KulturGeschichtsPfad
 

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Hauptbahnhof

Nachdem am 7. Dezember 1835 die erste deutsche Eisen - bahnlinie zwischen Nürnberg und Fürth eröffnet worden war, machte der Eisenbahnbau rasche Fortschritte. 1839/40 konnte aufgrund unternehmerischer Initiative der Bahnverkehr zwischen München und Augsburg aufgenommen werden. Zunächst dienten einfache Holzbauten auf dem Marsfeld als Bahnhof. 1847 bestimmte dann König Ludwig I. das Gelände der Schießstätte vor dem Karlstor als neuen Standort für ein gemauertes Bahnhofsgebäude. Der Entwurf des Architekten Friedrich Bürklein verband maximilianische Repräsentationsarchitektur mit den neuen Anforderungen des industriellen Zeitalters. Über den Bahnhof öffnete München sich nicht nur nach außen, sondern wurde auch die Citybildung beschleunigt. Hier siedelte sich etwa die Direktion der Telegraphenverwaltung an und die seit 1900 elektrifizierte Straßenbahn ergänzte den Schienenverkehr für den Nahbereich.

Hermann Tietz (Hertie) baute ein modernes Großkaufhaus am Bahnhofsplatz (1905 eröffnet). Nach der »Machtergreifung« wurden die jüdischen Besitzer verfolgt und verdrängt; das Haus blieb aber wie die nunmehr »arisierte« HertieKette insgesamt trotz der NS-Propaganda gegen Warenhäuser erhalten. 1951 wurde das Haus am Bahnhof nach Krieg und Wiederaufbau neu eröffnet; heute gehört es zum Karstadt-Konzern.

Bahnhofsplatz 0

Bayerstraße

Im Mittelalter verließ der Handelsverkehr nach Landsberg München durch das »Obere Tor« und bewegte sich auf der Achse Bayer-/Landsberger Straße Richtung Westen. Seit dem Eisenbahnbau wurde die Bedeutung dieser Achse durch die bis Pasing parallel verlaufende Eisenbahn unterstrichen. Wäre es zu der von Hitler geplanten Verlegung des Hauptbahnhofs nach Laim gekommen, wäre auf dem ehe - maligen Gleiskörper eine 120 Meter breite »Prachtstraße« entstanden, die dem Größenwahn der Nationalsozialisten entsprach. Heute ist die Achse Hauptbahnhof-Laim-Pasing ebenfalls Gegenstand von umfassenden Neuplanungen, die etwa im Arnulfpark nördlich der Schienen bereits realisiert wurden.

Bayerstraße 0

Mathäser-Bierpalast

Der Mathäser-Bierpalast an der Bayerstraße 5 vor 1945. Bereits seit 1690 gab es einen Bierausschank an dieser Stelle, seit 1857 hieß er »Mathäser« nach der damaligen Gastwirtsfamilie. Nach 1900 ließ Löwenbräu hier einen gigantischen Bierpalast ausbauen mit drei Bierhallen, einem Festsaal und einem Biergarten. In der Revolution von 1918 wurde der Mathäser zu einem wichtigen Schau - platz, weil sich hier am Abend des 7. November der erste »Arbeiter- und Soldatenrat« Münchens unter Vorsitz von Kurt Eisner konstituierte. Wenige Stunden später erklärte Eisner im Landtag die Monarchie für beendet und rief den »Freistaat« Bayern aus. Nach der Zerstörung des Mathäser im Zweiten Weltkrieg entstand 1957 eine neue »Bierstadt« mit 16 Lokalen, aber auch Einzelhandels- und Büroflächen und einem Großleinwandkino. Ende der Neunzigerjahre wurde der Mathäser geschlossen und abgerissen, seit 2003 ist er als moderner Kinopalast wiedereröffnet.

Bayerstraße 5

Pressehaus

Auf dem weiteren Weg kommen wir am Pressehaus, Bayerstraße 57–59, vorbei. 1900/01 entstand mit dem Bau von Martin Dülfer für die »Allgemeine Zeitung« eines der bedeutendsten Zeug nisse des Jugendstils in Mün chen, das allerdings bereits Ende der Zwan - zigerjahre durch eine Verkleidung der im Erdgeschoss freiliegenden Eisen - konstruktion und die Beseitigung der Ornamentik in »ernüchternder Weise« entstellt wurde.

Bayerstraße 57

Hackerbrücke

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Bildrechte: © Gerhard Willhalm, Hackerbrücke, CC BY-NC 4.0

Über den »Galgenberg« geht es hinauf zur Hackerbrücke. Der Name resultiert von der mittelalterlichen Hinrichtungs - stätte, die erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgelassen wurde. Dann siedelte sich die Brauerei Hacker-Pschorr hier an, wie überhaupt die Umgebung der Hackerbrücke von der »Bierstadt« München geprägt wurde, die die Terrassen stufe der Ur-Isar zur Anlage von Bierkellern nutzte. Im 19. Jahr - hundert zogen die Brauereibetriebe aus der enger werden - den Innenstadt nach, so auch die heute einzig verbliebene Augustiner-Brauerei an der Landsberger Straße 31–35. Dort, wo sich seit den 1890er Jahren die Eisenbögen der Hackerbrücke über die Schienen wölben, stand der erste Bahnhof Münchens. Die »Bretterbude« auf dem Marsfeld brannte 1847 aus und wurde durch den Bürklein-Neubau weiter östlich ersetzt. Seit den 1870er Jahren hatte man in München begonnen, die Bahnübergänge auf Schienen niveau zu beseitigen und Brücken zu errichten. Mit ihrer Eisen bo gen - konstruktion steht die Hackerbrücke in München symbolisch für die Entstehung moderner Ingenieursbaukunst, wie sie sich weltweit am bekanntesten im Pariser Eiffelturm manifestiert hat.

Hackerbrücke 0

Kirche St. Paul

Der Ausbau der Ludwigsvorstadt seit den 1880er Jahren wurde durch einen monumentalen Kirchenbau flankiert. Die in den Jahren 1892 bis 1906 errichtete St.-Paulskirche von Georg Hauberrisser, dem Erbauer des Neuen Rathauses, manifestierte den Anspruch der neuen Vorstadt, das bürgerliche München mitzurepräsentieren. Der neugotische Kir - chen bau bildete fortan einen städtebaulichen Bezugs punkt in dem neuen Quartier, der besonders auffällig in dem weit - hin sichtbaren, zwischen Langhaus und Chor gesetzten Turm wird. Im Dezember 1960 blieb ein defektes amerikanisches Militärflugzeug am Turm hängen und stürzte auf eine Straßenbahn. 49 Tote und 16 Schwerverletzte waren die Bilanz des schrecklichen Unglücks.

St. Pauls-Platz 0

Volksbrausebad

Auf dem weiteren Weg, am Bavariaring 5, kommen wir am Volksbrausebad vorbei, das Stadtbaurat Hans Grässel 1894 errichten ließ. Damals stand der polygonale Bau, der mit Zentralheizung und fließend Wasser ausgestattet war, für eine moderne öffentliche Hygiene.

Bavariaring 5

Theresienwiese

Die Geburtsstunde des Oktoberfestes war der 17. Oktober 1810, als aus Anlass der Vermählung des bayerischen Kron - prinzen Ludwig mit Therese von Sachsen-Hildburghausen ein Galopprennen abgehalten wurde. Aus der alljährlichen Wiederholung dieses zu einem »Nationalfest« des jungen baye - rischen Königreichs aufgewerteten Ereignisses entstand die Oktoberfesttradition auf der nach der Prinzessin benannten Theresienwiese. Bis zum Ersten Weltkrieg standen die Pferderennen im Mittelpunkt, die in einer oval angeleg ten Rennbahn am Fuß der Theresienhöhe abgehalten wurden. Aus den bei den Rennen aufgestellten Buden entwickelten sich die Vergnügungs- und Verköstigungsgeschäfte, schon 1818 gab es eine Konzession für Karussells und Schaukeln. 1896 stellte der Wirt Michael Schottenhamel das erste Bierzelt großen Stils auf. Heute findet das Oktoberfest jährlich mit weit über sechs Millionen Besuchern aus aller Welt statt. Alle vier Jahre ist zeitgleich die Landwirtschaftsausstellung.

Weitere Veranstaltungen über das Jahr locken Besucher von auswärts an, schränken aber die Benutzbarkeit als größte Grünfläche des Quartiers ein. (H. Solfrank)

Mehrere politisch relevante Ereignisse kennzeichnen die Geschichte der The resienwiese: So fand dort am 7. Novem ber 1918 die Massenkund gebung statt, die die Revolution in München auslöste, am 1. Mai 1933 andererseits die erste von den Nationalsozialisten zum Feiertag aufgewertete und für die »nationale Revolution« instrumentali sierte Maikund - gebung. 

Verheerungen richtete das Attentat des Rechtsextremisten Gundolf Köhler im Jahr 1980 an, bei dem 13 Menschen getötet und über 200 verletzt wurden. Das Denkmal für die Opfer befindet sich am Haupteingang zum Oktober fest. Die Umgebung der Stele wird 2008 neu gestaltet, um das Denkmal »sichtbarer« zu machen. 

Theresienwiese 0

Kaiser-Ludwig-Platz

Die Theresienwiese erstreckte sich ursprünglich von der Theresienhöhe in einem Dreieck zwischen heutiger Petten - kofer- und Lindwurmstraße bis hin zum Sendlinger-TorPlatz, wobei im spitzen Winkel davor allerdings seit 1813 das »All gemeine Krankenhaus« (Ziemssenstraße) stand. Städte bau li cher Druck auf die Leerfläche entstand erst in der Indus tria lisierung, zudem das im Norden gewachsene Schwan tha ler quartier und das im Süden im Aufbau befind - liche Schlacht hofviertel eine Verbindung sinnvoll machten. Die Stadt musste daher auf ihren Plan verzichten, die ge - samte Wiesen fläche als »grüne Lunge« zu erhalten. Sie gab den östlichen Teil zur Bebauung frei, abgegrenzt zur Freifläche durch einen Halbkreis von Villenbauten (Bavaria - ring). Seit den 1880er Jahren wurde in offener Bauweise ein ästhetisch sehr ansprechendes Viertel mit viel Grün nach einem Plan von August Voit errichtet (s. S. 14). Er schuf mit dem Kaiser-Ludwig-Platz einen nicht strengen Sym me trie - anforderungen genügenden Sternplatz, dessen sieben Arme wieder in kleinere Platzräume münden.

Kaiser-Ludwig-Platz 0

Theresiengymnasium

Das Theresiengymnasium wurde 1895–97 gebaut. Die neubarocke Fassade gestaltete Emanuel von Seidl. Damit war das fünfte – dringend benötigte – Gymnasium in München entstanden. Gegenüber, in der Platzmitte, steht das von dem Brauer Matthias Pschorr gestiftete Denkmal für Kaiser Ludwig den Bayern, das 1905 in einem Bronzeguss Ferdinand von Millers errichtet wurde.

Kaiser-Ludwig-Platz 0

Klinikviertel

Der Ursprung des Klinikviertels liegt in der Errichtung des »Allgemeinen Krankenhauses« vor dem Sendlinger Tor, das schon 1826 der gerade nach München verlegten Universität angeschlossen wurde. Noch immer beherbergt das Gebäude an der Ziems sen straße 1 die »Medizinische Klinik Innenstadt«, während zahlreiche Zweige sich ausdifferenzierten. Zu den frühen »Ausgründungen« gehört die Chirurgische Universitätsklinik, die 1891 an der Nußbaumstraße (nach dem Klinikgründer Nepomuk von Nußbaum) eröffnet wurde. Nußbaumstraße und Pettenkoferstraße wurden zu den Hauptachsen des Klinikviertels, das sich mit einer Reihe berühmter Namen verbindet: Darunter ragt Max von Pettenkofer (1818–1901) heraus, dem die Gründung des ersten Hygieneinstituts der Welt 1879 in München zu verdanken ist (Pettenkoferstraße 9a). Aus jüngerer Zeit ist Frederic Vester (1925–2003) zu nennen, der in seiner 1970 gegründeten Firma (Nußbaumstraße 14) aus naturwissenschaftlichen Beobachtun gen Gesellschaftstheorien und die Forderung nach »vernetztem Denken« entwickelte.

Ihre hohe medizinische Reputation schützte einige Institute allerdings nicht davor, sich im Dritten Reich in die un - mensch liche Verfolgung von »Erbkra ken« und »Minderwertigen« verwickeln zu lassen. So wurde in die 1820 gegrün dete Poliklinik an der Pettenkoferstraße 8a das Rassenpolitische Amt der NSDAP integriert. Die Leitung hatte Prof. Heinz Kürten inne, der die »Reinhaltung der deutschen Rasse« als Wissenschaftler propagierte. Nach dem Krieg wurde Kürten von den Amerikanern entlassen, doch kehrte er später als Beamter auf seinen Lehrstuhl zurück.

Nußbaumstraße 0

Psychiatrische Klinik

1904 wurde die Psychiatrische Klinik an der Psychiatrische Klinik, in einem Bau von Max Littmann, eröff net. Ihr erster Direktor war Emil Kraepelin (1856–1926), Nestor der auf der klinischen Beob - achtung beruhenden klassifizieren den Psy - chiatrie. Einer seiner Schüler, Ernst Rüdin (1874–1952), lieferte dem Nationalsozialismus Begründungen zur Zwangs sterilisation »Minderwertiger« und trug erheblich zur Umsetzung der Rassenpolitik in der Medizin bei.

Nußbaumstraße 7

Schillerstraße

Der südliche Teil der Schillerstraße ist noch vom Klinikviertel geprägt, vor allem dem Jugendstil-Kuppelbau der »Anatomischen Anstalt« an der Ecke zur Pettenkoferstraße. An der Schillerstraße 51 lag der medizinische Verlag von Julius Friedrich Lehmann (1864–1935), der mit der Verbreitung rassistischer Publikationen ebenfalls zu den geistigen Weg - bereitern und Propagandisten des Nationalsozialismus gehörte.

Ein ganz anderes Milieu hat sich Rich tung Bahnhof seit der Nachkriegszeit entwickelt: ein Mikrokosmos der Schich ten und Völker, ein Vergnügungs- und Rotlichtviertel mit einer eigenen Subkultur. Inter nationaler Handel vermischte sich mit dem Großhandels hinterhof der Altstadt und der dichtes ten Konzentration an Elektro- und Elektronikhandel in Süddeutsch land. Zwischen den Kontorhäusern und den Hotels, deren Konzentration rund um den Hauptbahnhof inzwischen in Europa unübertroffen ist, haben sich in den frühen achtziger Jahren vor allem die türkischen Einwanderer ihr soziales Umfeld geschaffen – quasi ein »Basar« mit unzähligen Supermärkten, Banken, Schnellrestau rants, Hochzeits boutiquen und in den Hinterhöfen an die 30 Moscheen. Diese sind nach den Herkunftsregionen ihrer anatolischen Heimat gegliederte echte Bürgerhäuser, wo die Riten und Traditionen inmitten der westlichen Prosa eines Bahnhofsquartiers weiter ge pflegt werden. Zugleich ist dies auch der Markt aller Mus lime aus Afrika, Arabien und Asien, die in München und Umgebung leben oder hier zu Gast sind und allmählich den türkischen Grundton mit eigenen Farbtupfern auflockern. (H. Bahner)

Die ersten »Gastarbeiter« kamen aufgrund des deutsch-italienischen Anwerbevertrags vom 20.12.1955 nach Deutschland, Verträge mit anderen Nationen folgten, so 1961 mit der Türkei. Heute lebt oft schon die zweite und dritte Generation der Einwanderer in München; Integration ist aber, wie sich etwa im Bildungssystem alarmierend zeigt, bei weitem kein abgeschlossener Vorgang.

Schillerstraße 0

Deutsches Theater

Den Abschluss des ersten Pfades bildet ein Abstecher zum Deutschen Theater an der Schwanthalerstraße 13. Kurz vor der Jahrhundertwende erbaut etablierte es sich schnell als glamouröses Revue- und Ballhaus. Auch nach Zerstörung und Wiederaufbau wurde es in den fünfziger Jahren wieder zu einer Faschingshochburg und ist heute vor allem als Musicaltheater geschätzt. Trotz hoher Kosten wurde das beliebte und immer wieder renovierte Haus auch 2008 der erneut notwendigen Instandsetzung unterzogen. Die Wiedereröffnung erfolgt 2014. Unterdessen wurde eine Ersatzbühne in Fröttmaning bespielt.

Schwanthalerstraße 13

Goetheplatz

Goethestraße und Goetheplatz wurden im Vorgriff auf die Bebauung des Wiesenviertels in den 1870er Jahren angelegt. Wahrzeichen des Goetheplatzes ist die expressiv geschwungene Fassade der Post. Robert Vorhoelzer schuf damit in den Zwanzigerjahren ein bedeutendes Zeugnis des vom Bauhaus in Dessau propagierten Neuen Bauens. Mit dem vom Geist einer ausdrucksvollen und sensiblen Moderne durchdrungenen Kinopalast von Sep Ruf (1956/57 gebaut), der Anfang der Neunzigerjahre von Hein Goldstein mit einer schützenden Glashaut versehen wurde, ist etwas abseits vom Kreuzungslärm ein beliebter öffentlicher Treffpunkt entstanden.

Bereits 1938 wurde mit dem Bau der Münchner U-Bahn begonnen. Unter der Lindwurmstraße wurde bis Ende 1941 gearbeitet, der im Rohbau fertiggestellte Bahnhof Goethe - platz diente im Krieg als Luftschutzraum. Er gehörte zur geplanten Nord-Süd-Linie zwischen Freimann und Mitter - sendling; eine zweite Strecke sollte zwischen Pasing und dem Ostbahnhof verlaufen. Nach dem Krieg wurden in der feuchten dunklen Röhre am Goetheplatz Champignons gezüchtet, danach verfüllte man sie mit Schutt; erst mit dem U-Bahnbau seit 1965 legte man das Teilstück wieder frei. (H. Bahner/N. Zimmer)

Groß inszeniert wurde der »erste Rammstoß« zum U-Bahn-Bau am 22. Mai 1938 unter Anwesenheit Hitlers.

 

Goetheplatz 0

Lindwurmstraße

Die Lindwurmstraße bezeichnet die alte Landstraße nach Sendling. Im Zuge der nach der Entfestigung Münchens einsetzenden Neuplanung zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde sie begradigt. Das Haus Nr. 127 (damals 125), heute eine Zweigstelle der Münchner Volkshochschule, ist auf dramatische Weise mit dem Schicksal der Münchner Juden im Dritten Reich verknüpft. Das Rückgebäude des Hauses gehörte einst zum Anwesen Adlzreiterstraße 14 und war 1885 von der Familie Einstein als Elektrotechnische Fabrik gegründet worden. Trotz technischer Erfolge etwa in der neuen elektrischen Straßenbeleuchtung wurde die Firma 1894 wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten liquidiert und beherbergte dann verschiedene Unternehmen. Der Gründer der noch 1933 eingerichte ten Zigarettenfabrik, Max Abeles, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort. Schon seit 1938 diente das Fabrikgebäude der jüdischen Kultusgemeinde als Notunterkunft, weil die Nationalsozialisten die Synagoge und Gemeindegebäude an der Herzog-Max-Straße abreißen ließen. Das Haus an der Lindwurmstraße erlebte die rapide Erosion der jüdischen Gemeinde durch die im Herbst 1941 einsetzen den Deportationen. 

Lindwurmstraße 0

Jüdische Privatklinik

Der weitere Weg führt an der Hermann-Schmid-Straße 5, einem weiteren Ort von NS-Verbrechen, vorbei. Das historische Haus wurde im Krieg zerstört; ein Mahnmal und eine Gedenktafel erinnern an das Geschehen. Die jüdische Privatklinik wurde, nachdem Juden keine Aufnahme in allgemeine Krankenhäuser mehr fanden, zunächst stark überbelegt und schließlich im Juni 1942 »evakuiert«. Drei Transporte ver brachten Patienten, Ärzte und Schwestern ins KZ Theresienstadt.

Hermann-Schmid-Straße 5

Turnhalle der Stielerschule

In der Turnhalle der Stielerschule war von Juli 1944 bis zum Kriegsende ein Bombensuchkommando von KZ-Häftlingen aus Dachau stationiert. Bis zu 15 von ihnen kamen bei der Arbeit täglich ums Leben. Die meisten starben beim Entfernen des Zünders oder bei Exploshionen von Blindgängern. 1989 wurde an der Stielerschule eine Gedenktafel zur Erinnerung an das Kommando angebracht. (A. Knoll)

Stielerstraße 0

Kirche St. Andreas

1887 entstand an der Adlzreiterstraße ein Tanz- und Konzertsaal, dessen Darbietungen einen zweifelhaften Rufgenossen. Als 1917 die Präsidentin des Verbandes katholischer weiblicher Jugendvereine den Bau erwarb, wurde ein neues Kapitel in der Geschichte des Hauses aufgeschlagen. Während es nicht zur Errichtung des zunächst geplanten Mädchenheimes kam, wurde der Saal als Kirchenraum der neuen Pfarrei St. Andreas 1923 von Kardinal Faulhaber geweiht. Erster Pfarrer war Emil Muhler (1892–1963), der aus sozialem Engagement zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus fand. 

Er bezahlte seine offene Sprache etwa zu den Morden im KZ Dachau mit mehr fachen Inhaftierungen. Nach dem Atten tat vom 20. Juli 1944 nach Dachau eingeliefert, konnte er vom Todesmarsch im April 1945 fliehen und überlebte. Die alte Kirche St. Andreas wurde von Bomben zerstört. 1953 wurde der Neubau des Architekten Ernst Maria Lang an der Zenettistraße geweiht.

Adlzreiterstraße 0

Frauenzentrum

An der Adlzreiterstraße 27 wurde 1974 das Frauenzentrum eröffnet, das Treffpunkt zahlreicher FrauenLesbengruppen wurde. Nach dem Krieg fuhr die »Bockerlbahn« durch die Adlzreiter straße und transportierte auf provisorischen Gleisen die Trümmer des zerstörten Viertels zur »Kippe Neuhofen« in Mittersendling und zur »Kippe Pulla cher Platz« in Thalkirchen. 

Adlzreiterstraße 27

Südbahnhof

Vom 1871 eröffneten »Bahnhof München Süd« (Südbahnhof) ist nur der Güterbahnhof geblieben; der Personenverkehr wurde 1985 eingestellt und das historische Bahnhofsgebäude 2005 abgerissen. Gedacht war er als »Zwischenbahnhof« an der Gürtelbahn, die die Verbindung vom Hauptbahnhof zum neuen Ostbahnhof herstellte. Der Südbahnhof war die Keimzelle des Schlachthofviertels. Zuvor gab es im wesentlichen Felder und Gärten und einige Erschließungswege in dem zwischen Lindwurm- und Thalkirchner Straße gelegenen Areal. Seit 1875 wurde dann der großstädtische Ausbau vorangetrieben, der durch den Bau des Schlacht- und Viehhofes noch an Dynamik gewann. Auf der anderen Seite der Gleise, in Sendling, entstanden zunächst Lager häuser, seit 1910 dann die Großmarkthalle. Dorthin gelangt man durch die Unterführung der Tumblingerstraße, in die Münchens älteste, legalisierte Graffitiwand weist – eine wahre »hall of fame«.


Schlachthof

Die »Pest« des 19. Jahrhunderts war die Cholera, die in Wellen auftrat und dann hohe Opferzahlen forderte. Unter dem Einfluss Max von Pettenkofers wurden die hygienischen Probleme erkannt und in Angriff genommen. Eine Maßnahme war der Bau eines zentralen Schlacht- und Viehhofs, der die Hinterhofmetzgereien ablösen und eine zentrale Entsorgung von Abfällen und Abwässern ermöglichen sollte. Dafür bot sich das noch weitgehend unbebaute Areal beim Südbahnhof an. Die Kapuzinerstraße erschloss den 1876 errichteten Schlacht- und Viehhof von der anderen Seite. 

Zennetistraße 0

Tröpferlbad

Der Weg führt vorbei am »Tröpferlbad« (Thalkirchner Straße 104), das heute Treffpunkt für autonome Gruppen und Jugendliche ist. Als Brausebad in der Schweineschlachthalle wurde es nicht nur von den Metzgern genutzt, sondern auch von den Bewohnern des Viertels, in dem Wohnungsbäder noch selten waren. (N. Zimmer)

Thalkirchner Straße 104

Dreimühlenviertel

Der Dreimühlenbach gehörte zu den für das Viertel typischen Stadtbächen, die als Abflüsse aus der Isar ihren Anfang genommen hatten und schon im Mittelalter reguliert und für den Mühlenbetrieb genutzt worden waren. Von den drei namensgebenden Mühlen lag nur eine, die Obere Kaiblmühle, in der Isarvorstadt. Seit dem 18. Jahrhundert wurde sie in der heutigen Dreimühlenstraße 30 geführt und im Zuge des großen Mühlensterbens Ende des 19. Jahr hunderts aufgegeben. Auch der Bach wurde 1920 aufgelassen. Für das Viertel sind jedoch nicht nur frühe gewerbliche Betriebe kennzeichnend, sondern auch Industrieansiedlungen, die die Wasserkraft nutzten. Das galt für die von Joseph Rodenstock in den 1880er Jahren von Würzburg nach München verlegte Optische Fabrik. Aus den bescheidenen Anfängen eines Brillenherstellers aus Leidenschaft entwickelte sich ein international bekanntes Unternehmen. Den Standort an der Isartalstraße hat es behalten.


Wittelsbacherbrücke

Mit der zunehmenden Bedeutung eines Arbeiterviertels wie Giesing in der Industrialisierung wurde der Verkehr in die Stadt immer wichtiger. Ein bestehen der Holzsteg wurde daher 1876 zunächst durch eine Eisenbrücke ersetzt. 1904 entstand der Neubau von Theodor Fischer. Quadersteine verkleiden die vier Betonbögen und geben ihnen ein »altmodisches« Gepräge. Das Reiterstandbild von Otto von Wittelsbach kennzeichnet den größten Bogen. Die massiven Bögen der Brücke haben sie zu einer bevorzugten Heimstatt für Obdachlose gemacht.

Wittelsbacherbrücke 0

Kirche St. Anton

Keimzelle des Kloster- und Kirchenkomplexes war die Schmerzhafte Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, die sich als Wallfahrtsort etabliert hatte. 1846 siedelten sich die Kapuziner an, die Kapelle fungierte zunächst als Klosterkirche. Das Kirchlein wurde aber bald zu klein, deshalb baute man 1895 die neuromanische Antoniuskirche, so dass das Kapuzinerkloster zwischen den beiden Gotteshäusern zu liegen kam. Das Kloster St. Anton entwickelte sich zu einem der größten bayerischen Kapuzinerkonvente mit Schlosserei, Schreinerei, Gärtnerei und einer eigenen Schweinezucht. Vom Klosterleben ist heute wenig geblieben; die Essensausgabe für Bedürftige wird allerdings von der Münchner Tafel fortgesetzt.

Von 2006 bis 2008 wurde das denkmalgeschützte Kloster aufwändig umgebaut. Die renovierten Räume teilen sich drei Nutzer: das Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp), eine Ausbildungsstätte für katholische Journalisten, die Pfarrei St. Anton und die Kapuziner, die hierher ihr Provinzialat, also die Gesamtleitung ihrer Klöster in Bayern, verlegt haben. (F. Ertl)

Kapuzinerstraße 0

Alter Südfriedhof

Als eine Pestepidemie 1563 in München ausbrach, reichten die Kapazitäten der Kirchenfriedhöfe in der Stadt nicht mehr aus. Vor dem Sendlinger Tor wurde deshalb der »Äußere Friedhof« eingerichtet, der zunächst als Armenfriedhof galt. 1788 ließ Karl Theodor jedoch Bestattungen innerhalb der Stadtmauern untersagen, und der Friedhof gewann an Bedeutung. Der Erweiterungsteil im Süden wurde 1844 von Friedrich von Gärtner angelegt. 

Ende des 19. Jahrhunderts beschloss man bereits, den Friedhof allmählich auf zulassen; im Zweiten Weltkrieg wurde der Bestattungsbetrieb endgültig eingestellt. Heute gilt der Friedhof als »grüne Lunge« des parklosen Stadtviertels und wichtiges Biotop.

Zahlreiche prominente Münchner sind dort beerdigt – so auch die Stadtplaner Leo von Klenze, Friedrich von Gärtner, Karl von Effner und Arnold von Zenetti. Unter den Künstlern und Gelehrten, Politi kern und Theologen ragen z.B. der Maler Carl Spitzweg, die katholische Frauenrechtlerin Ellen Amann und der Hygieniker Max von Pettenkofer hervor. Auch die vielfach aufwändige Grab mals - kunst zeichnet den Friedhof aus.


Münchner Gasfabrik

60 Jahre lang, zwischen 1849 und 1909, befand sich im Geviert zwischen Thalkirchner Straße, Waltherstraße, Maiund Reisingerstraße die erste Münchner Gasfabrik. Das 1909 aufgelassene Gelände sollte vor allem der Erweiterung des Klinikviertels dienen. Die Frauenlobstraße wurde gebaut. Als Nachfolgerin der viel zu klein gewordenen königlichen Gebäranstalt in der Sonnenstraße entstand zunächst die Frauenklinik, die 1916 von König Ludwig III. eröff net wurde. Die Gebäudearchitektur ist um einen lauschigen Gartenhof angelegt. Im Inneren ist die Jugendstil-Ausstattung besonders im Hörsaal und in der Bibliothek noch zu bewundern.


Arbeitsamt

Der Weg führt am alten Arbeitsamt in der Thalkirchner Straße 54 vorbei, das 1914 eröffnet wurde und etwa die Zeiten der Massenarbeitslosigkeit in der Weltwirtschaftskrise erlebte. Das ausgreifende Problem der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik zeigt der in den Achtzigerjahren errichtete Großbau an der Kapuzinerstraße.

Thalkirchner Straße 54

Sendlinger Tor

Das Sendlinger Tor entstand als Teil des zweiten Mauerrings um München, der seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts infolge der Stadterweiterung gebaut wurde. Im Zuge der Ende des 18. Jahrhunderts einsetzenden Entfestigung der Stadt wurde das Sendlinger Tor zum Ausgangspunkt einer neuerlichen Stadterweiterung. Vor dem Tor schuf der Landschaftsarchitekt von Sckell den Sendlinger-Tor-Platz, von dem ausgehend die Lindwurm- und die Thal kirch ner Straße die Entwicklungsrichtung vorgaben.

Nur der südliche Teil des SendlingerTor-Platzes gehört zum zweiten Stadt - bezirk. Hier lebte auf Nr. 5 Alois Senefelder (1771–1834), der vielfach geehrte Erfinder der Lithographie, in seinen letzten Lebensjahren. In den zwischen Lindwurm- und Nuß - baumstraße gelegenen Grünanlagen steht die neue Matthäuskirche. Die erste Kirche der Protestanten an der Schwanthaler-/Sonnenstraße ließ Hitler wegreißen – angeblich weil sie in verkehrsungünstiger Lage stand.

Sendlinger-Tor-Platz 0

Ludwigsbrücke

An der Stelle der heutigen Ludwigsbrücke schuf der Welfenherzog Heinrich der Löwe einen neuen Übergang über die Isar. Er geriet damit in Konkurrenz zum Bischof von Freising, der die Zollrechte über die Isarbrücke bei Föhring innehatte. Dass Kaiser Friedrich Barbarossa im »Augsburger Schied« von 1158 zugunsten Heinrichs entschied, betrachtet man als den Gründungsakt Münchens. Weil Heinrich die Föhringer Brücke niederreißen ließ,

wurde das neue Bauwerk auf weite Strecke zur einzigen und damit umkämpften Brücke über die damals breite und reißende Isar. Als Teil der wirtschaftlich bedeutenden Salzstraße wurde sie zur Lebensader der Stadt. Schwere Hochwasser zerstörten immer wieder die Holz- und Steinbrücken, 1813 ertranken mehr als 100 Menschen bei einem Brückeneinsturz. Nach Plänen Leo von Klenzes ent stand bis 1828 die Ludwigsbrücke, die im Beisein des Namensgebers König Ludwig I. eingeweiht wurde. (N. Zimmer) 

Weil am 9. November 1923 die Teil neh - mer des Hitler-Putsches über die Ludwigs brücke marschiert waren, bekam sie im Dritten Reich eine sakrosankte Stellung. Hitler selbst kümmerte sich um ihre Umgestaltung und griff massiv in die städtische Baupolitik ein. Schließlich entließ er die gesamte Leitung des städtischen Kulturamts, weil sie nicht den richtigen nationalsozialistischen Kunstsinn demonstriert hätte.

Ludwigsbrücke 0

Deutsches Museum

Die Museumsinsel diente im Mittelalter als Lagerplatz für Holz, Kalkstein und Holzkohle, die von Flößen aus dem Oberland angeliefert wurden. 1772 entstand die Isarkaserne, die 100 Jahre später auch als Kriegsgefangenenlager für französische Soldaten diente. Danach war hier ein Ausstellungspark für Maschinen, Sport und Gartenbau. Nach einem schweren Hochwasser wurde die Insel durch feste Ufermauern geschützt.

1903 gründete Oskar von Miller das »Deutsche Museum für Meisterwerke der Naturwissenschaft und Technik«, das zunächst provisorisch im alten Nationalmuseum und in einer Kaserne untergebracht war. Nachdem die Stadt die ehe malige Kohleninsel als Standort anbot, begann Gabriel von Seidl mit dem Sammlungsbau. Die feierliche Grundstein le gung erfolgte in Anwesenheit Kaiser Wilhelms II., die Fertig stel - lung verzögerte sich bis 1925. Im Dritten Reich wurde das Museum zwar ausgebaut, aber auch für den antisemitischen Feldzug der Nazis missbraucht. 1937 präsentierten sie im Bibliotheksbau die Hetz-Ausstellung »Der ewige Jude«. Trotz solcher Rückschläge hat sich das Museum mit didaktischen Erfindungen und Weltneuheiten, wie dem Projektionsplanetarium, zum größten und modernsten seiner Art entwickelt. 1931 konnte man hier die erste Fernsehsendung bestaunen. 1969 drängelten sich die Besucher, um die Raumkapsel Apollo 8 zu sehen, mit der zum ersten Mal Menschen den Mond umrundeten. Mit 1,2 Millionen Besuchern jährlich ist es Deutschlands meistbesuchtes Museum. (N. Zimmer)


Patentämter

Weil in der Zeit der Napoleonischen Kriege die Bedeutung der Kavallerie stark zunahm, wurde 1808 der Bau einer weiteren Kaserne an der Isar (neben der älteren auf der Kohlen - insel) beschlossen. Der Militärkomplex wurde bis 1818 fertiggestellt und sollte in Friedenszeiten 876 Mann, in Ausnahmesituationen aber über 1100 Soldaten fassen. Schon 1858 war eine Generalsanierung notwendig, in der Zeit Pettenkofers verbesserte man die hygienischen Verhältnisse im Hinblick auf die Pferdehaltung grundlegend. 1953 wurde der Bau zugunsten des Neubaus des Deut schen Patentamtes abgerissen, das in Berlin ausgebombt worden war und eine neue Heimstatt brauchte. Auf dem danebengelegenen Gelände des Corneliusgefängnisses, das ein Gerichts- und ein Arrestgebäude umfasst hatte, entstand seit 1975 der mondäne Komplex des Europäischen Patentamtes.


Corneliusbrücke

Die nach dem Maler Peter von Cornelius (1783–1867) benannte Brücke wurde im Zuge des Brückenbauprogramms nach 1900 – allerdings als kompletter Neubau – nach Plänen von Friedrich von Thiersch errichtet. Im Süden der Museumsinsel überspannt sie die Große und die Kleine Isar. Hervorgehoben wird sie durch die Bastion auf dem Inselabschluss, in der nunmehr noch der Bronzekopf Ludwigs II. von Ferdinand von Miller zu bewundern ist. Der Rest des Standbilds wurde im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen.

Corneliusbrücke 0

Reichenbachbrücke

Seit 1832 verband eine hölzerne Brücke die Fraunhoferstraße mit der Vorstadt Au. Um diese wichtige Verkehrsader nicht völlig zum Erliegen zu bringen, wurde bei der Anlage des neuen Brückenbauwerks die alte Holzbrücke nach Süden verschoben und weiter benutzt. Die neue Reichenbachbrücke entstand 1902 nach Plänen von Friedrich von Thiersch. Auf dem weiteren Weg kommen wir am Standort der ehemaligen Synagoge an der Reichenbachstraße vorbei. Das ostjüdische Gotteshaus von 1931 war so im Viertel eingebaut, dass es bei der Brandschatzung durch den braunen Mob in der »Reichskristallnacht« von 1938 von der Feuerwehr vor völliger Zerstörung bewahrt wurde. Nach 1945 wurde es daher als einzige verbliebene Münchner Synagoge wiederhergestellt und diente bis zur Eröffnung der neuen Hauptsynagoge am Jakobsplatz 2006 als Betsaal und Gemeindehaus.

Reichenbachbrücke 0

Gärtnerplatz

Stadtentwicklung war im 19. Jahrhundert häufig noch eine Sache von Privatpersonen und Terraingesellschaften. Bei der Errichtung des Gärtnerplatzviertels war Baron von Eichthal, der aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie stammte, der Urheber. Auf dem bereits von seinem Vater gekauften ehemaligen Hofanger ließ er das sternförmig vom Gärtnerplatz ausgehende Viertel errichten. Mit seiner geschlossenen Blockrandbebauung entlang mit dem Lineal gezogener Straßen entsprach es noch ganz dem Leitbild des geometrischen Städtebaus.

1865 eröffnete das Aktien-Volkstheater am Gärtnerplatz. Obwohl die bekannten Volkstheater der Schweigers in der Au und in der Müllerstraße schlossen, drohte dem neuen Theater am Gärtnerplatz schon bald der Bankrott. 1870 wurde es versteigert und ging dann in den Besitz des Erbauers Reiffenstuel über. König Ludwig II. verstand sich schließlich zu einer Rettung aus seiner Privatschatulle, doch schon 1899 gab es eine neue Krise. Der Staat verpachtete es nun an Georg Stollberg und Cajetan Schmederer, die es vor dem Ersten Welt krieg zu Deutschlands führender Operettenbühne machten. (D. Holzapfel)

Gärtnerplatz 0

Müllerstraße

Die Umgebung des Gärtnerplatzes wird im hohen Maße von der Homosexuellen-Szene geprägt. Dazu gehört unverbrüchlich die »Deutsche Eiche« in der Reichenbachstraße 13. Zwar soll auch Adolf Hitler Gast gewesen sein, war doch in der nahen Corneliusstraße 12 von 1921 bis 1923 die NSDAP-Zentrale. Doch wohl schon wegen der Nähe zum Gärtnerplatztheater und zu dessen Tänzern wurde die »Deutsche Eiche« früh ein Treffpunkt für Künstler und Homosexuelle. Bis zu seinem Tod 1982 war das Lokal auch »zweites Wohnzimmer« des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder, der von 1974 bis 1978 gegenüber lebte. In einigen seiner Filme war die Eiche sogar Drehort. Auch Freddy Mercury von der britischen Rockband Queen fühlte sich hier zuhause. Heute unterhält die »Deutsche Eiche« neben der Gastwirtschaft auch ein Hotel und ein beliebtes »Badehaus«. (D. Holzapfel)

In der Müllerstraße und ihrer Umgebung sind weitere Szene-Treffpunkte, so die erste Lederbar Deutschlands, der »Och sengarten«, oder das nostalgische »Mylord«. Es ging der engagierten Szene aber nicht nur um Amüsement, son dern auch um den Kampf gegen Diskriminierung und um kulturelle und politische Anerkennung. Dafür wurde 1986 das Schwule Kommunikations- und Kulturzentrum gegründet, das heute als »Sub e.V.« in der Müllerstraße 14 residiert. »LeTRa (Lesben(T)Raum)« ist eine Beratungs-, Informationsund Kommunikationsstelle für Lesben, die in der Angertorstraße 3 ihre Räume hat.

Müllerstraße 0

Heizkraftwerk

Wo sich heute der Turmbau des stillgelegten Heizkraftwerks erhebt, stand bis zur Zerstörung durch Bomben 1944 das Luitpold-Gymnasium. Albert Einstein ging dort von 1888 bis 1894 zur Schule und war entgegen anders lautender Legenden durchaus ein guter Schüler, wenn auch etwas renitent. In der Zeit der Räterepublik im April 1919 war das Gymnasium Schauplatz eines Geiselmordes, den die »Rote Armee« an zehn Anhängern der völkischen Thule-Gesellschaft beging. Die Freikorps vergalten es Anfang Mai 1919 mit gnadenlosem Terror und vielfachem Mord. Nach dem Verkauf des Heizkraftwerks durch die Münchner Stadtwerke entstehen hier Luxuswohnungen unter der Bezeichnung »The Seven«, benannt nach der Adresse Müllerstraße 7.

Müllerstraße 7

Fraunhoferstraße

Den Namen verdankt die Straße dem genialen Erfinder Josef von Fraunhofer (1787–1826), der es vom einfachen Glasschleiferlehrling zum Institutsgründer und Pionier der optisch-physikalischen Forschung brachte.

Das »Fraunhofer« auf Haus Nr. 9 entstand anstelle des bereits in den 1820er Jahren erfolgreichen »Brodhäusls«, das den Karrieregrundstein für den Münchner Großwirt Michael Vollnhals bedeutete. Der heutige Bau stammt aus dem Jahr 1874, ist aber aufgrund von Umbauten und Kriegsschäden nicht mehr im Originalzustand. Der Wirt Josef Bachmaier führt das Haus seit 1974 in der Tradition eines Bierlokals und Künstlerbrettls. Von der HinterzimmerBühne aus begann manche erfolgreiche Karriere wie die der Kabarettisten Bruno Jonas und Jörg Hube. Im Werkstatt-Kino, 1974 von Rainer Pongratz gegründet, gibt es Ungewöhnliches, Schräges oder gar Subversives zu sehen. (T. Kilger)

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Postamt

Das Postamt 5 in der Fraunhoferstraße 20–25, um 1930. Das Postamt ist zwar eines der wenigen Bei spiele für die Bauhaus-Moderne in München, sollte aber nach Walther Schmidt »ein bisschen mehr menschliche Wärme und handwerkliche Identität« verwirklichen. So bauten Schmidt und Robert Vorhoelzer ein straßenbegleitendes Wohn- und Geschäftshaus mit acht Läden und 32 großzügig ausgelegten Wohnungen. Das eigentliche Postamt auf der Rückseite ist ein freistehender zweigeschos si - ger Bau mit fast quadratischem Grundriss und gerundeten Ecken. Die berühmte Schalterhalle hat einen Lichthof, der von einer Glaspyramide überdacht ist. (T. Kilger)

Fraunhoferstraße 20

Hans-Sachs-Straße

Die Hans-Sachs-Straße wurde später als die Umgebung erschlossen, wieder durch Privatinitiative. Heinrich Lempuhl plante von vorneherein für eine gehobene Klientel und ließ die Wohnungen – über dem hier üblichen Standard – z.B. mit Bädern ausstatten. Seit 1981 stehen die in den Jahren 1897–1900 entstandenen neubarocken Häuser mit ihren schönen Fassaden unter Ensembleschutz. 

Die Hans-Sachs-Straße birgt zudem eines der letzten kleinen Kinos in München: 1912 eröffnet, ist das Neue Arena jetzt ein anspruchsvolles Programm kino und hat dafür 2005 den Kinoprogrammpreis der Landeshauptstadt bekommen.

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Pestalozzistraße

In der »Arbeiterburg« an der Pestalozzistraße 40/42 hatte der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund seinen Sitz eben so wie einige sozialdemo kratische Einrichtungen. Deshalb war es den Nationalsozialisten schon in ihrer »Kampfzeit« ein Dorn im Auge und Objekt wiederholter Drohungen. Bei der »Machtergreifung« besetzt, diente das Gewerkschaftshaus einige Wochen lang als Haftstätte für NSGegner. Die Arbeitervertretungen wurden schon am 2. Mai 1933 zerschlagen und durch die Einheitsorganisation der »Deutschen Arbeitsfront« ersetzt. Heute ist das DGB-Haus in der Schwanthalerstraße 64.

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Pechwinkel

Für die Gegend um die Baum- und Palmstraße, ehemals zwischen Isar und Pesenbach gelegen, ist noch heute der Name »Pechwinkel« bekannt nach den dort vor Jahrhunderten ansässigen Pechsiedern. Sie bildeten eine der ers - ten Ansiedlungen in der Isarvorstadt. In der Baumstraße (heute Nr. 5–7) errichtete man im 16. Jahrhundert ein so genanntes Brechhaus für die von schwe ren Akutkrankheiten befallenen und hochinfektiösen Patienten. Ende des 17. Jahrhunderts hatte es ausgedient und wurde zunächst als Spinnerei für die Tuchfabrik Max Emanuels in der Au verwendet. Dann machte die Armee ein Militärlazarett aus dem Haus, das bis zur Eröffnung des neuen Lazaretts in der Müllerstraße 1777 in Betrieb war und erst 1828 abgerissen wurde.


Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz

»Am Glockenbach«, der hier aber eigentlich Westermühl - bach heißt, ist der Blick auf die letzte verbliebene Wasser - ader im Quartier frei. Der Westermühlbach betrieb mehrere Wasserräder für Glasur-, Färber- und Gewürzmühlen, für das Wöstermaier’sche Bad und für die Westamill, die dem Bach den Namen gab. Über den Bach gelangten Isarflöße zur Oberen Lände, jetzt Grünanlage Am Glockenbach. Zur Versorgung der für den Weitertransport des Holzes eingesetzten Tiere entstand eine Pferdetränke am Westermühl - bach, die später eine Kanalwache wurde. Dort arbeitete und lebte der Kanalwächter mit seiner Familie. Noch heute befindet sich neben dem Haus die Zufahrt zur Bachauskehr. Das Haus Am Glockenbach 14 gehört jetzt den Kindern und Jugendlichen. Nach der Schule können sie im Kunterbunt essen, Hausaufgaben machen, spielen und toben, die Größeren dürfen auch mal eine Party feiern. Hier findet auch jährlich, immer am letzten Samstag im Juni, das beliebte Stadtteilfest des Bezirksausschusses statt. (N. Zimmer)

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