war ein Haus, in dem viele Münchner Juden auf engstem Raum für einige Zeit zwangsweise leben mussten; die meisten von ihnen wurden in nationalsozialistische Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet. Friedrich Abeles bemühte sich seit 1939, mit seinen Söhnen Oskar und Walter Abeles in die USA zu emigrieren. Dies scheiterte; alle drei wurden am 20. November 1941 nach Kaunas deportiert und hier erschossen. In Kaunas starb auch Friedrichs Bruder Ernst Abeles mit seiner Familie; außerdem sein geschiedener Bruder Eugen Abeles. Friedrichs Eltern, Dorothea und Max Abeles, kamen am 17. Juni 1942 nach Theresienstadt und wurden im Vernichtungslager Treblinka umgebracht.

Urbanstraße 4

34. Sigi-Sommer-Platz

Der Sigi-Sommer-Platz wurde 2009 nach dem Schriftsteller und Journalisten Sigi Sommer (eigentlich Siegfried, 1914 –1996) benannt. Sommer wuchs als Sohn eines Möbelrestaurators in der Bruderhofstraße 43 auf, besuchte die Schule am Gotzinger Platz, machte eine Lehre als Elektrotechniker und begann parallel dazu mit dem literarischen Schreiben. Nach fünf Jahren als Soldat im Zweiten Weltkrieg kehrte Sommer nach München zurück und arbeitete ab November 1945 für die Süddeutsche Zeitung. Besondere Bekanntheit erlangte er durch seine beliebte Freitagskolumne „Blasius, der Spaziergänger“, die von 1949 bis 1987 in der Abendzeitung erschien. In zahlreichen Glossen und Kurzgeschichten griff Sommer auf Erinnerungen an das Aufwachsen in Sendling zurück. Zu den Lieblingsorten seiner Kindheit gehörte der Flaucher: Ein riesiger Abenteuerspielplatz, der genug Platz für Cowboy- und Indianerspiele bot – immerhin hatten Vater Fred und Onkel Hermann Sommer 1913 den Cowboy Club München e.V. gegründet. Auch Sommers Romane „Und keiner weint mir nach“ (1953) und „Meine 99 Bräute“ (1956), die beide verfilmt wurden, sind von Erfahrungen in der Münchner Arbeitervorstadt geprägt.

In der Münchner Innenstadt erinnert seit 1998 vor dem Gebäude Rosenstraße 8 – nahe den ursprünglichen Standorten von Süddeutscher Zeitung und der Abendzeitung in der Sendlinger Straße – die lebensgroße Statue „Der Spaziergänger“ des Bildhauers Max Wagner an den leidenschaftlichen München-Beobachter Sigi Sommer. 

Sigi-Sommer-Platz 0

35. Flaucheranlagen

Der sich zwischen Großem Stadtbach und Isar erstreckende Landschaftspark – der sogenannte Flaucher – entstand ab 1839 und ist die älteste städtische Grünanlage im Süden Münchens. Nördlich der Brudermühlbrücke würdigt das 1861 von Max von Widnmann geschaffene Denkmal den Gründer des Parks: Jakob von Bauer (1787– 1854) war von 1838 bis 1854 Erster Bürgermeister der Stadtgemeinde München. Etwa hundert Meter nördlich des Denkmals befindet sich die unter Naturschutz stehende Stieleiche, die am 15. Mai 1871 nach dem Ende des deutsch-französischen Kriegs als „Reichs- und Friedenseiche“ gepflanzt wurde. Der Ausbau der Brudermühlstraße zum Mittleren Ring, der in mehreren Stufen zwischen 1952 und 1988 erfolgte, trennte den nördlichen Teil des Parks vom südlichen Hauptteil. Ein unterhalb der Brudermühlbrücke verlaufender Fuß- und Radwegtunnel verbindet beide Teile der Flaucheranlagen.

1846 errichtete die Stadt auf der bauchigen Flaucherinsel eine heute noch bestehende Baumschule. Gastwirt Johann Flaucher pachtete 1869 ein ursprünglich zur Baumschule gehörendes Gebäude: Damit begann die Erfolgsgeschichte des beliebten Ausflugslokals mit Biergarten „Zum Flaucher“, Isarauen 8, dessen Name sich auf die gesamte Parkanlage übertrug.

Nördlich des Gasthauses eröffnete 1875 in einem der ehemaligen Ablasskanäle ein städtisches Freibad, das ab 1877 als Frauenbad, ab 1926 als Familienbad genutzt wurde. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg entstand in den 1950er Jahren anstelle des Bades ein Kinderspielplatz.

Seit jeher wird am Flaucher direkt in der Isar gebadet. Da das Wasser des Flusses zeitweise mit Keimen belastet war, wurde das Baden für einige Jahre behördlich verboten. Durch Wasserdesinfektionsanlagen wurde die Wasserqualität verbessert und der Fluss 2006 für den Badebetrieb freigegeben. An der 2011 renaturierten Isar gibt es viele schöne Badestellen. Besonders beliebt ist am Flaucher auch das Grillen; es ist im Bereich der Kiesbänke erlaubt.

Die Flaucheranlagen gehören zu den besonders intensiv genutzten Grünflächen der Stadt; sie sind seit 1964 Landschaftsschutzgebiet, seit 2004 Teil des europäischen Schutzgebiets Fauna-Flora-Habitat Oberes Isartal. Um die historische Grünanlage, die zum kulturellen Erbe und zur Identität der Stadt gehört, nachhaltig zu schützen und weiterzuentwickeln, wurde unter der Leitung des Baureferats der Landeshauptstadt München ein Parkpflegewerk erarbeitet, das die Belange von Denkmal- und Naturschutz mit dem Freizeit- und Erholungsbedürfnis der Bürgerinnen und Bürger in Einklang bringt. Besucherinnen und Besucher der Isarauen können sich über die umweltverträgliche Nutzung des beliebten Stadtflusses auf dem geobasierten Webangebot www.isar-map.de des Baureferats informieren, das die genauen Standorte von Grill- und Spielplätzen, Abfallbehältern und Toilettenanlagen anzeigt.

Den Schinderstadel – er gehörte dem Abdecker, einst „Schinder“ genannt – nutzt heute die Wasserwacht; außerdem gibt es einen kleinen Bierausschank. Von hier führt der Flauchersteg auf die östliche Isarseite nach UntergiesingHarlaching.