KulturGeschichtsPfad

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Panzerwiese und Siedlung Nordhaide

Wo von 1998 bis 2011 ein familienfreundlicher Stadtteil ent - stand, befand sich bis 1990 militärisches Sperrgebiet. Die Landeshauptstadt München hatte 1994 die ehemalige »Panzerwiese« (Gesamtfläche 200 Hektar) erworben und einen Wettbewerb zu deren Teilbebauung ausgelobt, den die Architekten Hans Engel und Herbert Jötten und die Landschaftsarchitektin Bü Prechter gewannen. Auf dem südwestlichen Teil des vormaligen Truppenübungsplatzes konzipierten sie die Siedlung »Nordhaide«. Der weitaus größere Teil der »Panzerwiese« blieb unbebaut. Diese in Europa einzigartige aus Kalkmagerrasen mit Gräsern und Kräutern bestehende, über die Stadtgrenze hinausreichende Heidelandschaft steht seit 2002 unter Naturschutz. Viele Wege in der neuen Siedlung sind nach den hier wachsen den Pflanzen benannt (zum Beispiel Frauenmantelanger, Golddistelanger). Zusammen mit dem nördlich anschließenden, ebenfalls geschützten Waldgebiet Hartelholz bietet die ehemalige »Panzerwiese« Lebensraum für verschiedene Tierarten (Rebhuhn, Wildkaninchen und verschiedene Bienenarten). Das Heidegebiet wird auch als Schafweide genutzt.

In der Siedlung Nordhaide gibt es etwa 2.500 Wohnungen (davon 545 Studentenwohnungen) für rund 6.500 Menschen. Rund 30 Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund. Zahlreiche Grün- und Spielflächen, Bewohnergärten, reduzierter Autoverkehr und soziale Ein rich - tungen, Kindertagesstätten und Schulen tragen zur hohen Wohnqualität bei und ermöglichen das gute Zusammenleben im neuen Stadt teil. Von herausragender Bedeutung ist das Dominikuszentrum, das die Katholische Kirchenstiftung St. Gertrud, das Caritaszentrum München-Nord und das Erzbischöfliches Jugendamt-München errichten ließen. In dem von Andreas Meck, Träger des Architekturpreises der Landeshauptstadt München 2015, geplanten Komplex in Backstein-Architektur sind verschiedene Beratungsstellen, eine Kindertagesstätte und ein Andachtsraum untergebracht.

 


Dominikuszentrum

Beim Dominikuszentrum befindet sich die erste Station des »Weges der Hoffnung im Münchener Norden«, der aus insgesamt sieben Stationen besteht und die sieben biblischen Werke der Barmherzigkeit aufgreift. Der Weg wurde anlässlich des Ökumenischen Kirchentags 2010 eröffnet und von namhaften Künstlern gestaltet. Der von Alix Stadtbäumer geschaffene Bildstock »Gitter aus Efeu« symbolisiert das Thema »Gefangene befreien – Überleben können«. 

Der von der Künstlerin Anna Leonie blau gestaltete Andachtsraum im Dominikuszentrum ist ein Ort der Ruhe und Kontemplation. Hier feiert auch die serbisch-orthodoxe Gemeinde Gottesdienste.

Neuherbergstraße 0

Volksschule und Kindergarten am Harthof

Das Gebiet zwischen Schleißheimer Straße und Ingolstädter Straße gehörte bis 1950 zu Feldmoching und war dessen Weidewald (Hart). Um 1890 wurde hier als erstes Gebäude das Gut Hart hof an der heutigen Max-Liebermann-Straße errichtet, das die Landeshauptstadt München 1927 erwarb. Um die Schleißheimer Straße entstand ab 1900 die »Kolonie Harthof«, die überwiegend aus Gärtnereien bestand. Den Namen Harthof übernahmen dann mehrere Siedlungen. So auch die seit den 1950er Jahren zwischen der Neuherbergstraße und der Rathenaustraße errichtete. 

In zwei Bauabschnitten entstanden 1953 bis 1955 und 1958/1959 der Schul komplex in der Hugo-Wolf-Straße 70 und der benachbarte Kindergarten (Hugo-Wolf-Straße 68). Die Architekten Helga und Adolf Schnierle und Fritz Florin planten das mit einer großen Aula ausgestattete Schulhaus als Kulturzentrum für die Stadtrand siedlung. Die 35 Meter lange, 17 Meter breite und elf Meter hohe Aula bietet eine gute Akustik und eignet sich auch für musikalische Auf führungen. Um die Aula gruppieren sich auf drei Geschoss ebenen die Klassenzimmer. Die Ostwand der Aula besteht aus einer durchgehenden Glaswand, die den Blick in den Schulpark mit dem alten Baumbestand freigibt.

Seit 1968 ist hier die Balthasar-Neumann-Realschule untergebracht. Sie ist benannt nach dem aus Eger/Cheb im heutigen Tschechien stammenden Barock- und Rokoko-Baumeister Johann Balthasar Neumann (1687–1753).


Evangelisch-lutherische Versöhnungskirche

1953 erwarb die evangelische Kirche das Grundstück in der Hugo-Wolf-Straße. Am 18. September 1956 erfolgte die Grundsteinlegung für den von Franz Gürtner geplanten Neubau. Dieser wurde bereits zehn Monate später, am 30. Juli 1957, von Kreisdekan Oberkirchenrat Arnold Schabert geweiht. Ab 1959 betreute die Versöhnungskirche die Siedlungen Neuherberge, Am Hart und Harthof sowie das Barackenlager Frauenholz (zu letzterem siehe KGP 24). Damals übernahm der engagierte Prodekan Otto Steiner die Pfarr - stelle und die damit verbundene Seelsorge für die in den Anfangsjahren von ehemali gen Displaced Persons, Flüchtlingen, Geringverdienern und Arbeitslosen geprägte Gemeinde. Diese wurde am 8. März 1960 zur selbstständigen Gemeinde erhoben. Seit ihrem Bestehen engagiert sich die Kirchengemeinde für sozial schwächere Gemeindemit glie der etwa durch Sach- und Lebensmittelspenden; anfangs wurde sie dabei auch von den in den benachbarten Kasernen stationierten US-Streitkräften unterstützt. Auch heute verteilt die »Kirchenküche« Lebensmittel an bedürftige Gemeindemitglieder. Seit 1962 unterhält die Versöhnungskirche einen Kindergarten und Kinderhort (heute Kindertagesstätte Arche Noah), seit 1974 eine heilpädagogische Tagesstätte sowie eine Altenpflege station, die sich 

Der gemeinsame Posaunenchor der Versöhnungs- und Evangeliumskirche verschönert die Gottesdienste am Harthof und in der Nachbargemeinde Hasenbergl. Seit 1970 versteht sich die Versöhnungskirche auch als Heimat der in der Ernstvon-Bergmann-Kaserne stationierten Bundeswehrsoldaten. Für deren Seelsorge ist der Evangelische Militärdekan in der Kaserne zuständig, der qua Amt dem Kirchenvorstand der Versöhnungskirche angehört.


Katholische Kirche St. Gertrud

Die rasche Bebauung des Wohngebiets Harthof in den 1950er Jahren führte 1956 zur Errichtung eines weiteren Kirchenbaus für die zugezogenen Katholiken. Nach nur sechs Monaten Bauzeit wurde die Kirche am 11. November 1956 von Kardinal Josef Wendel geweiht. Die charakteristischen Fresken der Außenfassade schuf der Künstler Karl Manninger. Im Kircheninneren hängt das Metallkreuz des Künstlers Johannes Dumanski. 1963 wurde St. Gertrud selbständige Pfarrei; bereits ein Jahr später konnten Pfarrzentrum und Pfarrkindergarten eröffnet werden. Die in der Siedlung Nordhaide lebenden Katholiken gehören zur Pfarrei St. Gertrud; für diese wurde das dortige Dominikuszentrum errichtet. Seit Januar 2009 werden die Gottesdienste der Eritreisch-Orthodoxen Tewahdo Ureal Kirche in München in Räumen der katholischen Pfarrei St. Gertrud gefeiert.

Im Jahr 1956 gedachte die Katholische Kirche der Heiligen Gertrud (1256–1302). Aus diesem Grund war es naheliegend, dass der damals errichtete Kirchenbau in der Weyprechtstraße 75 nach der Ordensfrau des Zisterzienserinnen-Klosters Helft benannt wurde.

Weyprechtstraße 75

Ehemalige US-amerikanische Siedlung

Für die Unterbringung von US-Offizieren und ihren Familien ließ die Bundesrepublik Deutschland eine aus 654 Wohnungen bestehende Siedlung errichten. Entlang von Rockefellerstraße und Morsering entstanden ab 1954 Wohnblöcke, wie sie für US-Militärsiedlungen dieser Zeit typisch sind; für höhere Offiziere wurden in der Morsestraße Doppelhäuser mit Carports errichtet. Für die Versorgung und Unterhaltung der hier lebenden Ameri kaner befanden sich in der benachbarten Warner Kaserne und deren unmittelbaren Umgebung ein Kino, ein amerikanisches Warenhaus (Post Exchange/ PX), Clubs und mehrere Sporteinrichtungen. Nach der Räumung der Warner Kaserne durch die US-Streitkräfte im Jahr 1968 wurde die Siedlung an die Bundesvermögensverwaltung (heute Bundesanstalt für Immobilienaufgaben zurückgegeben, die die Wohnun gen seither vermietet.


Ernst-von-Bergmann-Kaserne

Das monumentale Hauptgebäude der heutigen Ernst-vonBergmann-Kaserne (Neuherbergstraße 11) entstand 1934 bis 1938 nach Plänen von Oswald Bieber für die SS-Standarte »Deutschland«. Dabei handelte es sich um einen bewaffneten Verband der sogenannten »SS-Verfügungstruppe«, die später in der »Waffen-SS« aufging. Die Verfügungstruppe sollte als Parteiarmee den Machterhalt der NSDAP gewährleisten und wurde vor dem Krieg vor allem als Repräsentations- und Wachtruppe des Regimes eingesetzt. Die SS-Standarte »Deutschland« befand sich nach deren Ausrücken im Zuge der Sudetenkrise ab Oktober 1938 permanent außerhalb der Kaserne und war ab Kriegsbeginn mehrfach an Kriegsverbrechen beteiligt. Die »SS-Kaserne Freimann« diente während des Krieges als Unterkunft und Ausbildungsstandort der SS; ferner waren hier SS-FlakEinheiten stationiert.

Während die SS-Mannschaften in der Kaserne untergebracht waren, lebten SS-Führer und -Unterführer mit ihren Familien in einer südlich der Kaserne errichteten Siedlung (Wohnhäuser oberhalb der heutigen Kleinschmidtstraße). Im Zweiten Weltkrieg bestand in der Kaserne ein Außenlager des KZ Dachau, dessen Angehörige für die SS-Standortverwaltung arbeiten mussten. Weitere KZ-Häftlinge waren in einem KZ-Außenlager außerhalb der Kaserne untergebracht und mussten für die Baufirma Dyckerhoff & Widmann Ergänzungs- und Gewährleistungsarbeiten in der Kaserne ausführen.

Ein gepanzerter Verband der am 30. April 1945 von Norden einrückenden US-Armee nahm die Kaserne nach erbitterten Kämpfen im Bereich Lohhof-Panzerwiese ein. Ab 1948 hieß die von den Amerikanern bis 1968 genutzte Kaserne »Warner Kaserne«, benannt nach dem am 21. Dezember 1944 in den Ardennen gefallenen Unteroffizier Henry F. Warner (geb. 1923), dem der US-Kongress posthum die »Medal of Honor«, die höchste US-Tapferkeitsauszeichnung, verliehen hatte. Neben der militärischen Nutzung gab es auf dem Gelände bis 1951 ein Lager für Displaced Persons (DPs) und das Hauptquartier der IRO (International Refugee Organization). Die internationale Flüchtlingsorganisation unter stützte die hier lebenden rund 3.800 DPs verschiedener Nationalitäten (Stand Oktober 1950) bei der angestrebten Ausreise.

Während der Olympischen Spiele 1972 waren in der Kaserne neben Bundeswehreinheiten auch Einheiten der Bayerischen Bereitschaftspolizei, des Bundesgrenzschutzes und des Technischen Hilfswerks untergebracht. Die Bundeswehr wählte den ehemaligen bayerischen Generalarzt Ernst von Bergmann (1836–1907), der als Begründer der Asepsis und führender Vertreter der Kriegschirurgie seiner Zeit gilt, als Namensgeber der Kaserne, in der seit 1980 die Sanitätsakademie der Bundeswehr untergebracht ist. 2012 wurde das Auditorium Maximum der Sanitätsakademie nach dem Medizinstudenten Hans Scholl, dem führenden Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe »Weiße Rose« benannt, der als Sanitätsfeldwebel an der Ostfront eingesetzt wurde. 2013 erfolgte die Umstrukturierung der Akademie zum alleinigen Zentrum für Ausbildung, Forschung und Fähigkeitsentwicklung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Zur Sanitätsakademie gehören auch eine wehrpathologische und eine militärgeschichtliche Lehr - sammlung. An den über 3.000 patho - logischen und anatomischen Exponaten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs bis heute lassen sich Kriegsverwundungen studieren, die durch Geschosse, Minen und chemische Kampfmittel her beigeführt wurden. Die militärgeschicht liche Lehrsammlung der Sanitätsakademie bewahrt Exponate, Literatur und Quellen zur Geschichte der Sanitätsdienste deutscher Streitkräfte seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie steht der interessierten Öffentlichkeit nach Voranmeldung zur Verfügung.


Siedlung Neuherberge

Auf städtischem Grund wurde im August 1936 westlich der Ingolstädter Straße die aus 169 Kleinhäusern be - stehende Siedlung Neuherberge fertiggestellt. Die Auswahl der Siedler er - folgte nach Kriterien der NS-Ideologie. Die Siedler stellen mit großem Gartenanteil zur Selbstversorgung waren vor allem für arme, kinderreiche »arische« Familien vorgesehen. Viele der hier ansässig werdenden Siedler waren als Zivilarbeiter in den benachbarten Kasernen oder in der Rüstungsindustrie beschäftigt.

Der zentrale Platz der Siedlung, der Spengelplatz, war ursprünglich nach einem jung gestorbenen Hitlerjungen benannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er dem Landschaftsmaler Johann Ferdinand Spengel (1819–1903) gewidmet.

Westlich der Siedlung erinnert der Schollerweg an Otto Scholler (1877–1952), den früheren Werkleiter der städtischen Verkehrsbetriebe, der 1934 von den Nationalsozialisten entlassen wurde und in der NS-Zeit mehrmals inhaftiert war. Scholler erwarb sich große Verdienste um den Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel.


Siedlung Kaltherberge

Als weitere Selbstversorgersiedlung für bedürftige Arbeiterfamilien entstand 1936/1937 östlich der Ingolstädter Straße die Kleinsiedlung Kaltherberge, deren einziger direkter Zugang seit jeher über die Gundelkoferstraße führt. Der Mettenleiterplatz bildet den Mittelpunkt der ursprünglich aus 221 Siedlerhäusern bestehenden Siedlung. Die nationalsozialistischen Planer hatten den Platz ursprünglich nach einem der getöteten Teilnehmer des sogenannten »Hitler-Putsches« (9. November 1923) benannt, den die NS-Propaganda als einen der »Blutzeugen der Bewegung« verehrte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Platz nach Johann Michael Mettenleiter (1765–1853), einem Kupferstecher und Lithografen, benannt. Heute werden auf dem begrünten Platz die Feste der Anwohner gefeiert; hier befinden sich ein Wegkreuz, der Maibaum und ein Kinderspielplatz.

Am 4. Dezember 1945 beschlagnahmte die US-Armee sämtliche Häuser der Siedlung mitsamt der Einrichtung, um dort circa 2.000 Displaced Persons unterzubringen, die von der UN-Flüchtlingsorganisation UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) betreut wurden. Unter den Eingewiesenen befanden sich zahlreiche Juden aus Osteuropa, die von München in die USA oder nach Palästina ausreisen wollten. Die bisherigen Bewohner der Siedlung mussten ihre Häuser verlassen und wurden vom Münchner Wohnungsamt provisorisch untergebracht; 1949 konnten die meisten von ihnen wieder in ihre Häuser zurückkehren. Die Zeit der Beschlagnahmung war voller Spannungen. Unter anderem warfen die Eigentümer der Siedlerhäuser den neuen Bewohnern vor, die Grundstücke verkommen zu lassen und Einrichtungsgegenstände illegal zu verkaufen.


Siedlung Am Hart

Die Siedlung Am Hart geht auf das Reichskleinsiedlungsprogramm zurück, das Reichskanzler Heinrich Brüning am 6. Oktober 1931 per Notverordnung initiiert hatte. Das Reichskleinsiedlungsprogramm galt vor allem Erwerbslosen und sah die Errichtung von einfach ausgestatteten Siedlungshäusern in Eigenleistung vor. Alle Siedlerstellen waren mit großen Gartengrundstücken für den Anbau von Obst und Gemüse und zur Haltung von Kleintieren ausgestattet, um die weitgehende Selbstversorgung zu ermöglichen. Nach dem Ende der Weimarer Republik führten die Nationalsozialisten das Programm fort, stellten es jedoch in den Dienst ihrer Ideologie. Nach zwei Jahren Bauzeit wurde die mit Hakenkreuzfahnen geschmückte Reichskleinsiedlung Am Hart am 8. September 1935 durch Oberbürgermeister Karl Fiehler offiziell übergeben.

Der Expansionsdrang des NS-Regimes schlug sich in der Benennung von Straßennieder: Arnauer Straße, Egerländer Straße, Kaadener Straße, Karlsbader Straße, Marienbader Straße und Sudetendeutsche Straße wurden bereits 1934 nach Städten im Westen der Tschechoslowakischen Republik beziehungsweise dem dort lebenden deutschsprachigen Bevölkerungsteil benannt, den die nationalsozialistische Propaganda durch territorialen An schluss »Heim ins Reich« holen wollte. In dem am 30. September 1938 im sogenannten Führerbau (Arcisstraße 12) von Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland unterzeichneten »Münchner Abkommen« wurde die Teilung der Tschechoslowaki chen Republik durch die Abtretung der »Sudetengebiete« an das Deutsche Reich besiegelt. Wenige Monate später, am 15. März 1939, besetzte die deutsche Wehrmacht völkerrechtswidrig den verbliebenen Rest des demokratischen Nachbarstaats.

Von den Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Tschechoslowakische Republik verlassen mussten, wurden viele im Münchner Norden angesiedelt. Entsprechend wurden die Straßennamen umgewidmet, so dass die Straßen Am Hart heute an die Heimat der Neuankömmlinge erinnern; in den 1950er Jahren kamen die Prager Straße, Gablonzer Straße und die Wenzelstraße hinzu.

Am Aussiger Platz stellten ehemalige Bewohner der Stadt Aussig (Ústí nad Labem) 1970 einen Gedenkstein für ihre Heimatstadt auf. 1996 ehrten sie hier Leopold Pölzl (1879–1944), den früheren Bürgermeister der Industriestadt Aussig, der das Amt von 1920 bis 1923 und von 1931 bis 1938 innehatte. Der Sozialdemokrat war ein überzeugter Anhänger der Tschechoslowakischen Republik und wurde nach der Besetzung der Sudetengebiete von der Gestapo verhaftet; Pölzl starb an den Folgen der erlittenen Folterungen.


»Judenlager« Milbertshofen

Auf Anweisung der »Arisierungsstelle« des Gauleiters konzipierte das städtische Hochbauamt die Anlage als »Judensiedlung Milbertshofen«. Sie sollte – zusammen mit dem im Sommer 1941 eingerichteten Lager in Berg am Laim – als Sammelunterkunft für die jüdische Bevölkerung Münchens dienen, die seit 1939 systematisch aus ihren Wohnungen verdrängt wurde. Ab dem 25. März 1941 errichteten jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, die zum Verzicht auf ihren Lohn gezwungen worden waren, das Lager in der Knorrstraße. Die 18 Holzbaracken, die dafür verwendet wurden, waren vom Tegernsee herangeschafft worden, wo sie als SA-Unterkünfte gedient hatten. Die in dem von Stachel draht umgebenen, streng bewachten »Judenlager« Untergebrachten muss ten »Wohngeld« bezahlen und hatten in Milbertshofen und an weiter entfernt gelegenen Münchner Einsatz orten Zwangsarbeit zu leisten.

Spätestens ab Oktober 1941 wurde das Lager in der Knorrstraße zum Durchgangslager, das Juden vorübergehend aufnahm, die für die Abschiebung in die besetzten Ostgebiete bestimmt waren. Zuständig für die Deportation der jüdischen Bevölkerung Münchens war die Staatspolizeileitstelle München. Sie zwang die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) dazu, Personen für die bevorstehende »Umsiedlung« zu benennen und die Betroffenen über die geplante Maßnahme und die zutreffenden Vorkehrungen zu informieren. Die erste Deportation von Münchner Juden erfolgte am 20. November 1941 aus dem Lager in der Knorrstraße. Unter der Aufsicht von Wachtmeistern der Münchner Schutzpolizei mussten die für den Transport Ausgewählten in den frühen Morgenstunden den etwa 15-minütigen Fußmarsch zum Bahnhof Milbertshofen (Riesenfeldstraße 115) zurücklegen. Nach drei Tagen erreichten die von einer zwölfköpfigen Wachmannschaft begleiteten 999 jüdischen Männer, Frauen und Kinder die Festungsstadt Kaunas (Litauen). Die Münchner Juden dieses ersten Transports wurden alle am 25. November 1941 in Kaunas erschossen.

Vom Sammellager Milbertshofen erfolgten weitere Deportationen nach Piaski, Theresienstadt und nach Auschwitz. Neben Münchner Juden wurden von hier aus auch Juden aus Oberbayern und Schwaben deportiert. Das Lager Milbertshofen war durchgehend mit knapp 500 ständigen Insassen belegt; ein Belegungshöchststand mit circa 1.200 Personen wurde unmittelbar vor der Deportation am 4. April 1942 nach Piaski erreicht. Das »Judenlager« Milbertshofen wurde am 19. August 1942 geschlossen; die verbliebenen 16 Menschen wurden in das Lager in Berg am Laim gebracht.

Anschließend nutzte BMW das Lager in der Knorrstraße zur Unterbringung von Zwangsarbeitern. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es als städtisches Flüchtlingslager und wurde im Frühjahr 1949 um zwei Baracken mit 24 Wohnungen erweitert.

Carla Koppel war seit 1923 mit dem Lebensmittelhändler Carl Koppel (1885–1958) verheiratet. Das Paar bekam sechs Kinder. Nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 wurde Carl Koppel für einige Wochen im KZ Dachau interniert, im Herbst 1939 war er im Gefängnis Stadelheim. Am 16. April 1940 erhielt Carl Koppel eine Einreiseerlaubnis für die USA und gelangte nach New York. Die Söhne Alfred (1926–2013) und Walter (1928–1988) waren nach den Gewaltexzessen gegen die jüdische Bevölkerung Münchens im November 1938 bei Berliner Verwandten untergebracht worden. Am 14. Juni 1941 konnten sie in die USA ausreisen. Carl Koppel bemühte sich vergeblich, seine Frau und die vier Kinder aus München zu retten. Diese hatten im August 1939 die Wohnung in der Maximilianstraße 15 verlassen müssen und waren in der Thierschstraße 7 zwangseingewiesen worden. Im Oktober 1941 mussten die drei jüngsten Kinder im jüdischen Kinderheim in der Antonienstraße 7 untergebracht werden. Nach Erhalt des Deportationsbescheids zogen Carla und ihr ältester Sohn Günther in das Lager in der Knorrstraße. Am 20. November 1941 wurdensie zusammen mit anderen Lagerinsassen von Wachleuten der Schutzpolizei zum Bahnhof getrieben; die drei im Antonienheim untergebrachten Kinder hatte man mit weiteren jüdischen Kindern mit dem Bus zum Bahnhof gebracht und in die Züge gedrängt.

Sohn Alfred hat die Briefe, die seine Mutter aus München schrieb zusammen mit weiteren Familiendokumenten veröffentlicht und damit die verzweifelten Bemühungen seiner Eltern dokumentiert, die bis zuletzt alles unternahmen, um die Familie zusammenzuführen und zu retten.

Knorrstraße 0

Alte St. Georgskirche

Von der verkehrsreichen Moosacher Straße führt ein Fuß pfad zum Alten St.-Georgs-Platz und damit zum ver - blie be nen Rest des historischen Milbertshofener Ortskerns. Zwischen den Häusern Alter-St.-Georgs-Platz 4 und 5, die beide aus dem 19. Jahrhundert stammen und unter Denkmalschutz stehen, erblickt man den Torso der im Krieg zerstörten alten St. Georgskirche. Das Langhaus der um 1507 errichteten Kirche wurde am 13. Juni 1944 durch Bombentreffer zerstört. Erhalten blieben der frühgotische Satteldachturm und der Chor, die zu einer Kapelle umgebaut wurden. Die einstige Länge des verschwundenen Kirchenschiffs (23 Meter) wird von einem aus mehreren Steinquadern gebildeten Kriegerdenkmal markiert. Die Kirche war ursprünglich von einem Friedhof umgeben, dessen Ummauerung erhalten ist.

Noch kurz vor der Bombardierung war der wertvolle St.- Georgs-Altar von 1510 in Sicherheit gebracht worden. Der Flügelaltar war eine Schenkung des Abtes von Schäftlarn. Der namentlich nicht bekannte Künstler wird dem Kreis um Jan Polack und Erasmus Grasser zugerechnet. Der Altar war bis zur aufwändigen Restaurierung (1996–2003) einige Jahre in der neuen St. Georgskirche aufgestellt. Der »Förderverein Alte St. Georgskirche« erreichte die Aufstellung des renovierten gotischen Altars an seiner ursprünglichen Stelle. Der die Kirche umgebende Platz wurde neu gestaltet.

1902 wurde St. Georg Pfarrkirche. Da das alte Kirchlein wegen des schnellen Anwachsens der Gemeinde viel zu klein war, wurde 1912 die neubarocke Neue St. Georgskirche am Milberthofener Platz errichtet. Die alte Kirche wurde ab 1928 in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege renoviert, wobei unter anderem die 1599 von Thomas Zehent mayer geschaffenen Fresken freigelegt wurden. Bis zu ihrer Zerstörung feierten im Zweiten Weltkrieg französische Zwangsarbeiter, die in Lagern in Milbertshofen untergebracht waren, in der alten Kirche Gottesdienste.

Alter Sankt-Georgs-Platz 0

Josefine und Michael Neumark

Im September 1922 zogen Josefine und Michael Neumark in die Riesenfeldstraße 79. Am 9. Dezember 1922 wurde Sohn Josef geboren. Im Rückgebäude des Anwesens betrieb Michael Neumark ab 1928 die Firma Gebr. Neumark Farben- und Lackfabrik. Im Zuge der Diskriminierung jüdischer Geschäftsleute wurde dieses Gewerbe am 24. Januar 1939 rückwirkend für den 10. November 1938 abgemeldet. Das Wohn- und Geschäftshaus wurde zwangsverkauft und ging an die Firma »Flottweg-Motoren«, die 1932 aus den BMW-Werken hervorgegangen war und Motorräder und Flugmotorenkomponenten herstellte. Vor der Zwangsveräußerung hatten Michael und Josefine Neumark alle Waren an Bewohner der Siedlung am Hart verschenkt. Dies war wohl der Dank dafür, dass sich zahlreiche Bewohner Milbertshofens mit einer Unterschriftenaktion für das im Zuge des Novemberpogroms (1938) vorübergehend verhaftete Ehepaar eingesetzt hatten. Ab dem 18. Mai 1939 war die Familie Neumark in der Goethestraße 66/I gemeldet, wo bereits zahlreiche jüdische Münchner auf engstem Raum leben mussten. Sohn Josef emigrierte in die Schweiz und später nach Palästina/Israel.

Die letzte Münchner Adresse von Josefine und Michael Neumark war das »Judenlager« Milbertshofen. Sie mussten beim Bau des Lagers mithelfen und gehörten zu dessen ersten Bewohnern. Von dort wurden sie am 4. April 1942 zusammen mit 774 Juden aus Oberbayern und Schwaben deportiert; bevor der Zug im Ghetto von Piaski ankam, hatte er 254 weitere Personen aus Regensburg und Nieder bayern aufgenommen. Josefine und Michael Neumark wurden am 30. Juni 1942 in Piaski ermordet.

Riesenfeldstraße 79

Haus des Hl. Benedikt

Die Erzdiözese München und Freising kaufte 1985 das Gebäude Pommernstraße 30 und vermietete es an Walter Lorenz, der hier das Haus des Hl. Benedikt, eine Wohngemeinschaft für Obdachlose unterhält. Namensgeber ist Benedikt Labre (1748–1783), der wie ein Bettler im Namen Gottes durch Europa pilgerte, nach seinem Tod als Volksheiliger verehrt und 1881 heiliggesprochen wurde.

Pommernstraße 30

Neue St. Georgskirche

Bereits 1898 hatte sich ein Verein ge gründet, um Gelder für die Errichtung eines größeren Kirchenbaus zu sammeln. Unter der Leitung von Pfarrer Theodor Triebenbacher (1868–1908) kamen erhebliche Spenden zusammen. Den Baugrund für die ab 1909 errich tete Kirche stiftete die Löwenbrauerei, die notwendigen Straßenbauarbeiten bezahlte die Petuel’sche Terraingesellschaft.

Die neue St. Georgskirche entstand in einiger Entfernung südlich des historischen Milbertshofener Ortskerns. Die auf freiem Feld errichtete Kirche sollte einst den Mittelpunkt der sich baulich ausdehnenden Gemeinde Milbertshofen und der ebenfalls wachsenden Villensiedlung Riesenfeld bilden. Die von Otho Orlando Kurz und Eduard Herbert im Stil des Neubarock geplante Kirche wurde am 28. April 1912 geweiht. Ursprünglich war die neue St. Georgskirche ausgestattet mit Kanzel, Seitenaltären, Altaremporen und einem St.-Georgs-Hochaltar. Ein Großteil der neubarocken Ausstat tung wurde bei Renovierungen ausgetauscht und gilt als verloren.

Ihre heutige Innengestaltung erhielt die Kirche durch die behutsame Renovierung in den Jahren 2002 bis 2005. Seit Oktober 2013 ist die Pfarrei St. Georg Sitz des mit der Pfarrei St. Lantpert gebildeten Pfarrverbandes Milbertshofen.

Milbertshofner Platz 0

Kulturhaus Milbertshofen

2002 erfolgte die Grundsteinlegung für ein von Bewohnern und Stadtteilpolitikern bereits seit langem gefordertes Kulturzentrum. Drei Jahre später wurde das Kulturhaus Milbertshofen am heutigen Curt-Mezger-Platz 1 eröffnet, das im Rahmen des Programms »Soziale Stadt« realisiert worden war. Das Kulturhaus Milbertshofen bietet einen großen Saal, der auch für Kino- und Theatervorstellungen genutzt wird, zahl reiche Seminar- und Gruppen räume sowie Ausstellungsmöglichkeiten. Es hat sich zu einem herausragenden kulturellen Zentrum im Stadtbezirk entwickelt.

Zum Kulturhaus Milbertshofen gehört auch der »Glaspalast«, eine vom Verkehr geschützte Trainings- und Spielfläche für Kinder und Jugendliche.

Curt-Mezger-Platz 1

Curt-Mezger-Platz

Bereits in den 1930er Jahren war geplant, die schmucklose Kreuzung von Keferloherstraße und Schleißheimer Straße zu einem Platz zu gestalten. Von 1931 bis 1963 hatte dieser sogar einen Namen: Jänischplatz, benannt nach dem Piloten Jänisch, der am 6. März 1913 den ersten Flug von München nach Wien steuerte. Wegen Nichtausführung der Platzgestaltung, wurde die Benennung aufgehoben. Erst im Rahmen des Förderprogramms »Soziale Stadt« 2008 wurde an dieser Stelle ein zentraler Platz gestaltet. Durch Verengung der Keferloherstraße, Verlegung von Bodenplatten, Schaffung von Sitzgelegenheiten und Pflanzung von Bäumen entstand zwischen Kulturhaus und Dankeskirche ein neuer Treffpunkt im Stadtbezirk, der Freiflächen für verschiedene Veranstaltungen wie Quartiers feste und für Floh- und Wochenmärkte bietet und zum Verweilen einlädt.

Der neue Platz wurde nach Curt Mezger benannt, der 1895 in München geboren und vermutlich am 12. März 1945 im KZ-Außenlager Ebensee ermordet wurde. Mezger stammte aus einem großbürgerlichen Elternhaus; die Eltern besaßen eine herrschaftliche Villa am Karolinenplatz 5 a. Curt Mezger nahm 1914 bis 1919 als Vizefeldwebel des 1. Bayerischen Fußartillerieregiments am Ersten Weltkrieg teil. Nach dem Krieg und der Ausbildung zum Bankkaufmann betätigte er sich als Unternehmer für Sportartikel. Ab Januar 1942 war Mezger im »Judenlager« Milbertshofen gemeldet, im August 1942 wurde er ins Internierungslager Clemens-August-Straße verlegt. In beiden Lagern übte er zeitweise die Funktion des Lagerleiters aus. Nach Auflösung des Lagers in Berg am Laim kam Mezger ins Gefängnis Stadelheim. Im Herbst 1943 wurde er ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er als Krankenpfleger und Totenträger eingesetzt wurde.

Curt-Mezger-Platz 0

Hochbunker - Schleißheimer Straße

Der Hochbunker in der Schleißheimer Straße 281 wurde 1941 für 514 Schutzsuchende errichtet. Als einer von zwei Münchner Bunkern unterlag das Gebäude bis Frühjahr 2015 der Zivilschutzbindung im Katastrophen- und Verteidigungsfall. Die Nachnutzung des Gebäudes ist derzeit noch offen.

Schleißheimer Straße 281

Hochbunker - Anhalter Platz

Der achteckige Hochbunker mit Flakaufbau am Anhalter Platz 3 wurde 1941 errichtet. Der fünfgeschossige Bau sollte 450 Personen Schutz bieten.

Anhalter Platz 3

Evangelisch-lutherische Dankeskirche

Der 1929 errichtete Betsaal in der Keferloherstraße 70 erwies sich schon bald als zu klein für den rasch wachsenden protestantischen Bevölkerungsanteil Milbertshofens. Als Ausweichquartier für Gottesdienste nutzte man in den 1940er Jahren eine Produktionshalle in der Moosacher Straße. Bereits am 15. April 1940 hatte Milbertshofen eine eigene Pfarrstelle erhalten. Durch den Zuzug deutschstämmiger Flüchtlinge aus dem östlichen Europa stieg die Zahl der Protestanten nach dem Zweiten Weltkrieg erheblich an und die Raumnot verschärfte sich. Abhilfe wurde geschaffen durch die Errichtung des stattlichen Ziegelbaus in der Keferloherstraße 66. Die Dankeskirche entstand 1964/1965 nach Plänen des Münchner Architekten Gustav Gsänger, der in der Nachkriegs zeit zahlreiche evangelisch-lutherische Kirchen in München entworfen hat. 1976 wurden Kindergar ten und Diakoniestation eingeweiht, die Architekt Theodor Hugues ebenfalls als Ziegelbauten errichten ließ. Die Dankeskirche nutzt die Nähe zum Curt-Meztger-Platz und veranstaltet hier ihr Sommerfest; an den Markttagen lädt die Kirche zur Andacht ein. In der »Sonntagsküche« bietet ein Helferkreis Bedürftigen ein warmes Mittagessen an.

Keferloherstraße 66

»Milbenzentrum«

Im Hinterhof der Nietzschestraße 7 b befand sich in den 1970er und 1980er Jahren das »Milbenzentrum« – von den zur Münchner Punkszene zählenden Besuchern meist »Milb« oder »Milben« genannt. Im Keller fanden legendäre Szenekonzerte der Punkband Freizeit 81 und der Krautrockband Amon Düül statt. Auch gesellschaftspolitische Themen wurden hier aufgegriffen und diskutiert: ab 1975 traf sich hier das linksalternative »Stadtteilzentrum Milbertshofen« zu Diskussionsveranstaltungen. Mitglieder dieses Kreises engagierten sich in der Anti-Atomkraft- und der Umweltschutzbewegung, demonstrierten gegen die Münchner Wohnungsnot und hohe Mieten.

Zu den Besuchern des einstigen Szenetreffes zählten beispielsweise Anatol Nitschke (geb. 1960), der heute ein erfolgreicher Filmproduzent und Filmverleiher ist und der Künstler Forian Süssmayr (geb. 1963). Das Hinterhofgebäude Nietzschestraße 7 b soll einem Neubau weichen.

Nietzschestraße 7

Springbrunnen

Ein Springbrunnen in Vasenform, den die Künstlerin Eugenie Hinrichs geschaffen hat, ziert den 1991 angelegten Jürgen-vonHollander-Platz. Benannt ist der Platz nach dem Schriftsteller Jürgen von Hollander (1923–1985), einem Mitglied der Gruppe 47.

Jürgen-vonHollander-Platz 0

Volksschule in der Schleißheimer Straße 275

Die erste Milbertshofener Schule wurde 1882 gleich neben dem alten Schwaighaus errichtet; Architekt war Alois Ansprenger, der spätere Bürgermeister von Schwabing. Das noch im alten Ortskern gelegene Schulhaus wurde bald zu klein. Bereits 1899 entstand in der Schleißheimer Straße 275 die neue Schule. Diese wurde schon bald entlang der Zanderstraße und 1910 und 1933/1934 entlang der Schleißheimer Straße erweitert und umgebaut. Nach Kriegszerstörung wurde das Schulhaus Anfang der 1950er Jahre wieder aufgebaut

2003 wurde die Grundschule an der Hanselmannschule eröffnet. Im Schulhaus Schleißheimer Straße 275 be findet sich heute eine staatliche Mittelschule. Grund- und Mittelschule nehmen an dem Schulförderprogramm »Schule kickt!« der Stiftung Kick ins Leben teil.

1907 unterrichtete Toni Pfülf (1877–1933) an der Schule in der Schleißheimer Straße 275. Die Sozialdemokratin war bereits in den 1920er Jahren eine energische Gegnerin der NSDAP. Nach dem Machtantritt Hitlers nahm sie sich aus Verzweiflung über ihr politisches Scheitern im Kampf gegen den Nationalsozialismus am 8. Juni 1933 das Leben.

Schleißheimer Straße 275

Austria-Tabak

1916 wurde in München die »Austria Cigaretten- und Rauchtabakfabrikation der k & k Österreichischen Tabakregie« gegründet, die zehn Jahre später in ein selbstständiges deutsches Unternehmen, die »Austria Tabakwaren München« umgewandelt wurde. Im Milbertshofener Werk wurde bis 1977 unter anderem die Traditionsmarke »Nil« hergestellt, die vor allem bei Künstlern sehr beliebt war. Die filterlose Zigarette mit Orienttabak enthielt bis Ende der 1920er Jahre Hanf. Während des Krieges lief die Produktion bis 1943; gegen Kriegsende wurde in der Fabrik ein Lager des Wehrbereichsverpflegungs- und Wehrbereichsbekleidungsamtes eingerichtet.

Die Fabrikgebäude der Austria-Tabak waren äußerlich wie Jugendstilmietshäuser gestaltet und fügten sich harmonisch in die damalige Villenbebauung ein. Die Aufnahme zeigt die ehemaligen Produktionsbauten in der Schleißheimer Straße 265–269 im Jahr 1910, die im Krieg zerstört wurden.

Schleißheimer Straße 265

Vulkanisiermaschinenfabrik Zängl/ Kulturpark München

In dem begrünten, von Skulpturen geschmückten Innenhof in der Frohschammerstraße 14 erinnert das Firmenschild »Karl Zängl Vulkanisier-Maschinen« an den Industriebetrieb, der sich hier einst befand. Dieser war 1926 von dem gelernten Bäcker Karl Zängl auf der grünen Wiese errichtet worden und stellte Vulkanisiermaschinen, also Maschinen für die Reparatur abgefahrener Autoreifen, her. Die Anlage wurde 1936 und 1954 erweitert. Von August 1941 bis Kriegsende befand sich auf dem Firmengelände ein Lager für Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, die mehrheitlich aus Polen, Italien, Frankreich, Belgien und Holland stammten.

1962 erfolgte die Gründung des Zweigwerks in Cham. In den 1960er Jahren waren am Standort Milbertshofen knapp 200 Arbeiter beschäftigt. Nach der 1970 erfolgten Schließung des Unternehmens wurden die Firmengebäude zunächst zu Lagerzwecken vermietet. 1977 bezog die Gesellschaft für ökologische Forschung e.V., die der Soziologe und Politologe Wolfang Zängl gegründet hatte, Räume in der einstigen Maschinenfabrik. Damit begann die Umgestaltung des ehemaligen Industriebetriebs zum Kulturpark München. Heute sind die Gebäude an Künstler, Musiker, Umweltschutzgruppen und an die Volkshochschule München (Fachbereich Gestaltung) vermietet. Die ehemalige Trafostation wurde umgebaut und wird heute als Restaurant genutzt.

Frohschammerstraße 14

Frohschammer Straße

Die Frohschammer Straße ist benannt nach Jakob Frohschammer (1821–1893), der nach dem Studium der katholischen Religionslehre 1847 zum Priester geweiht wurde. Er habili tierte sich 1850 an der Theologischen Fakultät der Universität München, wirkte bis 1854 als Universitätsprediger und wechselte 1856 als ordentlicher Professor an die philosophische Fakultät. Die römische Kurie setzte seine Schriften »Über den Ursprung der menschlichen Seelen« (1854), »Einleitung in die Philosophie und Grundriss der Metaphysik« (1858), »Über die Freiheit der Wissenschaft« (1861) auf den Index. 1863 wurde Frohschammer von allen geistlichen Ämtern suspendiert und 1871 exkommuniziert. Er verfasste bedeutende philosophische Schriften und schrieb gegen das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes an.

Frohschammer Straße 0

TSV Milbertshofen

In der nach dem Milbertshofener Baumeister Hans Denziger (1861–1938) benannten Hans-Denzinger-Straße 2 befinden sich die Sportanlagen des TSV Milbertshofen. Dessen Geschichte beginnt mit dem am 11. Mai 1905 von Fritz Schüpferling und Josef Mick gegründeten »Turnverein Milbertshofen-Riesenfeld«. Dieser trainierte anfangs im Milbertshofener Schulhaus und auf einer Wiese zwischen Kant- und Schopenhauerstraße, später auf dem Gelände des Heereszeugamts in der Schleißheimer Straße. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Verein am 24. Oktober 1945 als »Freier Turn- und Sportverein München-Milbertshofen« wieder gegründet, nachdem er die erforderliche Lizenz durch die USamerikanische Besatzungsmacht erhalten hatte. Seinen heutigen Namen trägt der Verein seit Oktober 1950. Im Olympiajahr 1972 wurde die Gebrüder-Apfelbeck-Halle errichtet. Sie ist benannt nach den Brüdern Georg und Ludwig Apfel beck, die sich an der Spitze des Vereins große Verdienste erworben und den Bau der Halle ermöglicht haben.

Viele kennen den TSV Milbertshofen noch aus seinen Profisportzeiten, als die Tischtennis-, Handball- und Volleyballabteilung in der Bundesliga vertreten waren. Mit Tischtennis - star Conny Freundorfer (1936–1988), der dem TSV Milbertshofen mit Unterbrechungen von 1954 bis 1976 angehörte, feierte die Tischtennisabteilung nationale Erfolge. Erhard (»Sepp«) Wunderlich (1956–2012), Spieler der Deutschen Handballnationalmannschaft, trat dem Verein 1984 bei und holte in der Saison 1990/1991 als Manager den Europapokal der Pokalsieger nach Milbertshofen.

Mitte der 1990er Jahren geriet der Verein wegen Reparaturarbeiten der Halle in finanzielle Schwierigkeiten. Durch die Unterstützung der Landeshauptstadt München, des Bayerischen Landessportverbands e.V., der Firma BMW und den Einsatz der Vereinsmitglieder konnte die Krise überwunden und der Fortbestand des TSV Milbertshofen gesichert werden.

Der TSV Milbertshofen bietet seinen derzeit rund 2.300 Mitgliedern ein breites Angebot, darunter Aikido, Basketball, Fußball und Kegeln. 

Hans-Denzinger-Straße 2

St. Lantpert

1952 erwarb die Kirchengemeinde St. Georg einen Bauplatz für eine neu zu errichtende Kirche. Da die Grundsteinlegung 1957 im Jahr des tausendsten Todestages von Bischof Lantpert von Freising erfolgte, wählte man diesen zum Patron der von Architekt Wilhelm Gärtner geplanten Kirche in der TorquatoTasso-Straße 40. Gegenüber der benachbarten Grundschule befindet sich die Skulptur „Lesende Knaben“ von Rolf NidaRümelin.

TorquatoTasso-Straße 40

Lion-Feuchtwanger-Gymnasium

Auf einem Grundstück, das die Stadt München aus dem ehemaligen Besitz der Petuel’schen Terraingesellschaft geerbt hat, wurde 1981 das »Gymnasium am Petuelring« (Freiligrathstraße 71) fertiggestellt. Am 21. April 1982 stimmte der Schulausschuss des Münchner Stadtrats dem Antrag der Schule zu, das neue Gymnasium nach dem Münchner Schriftsteller Lion Feuchtwanger in Lion-Feuchtwanger-Gymnasium umzubenennen. Die Schule setzt sich in Veranstaltungen und Projekttagen bewusst mit dem Werk ihres Namensgebers auseinander.

Lion Feuchtwanger wurde 1884 in München als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Fabrikanten geboren. 1925 zog Feuchtwanger nach Berlin, wo er den Schlüsselroman »Erfolg« (1930) verfasste, in dem hellsichtig das Aufkommen der nationalsozialistischen Bewegung in Bayern und in München nachgezeichnet wird. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, befand sich Feuchtwanger auf einer Vortragsreise in den USA. Bei seiner Rückkehr nach Europa traf er seine Frau Marta in St. Anton (Österreich). Das Ehepaar ging über die Schweiz und Südfrankreich in die USA ins Exil. Lion Feuchtwanger starb 1958 in Los Angeles.

Die Freiligrathstraße ist benannt nach dem politischen Schriftsteller Ferdinand Freiligrath (1810–1876), der die sozial ungerechten Zustände seiner Zeit anprangerte. Im Alter begeisterte er sich für die Reichsgründung und wandelte sich vom politisch-revolutionären zum patriotischen Dichter.

Freiligrathstraße 71

Generationengarten im Petuelpark

Nach fünf Jahren Bauzeit wurde der knapp 1.500 Meter lange Petueltunnel am 6. Juli 2002 für den Verkehr freigegeben. Zwei Jahre später wurde der Petuelpark eröffnet, der die Stadtbezirke Milbertshofen-Am Hart und Schwabing-West miteinander verbindet, die jahrzehntelang durch den Mittleren Ring voneinander getrennt waren (zum Petuelpark siehe KGP 04). Zu dem von Stephan Huber im Auftrag des Baureferats entwickelten Kunstkonzept für den Park mit Skulpturen-Parcours und Café am Fontänenplatz gehört der Generationengarten mit Pavillon (Ricarda-HuchStraße 4). Der Garten entstand im Rahmen des Förderprogramms »Soziale Stadt« als Ort der Begegnung von Bürgerinnen und Bürgern unterschiedlichen Alters und unter schiedlicher Herkunft, die das Interesse an gemeinsamer Gartenarbeit teilen. Träger ist der Verein »Stadtteilarbeit e.V.«. Der 400 Quadratmeter große Garten hat neben Gemeinschaftflächen mit Obstbäumen und Beerensträuchern 28 kleine Parzellen von drei bis sechs Quadratmetern Größe sowie ein Hochbeet. Der Pavillon mit Tonnendach bietet Raum für Veranstaltungen und Projekte; das Gebäude kann auch für Familienfeiern und Feste genutzt werden.


Ricarda-Huch-Straße

Die Ricarda-Huch-Straße wurde 1947 nach der im selben Jahr verstorbenen Schriftstellerin benannt. Ricarda Huch hatte in Zürich Geschichte, Philologie und Philosophie studiert und war promoviert worden. Große Beachtung erhielt ihr zweibändiges Werk über die Romantik (1899/1902). 1900 zog Ricarda Huch nach München, wo sie – mit mehrjährigen Unterbrechungen – bis 1927 lebte. 1924 wurde sie Ehrensenatorin der Universität München, 1926 als erste Frau in die Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gewählt. Aus Protest gegen die Nationalsozialisten trat sie 1933 aus der Preußischen Akademie der Künste aus. 1947 wurde sie Ehrenpräsidentin des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses. Zuletzt befasste sie sich mit den Biografien deutscher Widerstandskämpfer. Aus dem von ihr gesammelten Material wurde 1953 die Studie »Der lautlose Aufstand« über den studentischen Widerstand in München veröffentlicht.

Ricarda-Huch-Straße 0

Bayerische Motoren Werke AG (BMW)

Die Gründung der BMW AG erfolgte mitten im Ersten Weltkrieg als Rüstungsbetrieb: Das Unternehmen ging aus der Bayerischen Flugzeugwerke AG (BFW) hervor, die am 7. März 1916 gegründet wurde und in der Neulerchenfeldstraße (heute Lerchenauer Straße 76) angesiedelt war. Der Name BMW tauchte erstmals 1917 auf, als die Rapp Motorenwerke GmbH (zunächst Schleißheimer Straße 288, dann Moosacher Straße 80) in Bayerische Motorenwerke GmbH umbenannt wurde. Von dieser Firma kaufte die BFW 1922 die Motorenbauabteilung, den Markennamen BMW und das weiß-blaue Markenzeichen (Propeller mit zwei weißen und zwei blauen Feldern); das Unternehmen in der Moosacher Straße 80 firmierte seit 1920 unter dem Namen Süddeutsche Bremsen AG.

Die ursprüngliche Aufgabe der BFW, die Produktion von Flugmotoren, war Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund von Bestimmungen des Versailler Vertrags verboten. Unter dem neuen Namen BMW sollten daher Motoren für Kraftfahrzeuge aller Art produziert werden. 1923 präsentierte BMW erstmals ein eigenes Motorrad – wobei nicht nur der Motor, sondern auch die Karosserie in Milbertshofen gefertigt wurde. 1928 kaufte BMW die Fahrzeugfabrik Eisenach und ließ dort Automobile herstellen; die eingebauten Motoren wurden in München gefertigt. Trotz des Verbots wurden weiterhin Flugmotoren entwickelt und im Zuge der NS-Rüstungspolitik auch wieder gebaut. Ab 1936 er richtete BMW eine zweite Produktionsstätte in Allach. Wäh rend des Zweiten Weltkriegs produzierte BMW fast ausschließlich Flugmotoren für die Luftwaffe und war Münchens größter Rüstungsbetrieb.

Ab 1942 mussten neben Strafgefangenen, osteuropäischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern auch KZ-Häftlinge für BMW arbeiten, die vor allem in dem 1943 errichteten KZ-Außenlager Allach untergebracht wurden. Ende Juli 1944 waren im BMW-Werk Milbertshofen insgesamt 16.572 Arbeiter und Angestellte beschäftigt; der Ausländeranteil betrug rund 36 Prozent. Die deutschen Beschäftigten waren in Werkssiedlungen untergebracht, die Ausländer in Zwangsarbeiterlagern, wie sie etwa in der Hanselmann straße 30, Riesenfeldstraße/Keferloherstraße, Schleißheimer Straße/ Milbertshofener Straße 15 und in der Preußenstraße bestanden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg be schlagnahmte die US-Be satzungsmacht die Münchner BMW-Produktionsstätten und gab sie zur Demontage frei. Statt Motoren wurden im kriegsbeschädig ten, ausgeschlachteten Werk Milbertshofen zu nächst Haushaltsgeräte produziert. Ab 1948 nahm BMW die Motorradproduktion wieder auf und profitierte von der enormen Nachfrage; ab 1952 wurden Autos produziert. Trotzdem geriet das Unternehmen Ende der 1950er Jahre in Schwierigkeiten. Der Konkurs und die Zerschlagung des Konzerns wurde durch den Einstieg des Investors Herbert Quandt, den Verkauf der Flugmotorenfertigung und die Konzentration auf die Automobil- und Motorradproduktion verhindert. Der in den 1960er Jahren einsetzende wirtschaftliche Aufschwung schlug sich auch in der wach sen - den Beschäf ti gung angeworbener ausländischer Arbeits - kräfte nieder. Als Zeichen des Erfolgs ließ BMW ab 1970 das 99 Meter hohe Verwaltungsgebäude in Gestalt eines Vierzylinders und das schüsselförmige Museum mit BMW-Emblem errichten. 2007 wurde die vom Architekturbüro Coop Himmelb(l)au entworfene »BMW-Welt«, das Ausliefe rungszentrum des Weltkonzerns, eröffnet.

Heute ist BMW einer der wichtigsten Exportbetriebe Bayerns und einer der größten Arbeitgeber. Im Stammwerk Milbertshofen sind etwa 9.000 Mitarbeiter und rund 1.000 Auszubildende beschäftigt. Im benachbarten Forschungs-und Innovationszentrum (FIZ) arbeiten weitere knapp 9.000 Beschäftigte für den Konzern, darunter Ingenieure und Designer.