KulturGeschichtsPfad
 

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Giesinger Berg

Der Giesinger Berg entstand in der Eiszeit und bildet einen Teil der östlichen Isarhochleite. Er war seit jeher eine wichtige Verkehrsverbindung zwischen dem auf der Isarhangkante gelegenen Bauerndorf Obergiesing und den Siedlungen im Tal. Mit der Bildung der Landgemeinde Giesing (1818), der Erhebung zur selbständigen Pfarrei (1827) und der Eingemeindung in die Haupt- und Residenzstadt München (1854) wuchs die Bedeutung dieses Verkehrsweges.

Das steigende Verkehrsaufkommen auf der schmalen und steilen Berggasse machte den Giesinger Berg bald zu einer geradezu lebensgefährlichen Straße. Das prominenteste Verkehrsopfer war der Unternehmer und Erfinder Joseph von Utzschneider (1763–1840), dessen Kutsche sich am 31. Januar 1840 in der gefürchteten »Loherwirtskurve« überschlug. Utzschneider war in Obergiesing seit 1815 landwirtschaftlich tätig gewesen; er baute Zuckerrüben an und betrieb auf dem Warthof Bayerns erste Zuckerfabrik. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Giesinger Berg meh fach begradigt und verbreitert. Den wiederholten Regulierungen mussten zahlreiche Gebäude weichen – so auch 1888 die alte Heilig-Kreuz-Kirche. Ab 1896 fuhr die Trambahn über den Giesinger Berg; nach dem Bau der U-Bahn wurde der Trambahnbetrieb 1979 eingestellt. Dem U-Bahnbau fielen auch die »Scharrer-Häuser« mit der beliebten Treppenanlage zum Opfer.

Während der Revolutionszeit erhielt der Giesinger Berg eine politische Bedeutung: Als am 1. Mai 1919 Reichswehrtruppen und Freikorpsverbände nach München einmarschierten, um die Räterepublik zu stürzen, kam es am Giesinger Berg zu erbitterten Kämpfen, die die Gegenrevolutionäre erst nach zwei Tagen für sich entschieden. Die sozialistisch-kommunistische Gegenwehr blieb den Siegern als »Schmach von Giesing« in Erinnerung. Während der NS-Zeit rechneten die neuen Machthaber mit den Gegnern von damals ab.

Giesinger Berg 0

Martin-Luther-Straße

Im Anschluss an Verbreiterungsmaßnahmen am Giesinger Berg im Jahr 1934 wurde 1934/1935 die Martin-LutherStraße mitten durch den alten Obergiesinger Dorfkern hindurch geführt. Dem Durchbruch und der Verbreiterung fielen zahlreiche Gebäude des alten Bauerndorfs zum Opfer, darunter der Zehentbauernhof und der Gschwendtnerhof. Ziel der neuen Straßenführung war es, den zunehmenden Automobil- und Lastwagenverkehr über den Giesinger Berg direkt auf die Ausfallstraßen Grünwalder Straße und Tegernseer Landstraße zu leiten. Außerdem wollte man die damals entstehenden Neubausiedlungen besser mit der Münchner Innenstadt verbinden und ihre Anbindung an die überörtlichen Verkehrsachsen verbessern.

Martin-Luther-Straße 0

Lutherkirche

Schräg gegenüber der katholischen Pfarrkirche Heilig Kreuz wurde am 1. November 1927 die von Hans Grässel und Ulrich Ros geplante Lutherkirche (Martin-Luther-Straße 4) eröffnet. Die Einweihung geriet zur selbstbewussten Schau lutherischen Glaubens in einem katholisch geprägten Umfeld: Demonstrativ zogen zahlreiche Münchner Pfarrer im Talar durch die Straßen zur Kirche. Für den Festgottes dienst, den der erste Pfarrer Albrecht Schübel hielt, mussten sogar Platzkarten ausgegeben werden. Der Kirchenneubau entstand auf dem Gelände des ehemaligen Lehner-Bauernhofs und wurde vom »Evangelischen Verein« initiiert und vorangetrieben. Er war Ausdruck der rasch wachsenden protestantischen Gemeinde Giesings, die bis 1925 von St. Johannes in Haidhausen betreut wurde.

1935 bestand der Kirchenvorstand zur Hälfte aus überzeugten Nationalsozialisten; viele Gemeindemitglieder schlossen sich den »Deutschen Christen« an, die der NS-Ideologie nahe standen.

Pfarrer Karl Alt (1897–1951) war ab dem 1. Juli 1934 zugleich Anstaltsseelsorger in Stadelheim. Er begleitete zahlreiche evangelische Insassen zur Hinrichtung und berichtete darüber in seinem 1946 veröffentlichten Buch »Todeskandidaten« (Neuauflage 1994 unter dem Titel »Überschreiten von Grenzen«). Sehr eindrucksvoll schildert er darin seine Begegnung mit Sophie und Hans Scholl.

Wo heute das Gemeindehaus der Luther kirche steht (Weinbauernstraße 9), befand sich seit den 1820er Jahren die bei Künstlern und Ge - lehrten beliebte Weinwirtschaft »Zum Wein - bauern« der evangelischen Familie Dick aus der Pfalz. Wilhelm von Kaulbach, Johann Georg Dillis, Hermann von Schmid, Ludwig Thoma, Ludwig Ganghofer und Lena Christ gehörten zu ihren Gästen. Seit Ende der 1920er Jahre diente der »Weinbauer« den Giesinger Nationalsozialisten als Vereinslokal.

Die kriegszerstörte Lutherkirche wurde ab 1951 vereinfacht wieder aufgebaut. Auf die ausschwingenden Traufen des alten Satteldachs wurde ebenso verzichtet wie auf die Gauben im Norden und die steinernen Kreuze, die die Firste über den Giebeln schmückten. Auch das Innere wurde schlichter: Eine einfache Holzdecke ersetzte den ursprünglichen Stuck. Undatierte Auf nahme vom Origi nal zustand der Lutherkirche.

Martin-Luther-Straße 0

Ichoschule

Die 1914 erbaute Ichoschule (Icho str. 2) sollte die benachbarte Silberhornschule entlasten. Auch Franz Beckenbauer besuchte einst die Ichoschule. Bei den Bauarbeiten stieß man auf ein frühmittelalterliches Gräberfeld. Archäologen der damaligen Anthropologisch-Prähistori schen Staatssammlung untersuchten die 253 Gräber und die bereits 1897/1898 beim Bau der Wohnhäuser Tegernseer Landstraße 62– 72 gefundenen 50 Einzelgräber. Anhand der Grabbeigaben ließ sich die Nutzung des Gräberfel des, das auf dem ehemaligen Riegeranger zwischen Ichostraße, Tegernseer Landstraße und Silberhornstraße lag, auf die Zeit ab 570/580 n. Chr. festlegen. Die Nähe zur 1888 ab gerissenen Dorfkirche lässt vermuten, dass hier auch die frühmittelalterliche Siedlung lag. Die Funde sind in der Archäologischen Staatssammlung (Lerchenfeldstraße 2) deponiert.

1919 wurde an der Mauer unterhalb des großen Schulhauses ein Denkmal für Hermann von Schmid (1815–1880) angebracht. Der zu seinen Lebzeiten beliebte Autor wohnte von 1854 bis zu seinem Tod als hochgeachteter Giesinger in der Tegernseer Landstraße 98. Das von Hans Grässel (1860 –1939) gestaltete Ehrenmal musste 1942 dem von Ferdinand Liebermann (1883–1941) geschaffenen Freikorpsdenkmal weichen.

Dieses wurde am 3. Mai 1942 von Oberbürgermeister Karl Fiehler ent hüllt und stellte einen 10 Meter großen nackten Mann dar, der mit bloßen Händen eine Schlange erwürgt. 23 Jahre nach der »Schmach von Giesing« unterstrich die NSDAP-Parteiführung damit ihren Sieg über das »rote Giesing«. Das im Volksmund als »nackerter Lackl« verspottete Denkmal wurde auf Anordnung der Militärregierung 1946/1947 abgerissen. Heute be findet sich an der Mauer eine moderne Skulptur.

Ichostraße 0

Kloster der Armen Schulschwestern

Der 1833 gegründete Orden der »Armen Schulschwestern von unserer Lieben Frau« engagiert sich seit jeher für die schulische Ausbildung von Kindern aus ärmeren Bevölkerungs schichten und insbesondere für die »Mädchenbildung«. Bereits 1844 errichtete der Orden eine Filiale in Giesing. Ein Jahr später übertrug Pfarrer Ferdinand Herbst den Giesinger Schulschwestern die Leitung der damals gegründeten »Klein - kinderbewahranstalt«. Diese war zunächst in der Pfarrhof - schule (spätere Silberhornschule) und seit 1892/1893 in der Weinbauernstraße untergebracht. In dem von Pfarrgeldern und einer Spende König Ludwigs I. finanzierten Kindergarten wurden die zwei- bis sechsjährigen Kinder berufstätiger Giesingerinnen teils unentgeltlich betreut.

1858 beauftragte die Stadt München die Armen Schulschwestern damit, die Mädchen der Pfarrhof- beziehungsweise Silberhornschule zu unterrichten; seit 1886 führten die Schwestern außerdem den städtischen Kinderhort, der ebenfalls dort untergebracht war. Beide Aufgaben wurden dem Orden ab dem 1. April 1937 durch die nationalsozialistische Stadtverwaltung entzogen. Der kriegszerstörte Kindergarten wurde 1954 wieder eröffnet und im heute denkmalgeschützten ehemaligen Feuerlöschrequisitenhaus untergebracht (Weinbauernstraße 15). Die Armen Schulwestern wurden erneut mit dessen Leitung betraut, die sie bis 1998 versahen.

1979 wurde Schwester Lea Wittmann, die mit Unterbrechungen bereits vor dem Ersten Weltkrieg bei den Giesinger Schulschwestern tätig war, mit dem Bundesverdienstkreuz für über 65 Jahre Tätigkeit in Kindergarten und Hort ausgezeichnet. Zu ihren Schützlingen gehörten Franz Beckenbauer und Max Greger. Inzwischen dient das Kloster in der Kistlerstraße 11 den Ordensschwestern als Alters- und Krankenheim.

Kistlerstraße 0

Trikont-Verlag

Der Trikont-Verlag, der seit den 1970er Jahren in der Kistlerstraße 1 angesiedelt ist, ging 1967 aus dem Umfeld des Kölner »Sozialistischen Deutschen Studentenbunds« (SDS) hervor. Der nach der kubanischen Zeitung »Trikontinentale« beziehungsweise nach den drei Kontinenten Afrika, Asien und Südamerika benannte Verlag veröffentlichte Bestseller wie das Tagebuch Che Guevaras und die Mao-Bibel. Gedruckt wurden außerdem Schriften der Befreiungsbewegungen aus der »Dritten Welt«, der US-Bürgerrechtsbewegung, der Homosexuellen-Bewegung sowie feministische Literatur. 1975–1978 brachte die Veröffentlichung des Buches »Wie alles anfing« des Ex-Terroristen Bommi Baumann Trikont ein Ermittlungsverfahren ein, das mit einem Freispruch endete. 1981 stellte der Verlag seine literarische Tätigkeit ein. Trikont ist seither aus schließlich ein Musiklabel, dessen Spektrum Weltmusik, Volksmusik, Jazz und Pop abdeckt. Sepp Eibl, Rudi Zapf, Georg Ringsgwandl, Rocko Schamoni und Hans Söllner arbeiten mit Trikont zusammen

Kistlerstraße 1

Tela-Post

Die Tela-Post (Tegernseer Platz 7) entstand 1928/1929 auf dem letzten freien Areal des im alten Giesing gelegenen Abschnitts der Tegernseer Landstraße. Sie wurde als zentrales Postdienstgebäude mit Wohnungen und Werkstätten nach Plänen von Walther Schmidt und Robert Vorhoelzer, dem damaligen Leiter der Bauabteilung der Bayerischen Postverwaltung, erbaut. In seiner funktionalen Gestaltung unterschied sich der Bau deutlich von den benachbarten Gründerzeitbauten. Der weiße Kubus wurde von Kritikern als »Postkiste« abgelehnt, während Befürworter des »Neuen Bauens« das Gebäude als Durchbruch zur neuen Form und als Anschluss an die zeitgemäße europäische Architekturentwicklung feierten. Auch die Gestaltung des Innenraums und der Gebrauchsgegenstände folgte funktionalen Gesichtspunkten. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gebäude wurde originalgetreu wieder aufgebaut. Es steht unter Denkmalschutz und ist längst zu einem Wahrzeichen des Stadtteils geworden.

In den Jahren 1929– 1944 und 1952–1962 befand sich im flachen Vorbau des Postgebäudes das beliebte »Café-Tela«. Die Giesinger nannten es »Aquarium« wegen der großen Fensterscheiben, die den Blick auf das rege Treiben der Straße ermöglichten. Der Name des Cafés leitete sich von der Tegernseer Landstraße ab und wurde schon bald auch auf das Postgebäude übertragen

Tegernseer Platz 0

Emil Meier

In der Tegernseer Landstraße 69 wohnte der Kommunist Emil Meier (1909–1990). Er war im März 1933 unter den ersten politischen Häftlingen des KZ Dachau und wurde von dort erst zwei Jahre später entlassen. Bereits im April 1937 war Meier erneut für zwölf Wochen in Dachau inhaftiert. Nach dem Attentat im Bürgerbräukeller im November 1939 saß Meier vier Wochen in »Schutzhaft«. Wegen der Herstellung und Verbreitung anti nazistischer Flugblätter – u.a. bei Fußballspielen im »60-er Stadion« und in Eisenbahnzügen – wurde er am 7. Januar 1945 von der Gestapo festgenommen, anschließend im Keller des »Wittelsbacher-Palais« gefoltert und nach Stadelheim überführt. Durch das Ende des Krieges wurde die geplante Hinrichtung verhindert.

Tegernseer Landstraße 68

Heilig-Kreuz-Kirche

Genau wie die anderen 1854 eingemeindeten Vororte erhielt auch Giesing einen großstädtischen Kirchenbau. Der 1866 begonnene Bau der neuen katholischen Pfarrkirche Heilig Kreuz (Ichostraße 1) konnte wegen ständiger Finanzierungsprobleme erst 1886 abgeschlossen werden. Zwei Jahre nach Fertigstellung des monumentalen Kirchenneubaus musste die Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert der Straßenverbreiterung am Giesinger Berg weichen. Der in städtebaulich exponierter Lage errichtete Neubau übernahm von der alten Kirche den Namen und das frühbarocke Kreuz, das im Innenraum aufgehängt wurde. Die neugotische Hallenkirche wurde von Georg von Dollmann (1830–1895) geplant, der später für König Ludwig II. tätig war.

Anfang Mai 1919 postierte die Rote Armee auf dem strategisch günstig gelegenen 95 Meter hohen Turm des Gotteshauses Maschinengewehre, um die Räterepublik gegen die an rückenden Freikorpsverbände zu verteidigen. 1944 wurde die Kirche durch Luftangriffe stark beschädigt. Bis zum Wiederaufbau fanden Gottesdienste in der Kapelle des Klosters der »Armen Schulschwestern« in der Kistlerstraße 11 und in der Kapelle der »Niederbronner Krankenschwestern« im »Alfonsheim« an der Gietlstraße statt. 

Ichostraße 1

Feldmüllersiedlung

Die Feldmüllersiedlung entstand 1840– 1845 als Kleinhaussiedlung. Die neue Siedlung lag jenseits des Obergiesinger Ortskerns und unterschied sich deutlich von dessen bäuerlichen Gebäuden. Sie umfasst das Gebiet zwischen Ichostraße, Gietlstraße, Tegernseer Landstraße und Heilig-Kreuz-Kirche. Benannt ist sie nach der Wirtstochter, Wirtin und Grundstücksspekulantin Theres Feldmüller (geb. 1801), die von 1840–1846 in Giesing lebte. Feldmüller hatte hier ein großes Grundstück geerbt, das sie stückweise an zuziehende Tagelöhner, Handwerker und Kleingewerbetreibende verkaufte. Die neuen Eigentümer bebauten die Parzellen mit kleinen, dicht nebeneinander stehenden, meist einstöckigen, schlicht gestalteten »Eigenheimen« mit kleinen Gärten oder Hinterhofgewerbe.

Um den Verfall der denkmalgeschützten Siedlung zu stoppen, beauftragte der Münchner Stadtrat im September 1983 die Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung mbH (MGS) mit der Sanierung der Feldmüllersiedlung. 

Mit Hilfe des »Herbergenprogramms« gelang bis 2005 die behutsame Moder nisierung der Kleinhäuser. Giesinger beziehungsweise Münchner Handwer ker erwarben die Klein häuser und wurden bei den umfangreichen und kostenintensiven Sanierungsmaßnahmen mit städtebaulichen Fördermitteln unterstützt. Der besondere Charakter des Quartiers, das von der Lebensrealität einer Münchner Vorstadt zeugt, wurde vor den zerstörerischen Expansions wünschen der Wirtschaft bewahrt.


Kriegerheim

An der Ecke Gietlstraße/Untere Grasstraße trafen sich die Obergiesinger Kommunisten in der Gartenwirtschaft »Kriegerheim«, die später der Giesinger Ortsgruppe der NSDAP als Versammlungslokal diente.

Untere Grasstraße 0

Lotte und Gottlieb Branz

Die Wohnung der langjährigen SPD-Mitglieder Lotte (1903– 1987) und Gottlieb Branz (1896–1972) befand sich in der Aignerstraße 3. Das Ehepaar engagierte sich im Wider stand gegen den Nationalsozialismus und arbeitete eng mit Waldemar von Knoeringen und der Widerstandsgruppe »Neu Beginnen« zusammen. Gottlieb Branz war bis zur Zerschlagung der SPD durch die Nationalsozialisten Vorsitzender der SPD Obergiesing I und Bibliothekar im Gewerkschaftshaus in der Pestalozzistraße. Von Juni bis Oktober 1933 saß er im KZ Dachau ein. Seine anschließende Tätigkeit als Vertreter einer Zigarettenfirma nutzte er zur unauffälligen Kontaktaufnahme mit anderen NS-Gegnern. 1935–1937 machte das Ehepaar zahlreiche Kurierfahrten ins benachbarte Ausland, um sich mit von Knoeringen auszutauschen und illegale Literatur über die Grenze zu schmuggeln. Mehrmals verhalfen sie Juden zur Flucht über die deutsch-tschechische Grenze. Anfang 1939 wurde Gottlieb Branz in seiner Obergiesinger Wohnung verhaftet und blieb bis Kriegsende im KZ Buchenwald inhaftiert. 

Lotte gab daraufhin ihre Arbeit im Widerstand auf. Nach dem Krieg wirkten beide am Wiederaufbau der SPD mit. Gottlieb führte von 1948 bis 1956 die SPD-Fraktion im Münchner Stadtrat, Lotte Branz wurde Vorsitzende der Sozialdemokratischen Frauen in Bayern. Sie arbeitete bis ins hohe Alter als Dozentin an der von ihr mitbegründeten Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel am See. 2003 wurde in Freimann eine Straße nach ihr benannt.

Aignerstraße 3

Werkstatt von Konstantin Frick

In der Tegernseer Landstraße 38/42 befand sich die Werkstatt von Konstantin Frick (1907–2003), der 1929 die Steinmetz- und Steinbildhauerfirma seines Vaters übernahm. Frick ließ sich zum akademischen Bildhauer ausbilden und gestaltete zahlreiche Grabmäler auf fast allen Friedhöfen Münchens. Außerdem schuf er den Spitzweg-Brunnen am Münchner Stephansplatz, den Brunnen auf der Piazza Brá in Münchens Partnerstadt Verona und die Giesinger Geschichtssäule am Tegernseer Platz. Im ehemaligen Atelierhof in der Tegernseer Landstraße sind zwei lebensgroße Gorillas aus aus Sandstein und Muschelkalk aufgestellt.

Tegernseer Landstraße 38

Öko-Installation eines Mahagoni-Stamms

Auf dem Edelweißplatz steht seit 1987 die Öko-Installation eines Mahagoni-Stamms (»Torre Pendente«) des Bildhauers Rudolf Wachter

Edelweißplatz 0

Wohnung von Franz Beckenbauer

In der Zugspitzstraße 6 befand sich die Wohnung von Franz Beckenbauer, dessen Fußballerkarriere in der Jugendabteilung des »SC 1906« begann. 1956– 2008 wurde in der St.-Martin-Straße auf einem Ascheplatz gekickt, der wegen seiner Farbe in Anlehnung an das berühmte Dortmunder Stadion auch »Kampfbahn Rote Erde« genannt wurde.

Zugspitzstraße 6

Ostfriedhof

Nachdem der alte Giesinger Friedhof an der Gietlstraße 1876 aufgelassen worden war, entstand als Erweiterung des Auer Friedhofs von 1817/1821 der Ostfriedhof. Hans Grässel hatte diesen dann 1891–1894 im Rahmen der Neustrukturierung der Münchner Friedhöfe gestaltet. Von Grässel stammen auch das repräsentative neoklassizistische Friedhofsgebäude am St.-Martins-Platz 1 und das Krematorium. Die Aussegnungshalle wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und durch Hans Döllgast (1891–1974) vereinfacht wieder aufgebaut. Döllgasts Grab befindet sich auf dem Ostfriedhof.

Im Krematorium wurde eine nicht bekannte Anzahl von Men - schen, die im Gefängnis Stadelheim aus politischen Gründen ermordet worden war, eingeäschert. So verbrann ten die Nationalsozialisten hier während des »Röhm-Putsches« (Juni/Juli 1934) die sterblichen Überreste ehe ma liger Weggefährten und von Regimegegnern. Später wurden die Leichen von 3.996 Häftlingen eingeäschert, die aus den Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald und Auschwitz sowie aus sogenannten Euthanasie-Anstalten hierher gebracht worden waren. An diese Opfer des Nationalsozialismus erinnert seit 1958 ein von Konstantin Frick geschaffener Gedenkstein. Im Oktober 1946 wurden hier die Leichen von zehn in Nürnberg verurteilten Hauptkriegsverbrechern eingeäschert.

Auf dem Ostfriedhof befinden sich die Gräber zahlreicher bekannter Münchner Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer, Wirte, Brauer, Schriftsteller, Schauspieler und Musiker. Bestattet sind hier die ehemaligen Münchner Oberbürgermeister Karl Scharnagl (1881–1963) und Thomas Wimmer (1887–1964), der ehemalige zweite Bürgermeister Georg Brauchle (1915–1968) und der erste Münchner Kulturbeauftragte Hans Ludwig Held (1885–1954). Auch der Nobelpreisträger für Chemie, Hans Fischer (1881–1945), Oktoberfestund Giesinger Wirt Hans Steyrer (1849–1906), Sportreporter Josef Kiermeier (1897–1967), Schlagersänger »Rex Gildo« (eigentlich Ludwig F. Hirtreiter, 1936–1999), der Münchner Modezar Rudolph Moshammer (1940–2005) und Bernhard von Gudden (1824–1886), der Psychiater Lud wigs II., der mit diesem im Starnberger See umkam, sind hier zur letzten Ruhe gebettet; außerdem die Schriftsteller Ernst Hofe rich - ter (1885–1966), Josef Hofmiller (1872–1933), Carl Amery (eigentlich Christian Anton Mayer, 1922–2005) und Jörg Fauser (1944–1987), die Schriftstellerinnen Carlamaria Heim (1932–1984) und Else Bernstein (1866–1949), die Schauspieler Adolf Gondrell (1902–1954), Wastl Witt (1882–1855), Toni Berger (1921–2005) und Erich Hallhuber (1951–2003), die Schauspielerinnen Erni Singerl (1921–2005) und Barbara Valentin (eigent lich Ursula Ledersteger, 1940–2002) sowie die Komponisten Friedrich Hollaender (1896–1976) und Peter Kreuder (1905–1981).

Am 26. Februar 1919 wurde der wenige Tage zuvor ermor dete Bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner am Ostfriedhof beigesetzt. Die Münchner Freien Gewerkschaften enthüllten am 1. Mai 1922 auf dem Ostfriedhof ein Denkmal, das »den Toten der Revolution« gewidmet war. Im Sockel wurde Eisners Urne eingemauert. Am 22. Juni 1933 zerstörten Nationalsozialisten das Revolutionsdenkmal. Kurt Eisners Urne wurde auf dem neuen Israelitischen Friedhof in der Garchinger Straße 37 in einem Gemeinschaftsgrab mit Gustav Landauer beigesetzt. Nach dem Krieg gestaltete der Giesinger Künstler Konstantin Frick das Denkmal originalgetreu nach.

St. Martin Platz 1

Städtisches Altenheim St. Martin

Das St.-Martin-Spital (St.-Martin-Straße 34) wurde 1892–1894 nach Plänen von Carl Hocheder (1854–1917) gegenüber dem damals zum Großfriedhof ausgebauten Ostfriedhof errichtet. Da in Giesing (neben der Au, Haidhausen und dem Westend) die meisten Armen Münchens lebten, war es naheliegend, in diesem Stadtbezirk das sechste städtische Armenhaus zu bauen. Hier sollten Bedürftige untergebracht und versorgt werden, die in München das Heimatrecht besaßen, aber nicht in der Lage waren, für ihren eigenen Unterhalt zu sorgen. Nach dem Willen des Münchner Stadtrats sollte der Neubarockbau neue Maßstäbe in der städtischen Armenpflege setzen und hinsichtlich seiner räumlichen und hygienischen Verhältnisse vorbildlich sein. Die 300 städtischen Kostgänger (Pfründner), die im Eröffnungsjahr das Spital bezogen, verzichteten weitgehend auf ihre Privatsphäre und unterwarfen sich einer strengen Hausordnung. Die neue Anstalt konnte die Situation der Münchner Armen nur vorübergehend verbessern: Schon vor dem Ersten Weltkrieg geriet die ehemalige »Musteranstalt« wegen dauerhafter Überbelegung, knapper Essensversorgung und Hygienemängeln in die Kritik.

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden der Romanist Victor Klemperer (1881–1960) und seine Frau Eva für mehrere Tage im St. Martin-Spital aufgenommen. Das Ehepaar war nach den verheerenden Luftangriffen vom 13. und 14. Februar 1945 aus Dresden geflüchtet und kam völlig entkräftet und mittellos in München an.

Die wiederholten Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen seit dem Zweiten Weltkrieg machten das Gebäude zu einem Altenheim, das den jeweiligen Standards der Zeit entsprach. Bis 1983 wurde die Einrichtung von den »Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul« geführt. Inzwischen begegnen sich auf dem Gelände des ehemaligen Armenspitals mehrere Generationen: Untergebracht sind hier das Stadtbereichszentrum-Ost der Münchner Volkshochschule, die Senioren-Volkshochschule Giesing, die Hauptverwaltung der städtischen Münchenstift GmbH und deren Haus St. Martin, die Abteilung Kindertagesbetreuung und die Ambulanten Erziehungshilfen Giesing des Sozialreferates, der Verein Giesinger Familien e.V. sowie mehrere städtische und private Kindertageseinrichtungen.

St.-Martin-Straße 34

Königin des Friedens

Mit dem Bevölkerungswachstum Giesings seit Ende des Ersten Weltkriegs wuchs auch die Anzahl der dort ansässigen Gläubigen. Dieser Zuwachs führte 1935 zur Gründung einer vierten Tochtergemeinde der Stadtpfarrei Heilig Kreuz. Bemerkenswerterweise erhielt die zwei Jahre nach der »Machtergreifung« und vier Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs gegründete neue Pfarrei den Namen Königin des Friedens (Untersbergstraße 1). Bereits im Januar 1935 wurde Robert Vorhoelzer, dem die Nationalsozialisten im Oktober 1933 seinen Lehrstuhl an der Technischen Hochschule München entzogen hatten, vom Erzbischöflichen Ordinariat mit der Planung der neuen Kirche beauftragt. Der Architekt, der wenige Jahre zuvor die Tela-Post gebaut hatte, entwarf auch die Kirche Königin des Friedens zunächst im Stil des Neuen Bauens. Sein Entwurf vom Frühjahr 1935 zeigt eine Kirche mit flachem Turm und glatten, weitgehend schmucklosen Mauerflächen. Über dem Portal des Haupteingangs sollte in übergroßen Buchstaben das Wort »Friede« stehen. Nachdem diese Version nicht durchsetzbar war, ver wirklichte Vorhoelzer einen gemäßigt modernen Kirchenbau mit neoromanischen Formelementen. Der Bau wurde am 24. Oktober 1937 vom Münchner Erzbischof Kardinal Michael von Faulhaber feierlich eingeweiht. Wenig später schuf Albert Burkart das Chorfresko »Frieden«, die Tafelbilder der Seitenaltäre (1938 und 1940) und die Kreuzwegstationen (1940/1941). Unmittelbar nach dem Krieg setzte sich Vorhoelzer für den originalge treuen Wiederaufbau der kriegszerstörten Kirche ein.

Untersbergstraße 1

Anton-Fingerle-Bildungszentrum

Wo sich von 1906 bis 1980 die Hallen des 1976 stillgelegten Straßenbahndepots befanden, wurde 1984 das Anton-Fingerle-Bildungszentrum (Schlierseestraße 47) errichtet. Das Zentrum beherbergt die städtischen Bildungsstätten des Zweiten Bildungswegs und der Sozialen Bildung (Fachakademien und Berufsfachschulen), eine Stadtteilbibliothek und einen großen Veranstaltungssaal. Von 1984 bis 2007 war hier auch das Stadtbereichszentrum Ost der Münchner Volkshochschule untergebracht.

Anton Fingerle (1912–1976) war von 1945 bis 1976 Stadtschulrat und in dieser Funktion mit dem Wiederaufbau des Schul- und Sportwesens betraut. Aufgrund seiner zahlreichen Initiativen und Leistungen für die Kinder und Jugendlichen Münchens war Fingerle parteiübergreifend hoch angesehen.

Schlierseestraße 47

Giesinger Bahnhof

Der Giesinger Bahnhof wurde am 10. Oktober 1898 an der neu entstandenen Bahnstrecke München Ost – Deisenhofen eröffnet. Der mehr als einen Kilometer vom Giesinger Zentrum entfernt gelegene Bahnhof war damals noch von Gärtnereien, Wiesen und Feldern umgeben. Erst mit der Errichtung von Wohnblocks entlang der Deisenhofener Straße in den 1920/1930er Jahren wuchs die Bebauung Giesings an den Bahnhof heran.

Schon bald nutzten die Münchner die Lokalbahnstrecke für Ausflüge in die nähere Umgebung und in den Hofoldinger Forst (»Schwammerl Bahnhof«). Mit dem weiteren Ausbau der Strecke in Richtung Süden wurde der Giesinger Bahnhof zum Abfahrtsbahnhof für Skifahrer und Bergsteiger.

Von den Industriebetrieben, die sich schon bald in Bahnhofsnähe ansiedelten, liegen beziehungsweise lagen viele jenseits der Grenzen des heutigen Stadtbezirks 17. Darunter der petrochemische Betrieb Deiglmayr an der Aschauer Straße (vormals Stadelheimer Straße), die Kaffeerösterei Dallmayr, eine Bettfedernfabrik, das nicht fertig gestellte »Kriegsmetallwerk München Süd-Ost« der Firma Siemens & Halske an der Ständlerstraße (später Straßenbahn-Hauptwerkstätte), die Optischen Werke Steinheil und die »Schaltbau«. Im heutigen Obergiesing ließen sich die Karosseriefabrik Beißbarth, der feinmechanische Betrieb von Wilhelm Sedlbauer und die Firma Agfa mit ihrem Kamera-Werk an der Tegernseer Landstraße nieder.

Während des Zweiten Weltkriegs befand sich auf dem Bahnhofsgelände das KZ-Außenlager »Mollblock«. Hier waren ab September 1944 etwa 500 bei der Firma Agfa eingesetzte Polinnen untergebracht. Heute ist der Giesinger Bahnhof ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, an dem S-Bahn-, U-Bahn-, Straßenbahnund Buslinien aufeinandertreffen.

Das Bahnhofsgebäude wurde 1985 als eines der letzten Vorstadtbahnhofsgebäude Münchens unter Denkmalschutz gestellt. Der Verfall des Gebäudes wurde gestoppt und 2004 zog das Stadtteil-Kulturzentrum Giesinger Bahnhof ein. Träger ist der 1979 gegründete Verein der Freunde Giesings. Neben Veranstaltungsräumen sind hier eine Gaststätte und das Archiv der Freunde Giesings untergebracht.

2003 begann die Neu - gestaltung des Bahnhofsgeländes. Neben Wohnanlagen ent standen ein Gesundheitszentrum und ein Seniorenheim. Der Bahnhofsplatz wurde zu einem Bürgerplatz mit Bäumen und Parkbänken umgestaltet, auf dem ein Wochenmarkt nd andere Veranstaltungen stattfinden. 

Giesinger Bahnhofsplatz 0

Kirche »Zu den heiligen Engeln«

Aufgrund des anhaltenden Bevölkerungswachstums entstand im Giesinger Südosten noch vor Kriegsende die katholische Kuratie und Notkirche »Zu den heiligen Engeln«. Die Pfarrkirche an der Weißenseestraße 35 schuf 1954/1955 der Architekt Hansjakob Lill, der als Vorreiter des modernen Kirchenbaus in München gilt. Die Glasfenster gestaltete Albert Burkart.

Weißenseestraße 35

Walchenseesiedlung

Die Walchenseesiedlung entstand im Rahmen des Münchner Großsiedlungsprogramms der Jahre 1927–1930, mit dem die Stadt der drängenden Wohnungsnot begegnete. Basierend auf dem Vorentwurf von Johanna Loev wurden unter der Leitung von Carl Jäger um den Walchenseeplatz zwischen Deisenhofener und Perlacher Straße langgestreckte viergeschossige Wohnblöcke mit Zwischenbauten errichtet. Die »Gemeinnützige Wohnungsfürsorge AG« (Gewofag) trat im Auftrag der Stadt als Bauherr und Vermieter auf. Die Baukosten konnten durch standardisierte Grundrisse und durch das typisierte äußere Erscheinungsbild der Wohnblöcke gering gehalten werden. Gebaut wurden vor allem Kleinwohnungen von 50 und 60 Quadratmeter Wohnfläche. Die Grundrisse waren so ausgerichtet, dass die meisten Wohnungen direktes Sonnenlicht hatten. Alle Wohnungen verfügten über eine moderne Wohnküche, die meisten über ein Bad. Am Walchenseeplatz standen den Anwohnern eine Zentralwäscherei sowie Wannen- und Brausebäder zur Verfügung.

Die hohe Bau- und Wohnqualität und die gute Verkehrsanbindung zeichnen die Walchenseesiedlung auch heute noch aus. Die meisten der großzügigen, verkehrsberuhigten und begrünten Höfe und Plätze sind renoviert und werden zum Spielen und zum Wäschetrocknen genutzt. Am Walchenseeplatz steht seit 1930 das »Brunnenbuberl« von Walther von Hattingberg.


An der Ecke Perlacher Straße/Untersbergstraße (zwischen Perlacher Straße und Chiemgaustraße) befand sich einst eine riesige Kiesgrube, die der Abfallentsorgung Münchens, nach dem Zweiten Weltkrieg auch der US-Armee, diente. Der Obergiesinger Schriftsteller Werner Schlierf (1936 –2007) beschreibt in »Kiesgruben-Krattler«, wie sich die hungernde Giesinger Bevölkerung in der Nachkriegszeit von den Abfällen der Besatzungsmacht ernährte. Nach der Stilllegung der Grube entstanden westlich der Untersbergstraße Er weiterungsbauten des Agfa-Werks.

Perlacher Straße/ 0

KZ-Außenlager Agfa

Auf dem Gebiet der heutigen Weißenseestraße 7–15 befand sich ein Außenlager des KZ Dachau. Hier waren seit September 1944 ca. 500 Frauen untergebracht, die hauptsächlich aus Polen, Holland, der Ukraine, Jugoslawien, Belgien und Frankreich stammten und für das »Agfa Camerawerk« arbeiten mussten. Der als kriegswichtig eingestufte Betrieb hatte die Frauen bei der SS angefordert und setzte sie bei der Herstellung von Bombenzündern ein. Das Lager befand sich in einem viergeschossigen Rohbau, der von Stacheldraht und vier Wachtürmen umgeben war. Die Häftlinge wurden von einem Kommandoführer mit Stellvertreter und elf SS-Aufseherinnen bewacht und täglich zum Arbeitseinsatz in die Tegernseer Landstraße begleitet. Im Lager herrschten miserable hygienische Verhältnisse und gravierende bauliche Mängel. Schwere Erkrankungen wie Typhus, Scharlach und Tuberkulose waren die Folge. Die Zustände waren so schlimm, dass ein Teil der Frauen am 12. Januar 1945 die Arbeit verweigerte. Am 27. April 1945 wurde das Lager in der Weißenseestraße evakuiert. Der »Todesmarsch« führte die Frauen über Grünwald nach Wolfratshausen, wo sie am 1. Mai von US-Soldaten befreit wurden. 1993 besuchte eine Delegation holländischer Frauen das KZ Dachau und das Außenlager in Giesing.

Weißenseestraße 7

Agfa

Ende der 1920er Jahre bezog die Firma Agfa (»Actien-Gesellschaft für AnilinFabrikation«) das ehemalige Areal der Firma Sedlbauer an der Tegernseer Landstraße. 1928 waren bei Agfa etwa 950 Arbeitskräfte mit der Herstellung von Kameras beschäftigt, zwei Jahre später war das Obergiesinger Kamerawerk nach der Firma Kodak der weltweit zweitgrößte Hersteller von Fotoapparaten. Nach der »Machtergreifung« wurde das »Agfa-Camerawerk« schrittweise in einen Rüstungsbetrieb umgewandelt. Bald wurden hier keine Fotoapparate mehr, sondern Zünder für Fliegerbomben, Gewehr-Zielfernrohre und Aufschlagzünder hergestellt.

Während der NS-Zeit war hier die wohl aktivste und am längsten bestehende kommunistische Widerstandsgruppe der Münchner Betriebe tätig. Sie flog auf durch den ehemaligen Giesinger KPDler Max Troll, der unter dem Decknamen »Theo« seine Kameraden im Auftrag der Gestapo bespitzelte und verriet. Im Frühjahr 1937 war der kommunistische Widerstand im »Agfa-Camerawerk« gebrochen.

1943 bis 1944 sammelte sich der Widerstand bei Agfa in der »Antinazistischen Deutschen Volksfront« (ADV). Unter Ferdinand Baader stand die ADV mit zahlreichen Widerstandsgruppen in Münchner Betrieben und mit der BSW (»Bratskoje Sotrudnitschestwo Wojennoplennych«/Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen) in der Schwanseestraße (heute Herbert-Quandt-Straße) in Kontakt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog das Agfa-Werk vollständig von Berlin nach München. Erweiterungsbauten wurden notwendig. 1957 entstand an der Tegernseer Landstraße 161 ein Hochhaus für Verwaltungs- und Konstruktionsbüros sowie für die Forschungslabors. Bis 1982 war Agfa mit circa 4.600 Beschäftigten Giesings größter Arbeitgeber. Danach wurde die Kamerafertigung nach Belgien verlagert und 2.500 Arbeitsplätze gingen verloren. In Giesing verblieben die Filmentwicklung und die Reparaturabteilung.

2007/2008 wurden weite Teile des ehemaligen Agfa-Werks abgerissen. Nach der Sanierung des mit Schwermetallen belasteten Bodens wird jetzt zwischen Tegernseer Landstraße, Spix-, Perlacher-, Untersberg- und Weißenseestraße ein Wohn- und Gewerbepark (»Agfa-Park«) gebaut. Hier sollen 1.200 Arbeitsplätze und Wohnraum für circa 2.000 Per sonen entstehen.

Tegernseer Landstraße 0

Reichszeugmeisterei/McGraw-Kaserne

1934 kaufte die NSDAP das Grundstück zwischen Tegernseer Landstraße, Peter-Auzinger- und Soyerhofstraße, das einst der Karosseriebaufirma Beißbarth gehört hatte. Zwei Jahre später erwarb die Partei den Warthof, der seit 1911 als evangelisches Waisenhaus genutzt wurde. Auf dem riesigen, verkehrstechnisch günstig gelegenen Areal entstanden ab 1935 die Gebäude der Reichszeugmeisterei, des Reichsautozugs Deutschland und des Hilfszugs Bayern. Neben Dienstgebäuden und Wohnblocks zur Unterbringung der Beschäftigten wur den unter anderem ein Fernheizwerk mit einem weithin sichtbaren rechteckig gefassten Turm, eine Großgarage, Werkstätten, eine Tankstelle und eine Zeltwäscherei errichtet. Die Reichszeugmeisterei war das zentrale Beschaffungsamt der NSDAP und entwickelte sich zu deren größten Dienststelle. Sie kontrollierte die Herstellung und den Vertrieb sämtlicher parteiamtlicher Ausrüstungsgegenstände und Uniformen wie Braunhemd, Hakenkreuzfahne und Parteiabzeichen.

Der Reichsautozug Deutschland gewährleistete mit seinen etwa 100 Spezialfahrzeugen und seinen Lautsprecherkapazitä ten die technische Ausstattung von Großveranstaltungen. Der Hilfszug Bayern war bei Massenveranstaltungen zuständig für die Verpflegung und den Sanitätsbereich. Ab 1938 wurden die mobile Großküche, der Operationswagen, die Lazarettzelte und die Wohnzeltanlage des Hilfszugs Bayern bei der Besetzung Österreichs, der Sudetengebiete und der Tschechoslowakei eingesetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmte die US-Armee die weitgehend unzerstörten Gebäude als Kaserne und benannte sie 1948 nach dem im Rheinland gefallenen Gefreiten Francis X. McGraw (1918–1944). Die McGraw-Kaserne war zunächst Sitz der Militärregierung für Bayern. Bis 1964 war hier die US-Militärpolizei untergebracht, später Nachrichtendienstabteilungen (Military Intelligence). Von 1975 bis 1992 be fand sich hier das Hauptquartier von AAFES-EUR (Army and Air Force Exchange Service Europe), das für die Verwaltung und Versorgung von Einkaufsläden, Snack-Bars und Tankstellen in ganz Europa zuständig war. Auf dem Kasernenareal entstanden zahlreiche zentrale Service- und Freizeiteinrichtungen für Angehörige der US-Armee und für amerikanische Zivilangestellte: Es gab einen Supermarkt (Commissary), ein Kino, Sporteinrichtungen, Bars und eine Filiale der University of Maryland. Deutsche Firmen belieferten die Kaserne und mehrere hundert deutsche Zivilisten arbeiteten hier

Am 2. August 1972 wurde der McGraw-Graben unterhalb des Kasernengeländes eröffnet. Dadurch wurde die seit Kriegsende für deutsche Fahrzeuge im Kasernenbereich gesperrte Tegernseer Landstraße wieder passierbar.

Nach dem Abzug der US-Truppen 1991/1992 bezogen verschiedene Dienststellen der Münchner Polizei die ehemalige McGraw-Kaserne. Die Ansiedlung weiterer Dienststellen und die Schaffung von Wohnungen für Polizisten sind geplant. Im Dezember 2014 wurde auf dem ehemaligen Kasernenareal eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge eröffnet. Seit 2011 stehen die vormalige Reichszeugmeisterei und die Großgarage des Hilfszugs Bayern unter Denkmalschutz. An die amerikanische Zeit erinnert eine Plakette am Hauptportal Tegernseer Landstraße 210.

Im September 2001 wurde an der Soyerhofstraße in Erinnerung an den Sendeturm des Soldatensenders AFN (American Forces Network) die AFN-Memorial Pyramid von Karl-Heinz Kappl eingeweiht. 

Tegernseer Landstraße 0

Justizvollzugsanstalt Stadelheim

1889 erwarb die Stadt München das landwirtschaftliche Gut Stadelheim, um hier 1892–1894 das Königliche Straf - vollstreckungsgefängnis Stadel heim zu errichten (Stadelheimer Straße 12). Der Volksmund taufte die Anstalt, in der zunächst vor allem Kleinkriminelle und Untersuchungshäftlinge einsaßen, »St. Adelheim«.

Im »Stadelheimer Tagebuch« berichtet der Schriftsteller Ludwig Thoma über seine sechswöchige Haft, die er 1906 wegen der Veröffentlichung eines satirischen Gedichts in der Zeitschrift »Simplicissimus« absitzen musste. Auch Kurt Eisner saß hier ein, nachdem er im Januar 1918 zum Generalstreik aufgerufen hatte. Im Mai 1919 wurde Stadelheim erstmals zum Schauplatz politischen Terrors: Anhänger und Repräsentanten der Räterepublik wurden hier ermordet, unter ihnen der Sozialphilosoph und vormalige Volksbeauftragte für Volksaufklärung der Münchner Räterepublik, Gustav Landauer. Eugen Leviné, KPD-Politiker und Anführer der zweiten, kommunistischen Münchner Räterepublik, wurde am 4. Juni 1919 wegen Hochverrats verurteilt und einen Tag später in Stadelheim erschossen.

1922 war Adolf Hitler wegen Landfriedensbruch vier Wochen in Stadelheim inhaftiert. Nach der »Machtergreifung« wurde das Gefängnis zu Bayerns zentraler Haft- und Untersuchungs anstalt für politische Gefangene. Hier wurde 1934 die Mordaktion an Ernst Röhm und der SA-Führung durchgeführt. 1942 wurde Stadelheim Hinrichtungsstätte des südöstlichen Reichsgebiets. Die Hinrichtungen wurden seit 1936 überwiegend mit dem Fallbeil (Guillotine) vollstreckt. Gekleidet in Gehrock und Zylinder vollzog Scharfrichter Johann Reichart (1893–1972) zusammen mit seinen Gehilfen von 1933 bis 1945 in Stadelheim mindestens 1.000 Hinrichtungen. Unter den Hingerichteten waren die Widerstandskämpfer Hermann Frieb, Bebo Wagner, Walter Klingenbeck, die Geschwister Hans und Sophie Scholl, Prof. Kurt Huber, Alexander Schmorell, Willi Graf und Hans Karl Leipelt sowie zahlreiche weitere Widerstandskämpfer verschiedener Nationalität, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Erst 1974 wurde »Den Opfern der Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945«, die in Stadelheim umgebracht worden waren, eine Gedenkstätte errichtet. 34 Jahre später, am 23. Februar 2008, wurde die Gedenkstätte schließlich zum 65. Jahrestag der Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl und von Christoph Probst öffentlich zugänglich gemacht. 

Stadelheimer Straße 0

Frauengefängnis

Ende Mai 2009 wurde das neue Frauengefängnis eröffnet (Schwarzenbergstraße 14), das den Altbau in Neudeck ablöst. Der moderne Gefängnisbau bietet 160 Haftplätze, außer dem 60 Plätze für jugendliche Häftlinge sowie zehn Plätze für Frauen mit kleinen Kindern.

Schwarzenbergstraße 14

Herbert-Quandt-Straße

In der Herbert-Quandt-Straße (bis 1987 Schwanseestraße) befand sich eines der zahlreichen Kriegsgefangenenlager Münchens. Das Lager war 1942 für sowjetische Offiziere eingerichtet worden. Anfang 1943 wurde hier die bedeutendste Widerstandsorganisation von Ausländern in Deutschland gegründet: die BSW (»Bratskoje Sotrudnitschestwo Wojennoplennych«/Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen), von der in circa 20 Münchner Kriegsgefangenen lagern Zellen entstanden. Zu den Initiatoren der BSW zählten Roman Petruschel, Michail Kondenko, Josef Feldmann und Karl Osolin.

Die BSW wollte zwar alle Kriegsgefangenen gewinnen, fand aber lediglich bei sowjetischen Gefangenen und bei »Ostarbeitern« Zuspruch. Sie rief die Zwangsarbeiter der kriegswichtigen Betriebe Agfa, Krauss-Maffei und BMW zur Sabotage auf. Zusammen mit der »Antinazistischen Deutschen Volksfront« (ADV) um Emma und Hans Hutzelmann, Rupert Huber, Karl Mervaert und Karl Zimmet legte die BSW Waffenlager für die angestrebte Selbstbefreiung und den Kampf gegen die Nationalsozialisten an. Diese Aktivitäten flogen auf und bis zum Frühjahr 1944 wurden 383 Personen verhaftet. Am 4. September 1944 erschoss die SS 92 sowjetische Kriegsgefangene in Dachau. 

Die deutschen Mitglie der des Widerstandes wurden im Dezember 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode beziehungsweise zu hohen Haftstrafen verurteilt: So wurden Hans Hutzelmann, Rupert Huber und Karl Mervaert am 15. Januar 1945 enthauptet. Emma Hutzelmann gelang die Flucht, doch starb sie wenig später bei einem Luftangriff. Karl Zimmet überlebte, da er erfolgreich eine Geisteskrankheit vortäuschte.

1987 wurde die auf dem Gelände des ehemaligen Lagers neu angelegte Straße nach dem Unternehmer Herbert Quandt (1910–1982) benannt, dessen Familie die Mehrheit des Aktienkapitals bei BMW besaß. Als kriegswichtiger Betrieb profitierte BMW von den Aufträgen des nationalsozialistischen Regimes, für die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ausgebeutet wurden.

Herbert-Quandt-Straße 0

Friedhof am Perlacher Forst

Der von Hermann Leitensdorfer gestaltete Friedhof am Perlacher Forst wurde 1931 eröffnet (Stadelheimer Straße 24). Hier liegt auch der frühere Bayerische Ministerpräsident und »Vater der bayerischen Verfassung« Wilhelm Hoegner begraben. Besondere Bedeutung hat der Friedhof am Perlacher Forst aufgrund der zahlreichen Gräber von Opfern des Nationalsozialismus. Hier befinden sich die Gräber der im benachbarten Gefängnis Stadelheim hingerichteten Mitglieder der »Weißen Rose« Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell und Hans Leipelt.

1954 wurden 93 der von 1942 bis 1945 aus politischen Gründen in Stadelheim Hingerichteten verschiedener Nationalität in ein Sammelgrab umgebettet; seit 1996 nennt der Gedenkstein des »Sammelgrabs II/KZ-Ehrenhains II« die Namen der hier Bestatteten. 1960 wurde die Grabanlage für »Displaced Persons« errichtet. Hier wurden 1.122 ehemalige Zwangsarbeiter des NS-Staates aus zwölf Nationen zusammengebettet, die vorher in verschiedenen Münchner Friedhöfen bestattet worden waren.

Am 10. November 1950, dem »Tag der Opfer des Nationalsozialismus« wurde der »KZEhrenhain« eingeweiht. Er erinnert an 4.092 Opfer des NS-Regimes, die in Konzentra tions lagern und Euthanasieanstalten ermordet wurden und umgekommen sind und deren Urnen nach dem Zweiten Weltkrieg im Krematorium des Ostfriedhofs gefunden worden waren. Ein ein facher Gedenkstein mahnt an der Stelle, die durch 44 Steinplatten und 72 Linden gestaltet ist.

Stadelheimer Straße 24

Reichskleinsiedlung am Perlacher Forst

Die Reichskleinsiedlung am Perlacher Forst wurde am 8. Oktober 1933 eröffnet. Sie war ab 1932 im Rahmen eines staatlich und städtisch geförderten Siedlungsprogramms erbaut worden. Mit Hilfe eines Reichsdarlehens von 2.500 RM errichteten ausgewählte Erwerbslose die schlichten Kleinhäuser mit Gartengrundstück in Eigenleistung. Es entstanden 18 Einzel- und 39 Doppelhäuser von jeweils 60 bis 70 Quadratmeter Wohnfläche. Durch Gartenbau und Kleintierhaltung sollten die Siedler einen Teil ihrer Lebens mittel versorgung selbst erwirtschaften. Auf diese Weise sollte zumindest ein kleiner Teil der zahlreichen Arbeitslosen der Weltwirtschaftskrise beschäftigt und versorgt werden. Nach ihrer Fertigstellung bezogen 350 Menschen die Siedlung, die damals von Wald, Wiesen und Äckern umgeben war. Aufgrund der fehlenden Verkehrsanbindung mussten die Kinder zur Ichoschule laufen. Auch für die Arbeitssuchenden war der Weg zu einer neuen Arbeitsstätte beschwerlich.

Noch heute ist die ehemalige Reichskleinsiedlung, die zwischen Tegernseer Landstraße, Emerson-/Lincolnstraße und Maurer- und Stettnerstraße entstand, aufgrund der typischen Giebel ormen und der Grundstückszuschnitte erkennbar.


US-amerikanische Siedlung am Perlacher Forst

Um den Wohnraumbedarf der in München stationierten USAmerikaner zu decken, wurde von 1954 bis 1957 die amerikanische Siedlung am Perlacher Forst errichtet. Hier sollten die mehrheitlich in der McGraw-Kaserne tätigen US-Soldaten und US-Zivilangestellten mit ihren Familien wohnen. Hierfür hatte die Bundesrepublik Deutschland als Bauherrin und Grundstückseigentümerin einen Quadratkilometer Wald abholzen lassen. Es entstand eine typische amerikanische Siedlung mit 67 Wohnblöcken und 55 Einzel- und Doppelhäusern, breiten Straßen, ausgedehnten Parkplätzen, großzü gi - gen Grünflächen, Spiel- und Sportplätzen und einer Infra struk - tur, die den Lebensgewohnheiten der hier vorübergehend wohnenden Amerikaner entsprach. Es gab einen amerikanischen Einkaufsladen (Post Exchange/PX), eine Tankstelle, eine Schule und ein Kino; außerdem ein Footballfeld, Baseballfelder und Basketballplätze. Auch ein modernes US-Krankenhaus wurde hier eröffnet, wodurch das 1945 von der US-Armee beschlagnahmte Schwabinger Krankenhaus 1957 an die Stadt München zurückgegeben werden konnte.

Durch diese Einrichtungen war es für die meist nur 18 Monate in München Stationierten kaum nötig, Kontakt zu ihrer deutschen Umgebung aufzunehmen. Mit dem »Little Oktoberfest«, das 1956 erstmals hier stattfand, öffnete sich die Enklave der deutschen Bevölkerung. Das beliebte deutsch amerikanische Volksfest wurde nach dem Abzug der US-Truppen von privaten Unternehmern fortgeführt und fand 2005 zum letzten Mal statt.

Nachdem die US-Streitkräfte München verlassen hatten, fiel die vormalige housing area an die Bundesvermögensverwaltung (heute Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, BIMA), die die Wohnungen teils als Eigentumswohnungen verkauft hat, teils vermietet. Auch die übrige Infrastruktur wurde von neuen Nutzern übernommen: In der ehemaligen amerikanischen Schule ist heute das Schulzentrum Perlacher Forst mit Grund-, Mittel- und Berufsschule untergebracht (Cincinnatistraße 63). An die amerikanische Zeit des Schulkomplexes erinnern die Pferdeskulptur, die das vormalige Schulsymbol (»Munich Mustang«) symbolisierte, und eine kleine Elefantenskulptur. Das einstige Army-Hospital wurde zwischenzeitlich von der Bundeswehr genutzt und beherbergt heute das Bundespatentgericht (Cincinnatistraße 64). Das ehemalige »Family Theater« wurde zum »Cincinnati Kino« und steht seit 2014 als Zeugnis amerikanischen Lebens und amerikanischer Präsenz während des Kalten Krieges unter Denkmalschutz. Gravierende Veränderungen stehen mit dem Bau der Europäischen Schule westlich der Bahnlinie bevor. Auf dem Bauplatz werden Einrichtungen vormals amerikanischer Nutzung entfernt und neu bebaut: das ehemalige Möbellager, das Heizwerk mit Kohlenlager und einstige PX (heute HIT-Supermarkt). Angesichts des anhaltenden Wohnraumbedarfs und der steigenden Grundstückspreise ist in absehbarer Zeit mit einer Nachverdichtung der bisher lockeren Bebauung des Areals zu rechnen.


Kathedralkirche der hl. Neumärtyrer

Die ehemalige »Perlacher Forst Chapel« wurde umgestaltet; sie wird von der russisch-orthodoxen Gemeinde Münchens als Kathedralkirche genutzt (Lincolnstraße 58). Unten ist die ehemalige US-Chapel zu sehen, oben die heutige »Kathedralkirche der hl. Neumärtyrer und Bekenner Russlands und des hl. Nikolaus«. 2012 wurde Alexander Schmorell, der als Angehöriger der Widerstandsgruppe »Weiße Rose« hingerichtet wurde, hier in einer feierlichen Zeremonie als »Neumärtyrer« heiliggesprochen.

Lincolnstraße 58

Fasangarten

Der Fasangarten liegt auf ehemals Perlacher Gemarkung. Der Name des Stadtteils geht zurück auf ein Forsthaus bei Perlach, dem seit Beginn des 18. Jahrhunderts bis 1805 eine Fasanenzucht angegliedert war. Mit Eröffnung der Lokalbahnstrecke nach Deisenhofen wurde der Fasangarten zum beliebten Ausflugsziel der Münchner Stadtbevölkerung. In den 1920er Jahren entstand in dem bis dahin bewaldeten Gebiet eine wilde Siedlung, die zum 1. Oktober 1937 nach München eingemeindet wurde. 

Im Oktober 2009 wurde der Fasangarten ausdrücklich in den Namen des Stadtbezirks aufgenommen. Durch die zunehmend dichte Bebauung der Grundstücke ist der Gartenstadtcharakter der Siedlung bedroht.

Fasangartenstraße 0

Sühnestein

Am Kulmbacher Platz steht seit 1989 ein verwitterter gotischer »Sühnestein«, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts an der Grenze Perlach/Unterbiberg aufgestellt war. Der 1510 erstmals erwähnte Stein ist möglicherweise ein Relikt der Gerichtsbarkeit. Es ist nicht bekannt zur Sühne welchen Vergehens er einst geschaffen und aufgestellt wurde.

Kulmbacher Platz 0